Jede größere Veränderung führt zunächst zu Unsicherheit. Wenn wir uns erden, können wir uns getragen, geborgen und sicher fühlen. Was eigentlich einfach ist, führt aber auch zu Widerständen in unserer rational geprägten Kultur.

 

Die meisten Menschen heute sind mit reichlich Veränderungen konfrontiert: Wechsel in der Arbeitssituation, Anbruch einer neuen Lebensphase, Krankheiten. Dass das Leben statisch ist, wünschen wir uns in unruhigen Zeiten vielleicht, doch das ist gar nicht möglich. Das Leben ist nicht wie ein Bild, das an der Wand hängt, sondern eher wie eine Filmspur mit sich ständig ändernden Einzelbildern. In unserem Körper laufen permanent Prozesse ab, ohne dass wir das überhaupt bemerken.

Ein Thema wird Veränderung erst für uns, wenn wir nicht mehr so weitermachen können wie bisher. Sei es, dass wir vor die Tatsache gestellt werden, wie bei einer plötzlichen Kündigung oder einer Erkrankung. Sei es, dass wir selbst die Entscheidung treffen, wie etwa: »Ich will anders leben. Ich schaue ab jetzt auf das, was wirklich wichtig ist».

Auch kollektiv stehen wir vor großen Veränderungen, da die Systeme, die wir geschaffen haben, an ihre Grenzen kommen. Wir bewegen uns in Strukturen und Mustern, die nicht mehr wirklich funktionieren, denken wir nur an den Klimawandel und die sich abzeichnenden Folgen.

 

In Situationen, wo das Gewohnte wegbricht, zieht es uns leicht den Boden unter den Füßen weg. Woher gewinnen wir in Phasen des Wandels Sicherheit?

 

Ich selbst habe in den Jahren ab 36 eine große Umbruchphase erlebt. Und ich bemerkte dabei, dass es etwas ganz Zentrales gibt, das mir Sicherheit verleiht. Etwas, das ich lange vernachlässigt hatte: Mich zu erden. Als Kind hatte ich es wohl intuitiv gekannt, irgendwann im Laufe der Schulzeit und Jugend ist es mir allerdings abhanden gekommen.

Nach und nach lernte ich, buchstäblich den Boden unter den Füßen zu spüren. Ich probierte verschiedene Methoden aus: Taiji, Feldenkrais, Meditation in Verbindung mit Körperwahrnehmung. Ich entwickelte eine individuelle, tägliche Praxis.

 

Heute betrachte ich Erdung als das Grundsätzlichste überhaupt, um zu mir selbst zu finden und das umzusetzen, was mir wirklich wichtig ist.

 

Ich musste dabei allerdings auch Widerstände in Form von inneren und äußeren Stimmen überwinden, die behaupteten, dass das doch irrational, esoterisch und lächerlich ist. Zu diesem Thema habe ich hier auf Leben-ohne-Limit bereits einen Artikel geschrieben, in dem ich Erfahrungen dazu näher schildere: Embodiment – wo bleibt der Körper?

Alles Körperliche ist irgendwie suspekt in einer Kultur, die das Logisch-Rationale in den Vordergrund stellt, wenn nicht sogar absolut setzt. Oder auch für eine spirituelle Praxis, die einseitig das Geistige betont.

 

Erdung bedeutet, wieder eine Beziehung zur Erde zu spüren.

 

Erdung bedeutet, wieder eine Beziehung zur Erde zu spüren: zum Boden, auf dem wir stehen, und zum Planeten, auf dem wir leben. Ich erlebe dabei ein körperlich wahrnehmbares Gefühl von Verbundenheit, es ist nicht mehr länger nur ein Konzept von »alles ist miteinander verbunden» in meinem Kopf. Die Erde ist für mich dadurch zu etwas anderem geworden als einem toten Felsbrocken. Ich nehme sie als lebendig wahr.

 

Praktische Übungen, um sich zu erden

Es gibt viele Ausdrücke in unserer Sprache, die uns zeigen, wie wichtig Erdung ist: Ideen auf den Boden bringen; für etwas einstehen; einer schwierigen Situation Stand halten können.

Was sind denn aber nun ganz praktische Möglichkeiten im Alltag, sich zu erden? Hier ein paar Beispiele aus meiner persönlichen Erfahrung und der Arbeit mit den Menschen in Einzelcoachings und Workshops:

Stellen Sie sich mit beiden Beinen auf den Boden und spüren Sie die Verbindung Ihrer Füße zum Untergrund, auf dem Sie stehen, ganz bewusst. Das können Sie überall tun, Wartezeiten im Supermarkt oder bei der Busstation eignen sich vorzüglich.

Sie können diese Übung noch ausbauen, indem Sie sich vorstellen, es würden Wurzeln aus Ihren Beinen wachsen und sich hinunter in die Erde ausbreiten.

Wenn es Ihnen möglich ist, legen Sie sich untertags doch ab und zu auf den Boden. Lassen Sie Ihr Gewicht hinein. Spüren, Sie, wie Sie vom Grund getragen werden, ohne zu fallen.

Bald kommt die wärmere Jahreszeit: Gönnen Sie Ihren Füßen, barfuß zu gehen, vorzugsweise im Freien, und spüren Sie, wie sich das anfühlt.

Wenn Sie sitzen, können Sie Ihr Gesäß auf der Stuhlfläche wahrnehmen, was sich gut für alle eignet, die beruflich viel sitzen, vor allem auch vor dem Computer.

Ein Favorit von mir: Brot backen und dabei den Teig auch selbst kneten. Also Hände weg von der vielleicht in der Küche herumstehenden Brotbackmaschine.

Etwas in der Erde anpflanzen: nicht jeder hat einen eigenen Garten, auch ein Balkonkistchen auf dem Fensterbrett ist möglich, oder das Anlegen eines Gemeinschaftsgartens.

Gehen Sie hinaus in die Natur und machen Sie einen Spaziergang.

Legen Sie zuhause Musik auf, die Ihnen gefällt, und tanzen Sie. Lassen Sie sich dabei von Ihrem Körper führen.

 

Regina Schlager

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Regina Schlager öffnet als Coach, Autorin und Podcast-Gastgeberin Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln. Sie studierte Germanistik und Philosophie in Wien und arbeitete 20 Jahre lang in Beratungsunternehmen im Informations- und Wissensmanagement sowie der Aus- und Weiterbildung. Sie lebt in Zürich.