In unserer Kultur prägen Vorstellungen und Normen wie etwas zu sein hat und wie nicht. Um uns „richtig“ zu fühlen, versuchen wir, diesen Richtlinien zu entsprechen.

Negative und unerwünschte Gefühle passen oftmals nicht in das Idealbild. Deshalb sehnen sich viele danach, frei von diesen Emotionen zu sein. Ansonsten fühlen wir uns unwohl oder irgendwie nicht in Ordnung.

Unangenehme Gefühle werden gerne beiseite geschoben. Zum einen, weil sie unbequem sind, oder weil sie nicht gut für das eigene Image sind. Wer gibt schon gerne zu, geizig oder jähzornig zu sein?

Dieses Verhalten hat allerdings seinen Preis. Indem wir einen Teil von uns ignorieren, verpassen wir die Chance, diese Empfindungen zu verstehen.

Wenn ich zum Beispiel sehr eifersüchtig reagiere, wirkt sich das auf meine Beziehung und meine Zufriedenheit auf. Die Qualität der Beziehung wird sich wahrscheinlich stark verbessern, sobald ich meinem Misstrauen auf den Grund gehe. Ich werde in den Augen meines Partners an Ansehen gewinnen, sobald ich mich meinen „Schwierigkeiten“ stelle.

Moral wertet, Moral entwertet

Aus meiner Sicht geht es nicht darum, zu urteilen ob ich ein guter oder schlechter Mensch bin. Vielmehr ist Verstehen und Weiterentwicklung das Ziel. Was können mir meine Gefühle sagen? Vielleicht möchten sie mir sogar ganz dringend etwas mitteilen. Moral dagegen hat die Eigenart zu teilen. Das gehört sich, das dagegen geht gar nicht.

Wenn ich die Beherrschung verliere und mich im Tonfall vergreife, dann habe ich die Kontrolle verloren. Das kann passieren. Darauf bin ich nicht stolz. Ein schlechterer Mensch bin ich deswegen nicht.

Für mich geht es darum, die eigenen Gefühle anzuschauen. Was hat mich an der Situation so aufgeregt? Habe ich vielleicht die Möglichkeit, den Moment anders zu bewerten? Welchen Wertmaßstab lege ich zugrunde?

Nur positives Denken oder Schönreden hilft mir nicht weiter. Ich brauche Mut, die eigenen Gefühle anzuschauen. Und das ist nicht immer leicht. Gerade wenn Ängste im Spiel sind. Wenn ich die Lösung noch nicht kenne.

Agression oder Wut resultieren aus meiner Sicht oftmals aus unverstandenen Bedürfnissen. Damit rechtfertige ich nicht pauschal mein Handeln. Viel trauriger ist es jedoch, wenn sich diese Taten wiederholen, weil ich mich meiner Verantwortung nicht stelle.

Leben bedeutet für mich, Erfahrungen zu machen. Durch Erfahrungen entstehen Fähigkeiten und Einsicht. Ich lasse Reichtum und Tiefe in mein Leben eintreten, wenn ich bereit bin, mein Innenleben anzuschauen.

Für mich geht es um erkennen, nicht um verurteilen. Erlebe ich unmittelbar den Augenblick, oder halte ich an Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen fest?