Das Ändern von Gewohnheiten geht oftmals mit einem schlechten Gewissen einher. Zum Beispiel wenn mir bewusst wird, dass in meinem Leben etwas schief läuft. Dieser Leidensdruck fühlt sich zunächst nicht gut an. Doch auf der anderen Seite kann ich mich freuen, allmählich „aufzuwachen.“

Es ist so wie mit der Enttäuschung. Wenn die Täuschung wegfällt, breitet sich Ernüchterung aus. Ich sehe die Dinge auf einmal in einem anderen Licht. Auch wenn der Gewinn an Klarheit zunächst kein Wohlgefallen auslöst, ist es sicherlich hilfreicher, als mit einer Illusion weiter zu leben.

Am Anfang einer Veränderung stehen oft Gedanken, die einen Mangel im Fokus haben. „Ich müsste eigentlich mehr Sport treiben …“, „Warum kann ich nicht mit dem Rauchen aufhören …“ oder „Ich muss sparsamer werden.“.

Irgendetwas mache ich bislang nicht „richtig“. Zu meinem Glück fehlt etwas. Wenn doch nur dies oder jenes anders wäre. Natürlich gibt es diese Momente, in denen wir spüren, wie wichtig es ist, unserem Handeln eine andere Richtung zu geben.

Worauf ich hinaus möchte, ist die Motivation. Ich kann mich selber verurteilen, weil ich zu faul bin oder zu wenig Willensstärke aufbringe. Genauso gut habe ich die Freiheit, meinen Neuanfang auch anders zu gestalten. Ich darf mich auch freuen, neue Dinge in mein Leben einzulassen.

Was meinen Sie, gibt mehr Energie? Mit Schuld und Minderwertigkeitsgefühlen zu starten oder mich auf neue Möglichkeiten zu freuen? Sicherlich war in meinem Leben nicht alles optimal. Ja, vielleicht habe ich mich naiv verhalten. Vielleicht habe ich mich in der einen oder anderen Situation völlig daneben benommen.

Deswegen bin ich als Mensch trotzdem in Ordnung. Ich habe in jedem Moment die Freiheit, mich für etwas Glückbringendes zu entscheiden. Vor allem darf ich mir mit Respekt begegnen. Was bringt es, mir meine „Fehler“ ständig unter die Nase zu reiben?

Automatismen entstehen durch Wiederholung. Lange Zeit geschieht das unbewusst. Das schöne an Gewohnheiten ist ja, dass sie wenig Aufmerksamkeit benötigen. und dadurch weniger Energie kosten. Ich habe den Kopf für andere Dinge frei. Gewohnheiten geben Halt, weil sie etwas Vertrautes bieten.

Deswegen ist es auch mit Anstrengung verbunden, Neues zu lernen. Ich darf mich von alten Mustern verabschieden. Energie ist erforderlich, andere Wege auszuprobieren. Ich tausche zunächst Unsicherheit gegen Sicherheit. Das macht nicht unbedingt Spass.

Vor allem geht es aus meiner Sicht weniger darum, etwas nicht mehr zu machen. Nicht mehr zu rauchen oder nicht mehr so faul zu sein. Die Frage ist doch viel mehr, welche Bedürfnisse ich mit meinem bisherigen Handeln verfolgt habe.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Pema Chödrön“]Der Schlüssel ist die Veränderung unserer Gewohnheiten, insbesondere unserer geistigen Gewohnheiten.[/pullquote2]

Mein Verhalten ist stets mit einem Nutzen verbunden. Ich werde mich kaum absichtlich sinnlos verhalten. Wofür stehen meine Gewohnheiten? Rauchen bedeutet für einige Menschen Entspannung. Wenn ich also die Zigaretten hinter mir lassen möchte, dann brauche ich Erholung in einer anderen Form.

Sich dem eigentlichen Grund für mein wiederkehrendes Verhalten zu nähern, ist wahrscheinlich der schwierigste Teil der Unternehmung. Das erfordert Mut. Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit oder Wut können mich in die Enge treiben. Schaffe ich es, den „Sturm“ auszuhalten? Nach einem Gewitter kehrt Ruhe ein. Die Luft ist gereinigt. Das Leben erwacht mit neuer Energie.

Für ganz entscheidend halte ich es, an die eigenen Möglichkeiten zu glauben. Zuversicht statt Angst zu leben. Denn sobald ich mein „Problem“ benennen kann, rückt die Lösung näher.