Normalerweise ärgere ich mich, wenn ich etwas vergesse. Zum Beispiel wenn mir der PIN Code meiner EC Karte nicht einfällt oder ich mich an den Namen eines Kollegen nicht erinnere. Situationen die sich für mich unangenehm anfühlen. Doch ist Vergessen grundsätzlich so schlimm?

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, Wissen und Erfahrung können auch einengen. Nämlich wenn es darum geht, neue Wege zu finden oder die Dinge einmal anders zu betrachten. Mein aus Erfahrung gewonnenes Wissen vermittelt mir auf der einen Seite Sicherheit. Ich habe gelernt, wie bestimmte Probleme und Situationen zu lösen sind. Die Erkenntnisse von gestern bilden häufig die Grundlage für mein heutiges Handeln. Damit wird die Vergangenheit leicht zur Zukunft.

Was ist der Gewinn des Lernens? Wissen und Fakten anzusammeln? Wissen macht für mich dann Sinn, wenn es einen praktischen Nutzen hat. Es muss anwendbar sein und mich weiter bringen. Zudem darf ich mich stets fragen, ob das, was ich abgespeichert habe, noch stimmig ist. Erkenntnisse beiseite zu legen, schafft dagegen Raum für Neues. Ich suche nach anderen Lösungen, indem ich alte Erfahrungen beiseite lege.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“John Maynard Keynes“]Die größten Schwierigkeit der Welt besteht nicht darin, Leute zu bewegen, neue Ideen anzunehmen, sondern alte zu vergessen.[/pullquote2]

Menschen zu vergeben, erfordert ebenfalls die Fähigkeit, Vergangenes zu vergessen. Wir können die Dinge nicht ungeschehen machen, aber für einen Neuanfang bereit sein. Das geht manchmal nicht von heute auf morgen. Gerade wenn uns Ereignisse getroffen und verletzt haben, bedarf es einer Zeit des Verarbeitens.

Erfahrungen und Erlebnisse loszulassen, erfordert Mut. Gelerntes Wissen zu vergessen, fällt oftmals schwer, weil das eigene Selbstverständnis in Frage gestellt wird. Ich brauche Vertrauen, dass ich neue Lösungen und Wege entdecke. Dabei hilft mir das Verständnis, dass vergangene Handlungen damals stimmig waren. Heute bin ich ein anderer Mensch und für neue Lösungen bereit.

Eine kurze Zen Geschichte

„Ein Professor wanderte weit in die Berge, um einen berühmten Zen-Mönch zu besuchen. Als der Professor ihn gefunden hatte, stellte er sich höflich vor, nannte alle seine akademischen Titel und bat um Belehrung. ‚Möchten Sie Tee?‘ fragte der Mönch. Ja, gern, sagte der Professor. Der alte Mönch schenkte Tee ein. Die Tasse war voll, aber der Mönch schenkte weiter ein, bis der Tee überfloß und über den Tisch auf den Boden tropfte. ‚Genug! rief der Professor‘. Sehen Sie nicht, daß die Tasse schon voll ist? Es geht nichts mehr hinein. Der Mönch antwortete: Genau wie diese Tasse sind auch Sie voll von Ihrem Wissen und Ihren Vorurteilen. Um Neues zu lernen, müssen Sie erst Ihre Tasse leeren.“

Wir fürchten oftmals die scheinbare Leere des Neuanfangs und übersehen, dass die Leere der Freiheit Raum gibt. Dieser Freiraum ist gerade die Bedingung für neue Chancen und lässt unsere Fähigkeiten wachsen.