Landschaft im Nebel

Claude AnShin Thomas – Ängste sind nichts als Erzeugnisse unseres Geistes

Mit freundlicher Genehmigung durch das Yoga Journal. Das Interview führte Judith Becker

 

Claude AnShin Thomas war im Alter von 18 Jahren im Vietnam-Krieg. Später wurde er Alkoholiker und Drogenabhängiger und war zeitweise auch obdachlos. Sein persönliches Rezept, um mit seinen Traumata umzugehen, heißt Achtsamkeit. Bewusstes Atmen. Bewusstes Umgehen mit anderen, bewusstes Leben. Claude AnShin wurde Wander- und Bettelmönch in der Tradition des Zen und ist schon viele tausende Kilometer gepilgert. Er hilft anderen, zu sich zu finden – mit seinem Buch „Am Tor zur Hölle – Der Weg eines Soldaten zum Mönch“ ebenso wie mit Straßenretreats, in denen die Teilnehmer fünf Tage auf der Straße leben – ohne Kleidung zum Wechseln, ohne Zahnbürste. Wir sprachen mit ihm, einen Tag nach dem er von einem solchen Retreat in Bielefeld zurückkehrte.

 

Was bedeutet das genau – ein Straßenretreat?

Claude AnShin Thomas: Ich bitte die Teilnehmer, sich fünf Tage vorher nicht zu duschen, nicht zu rasieren und die Zähne nicht zu putzen und die Kleidung nicht zu wechseln. Auf der Straße selbst haben wir mehr als einfache Lebensbedingungen. Jeden Morgen und jeden Abend meditieren wir; zwei Mal am Tag gehen wir in die Gesellschaft und bitten um Essen und notwendige Dinge. Und natürlich schlafen wir auf der Straße.

Wenn ich mir das vorstelle – eine Woche auf der Straße zu leben, Hunger zu haben, zu betteln, immer dreckiger zu werden. Das macht Angst…

All das geschieht vorab. Auf der Straße selbst verschwinden all diese Themen. Wirklich, sie verschwinden einfach. Man entdeckt, dass die Ängste großteils fiktiv sind. Ich, als Leiter des Retreats, habe die Verantwortung, die Gruppe zu halten, ich bin verantwortlich für die Sicherheit. Das ist mein Job als Abt. Deshalb gibt es auch keine Kämpfe in der Gruppe, was man tun soll und was nicht. Und die Aufgaben, die ich den Teilnehmern vorab stelle, helfen auch.

Ja, diese Ängste sind sehr real, sie tauchen auf. Aber sobald wir wirklich auf der Straße sind, entdeckt jeder, dass sie großteils fiktiv sind. Nichts als Erzeugnisse unseres Geistes. Die wirkliche Erfahrung ist weitaus weniger einschüchternd als der Gedanke daran. Das ist ein sehr wichtiger Punkt der spirituellen Praxis: Zu erleben, wie sehr wir konditioniert sind und dass unsere Gedanken oft gar keine echte Basis haben.

Das schreiben Sie auch in Ihren Buch: Begegne Deiner Angst, umarme sie – um zu entdecken, dass Sie nur eine Konstruktion des Geistes ist.

Das ist die Essenz: Uns in Kontakt mit unserer Angst zu bringen. Wobei ich lieber Wiederstand sage. Denn Ängste sind nur Manifestationen unseres Widerstandes. Unser Geist sagt uns, dass wir etwas nicht können. Dann sehen wir uns diesen Gedanken, diesen Widerstand bewusster an. Wir lehnen ihn nicht ab, halten ihn nicht als absolute Wahrheit fest – und gehen den nächsten Schritt. Um Heilung und Transformation zu erfahren, das habe ich über die buddhistische Praxis gelernt, muss ich meine Idee von Heilung aufgeben. Ich muss direkt in die Mitte des Leidens springen – nur hier können Heilung und Transformation geschehen. Wir können uns nicht selbst transformieren, wir können nur die Umstände schaffen, in denen Transformation geschehen kann. Und das ist die Absicht dieses Retreats.

Wenn wir gerade über das Leiden sprechen. Sie waren im Vietnam-Krieg, haben viel gelitten – denken Sie, Sie wären Buddhist geworden, hätten Ihr Leiden so klar angesehen, wenn Sie nicht dort gewesen wären?

Es ist sehr schwierig zu spekulieren. Einfach, weil es ist, wie es ist. Ich habe keine Ahnung, wie mein Leben sich manifestiert hätte, wäre es anders verlaufen. Und ich versuche auch nicht zu spekulieren. Spekulieren ist letzlich nichts als eine große Falle. Alle, die sich für diese sehr direkte Form der buddhistischen Praxis, der Meditation des Straßenretreats, interessieren, versuchen zu kalkulieren, wie es sein wird. Sie versuchen zu verstehen, bevor sie es tun – und benutzen das als Weg, um sich zu entscheiden. Aber all diese Spekulation ist nur durch unsere Konditionierung genährt, die wiederum im Leiden wurzelt. Deshalb können wir vorher überhaupt nicht wissen, wie die Erfahrung selbst sein wird.

Deshalb: Darüber nachzudenken, „wie mein Leben gewesen wäre, wenn…“ – damit habe ich Jahre zugebracht und habe dadurch nur mehr Leiden und Ärger geschaffen. Das hat mein Leben in eine Richtung getrieben, die nicht sehr hilfreich war. Deshalb gebe ich nun mein Bestes, nicht in „Was wäre wenn…“ zu schwelgen.

Ich formuliere es anders. Manchmal, wenn man sehr leidet, kann man nicht mehr vor sich, vor dem eigenen Leiden davon laufen. Das kann ein Wendepunkt sein, an dem man einen wirklich neuen, anderen Weg finden muss. All das, was man bereits versucht hat – vom Einkaufen, bis zum Alkohol – hat nicht genützt…

Dem stimme ich völlig zu. Was ich als meine Verantwortung sehe, ist die Leidensschwelle für die Menschen zu erhöhen – damit sie nicht Jahre der Agonie oder diese sehr kritischen Erfahrungen erleben müssen. Damit sie die Chance haben zu sehen, dass sie in eine solche Richtung getrieben werden. Dass sie jetzt schon einen Schritt tun können, statt darauf zu warten, dass sie auf dem Boden sind. Der Punkt in der Disziplinierten Spirituellen Praxis ist es zu verstehen, dass jeder sein Vietnam hat. Jeder von uns. Wir sollten nicht eine Erfahrung mit einer anderen vergleichen, sondern uns einfach fragen: Was ist mein Vietnam? Wenn man dann die Methoden der Disziplinierten Praxis anwendet, wird diese Frage beantwortet.

Sie schreiben über bewusstes Atmen und Gehen. Ist Atmen oder Gehen der Hauptfokus dieser disziplinierten Praxis?

Das gibt den Menschen etwas Greifbares, mit dem sie arbeiten können. So habe ich es gelernt. Wenn ich bewusst mit jedem Atemzug verbunden bin, kann ich nirgends sein als im jetzigen Moment. Denn dieser Moment ist alles, was es gibt. Es gibt keine Vergangenheit, es gibt keine Zukunft. Es gibt nur diesen Moment. Und in genau diesem Moment existieren alle Dinge: Die Vergangenheit ist hier, die Zukunft ist hier, alles ist jetzt anwesend. Ohne die Erdung durch das bewusste Atmen, falle ich da sehr leicht heraus. Ich habe die meiste Zeit entweder damit verbracht, in der Vergangenheit zu leben oder in der Zukunft – und war mir dieses jetzigen Moments völlig unbewusst.

Manchmal, in einem Retreat oder einem Vortrag, frage ich die Leute, was das Wichtigste in ihrem Leben ist. Die Antworten sind ganz verschieden. Am häufigsten höre ich Sachen wie Familie, die Frau, der Mann, die Eltern, Liebe oder Frieden. Ich stelle mich dann vor die Gruppe, nehme meine Brille ab und bitte meine Assistentin, mir von hinten mit der Hand die Nase und den Mund zuzuhalten, so dass ich nicht mehr atmen kann. Sobald ich beginne, Panik zu haben, weil ich nicht mehr atmen kann, schiebe ich ihre Hand weg.

Das ist der Moment, in dem ich frage, was das Wichtigste im Leben ist. Und dann, nach diesem sehr praktischen Beispiel sage ich, dass es ohne eine Einatmung, die von einer Ausatmung gefolgt wird, keine Ehefrau und keinen Ehemann gibt, keine Liebe und keinen Frieden. So bringe ich die Zuhörer wieder in Kontakt damit, wie wichtig jeder Atem ist. Ich frage, wie viel Zeit sie jeden Tag damit verbringen, ganz bewusst zu atmen. Die Antwort ist meist, dass die Leute nicht bewusst atmen. Ich zeige ihnen, wie wichtig bewusstes Atmen als Basis unserer Existenz in dieser Form als Mensch ist. Und von dort baue ich auf. Das ist für mich der Grundstein der spirituellen Praxis.

Sind Sie sich jedes Atemzuges bewusst?

Ich bin mir bewusster. Tatsächlich ist es so, dass ich mir – je bewusster ich meiner Atmung werde – auch immer klarer werde über die Konditionierungen, die mich von meinem Atem entfernen. Die mich immer und immer wieder aus diesem jetzigen Moment herausholen. Ich würde sagen, ich bin weniger leicht abgelenkt. Das Ziel sind nicht 100 Prozent, denn 100 Prozent sind ohnehin willkürlich. Der Punkt ist, sich mit seinem Atem zu verbinden, einfach um sich damit zu verbinden. Durch diesen Prozess können wir sehen, wie abgetrennt wir von uns sind. Und dann können wir beginnen daran zu arbeiten, uns wieder mehr mit uns zu verbinden.

Wenn ich also beginne unbewusst zu sein, wenn ich mich beispielsweise über einen Kollegen ärgere oder starke Gefühle drohen, mich fortzutragen – sollte ich wieder in den Atem gehen und tief in das Gefühl, in den Ärger hinein?

Dieses Gefühl ist wie eine Meditationsglocke, die uns bewusster zum Atem bringt. Das Atmen ist eine Chance, den Ärger aus verschiedenen Perspektiven anzusehen – und plötzlich anzufangen, mich zu öffnen. Dann entdecke ich, dass der Mensch, auf den ich sauer bin, nicht der Grund für den Ärger ist. Der Ärger ist meiner. Aber dank dieses Menschen kann ich ansehen, was sich dahinter verbirgt. Der Ärger ist nichts als ein Stein, unter dem sich allerlei verbirgt. Traurigkeit, Verwirrung, Machtlosigkeit – alles Mögliche.

Wenn ich damit weiter arbeite, dann entwickeln sich nach einer Weile daraus andere Dinge. Wir gehen in diesen Prozess, nur um dort hineinzugehen. Ohne Ziel, ohne Ambition. Es gibt nichts zu erreichen. Wir reagieren nicht. Wir haben keine Ablehnung und halten uns an nichts fest – wir bleiben einfach konstant und sehen, was sich entwickelt.

Gab es solche Steine auch im Straßenretreat?

Ja, absolut. Das war für jeden anders. Für manche waren die Umstände sehr dramatisch, für andere sehr subtil. Beim Betteln entdeckten einige solch einen Stein. Sie stinken, sind unrasiert, ihre Zähne sind nicht geputzt und sie sehen einfach nicht aus, als kämen sie gerade von der Arbeit. Und dann hören sie, Obdachlose – also sie selbst – seien völlig wertlos. Das ist der Moment, so wurde es mir von vielen Teilnehmern beschrieben, in dem sie am liebsten sagen würden: „Moment! Sie verstehen nicht – ich bin Wirklichkeit gar keiner von denen. Ich bin wie Sie!“ Aber sie haben gemerkt, welcher Prozess da ablief; und haben innegehalten. Dieser Prozess kann auf alle erdenkbaren Arten geschehen. Ich würde sagen, dass 99,8 Prozent der Leute, die auf die Straße gehen, diesen Gedanken „Ich bin nicht wirklich einer von denen – ich bin wie Sie!“ mindestens einmal, wenn nicht sogar öfter haben.

So funktioniert Trennung. Trennung und Dualität sind einer der größten Gründe für Leid. Genau hier zeigt sich auch, dass in jedem von uns beides existiert: das Opfer und der Täter, gut und schlecht, positiv und negativ. Wir haben einen aktiven Einfluss darauf, wie wir uns in der Welt darstellen – aber das geht nicht ohne Achtsamkeit.

Was ist der einfachste Weg, diese Achtsamkeit zu erreichen?

Es gibt keinen einfachen Weg, keine Abkürzung. Die meisten Menschen suchen den einfachen Weg. Und es gibt viele, die das gerne ausnutzen. Dann wird aus dem Spirituellen eine Ware, die verkauft werden kann. Aber authentische spirituelle Praxis wird nicht verkauft. Jesus hatte nie die Absicht, dass seine Lehren zu dem würden, wo sie heute sind. Und Buddha betrieb nie die Institutionalisierung seiner Lehren.

In allen Traditionen war das Ziel nie, die Lehren zu institutionalisieren. Das ist eine große Gefahr. Spirituelle Praxis sollte nicht für Profit oder Verdienst genutzt werden. Ich habe meine Praxis nicht begonnen, um Ruhm zu ernten oder viel Geld zu verdienen. Ich denke, es sollte keinen einzigen übergewichtigen Mönch oder Nonne geben.

Klar, es ist ein Teil des Prozesses, dass wir nach diesen Abkürzungen suchen. Aber es gibt sie nicht.

Wenn die Leute beginnen, mit mir zu praktizieren, dann versuche ich zuerst, sie zu einer disziplinierten Praxis zu bewegen. Wenn sie ins Retreat kommen, haben wir einen klaren Ablauf mit drei bis vier Praxis-Zeiten am Tag und verschiedenen Meditationen. All das dient aber nur der Vorbereitung auf das wirkliche Retreat – unser tägliches Leben. Dass alle verstehen, dass Alltag und spirituelle Praxis nicht zwei getrennte Dinge sind, ist mir sehr wichtig.

Dein Arbeitsumfeld ist dein Meditationstempel. Deine Arbeit ist Meditation, Essen zu kochen ist Meditation, wenn ich die Toilette putze, dann ist das Meditation. Wenn ich in den Laden gehe, jede Interaktion mit jemandem. Dieses Interview. Mich mit dieser oder jener Person zu beschäftigen. Zu verstehen, dass jedes Wort, das ich sage, etwas transportiert – eine Wirkung hat, die ich nicht kenne. Ich muss sehr aufmerksam mit meinen Interaktionen sein. Deshalb ist bewusstes Atmen die Wurzel der Meditationspraxis, wie ich sie gelernt habe. Ich habe immer wieder erlebt, wie wichtig das ist.

Hilft Ihnen das, solch schwierige Orte aufzusuchen wie zum Beispiel ein Gefängnis?

Ich glaube, für Menschen mit gewissen Ideen über gewisse Plätze sind das wirklich intensive Orte. Aber für mich ist ein Gefängnis nicht anders als ein Kloster. Mir ist klar, dass die Menschen nicht zufällig dort sind. Aber es ist sehr hilfreich, an solche Orte zu gehen und mich darauf zu konzentrieren, wo ich mit jedem einzelnen der Menschen im Gefängnis einen Verbindung habe – und nicht auf das, was uns unterscheidet.

Dieses Achten auf das Gemeinsame statt auf das Trennende erwähnen Sie immer wieder…

Das war mit das Wichtigste, das mich an der Praxis des Buddhismus angezogen hat: zu versuchen das zu sehen, was uns verbindet; und nicht, das was uns trennt.

Finden Sie diesen gemeinsamen Punkt mit jedem?

Ja.

War es schwer, an diesen Punkt zu kommen?

Nein, für mich nicht. Wirklich nicht. Manchmal gibt es eine Erfahrung, wo ich mich mit dem Einzelnen nicht verbunden fühle. Die Substanz dieser Erfahrung ist nichts, womit ich mich persönlich identifiziere. Dann hoffe ich, dass derjenige, mit dem ich interagiere, mich unterrichten kann. Je offener ich für die anderen bin, desto eher kann ich einen Platz finden, an dem ich beginne zu verstehen, was da ist und wie der Gedankenprozess dahinter funktioniert. Ich kann den ganz besonderen Gesichtspunkt meiner Gesprächspartner verstehen, von dem aus sie das Leben betrachten. Dazu muss ich meine Verteidigung herunter lassen und mein Urteil aufgeben. Ich muss mir erlauben, für alle möglichen Umstände formbar zu sein.

Homepage: Yoga Journal

  1. waltraud aouida12-18-2012

    „An allem Anfang aber steht die Vernunft, unser größtes Gut. Aus ihr ergeben sich alle übrigen Tugenden von selbst, ja, sie ist sogar wertvoller als das Philosophieren.“ (Epikur, Brief an Menoikeus)

    In der Theorie ist es ganz einfach: um ein glückliches Leben zu führen, musst du nur so weit wie möglich du selbst sein. In der Praxis bedeutet das allerdings, dass dir ständig Konflikte mit einer Gesellschaft drohen, in der Unangepasstheit immer als die größte aller Sünden gilt.
    Das große Problem besteht darin herauszufinden, wann man nachgeben sollte und wann nicht. In solchen Konfliktsituationen sind sich Herz und Verstand nie einig. Nur du selbst weißt, wann fehlender Mut sich bei dir als Vorsicht äußert und wann dein Verstand eine Flucht als taktisches Rückzugsmanöver begreift. Die einzige Hilfe ist hier deine Lebenserfahrung. Da jeder Mensch auf Grund seines Wesens und Charakters in immer wiederkehrende Gewissenskonflikte gerät, wird dir die betreffende Situation meistens bekannt vorkommen, so dass du aus früheren Entscheidungen deine Lehren ziehen kannst.

  2. MissPerfektBlog10-27-2013

    Eine sehr bewegende Lebensgeschichte.

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