Interessieren Sie sich für persönliche Veränderungen? Dann sind die offenen Worte von Gilbert Dietrich für Sie bestimmt eine Inspiration.

Was hat dich bewogen den Blog „Geist und Gegenwart“ zu starten? Immerhin ist damit eine Menge Arbeite verbunden und es bedarf ja auch eines gewissen Mutes, sich an die Öffentlichkeit zu wagen.

Geist und Gegenwart ging im Herbst 2009 als „Logbuch Philosophie und Coaching“ online. Es war im wahrsten Sinne ein Logbuch, denn zu dieser Zeit befand ich mich in der Ausbildung zum Coach und ich benötigte eine Art Tagebuch, in dem ich meine in der Ausbildung gewonnenen Erkenntnisse und Fähigkeiten reflektieren und festhalten konnte.

Ich lerne am besten über Kontext und Wiederholung. Ich wusste also, dass ich aus dem Gelernten für mich selbst am meisten machen konnte, wenn ich es abends nach den Ausbildungstagen schriftlich wiederholen und festhalten und gleichzeitig in den Kontext meiner Leidenschaft der Philosophie stellen konnte. Mir fiel damals schon auf, dass Sokrates mit seinen offenen Fragen im Grunde der erste Coach war und dass Coaching als eine Art praktische Philosophie bestens funktioniert.

Zurück zu deiner Frage: Ursprünglich war es also gar nicht als öffentlicher Blog entworfen, sondern als privates Lern-Journal. Zunehmend wichtig wurde aber die Frage, wie ich in Zukunft diese praktische Philosophie an interessierte Menschen bringen und vielleicht irgendwann damit meinen Unterhalt verdienen konnte.

Da ich beruflich aus dem Internet- und Social-Media-Business komme – ich arbeitete damals bei Google als Team-Manager -, wusste ich, dass ein wichtiger Erfolgsaspekt ein Anlaufpunkt mit guten Inhalte im Internet ist. Ich begann meine Texte um philosophische und psychologische Themen so zu schreiben, dass auch andere sie interessant finden könnten. Dann starteten meine Frau und ich noch einen kleinen Kreativ-Prozess mit Mind-Maps im Zuge dessen sich der Name „Geist und Gegenwart“ als zukünftige Marke durchsetzte. Das Projekt mit Option auf eine zukünftige Philosophische Praxis war geboren.

Vor der damit verbundenen Arbeit und Öffentlichkeit hatte ich keine Angst. Schon zu Urzeiten des Internets war ich immer wieder mit Freunden zusammen dabei, Projekte aus dem Boden zu stampfen, seien es kleine Literaturwettbewerbe oder Filmfestivals. Ich brauche so etwas neben meiner Arbeit, um mich weiter zu entwickeln. Geist und Gegenwart ist aber bisher mein individuellstes und langfristigstes Projekt.

Welches Ziel verfolgst du mit der Webseite?

Also neben der oben angesprochenen Etablierung meiner Philosophischen Praxis, geht es mir darum, psychologische und philosophische Themen erstens zusammen zu denken und zweitens praktisch für jedermann so aufzuschließen, dass dabei Anwendbares für das eigene Leben entsteht.

Es soll schon in die Richtung Lebenshilfe gehen, ohne dabei aber den Eindruck zu vermitteln, dass man ganz einfach drei Punkte abhaken kann oder einem esoterischen Guru folgt, um ein besseres und zufriedeneres Leben zu führen. Es ist leider etwas komplizierter als das und das möchte ich zeigen und gleichzeitig darstellen, dass es sich für jeden und damit die ganze Gesellschaft lohnt, bewusster ans eigene Leben heranzugehen. Glücklicher zu werden, ist für jeden eine Option.

Der Slogan deiner Seite lautet „Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.“ Gefällt mir übrigens sehr gut. Was bedeutet für dich persönliche Veränderung? Was waren zum Beispiel bedeutsame Momente in deinem Leben?

Ja, dieses unscheinbare „fast“ in Klammern ist sozusagen das Wichtigste in dem Satz. Es ist – wenn ich das so pathetisch sagen darf – aus eigenem Leid geboren. Persönliche Veränderung kommt natürlich oft aus einem Leidensdruck, dem ein stärkeres Bewusstwerden der eigenen Person folgen muss.

Ohne Leid und Mangel fehlt uns die Motivation, etwas nachhaltig zu verändern, ohne Bewusstwerdung fehlt die grundlegende Fähigkeit. Bei mir war der Ausgangspunkt eine gewisse schizoide Veranlagung, die ich als Teenager und Student sehr pflegte. Andere Menschen waren für mich eher Mittel zum Zweck oder aber störende Eindringlinge in meinem Leben.

Das machte mich natürlich einsam, aber ohne, dass ich darunter litt. Ich ging kaum vor die Tür, las viel Philosophie und erkannte mich und meine Entfremdung von den Subjekten und Objekten um mich herum in Büchern wie Sartres „Der Ekel“ wieder. Auf einer intellektuellen Ebene fand ich das super, aber mein emotionales Ich war irgendwie verschütt gegangen. Ich bedaure heute noch die Verletzungen, die ich anderen damals beigefügt haben muss. Erst ein schief gegangenes Drogenexperiment mit einem Freund zusammen riss mich mit aller Vehemenz auf den Boden der emotionalen Leere herunter, die ich um mich geschaffen hatte.

Ich bekam Panikattacken, weil mir klar wurde, wie unerreichbar die anderen um mich herum waren. Das wurde sogar noch schlimmer, als mir ein anderer Freund versuchte, daraus zu helfen, indem er bei mir blieb und mir gut zu redete. Ich merkte, dass die Anwesenheit und das Reden eines anderen mir rein gar nicht helfen konnten, wenn ich mich auf dem einsamen Pfad der Angst befand.

Es dauerte viele Monate, bis ich mich aus dieser Dunkelheit wieder nach oben gearbeitet hatte. Monate, in denen ich Angst vor der Begegnung mit Menschen hatte, weil mir jede Begegnung vor Augen führte, wie allein ich war. Aus dem Nachhinein betrachtet, war es ein Reinigungsprozess, eine Häutung, ich ging aus einem Larvenstadium über in das eines erwachsenen Menschen. Ich begriff, dass ich vor einem Scheideweg stand: Entweder mein vermeintliches „Ich“ weiter vor den anderen schützen und von ihnen abgrenzen, um nicht verletzbar zu sein oder mich öffnen, Risiken eingehen, verletzbar werden, mich in den bedrohlichen Sumpf der zwischenmenschlichen Gefühle zu begeben, aber damit die Fähigkeit zur Liebe und so die einzige Möglichkeit der Überwindung
der Individualität und Einsamkeit zu erhalten.

Ich habe den zweiten Weg eingeschlagen. Er fällt mir immer noch schwer, aber er ist der Weg der Veränderung, des wahren Lebens.

Mir ist aufgefallen, dass du gerne Gastartikel von anderen Autoren bzw. Autorinnen veröffentlichen. Warum gehst du diesen Weg?

Wie vorhin schon angedeutet, mag ich kollaborative Projekte und Gastartikel bringen dieses Element hinein. Außerdem bin ich eher pluralistisch und freue mich über andere Meinungen und Perspektiven. Ich finde es immer wieder schön, dass das Internet Plattformen bietet, auf denen auch Leute zu Wort kommen, die in irgendwelchen so genannten Leitmedien nicht mitreden dürfen.

In dem Sinne wäre es töricht, auf Geist und Gegenwart keine anderen Autoren zuzulassen. Es ist aber nicht die Hauptaufgabe der Seite, sondern nur einer von mehreren Wegen, Diskurse zu öffnen. Ein anderer ist die offene Kommentarfunktion, wo ich willentlich anonyme Kommentare zulasse, ohne sie groß zu editieren.

Wie gehst du mit Kritik um? Gerade im Web sind die Reaktionen teilweise recht spontan, was sicherlich auch mit der Anonymität zu tun hat.

Stimmt, aber Kritik ist ja erst mal nicht schlecht. Die meiste Kritik ist konstruktiv. Z.B. schrieb ich neulich über Neurotizismus und bipolare Störung. Im Text kam der Begriff „bipolare Persönlichkeitsstörung“ vor und ein anonymer Leser kommentierte, dass bipolare Störungen nicht zu den Persönlichkeitsstörungen zählen. Über so etwas bin ich dankbar und sage das dann auch.

Ab und zu gibt es auch mal einen destruktiven Kommentar und einmal war ich in so etwas wie einen Mini-Shit-Storm geraten, wo ein paar Kumpanen, die ich aus einer XING-Gruppe kannte, versucht haben, jeden meiner Artikel mit ihren Kommentaren zu torpedieren. Das habe ich dann einfach ausgesessen.

XING-Gruppen und andere Foren bieten übrigens ein weit größeres Potenzial von Cyber-Mobs attackiert zu werden, als ein privater Blog. Ich habe mich deshalb fast ganz aus XING-Gruppen zurückgezogen und nutze meine Energie für den Blog und die meist freundlichen Kommentare dort.

Wie viel Zeit investierst du in den Blog? (Artikel schreiben, Recherche, Kontaktpflege, usw.)

Das ist unterschiedlich. Ich habe keinen Zeitplan und keine Strategie. Ich arbeite daran, wenn mich etwas interessiert, wenn ich ein Thema habe. Recherche ist im Wesentlichen das, was ich ohnehin gerade lese. Manchmal schreibe ich einen Artikel innerhalb eine Stunde, manchmal dauert es ein Wochenende oder noch länger.

Kontakte pflege ich auch nur aus Interesse oder Gelegenheit. Ich denke aber, dass ich fast jeden Tag in irgend einer Weise über Twitter, Google Plus, Facebook, meinen Newsletter oder den Blog selbst etwas Zeit investiere. In einer Woche kommen da gut und gerne zwei Arbeitstage zusammen.

Die Blogosphäre ist mittlerweile enorm vielfältig. Das macht es manchmal schwer, wahrgenommen zu werden. Was ist deine Strategie in Sachen Werbung?

Ich glaube, Blogs wie unsere besetzen eine bestimmte Nische und müssen nicht mit allen anderen Blogs konkurrieren. Wenn wir relevante und gut geschriebene Texte veröffentlichen, dann ist das besser, als jede Werbung. Dennoch hilft Social Media.

Den meisten und besten Traffic bekomme ich zur Zeit über Facebook und andere Blogs, auf denen ich Gastbeiträge veröffentlicht habe. Was enorm hilft, sind die freundlichen Erwähnungen von so populären Facebook-Seiten wie Leben ohne Limit.

Was machst du hauptberuflich? Wie gut lassen sich die beiden Felder miteinander verbinden?

Hauptberuflich bin ich Personalleiter in einem Internet-Unternehmen mit rund 2000 Mitarbeitern. Mein Team besteht aus über 20 professionellen Personalern, mit denen ich ungelogen jeden Tag echt gern zusammen arbeite. Als Personaler ist man im Unternehmen natürlich immer an den Schnittpunkten von individuellen Interessen, professionellen Notwendigkeiten und Unternehmensinteressen.

Da gibt es jede Menge Möglichkeiten, mit psychologischen und philosophischen Perspektiven auf die Menschen und Prozesse zu zugehen. Das fasziniert und fordert mich und lässt genug Fragen offen, die ich in Geist und Gegenwart behandeln kann. Natürlich ist diese Erfahrung in der Industrie auch wichtig, um meine Coaching- und Beraterfähigkeiten auszubauen, denen ich mich im zweiten Teil meines Berufslebens stärker widmen will.

Was sind deine Hobbys? Womit beschäftigst du dich gerne in deiner Freizeit?

Regelmäßiger Sport mindestens zwei Mal pro Woche ist wichtig, als Ausgleich zum Schreibtisch und zum Internet. Ich boxe aktiv seit vielen Jahren, inzwischen aber nicht mehr in offiziellen Kämpfen, sondern nur noch als Sparringpartner für jüngere Boxer.

Außerdem ist die Natur für mich das Größte. Mit meiner Frau gehe ich viel Spazieren, Campen, Kanu- oder Radfahren. Und dann natürlich: Lesen und Schreiben!

Was wünschst du dir für 2013?

Ich habe mir eigentlich noch nie viel gewünscht und bin damit bisher ganz gut gefahren. Ich erwarte nicht viel von anderen oder – wenn man so will – vom Leben. Lieber überlege ich, was ich noch anderes tun könnte. Letztes Jahr nahm ich mir vor, mehr zu erleben, wieder aktiver zu sein und weniger ein Stubenhocker. Da habe ich in 2012 schon einen guten Anfang gemacht, der sich aber in 2013 noch erheblich ausbauen lässt. Und du?

2012 war für mich in persönlicher Hinsicht ein sehr schwieriges Jahr. Jetzt wird es Zeit, wieder mehr Freude in mein Leben zu lassen. Und natürlich hoffe ich auf weitere gute Artikel und inspirierende Kontakte rund um Leben ohne Limit.

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