Ein Gespräch mit Prof. Thomas Metzinger sowie der freundlichen Genehmigung
zur Veröffentlichung durch das Magazin VIVEKA.

In den letzten Jahrzehnten haben wir durch die Neurowissenschaften
enorm viel Neues gelernt über die Art und Weise wie unser Geist funktioniert,
was es mit unserem Bewusstsein auf sich hat, aber auch darüber, wie sich
Störungen in unserer Psyche erklären lassen. Sie selbst sind als Philosoph intensiv
an diesem Erkenntnisprozess beteiligt, von dem viele sagen, dass er dazu
beiträgt, ein neues Bild vom Menschen zu entwickeln. Worin liegt für Sie
eigentlich die wesentliche Bedeutung von all dem bis heute neu gewonnen
Wissen?

Sie liegt vor allem darin, dass wir schrittweise ein immer tieferes und auch
wirklich wissenschaftlich fundiertes Verständnis davon bekommen,
was bewusstes Erleben und was Selbstbewusstsein ist.
Natürlich stehen wir dabei erst am Anfang, aber einige wichtige Aspekte
zeigen sich schon jetzt sehr deutlich. Zwei davon möchte ich einmal herausgreifen.

Es wird zum Beispiel immer offensichtlicher, dass Selbstbewusstsein,
dass das Ich-Gefühl eine lange Geschichte auf unserem Planeten hat
und dass wir diese Geschichte mit vielen Tieren teilen. Selbstbewusstsein
ist offensichtlich nicht daran gebunden, das Wort »Ich« aussprechen
oder sprachlich auf sich selbst Bezug nehmen zu können.

Selbstbewusstsein haben auch sehr viele Tiere. Solche Erkenntnisse sind
nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil es ja das Selbstbewusstsein ist, das
im Zusammenhang mit Bewertung und den entsprechenden Gefühlen ein Wesen
leidensfähig macht. Nur durch ein bewusstes Selbstmodell kann ein Tier
Schmerzen oder Verzweiflung als seine eigenen Schmerzen oder seine eigene
Verzweiflung erleben.

Das heißt, unsere Vorstellung darüber wird sehr viel deutlicher,
welche Tiere auf diesem Planeten leidensfähig sind und so etwas wie
Schmerzen, Verzweiflung, Todesangst als ihre eigenen empfinden können.
Heute können wir diese Fähigkeit zumindest für die warmblütigen Wirbeltiere
mit großer Sicherheit annehmen.

Wir verstehen heute also besser, wie die Entwicklung von Bewusstsein und
damit auch von Leidensfähigkeit Teil der Entwicklung des Lebens auf unserer Erde
wurde. Sicher war die Entstehung von Leben nicht unmittelbar verbunden
mit der Möglichkeit von Leiderfahrung. Aber irgendwann in der Evolution der
Nervensysteme hatten diese eine Komplexität erreicht, die mit der Fähigkeit-
vielleicht auch der Notwendigkeit – einherging, ein Bewusstsein, ein Ich-Gefühl
zu entwickeln und damit auch Kummer, Schmerz, Verzweiflung, Gekränkt-Sein.
Wir wissen heute, dass es bei der Frage von Bewusstsein also nicht nur um den
Menschen geht. Ganz offensichtlich teilen wir diese Fähigkeit mit anderen Tieren.
Der ethische Aspekt solcher Erkenntnisse liegt auf der Hand.

Ein zweiter Aspekt, der sich in der aktuellen Forschung deutlich zeigt: Die
Wurzeln des Selbstgefühls liegen darin, ein Bild des eigenen Körpers zu haben.
Am Anfang stand für Tiere wohl die Notwendigkeit, Sinneswahrnehmungen
zu kontrollieren und flüssig in Bewegungen abzubilden. Das heißt, die Evolution
von Nervensystemen und Geist hatte erst einmal sehr viel damit zu tun, einen
Körper als Ganzheit zu kontrollieren, sich in der Welt zu bewegen.

Meine eigene, aktuelle Forschung zum Beispiel konzentriert sich nun auf
die Frage: Was ist eigentlich die einfachste Form von Ich-Gefühl? Was sind die
minimalen Ressourcen, die man braucht, damit dieses Erleben – »ich bin jemand«,
»ich bin ein Selbst« – entsteht? Zusammen mit Olaf Blanke und seinem
Team in Lausanne habe ich in diesem Zusammenhang einige interessante
Experimente entwickelt. Mit Hilfe entsprechender Techniken konnten die Versuchsteilnehmer
dabei ein virtuell erzeugtes Bild ihres eigenen Körpers als einer
vor ihnen stehende Person sehen. Eine besondere Versuchsanordnung führte
schließlich bei vielen Versuchspersonen dazu, dass sie ihr Selbst außerhalb
des eigenen Körpers wahrnahmen. Sie lokalisierten ihr Selbstgefühl tatsächlich
in dem simulierten Körper vor ihnen und hatten das eindeutige Gefühl,
dieser virtuelle Körper, den sie vor sich sahen, sei ihr eigener.

Philosophisch interessant an der Möglichkeit solcher Erfahrungen ist die
Erkenntnis, dass man das ganz elementare Ich-Gefühl, dieses Gefühl von
»Ich bin das!«, also die Identifikation mit dem Bild eines Körpers, und das
»Ich bin- jetzt-hier!« in diesem Körper offensichtlich kontrolliert hin und her
springen lassen kann. Es scheint also so zu sein, dass man schon durch
relativ einfache Experimente unser elementares Ich-Gefühl an etwas anderes
gleichsam ankleben kann.

Was dies ganz offensichtlich zeigt, deckt sich mit einer zentralen Aussage
meines Buches »Der Ego-Tunnel«: Was wir fälschlicherweise als »das Selbst«
bezeichnen, ist viel weniger fest gefügt, als wir uns das zumeist vorstellen.
Tatsächlich ist dieses Selbst nichts anderes als der Inhalt eines Modells,
eines Bildes, das im Gehirn erzeugt wird.

Und das Besondere an diesem Bild ist, dass wir es nicht als ein Bild
erleben können. Wir sind wohl Wesen, die in sich ein Bild ihres
Körpers und auch ihrer Gedanken und Gefühle erzeugen und wir benutzen
dieses Bild, um uns zu bewegen, um unser Leben zu leben und um über unsere
Gefühle und Gedanken zu berichten. Aber wir erkennen es nicht als ein
Bild. Diese Durchsichtigkeit – wir Philosophen sagen: die phänomenale Transparenz
– macht überhaupt erst unser robustes Ich-Gefühl möglich.
Es erlaubt uns das scheinbar direkte Erleben unseres Körpers,
ja von uns selbst als eine Ganzheit.

Wenn also das Gefühl von Ich-bin-jetzthier, von Das-ist-mein-Körper Teil eines
von unserem Gehirn erst erzeugten Bild ist und dieses Bild, dieses Modell eine
wesentliche Grundlage unseres Selbst-Erlebens ist: Welches Licht wirft eine solche
Vorstellung auf Verfahren wie zum Beispiel Yoga, die ja den Körper zum
Gegenstand von Übungen machen?

Für eine Antwort auf Ihre Frage müssen wir uns zuerst Folgendes vergegenwärtigen:
Zwar konnte noch nicht gezeigt werden, dass man geistige Zustände
begrifflich zurückführen kann auf körperliche Zustände. Aber eine Erkenntnis
ist inzwischen empirisch sehr gut gesichert: Es gibt eine sehr starke
Determination von »unten nach oben«: Es sind Hirnzustände, die darüber entscheiden,
wie wir uns selbst erleben, wie wir unseren Arm, unsere Hand oder unseren
Bauch erleben. Die nächste Ursache dieses Erlebens sind eindeutig Vorgänge
im Gehirn und nicht Vorgänge in der Hand oder im Bauch oder im Arm
oder sonst wo.

Wir müssen also davon ausgehen, dass jede bewusste Körpererfahrung
in Wirklichkeit in einem starken Sinn lokal im Gehirn stattfindet. Körpererleben
gibt es ja auch im Traum oder während einer außerkörperlichen Erfahrung,
während der physische Körper vollständig gelähmt ist. Schauen wir in die Tradition,
dann finden wir Aussagen wie die von Aristoteles, der gesagt hat:
Die Seele ist die Form des Leibes. Die Seele zerfiel für ihn zwar ebenso wie der Körper beim Tod.

Aber die Seele ist sozusagen das innere Formprinzip, das die Teile zusammenhält.
Und vom Philosophen Spinoza hören wir: Die Seele ist die Vorstellung, die
der Körper von sich selbst entwickelt, das Bild, das er aufbaut – denn das Objekt
der Seele ist der Leib. Neuere Theorien – wie meine eigene Theorie,
die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität – sagen nun, dass aus dem Bild des Körpers
heraus alle höheren Ich-Funktionen entstehen, dass sie funktional
in ihm verankert sind. Das gilt auch für die geistigen Funktionen.

Die Basis unseres Selbstmodells ist das KörperModell. Und das ist zunächst nichts anderes
als ein Modell der globalen Form des Körpers im Raum. Dazu gehört dann
aber auch etwa der Gleichgewichtssinn und das Positionsgefühl im Raum: Wir
wissen auch in einem ganz dunklen Raum wo oben und unten ist, wo unsere
Arme, Füße und Beine sind. Dazu gibt es noch die ganze Körper-Innenwahrnehmung,
wie die Wärmeempfindung, Schwere- und Bauch-Gefühle, das Wahrnehmen des eigenen Atems,
der Muskelspannung und so weiter.

Zusammen mit noch vielen anderen Innenempfindungen vermischt sich dies alles
schließlich zu dem, was wir als Körpergefühl erleben.
Das macht Folgendes ganz offensichtlich: Eine der direktesten Art und
Weise, auf unser Selbstmodell Einfluss zu nehmen besteht darin, eben diesen
Körper zu pflegen, zu bewegen, auf eine bestimmte Art zu reizen und zu konfigurieren.
Wenn Sie also zum Beispiel Asanas machen, dann wird sich analog
dazu immer auch das Körper-Modell im Gehirn verändern, weil es diese körperliche
Aktivität einfach abbilden muss im bewussten Erleben. Verstärkt wird dieser
Prozess natürlich, wenn Sie nun im Üben Ihre Aufmerksamkeit sanft, aber
präzise auf den Körper richten, auf ihre Bewegung, ihren Atem, ihre Haltung.

Dadurch verändert sich nicht nur der Körper, sondern eben auch das Bild des
Körpers im Gehirn, es wird feiner, subtiler, aber auch reichhaltiger und genauer.
Im Üben entwickeln Sie immer differenziertere – Hirnforscher würden sagen:
Körper-Karten – im Gehirn, die Auflösung erhöht sich. Genau wie ein
Pianist seine Finger-Abbildung im Gehirn sehr verfeinert hat.

Und es gibt dazu eine weitere ganz einfache Erkenntnis, die aber eine große
Bedeutung hat. Wenn man sich die vielen Modelle vergegenwärtigt, die unser
Gehirn in einem einzigen Moment erzeugen muss: das Modell des Tisches
vor mir, das der Zeitschrift in meinen Händen, die ich gerade lese, des Hauses
um mich, das Modell meines Körpers – woher weiß ich eigentlich, dass es das
alles wirklich gibt? Dass mein Bezug auf die Wirklichkeit um mich herum wirklich
erfolgreich, stimmig ist? Unter all den vom Gehirn erzeugten Modellen ist es nun allein das Körpermodell, mit dem wir wirklich ganz dicht in der Welt verankert sind, ganz tief und fest.
Im Gegensatz zu allen anderen Modellen kann das Körpermodell im Gehirn
eigentlich nicht fehlgehen in der Bezugnahme.

Es ist das einzige, das immer tatsächlich seinen Gegenstand ergreift:
Es erfasst ihn über ein ständig vorhandenes kausales Bindeglied, denn es ist ja
ein Teil, des Körpers, ein Erregungsmuster im Gehirn. Die Beziehung zwischen
Körpermodell und Körper ist also ganz inniglich, die Einbettung eines Teils in eine
Ganzheit. Das ist eine über die vielen Jahre unseres Lebens dauernde ganz
dicht stehende Schleife der Informationsverarbeitung.

Etwas ganz anderes ist es, wenn Sie zum Beispiel einen Apfel
auf dem Tisch sehen. Sie schließen die Augen oder schauen nach rechts, und
schon verschwindet der Apfel aus Ihrem Bewusstsein.
Entsprechend haben schon viele Philosophen darüber geschrieben, dass
der Körper ein ganz besonderes Wahrnehmungsobjekt ist.

Das Gehirn kann vor ihm nicht wegrennen, es ist immer da, das ganze Leben lang.
Wenn man allerdings genauer hinschaut, existiert im normalen Alltag
in unserem bewussten Erleben eigentlich nie der Körper als Ganzes
in unserem Selbstmodell. Wir haben dem Körper gegenüber eher so
etwas wie Inseln der Aufmerksamkeit. Hier drückt etwas, dort spüren wir kurz
hin, jetzt haben wir Hunger, da schämen wir uns, weil andere ein paar
Speckfalten sehen können, hier ein Kältegefühl, dort ein Kribbeln…

Was man nun zum Beispiel in vielen spirituellen Praxen kultiviert, ist die
Wahrnehmung des Körpers als Ganzem. Dabei zeigen unsere Experimente, dass
eben genau die Wahrnehmung des Körpers als Ganzem, passiv, in der Ruhe,
sehr wahrscheinlich die einfachste Form von Ich-Gefühl ist. Und das können natürlich
Yogaübende und Meditierende sehr genau spüren. Und sie können
dann vielleicht auch spüren, dass genau das die Basis von Selbst-Gefühl ist. Die
Identifikation ist damit aber noch nicht aufgelöst.

In der Meditation oder bei intensiven Atemübungen entstehen bisweilen besondere
Körpererfahrungen. So kann sich ja das Gefühl vom Körper ganz verlieren,
man erlebt sich gleichsam körperlos. Oder hat das Erleben, im Raum über sich zu schweben.
Nach dem, was Sie gerade über die Bedeutung des Körpergefühls gesagt haben,
erscheinen solche Erfahrungen auf einem Weg zur Selbsterkenntnis nun eher als wenig sinnvolle Nebeneffekte, die einen wahrscheinlich nicht viel weiter bringen. Eine Einschätzung,
die sich übrigens auch in traditionellen Einordnungen solcher Erfahrungen findet.

Dazu erst einmal eine Information aus der Wissenschaft.
Es gibt seltene Fälle, bei denen Menschen selektiv durch eine bestimmte
Verletzung im Gehirn körperblind werden. Sie verlieren ihr Körpergefühl und
nur das. Das beweist, dass es tatsächlich so etwas gibt wie ein Körpermodell
mitsamt dem entsprechenden Innen-Gefühl. Manche dieser Menschen sind nun
ganz heldenhaft und lernen, ihren Körper nur mit dem Sehsinn zu bewegen.

Sie schauen sich also von außen wie eine Marionette an und lernen tatsächlich
wieder zu laufen und Dinge anzufassen, ohne sie zu zerbrechen, obwohl sie ja
kein Gefühl mehr dafür haben. Bei solchen Leuten ist es dann tatsächlich so:
Wird das Licht ausgeknipst, dann fallen sie auf dem Boden in sich zusammen,
die Körperkontrolle ist sofort weg. Sie brauchen das Licht um sich sehen zu
können. Weil sie kein Innenbild mehr haben, können sie nur so ihren Körper
noch bewegen.

Es ist also möglich, das Gefühl für den Körper zu verlieren, sich
gleichsam körperlos zu empfinden und wir können vielleicht auch vermuten,
wodurch im Gehirn solche Wahrnehmungen – zum Beispiel auch während
einer Meditation – vermittelt werden. Was nun aber interessant ist: Zwar
kann man durch eine Hirnverletzung ganz selektiv das Körpergefühl,
die Eigenwahrnehmung für den Rest des Lebens komplett verlieren, aber man verliert
dadurch offensichtlich noch nicht das Ich-Gefühl. Die betroffenen Patienten
haben ja keine Depersonalisationsstörung wie manche Schizophrene. Sie
haben auch nicht das Gefühl, dass gerade eine angstvolle Ich-Auflösung stattfindet.
Vielmehr versuchen sie mit dieser Behinderung weiter zu leben.

Das zeigt, dass dieses normale Ich-Gefühl, das wir haben, nicht nur aus unserem Körperbild
besteht. Es bildet sich auch aus der Fähigkeit, die Aufmerksamkeit kontrollieren
zu können – das scheint ganz wichtig zu sein – oder willentlich denken
zu können. Wenn man sich jetzt jemanden vorstellt, der sagen wir mal körperblind
ist; der gleichzeitig keine Kontrolle mehr über seine Gedanken hat, wie jemand,
der in einem Rausch ist oder vollständig in einem Traum; und der
schließlich keinerlei Kontrolle mehr über die eigene Aufmerksamkeit hat, wie ein
Säugling oder ein sehr dementer alter Mensch, dann könnte man schon vermuten:

Eine solche Person hat wirklich kein bewusstes Selbst mehr. Es ist weg,
wenn diese drei Komponenten: Körper, Aufmerksamkeit und Denken nicht
mehr kontrollierbar sind. Daraus kann man noch etwas folgern,
was auch für die spirituelle Praxis sehr wichtig sein könnte: das Selbstgefühl
hat scheinbar sehr viel mit Kontrolle zu tun. Und zwar mit globaler Kontrolle.
Ein Selbst-Gefühl hat man sehr stark, wenn man den Körper als Ganzen kontrolliert.
Wenn man das lässt, wird es schwächer. Wenn man den Denkprozess
zu ordnen und zu strukturieren versucht und die Gedanken nicht ziehen lässt
und wenn man versucht, die Aufmerksamkeit zu kontrollieren, dann entsteht
auch ein ganz bestimmtes Selbstgefühl.

Es ist dann das Ich des Meditierenden, der sich gerne konzentrieren will.
Krishnamurti hat einmal gesagt: Konzentration ist eine Form von Widerstand,
Konzentration ist nicht Meditation. Ein Ich-Gefühl hat also anscheinend
sehr viel mit Kontrolle und Anstrengung zu tun.
Und das Auflösen des Ich-Gefühls – entweder durch eine Krankheit oder auch
durch eine spirituelle Praxis – hat sehr viel mit dem Verlieren oder Aufgeben
von Kontrolle zu tun. Es müsste etwas Anstrengungsloses sein – viel zu einfach
für Leute wie uns. Dieser Prozess kann aber auf ganz unterschiedlichen Ebenen
stattfinden. Eine hatte ich schon angesprochen: durch eine Hirnverletzung
wird man körperblind oder verliert das Ichgefühl komplett. Eine andere wäre,
dass man die Ich-Welt-Grenze im Gehirn durch eine spirituelle Praxis auflöst, dass
diese Grenze innerhalb des bewussten Realitätsmodells aufgehoben wird.

Wissenschaftlich würde man möglicherweise sagen, dass das Körperbild »dedifferenziert«,
also weniger von Unterschiedlichkeiten und Abgrenzung geprägt
ist als normalerweise. Man würde vielleicht erwarten, dass so jemand das
Gefühl hat, irgendwie ist er die ganze Welt, alles ist in ihm. Sie ist so etwas wie
einverleibt oder angeeignet. Man kann sich nun allerdings fragen: Ist es denn
ein wünschenswerter Zustand, wenn das Körper-Modell zerfließt? Was ist
daran eigentlich so toll? Diejenigen Tiere in der Evolution, die so etwas zu oft gemacht
haben, gehören bestimmt nicht zu unseren Vorfahren …

Eine wirklich wichtige Frage!

Ja, so ist es. Es könnte ja sein, dass das einfach der Rückfall auf eine sehr primitive Stufe ist,
die vielleicht sehr einfache Tiere oder Säuglinge haben. Ich kann mir allerdings
mindestens noch eine andere Möglichkeit vorstellen: Das Modell des Körpers
bleibt bestehen und eigentlich bleibt alles so, wie es ist. Aber nun tritt dazu das
Erleben, dass das alles in Wirklichkeit ein Modell ist. Das wäre diese Sache mit der
»phänomenalen Transparenz«, mit dem in uns eingebauten naiven Realismus
und mit der Aufhebung der Identifikation. Dass also möglicherweise eine Erfahrung
dazu kommt, die so ähnlich ist, wie wenn man sich im Traum der Tatsache
bewusst wird, dass man träumt.

Man erlebt – und zwar nicht nur intellektuell – auf einmal als Tatsache,
dass all dies im eigenen Geist stattfindet, jetzt gerade.
Man kann sich nun als Resultat gewisser spiritueller Übungen folgende
Möglichkeit vorstellen: Körperbild und Selbstmodell bleiben zunächst bestehen,
vielleicht sogar feiner, ruhiger, stabiler und ausdifferenzierter als bisher. Aber
auf einmal wird all dies mehr und mehr als von uns selbst geschaffenes Modell
erlebt, als ein inneres Bild. Meine philosophische Theorie sagt auf empirischer
Ebene voraus, dass dann alles im Wesentlichen so bleiben würde wie es ist,
aber eben das gewöhnliche Ich-Gefühl verschwindet, die Identifikation.

Das Selbstmodell würde dann noch zum Handeln und Wahrnehmen benutzt,
aber es wäre kein Selbstmodell mehr. So etwa könnte man sich das vorstellen
und wir müssen in Zukunft genauere Konzepte dieser Art entwickeln und diskutieren.
Tatsächlich ist nämlich gar nicht klar, was Aussagen wie »das Ich löst sich
auf« oder »der Ego-Tod« eigentlich meinen. Ist das nicht manchmal vielleicht
auch ein bisschen romantischer Kitsch? Wir denken immer alle, wir wüssten so
genau, was das heißt, aber ein genauerer Blick in die philosophischen Traditionen
macht sehr deutlich, dass man darunter sehr Unterschiedliches verstehen
kann. Wir sollten uns aber nicht mit begrifflich ungenauen, oberflächlichen
Theorien zufrieden geben. Es geht ja nicht um schöne Gefühle, sondern um
Erkenntnisfortschritt.

Das könnte ja nahelegen, solche Zustände weniger als eine Situation völliger
Passivität, als »Nichts-Tun« zu beschreiben, wie dies oft geschieht. Zutreffender
scheinen dann vielleicht Beschreibungen, die solche Erfahrungen eben als eine
– wenn auch besondere – mentale Aktivität, eine besondere Art von Ausgerichtet-
Sein verstehen. Eine Art mentaler Modus, den jemand als Folge langer
Meditationspraxis gelernt hat, mühelos aufrecht zu erhalten?

Aktivität von jemandem, oder wie kann man das sonst beschreiben? Man
kann dabei zwei Extrem-Standpunkte formulieren, die teilweise ja auch vertreten
werden. Der eine lautet: »Alles, was Anstrengung ist, ist schon mal auf jeden
Fall falsch.« Die Frage ist dann, wie eine anstrengungslose Form von Disziplin
entstehen kann. Am anderen Ende des Spektrums wird wirklich nur mit Konzentration
gearbeitet, mit einer Form von Anstrengung und Widerstand.

Es kann in den Anfangsstadien sicher sehr sinnvoll sein, so etwas auch mal systematisch
zu üben. Sammlung ist wichtig und im Grunde sind wir alle doch immer
im Anfangsstadium. Aber ich habe den Eindruck, dass es ein Missverständnis
von Meditation ist, wenn man glaubt, es ginge da immer nur um Konzentration,
um Fokussierung und Ausschließung. Achtsamkeit als Leistung, spiritueller
Athletismus – sehr deutsch, sehr japanisch. Was bleibt, ist ein Standardproblem,
das immer wieder auftaucht: der Meditierende ist der, der die Achtsamkeit
oder die Aufmerksamkeit halten will und gleichzeitig dieses Immer-Wollen
hinter sich lassen muss.

Aber was ist das für ein Prozess, den Sie jetzt Ausgerichtet-Sein genannt haben?
Wer ist es, der die Belohnung haben will? Andere Leute sagen,
dass das einfach eine automatische Erinnerungs-Routine ist, die fest installiert
werden muss. Sie ist dann eben keine Form von Kontrolle mehr, sondern
ein automatisches Immer-wieder-zusich-Kommen. Aber ganz so scheint es
dann irgendwie auch nicht zu sein. Ein wichtiger Aspekt dieses Problems
ist der folgende: Unsere mentalen Ressourcen sind begrenzt, und die neuere
Forschung zeigt den Menschen eigentlich als ein System von lauter kleinen
Agenten, die ständig durcheinander schreien.

Die neuen Modelle des Geistes zeigen, dass das, was in uns abläuft,
am ehesten einem Marktplatz gleicht. Viele rufen gleichzeitig und kämpfen
um den Fokus der Aufmerksamkeit: Du musst noch den anrufen – warum bist Du so müde? – Du könntest auch mal wieder ein Stück Schokolade essen – jetzt aber erst mal fertig spülen … Unterschiedliche
Impulse und Sub-Selbste kämpfen um Aufmerksamkeit und letztendlich
um die Kontrolle des Verhaltens, das schließlich am Ende dieses Prozesses
steht. Dabei sieht es sehr danach aus, dass es so was wie ein Selbst gar nicht
gibt, sondern Myriaden von gleichzeitigen Handlungsimpulsen und Wunschvorstellungen.

Ähnlich wie Vögelchen, die alle im Nest ihren Schnabel nach
oben recken, wenn die Mama angeflogen kommt. Alle schreien: Aufmerksamkeit,
Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit! Haben, Haben, Haben! Gerade so, als
ob die Evolution, der grausame Wettkampf zwischen den Lebewesen um das
pure Dasein, auch in uns noch einmal stattfindet. Also: Wettbewerb gibt es
nicht nur außen, sondern in unserem eigenen Geist. Variation und Selektion,
Tod und Wiedergeburt. Und das ist natürlich eine unschöne Entdeckung. Aber
es scheint wirklich so zu sein, dass eine Art von Konflikt und Wettbewerb von
der Evolution in uns eingebaut wurde, dass unser Geist normalerweise so funktioniert,
von Moment zu Moment. Sich dieser Tatsache gewahr zu werden ist
nichts Einfaches.

Und noch schwieriger ist natürlich der Versuch, diese Situation
zu überwinden. Und damit kommen wir auf die Frage nach dem Verhältnis von Tun und
Nicht-Tun in der Meditation zurück. In der Praxis ist ja irgendwie beides wahr:
Die richtige Form von Achtsamkeit ist einerseits völlig anstrengungslos und etwas,
was keine Energie verbraucht, sondern Energie schafft. Auf der anderen
Seite ist es auch wahr, dass man eine bestimmte, schwer zu beschreibende
Art von Disziplin braucht. Sie haben das »Ausgerichtetheit« genannt. Und es ist
schwierig, die richtigen Worte dafür zu finden. Es ist einfach beides wahr, und
man sollte sich auch nicht zu sehr in der Suche nach der richtigen Theorie verheddern.
Der Entschluss, sich immer wieder zu erinnern, der Entschluss, sagen
wir mal, zum Atem zurückzukehren ist ja immer noch etwas, das ein Willensakt
ist, etwas Anstrengendes hat.

Etwas, das auch immer wieder verloren gehen kann und dann ständig neu
erzeugt werden muss. Jemand will eine Belohnung.
Andererseits gibt es dann aber auch jene Zustände, in denen dieser Prozess
auf einmal eine andere Qualität annimmt. Wo es also nicht so ist, dass ich
mich um ein Gewahrsein bemühe. Vielmehr entwickelt sich auf einmal das Gefühl:
Es ist schon die ganze Zeit gewahr. Ich Idiot stehe die ganze Zeit im Weg
rum! Vielleicht ließe es sich beschreiben als ein Moment, in dem ein ganz bestimmtes
unpersönliches Gewahrsein schon natürlicher Bestandteil der Situation
selbst ist. Oder zumindest ihres Bildes im Gehirn…

Hier ist sicher noch vieles unklar. Um solche Erfahrungen auf eine angemessene
Weise zu beschreiben – wenn dies überhaupt möglich ist –, um ihre Besonderheiten
zu verstehen, ihre wirkliche Bedeutung einschätzen zu können,
braucht es zumindest auf der Ebene der Wissenschaft und der seriösen, akademische
Philosophie noch viel mehr Anstrengung. Wir müssen entsprechende
Konzepte entwickeln und offen darüber diskutieren.

Wir stehen damit erst am Anfang. Aber praktisch jeden Tag gibt es neue
empirische Erkenntnisse aus der Hirnforschung und wir sind tatsächlich dabei,
ein besseres Verständnis von uns selbst, unserem Geist, unserem Bewusstsein,
seinen Möglichkeiten und seinen Grenzen zu entwickeln.
Es wird interessant sein, zu sehen, ob die Vertreter der spirituellen Menschheitstraditionen
genug intellektuelle Redlichkeit besitzen, um mit diesem Prozess Schritt zu halten.

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