Jeder kennt wahrscheinlich die Momente, in denen die eigenen Gedanken unablässig um ein Problem kreisen. Wir können nicht locker lassen und versuchen, die Aufgabenstellung mit dem Kopf zu lösen. Gefühle wie Angst, Neid und Freude verleihen der Aufführung zusätzliche Dramatik. Wir stellen uns zum Beispiel immer wieder lebhaft vor, was alles passieren kann, wenn eine bestimmte Situation eintritt.

Irgendwann stellt sich die Frage nach dem Sinn des Kopfkinos. Eine Situation zum wiederholten Mal zu „durchleben“, bringt uns nicht unbedingt weiter. Vielmehr investieren wir viel Zeit und Energie. Doch wozu Zeit und Energie verbrauchen, wenn wir doch keinen Schritt voran kommen? Wir gleichen einem Auto, das im Leerlauf Vollgas gibt, weil wir versäumt haben, einen Gang einzulegen und kommen daher nicht von der Stelle. Wäre es nicht schön, einen Schlüssel zu bekommen, der uns die Tür zu neuen Möglichkeiten öffnet?

Die Dinge einordnen

Bis zu einem gewissen Grad finde ich eine gedankliche Reflexion hilfreich. Sei es, um mit einem gewissen Abstand Vergangenes Revue passieren zu lassen, sich bewusster über die eigenen Gefühle zu werden oder zu checken, ob das Erlebte mit den eigenen Werten übereinstimmt. Wie ich Begebenheiten interpretiere, hängt natürlich davon ab, welche Bedeutung ich den Dingen gebe. Was erwarte ich von anderen? Wem oder was gebe ich Macht?

Seien Sie spezifisch. Versuchen Sie, die Fakten ohne Wertung zu beschreiben. Wer hat was wann gesagt? Wo und wie ist es passiert? Bemerkungen wie „Sie hat total beleidigt reagiert. Sie versteht überhaupt nichts.“ bringen mich nicht weiter. Besser wäre zum Beispiel: „Meine Kollegin hat emotional reagiert und ich fühle mich nicht verstanden.“

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Adalbert Stifter“]Die Klarheit seines Inneren ist für den Menschen das höchste Gut.[/pullquote2]

Überprüfen Sie Vergleiche. Verglichen womit, finden Sie Ihre Leistung nicht gut? Ist Ihr Vergleich realistisch und hilfreich? Natürlich macht es Sinn, fachliche Dinge wie zum Beispiel eine Diktat zu bewerten. Hier gibt es einen klaren Maßstab, an dem wir ablesen können, in welchen Bereichen wir uns noch verbessern können. Persönliche Vergleiche dagegen bringen einen nicht weiter und wirken oftmals demotivierend.

Erkennen Sie selbst gemachte Verhaltensregeln. Werden Sie sich Ihrer Annahmen bewusst. Wie kommen Sie darauf, dass Sie sich zum Beispiel stets für bestimmte Situationen verantwortlich fühlen? Was genau hält Sie davon ab, bestimmte Dinge zu tun? Was genau würde passieren, wenn Sie einmal von Ihrer bisherigen Linie abweichen? Was genau befürchten Sie?

Der Schlüssel für Veränderung

Gedanken lösen Sinneserfahrungen aus, aber Erfahrung ist nicht die Realität und der Gedanke nicht die Erfahrung. Gedanken sind daher zwei Schritte von der Realität entfernt. Es ist ganz wichtig, sich das klar zu machen. Oder mit anderen Worten: Die Landkarte beschreibt zwar die Landschaft, ist aber nicht die Landschaft.

Weil die eigene Sichtweise großen Einfluss auf das Ergebnis hat, werde ich in der Regel nur das sehen und hören, was ich zu sehen oder hören erwarte. Daher werden wir uns schwer tun, den Augenblick zu erfassen, wenn wir uns mit dem Verstand die Dinge bereits zurechtlegen,

Erfahrung ist Vergangenheit

Nur weil wir zurzeit nicht wissen, wie Veränderung gelingt, muss es nicht unmöglich sein. Unsere bisherigen Erlebnisse haben uns vielleicht aufgezeigt, dass für manche Dinge noch nicht der richtige Zeitpunkt war. Leider neigen wir gerne dazu, Erfahrung überzubewerten. Erlebtes wird schnell zu etwas Festem, scheinbar Unabänderlichen. Erfahrung ist eine Momentaufnahme. Nicht mehr und nicht weniger. Mit Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben wir die Möglichkeit, jeden Moment neu zu erleben und weiter zu wachsen. So können wir Schritt für Schritt weiter gehen, und schauen, was möglich ist.

In die Gegenwart zurückkehren

Klarheit entsteht aus der Fähigkeit, zu schauen, zu horchen, was dieser wunderbare Moment mir zu sagen hat. Der Fülle des Lebens können wir mit Grübeln nichts hinzufügen. Anstatt unseren Verstand mit hundert Dingen zu belasten, versuchen wir einfach, uns auf eine Sache zu konzentrieren. Ich achte zum Beispiel gerne auf jeden Schritt, wenn ich spazieren gehe. Wie fühlt sich der Boden an? Die Beine zu spüren, den Atem und sich auf diese Weise erden. Je mehr es mir gelingt, den Moment zu erleben, desto weniger üben Konzepte Macht über mich aus.

Dieser Moment ist alles was ich habe. Und wenn unsere Fragen und Bedenken mal wieder kein Ende nehmen, dürfen wir uns fragen: Besteht die Befreiung darin, dies alles zu wissen? Ungewissheit kann auch ein Geschenk sein. Das Leben würde wahrscheinlich langweilig werden, wenn wir alles schon von vornherein wüssten.