Ein Interview mit dem Theologen Wolfgang Weigand über Vernunft, Vergänglichkeit und wichtige Schritte im Leben.

Was macht das Lebensende für viele Menschen in der westlichen Welt so beängstigend?

Vielleicht hat das Leben im Westen sehr mit Machbarkeit, Expansion, Wohlstand, Power, Vitalität und Image zu tun, so dass es Angst macht, wenn das Leben eben brüchig, fragil, gefährdet wird. Und so eine plötzliche Gegenwelt zu den Heile-Welt-Bildern der Werbung entsteht. Und wenn irgendwann alles vorbei sein soll. Das klingt jetzt wohl etwas klischeehaft, aber bei asiatischen Kulturen z.b. hat der Tod einen ganz anderen Stellenwert, weil man dort das Lebensende nicht so wegdelegiert aus dem Alltag.

Ist es die Furcht vor der Furcht oder vielleicht zu spüren, dass wir hier mit unserem Verstand nicht weiter kommen?

Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Dabei sagte Seneca schon im 1. Jahrhundert: Kinder, junge Menschen und Verrückte fürchten den Tod nicht. Es wäre doch eine Schande, wenn uns die Vernunft nicht dasselbe verschaffen könnte.

Glauben Sie, dass wir mit dem Tod aufhören zu existieren?

Nein, ich denke, dass unsere Seele in ihrer Einmaligkeit auch nach dem Verlassen des Körpers weiterexistiert, einfach unabhängig von Zeit und Raum. Ich habe schon viele Menschen beim Sterben und beim Tod begleitet. Und ich bin immer wieder erstaunt über das, was „feinstofflich“ in den Momenten passiert, wenn der Tod eintritt: Lichter flackern, eine neue Stille wird hörbar, das Telefon geht plötzlich nicht, usw. Weshalb öffnen sonst so viele Menschen automatisch das Fenster, wenn jemand gestorben ist? Damit die Seele fortfliegen kann. Aber wohin?

Was bedeutet Glaube und Religion für Ihren Alltag?

Glaube im Sinne eines Für-Wahr-halten dogmatischer oder theologischer Aussagen oder Bekenntnisse hat für mich wenig bis keine Relevanz. Religion im Sinne von „Rück-bindung“ an eine göttliche Dimension dagegen sehr. Es gibt einfach zu viele Situationen im Leben, an denen ich meine Begrenztheit spüre – oder, positiv formuliert: wo es mir scheint, dass ich bewahrt bin. Und dann frage ich mich natürlich von wem? Und das kann man dann Gott nennen oder Kraft oder Liebe oder Universum….

Was ist Ihr Anliegen in Bezug auf Ihre WebSeite schritte.ch?

Schritte.ch ist quasi mein zweites Kind. Menschen bei wichtigen biografischen oder beruflichen Schritten zu unterstützen und zu begleiten, dass ist für mich eine grosse Motivation. www.schritte.ch soll einige poetische, visuelle und nachdenkenswerte Gedankenanstösse ermöglichen für alle Menschen, die wichtige Fragen an das Leben haben.

Welche Momente haben Ihr Leben stark beeinflusst?

Ich habe beruflich viel mit dem Thema Abschied und Tod zu tun. Als Kind habe ich das Sterben meines Grossvaters sehr intensiv (und beängstigend) erlebt. Vor 15 Jahren hatte ich einen Autounfall mit schweren Hirnverletzungen und Koma – das „Erwachen“ daraus war wie eine Neugeburt. Und vor 13 Jahren ist mein zweites Kind tot zur Welt gekommen. Diese Erlebnisse haben mich wohl sehr geprägt. Und, wenn ich das altmodische Wort benutzen darf, in mir auch viel Ehrfurcht entstehen lassen.

Worauf achten Sie, wenn Sie neue Menschen kennen lernen?

Auf nichts Besonderes. Auf ihre Blicke, auf das Lachen, auf die Hände, auf die Gedanken und Gefühle, dir mir kommen. Und auf die Wärme des Händedrucks.

Was fällt Ihnen spontan zu den Worten von Thomas Carlyle ein?

„Geh soweit du sehen kannst. Wenn du dort ankommst, wirst du weiter sehen können.“
Ein nachdenkenswerter, brillianter, tiefgründiger und mutmachender Satz. Schade, dass man diesen Satz nicht mehr erfinden kann.

Welche Bücher mögen Sie besonders und was fasziniert Sie daran?

Ich lese gerne psychologische Krimis. Was treibt Menschen an? Was sind ihre Verletzungen und Motive? Und wie gelingt es, Zusammenhänge herzustellen, wo es scheinbar keine gibt? Vor allem die schwedischen Krimis (Mankell, Nesser u.a) imponieren mir. Daneben lese ich auch viele psychologische Sachbücher, weil ich sie in meine berufliche Tätigkeiten gut integrieren kann. Und Biografien genialer, ambivalenter und kreativer Menschen interessieren mich.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Dass ich mit meiner Frau eine lebendige Partnerschaft führe. Dass ich für meine Tochter ein verlässlicher Vater bin. Dass ich Menschen in Krisensituationen gut begleiten kann. Dass ich Musik hören und erleben kann. Dass mir die Ideen zum Schreiben nie ausgehen.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Die Zukunft war früher auch nicht besser. Nein im Ernst, dieser Aphorismus von Karl Valentin begeistert mich einfach immer wieder. Als Theologe würde ich mein Motto frei nach Augustinus nennen: dilige, et fac quos vis. Liebe, und dann tue, was du willst. Wenn das nur so einfach wäre…Schön und lebenswert finde ich auch Franz Kafka: Man muss bezaubern, wenn man etwas Wesentliches bekommen will.

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