DieGuteUndDieSchlechteMeditation

Die gute und die schlechte Meditation

Die geborene Wienerin Angelika Tesch, Lehrerin für Deutsch und Geschichte, ist seit über 20 Jahren Buddhistin und viele Jahre in buddhistischen Zentren aktiv. Zurzeit lebt sie Kiel und gibt Ihre Erfahrung als internationale Reiselehrerin im Auftrag von Lama Ole weiter. Vielen Dank für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung durch das Magazin BUDDHISMUS HEUTE.

„Ich und der Lama, wir wissen, wo’s lang geht, und vorher war ich wichtig, aber jetzt bin ich auch noch spirituell“, das ist ja die naiv-fröhliche Einstellung,mit der wir oft voller Hoffnungen in ein buddhistisches Zentrum kommen und uns an die ersten Meditationen heranmachen.

Und es ist wunderbar, den Überschuss von dieser einzigartigen Zeit zu nutzen. Man meditiert dann fröhlich vor sich hin – und schwelgt in heilen Welten. Je nach romantischer Veranlagung kann man diesen Zustand einige Zeit aufrechterhalten, bis, ja bis die ersten Meditationserfahrungen eintreten.

Die Tibeter sprechen davon, die erste richtige Meditationserfahrung sei, wenn man denkt, man hätte mehr Gedanken …

Stimmt natürlich nicht, man merkt jetzt aber zum ersten Mal, was schon immer an inneren Filmen ablief. Shamar Rinpoche drückte es einmal auf seine Weise folgendermaßen aus: „Wer sich niemals bei einer Meditation gelangweilt hat, hat vermutlich noch nicht lange genug meditiert.“ Spätestens, wenn wir bei diesen Erfahrungen angelangt sind, muss die dringende Frage geklärt werden: Was eigentlich wollen wir mit unseren Meditationen erreichen? Was sind Sinn und Zweck einer buddhistischen Diamantwegsmeditation? Wie wirkt sie?

Zu allererst: Wie ist sie eingebettet in das Lehrsystem des Buddhismus? Jeder weiß, dass Wissen allein nicht notwendigerweise zur gewünschten Umsetzung im Alltag führen muss. Wir alle kennen die mutigen Neujahrsvorsätze, die spätestens am 7. Januar verblasst sind; und jeder, der schon mal versucht hat, mit dem Rauchen aufzuhören, – weil er vielleicht in der Ausstellung „Körperwelten“ das graue wabbelige Etwas einer Raucherlunge gesehen hat – weiß: Das Wissen allein genügt nicht, um es auch zu tun.

Auch wenn wir uns noch so fest vornehmen, auf Schwiegermutters Kritik gelassen zu reagieren – denn wir möchten ja das Wochenende nicht gefährden – sobald sie das nächste Mal den Raum betritt und mit ihrer einzigartigen, durchdringenden Stimme zu klagen beginnt, verlieren wir die Kontrolle – und das Wochenende ist verloren.

Es scheint also, dass eine tiefe Kluft zwischen dem intellektuellen Verstehen und der realen Umsetzung im Alltag klafft. Buddha gab uns eine stabile Brücke zwischen Theorie und Praxis – das Herzstück des Buddhismus: unsere dicke, wichtige Säule der Meditation. Meditation ist das Labor, in das wir hineingehen und wo das, was wir intellektuell verstanden haben, vom Hirn ins Herz rutschen kann und so zur Erfahrung wird. Buddhistische Meditation ist also kein Selbstzweck an sich. Der einzige Sinn jeder Information und jeder Meditation bei uns ist, dass wir Überschuss für den Alltag bekommen. Wir können nicht verhindern, dass sie uns ändert und dass wir besser leben, sterben und wiedergeboren werden können.

Auch wenn wir eine neue Sprache lernen wollen, müssen wir zunächst die Vokabeln und Grammatikregeln lernen. Wenn wir diese Information aber nie durch Training vertiefen, kann noch so ein netter Mann in Russland vor uns stehen, wir bringen kein Wort heraus.

Wir können dieses Wissen nicht richtig nutzen, es wurde nie durch Übung aktiviert. Ohne das
Trockentraining, bei dem wir dieselben Vokabeln und Regeln wieder und wieder anwenden – solange, bis wir sie verinnerlicht haben – bis sie automatischer Bestandteil unseres Systems geworden sind, wird man niemals wirklich eine Sprache beherrschen. Kurz gesagt – es geht nichts ohne Training; und diesen Stellenwert hat die buddhistische Meditation für unseren Weg. Vielleicht wird es den Romantiker enttäuschen: Buddhistische Meditation ist nichts Heiliges, Esoterisches, Exotisches oder Spirituelles, sie ist schlicht und ergreifend Training. Das tibetische Wort „gom“ lautet schlicht übersetzt „trainieren, sich an etwas gewöhnen“.

Aber wie sieht nun unser Training konkret aus? Was ist das Ziel einer buddhistischen Meditation? Unsere Erwartung ist natürlich, dass es uns gut geht! Wir wollen bessere Gedanken und Gefühle bekommen. Und wir haben eine klare Vorstellung davon wie unser Training aussehen soll und wie nicht.

Bevor wir uns hier auf eine Antwort stürzen: Macht es vielleicht Sinn, uns bewusst zu machen, wie wir normalerweise im Alltag funktionieren? Wie ein Computer nur mit 0 und 1 rechnet – und eine Menge kann daraus entstehen – besteht die menschliche Reaktion mehr oder weniger aus plus und minus (auch daraus kann bekanntlich eine Menge entstehen) und vielleicht noch eine Art neutrale Reaktion zwischendrin.

Wir wachen morgens auf, sehen unseren Liebsten neben uns, positives Gefühl
Wir schauen auf den Wecker, wir sind zu spät, negatives Gefühl
Wir schalten das Radio an – unser Lieblingslied, positives Gefühl
Wir kippen Kaffee über die Hose, negativ
Wir wissen nicht, was wir nun anziehen sollen („Schatz ich habe nichts zum Anziehen“ vor dem vollen Schrank), negativ
Endlich draußen, sehen wir ein schickes Kleid im Schaufenster, hmmm, positiv
Wir sehen den Preis, negativ
Ein netter Jüngling geht an uns vorbei, positiv
Er lächelt uns an, doppelt positiv
Jetzt haben wir aber den Bus verpasst, negativ
Und es fängt an zu regnen, negativ

Wir könnten die Geschichte auch folgendermaßen fortführen: Unsere Frage lautet jedoch: Wie wollen wir denn jetzt mit dieser grundlegenden Funktionsweise umgehen? Die Antwort ist vermutlich: „Ich möchte nur die Plusse.“ Jeder versucht sehr ernsthaft, nur die guten Gedanken und Gefühle haben zu wollen – so ein guter Mensch zu sein. Aber was sollen wir dann tun, wenn ein Minus entsteht? Mag man etwas nicht, nimmt man es für wirklich, dadurch bekommt es Energie und wird noch größer.

Wir alle kennen das Beispiel: „Denkt nicht an ein grüngestreiftes Nilpferd!“ Wer hat da nicht das fette Tier in seiner Denkblase über dem Kopf? Und das Positive, das man festhalten will, wird dünner, je mehr man es quetscht und letztlich zerrinnt es zwischen den Fingern … Der Durchschnittsbürger merkt häufig nicht, dass er sein Leben nicht immer zum Besten gestaltet, denn er hat ja keine Kontrolle darüber, dass die Minusse entstehen – das Auto zusammenbricht, sein Vorgesetzter sauer ist – aber dass er die Minusse nicht haben will, bedeutet ja nicht, dass sie verschwinden. Er verschwendet also mindestens die Hälfte seines Lebens, weil er sie nicht sinnvoll nutzen oder als angenehm erleben kann.

Vielleicht gibt es ja eine andere Lösung, dass man gar keine Gedanken und Gefühle hat: wie in der Beschreibung einer hinduistischen Meditation: drei Stunden ohne Gedanken – da hört man vielleicht ein leises Schnarchen in der Ecke, denn aus buddhistischer Sicht ist ein Geist ohne Gedanken und Gefühle nicht möglich – so wie es kein Meer ohne Wellen gibt.

Und auch in unserem Beispiel fühlen wir uns mit dieser Theorie nicht wirklich befreit:
Wir sehen morgens unseren Schatz, keine Reaktion
Wir sind zu spät! keine Reaktion
Wir hören unseren Lieblingssong, na ja
Wir schütten Kaffee über die Hose, egaaaal
Wir sehen ein Kleid, na und?
Der Preis, lässt uns kalt
ein junger Herr, keine Reaktion
er lächelt uns an, na und? (soll er doch!)
der Bus ist weg, keine Reaktion

Und nun? Was wollen wir denn eigentlich erreichen? Wo ist die Lösung? Der historische Buddha stellte fest, dass Plus und Minus gar nicht das große Problem darstellen. Dass sie entstehen, hat ja oft sogar Sinn. Hätten unsere Vorfahren jedes Mal gedacht: „Oh, heute viele Streifen im Wald“ beim Anblick eines Tigers, wären wir vermutlich nicht da. Tausende Male am Tag müssen wir entscheiden, kann ich ihm vertrauen oder nicht, soll ich Gold kaufen und Silber verkaufen? Liebt er mich noch?

Das Problem besteht vielleicht gar nicht darin, dass angenehme und unangenehme Gefühle entstehen, sondern, dass wir sie so furchtbar ernst nehmen. Wir haben ungefähr soviel Abstand zu unseren Gedanken und Gefühlen, wie ein kleiner Dackel zur Wurst in der Tasche seines Herrchens. Kommt ein positives Gefühl auf, springen wir hinterher und wollen es für immer festhalten. Erleben wir ein negatives Gefühl, sind wir völlig geschockt und wollen es sofort loswerden. Was uns also einengt, ist nicht das Entstehen der Gefühle, sondern dass wir keinen Abstand zu ihnen haben. Dass wir nicht die Herren sind, sondern die Sklaven.

Das ist es also, was wir trainieren wollen – frei zu werden; unabhängig davon, ob wir Jugend, Kraft und Liebe erleben, was jeder mag, oder Alter, Krankheit und Tod, was keiner mag, was aber trotzdem erlebt wird. Wir wollen die letztendliche Freiheit von unserem eigenen Hoffen und Fürchten, Gestern und Morgen, Mögen und Hassen. Und das Wunderbare entsteht durch Meditation: Je weniger Energie in eigene Probleme, Erwartung und Befürchtung gebunden ist, desto mehr ist für andere vorhanden. Die innere Freiheit bedeutet, dass nun das volle Potenzial, das immer da war – aber verschüttet – zu Tage treten und leuchten kann.

Wenn wir also einen klaren Unterschied zwischen all den Meditationen anderer Richtungen und der buddhistischen finden wollen, dann ist es dieser eine: Alle anderen Methoden zielen auf die Erfahrungen im Geist, buddhistische Meditation zielt auf den Geist selbst. Es geht also nicht um die wechselnden Erlebnisse (Plus und Minus), sondern um den Erleber, nicht um die Bilder im Spiegel, sondern um die Leuchtkraft. Das ist es ja auch genau, was wir mit der Zufluchtnahme ausdrücken: Wenn wir sagen: „Wir nehmen Zuflucht zum Ziel, Buddha, dem erleuchteten Zustand unseres Geistes“, dann bedeutet es, dass diese Zuflucht wie ein Schutzring um die ganze Meditation herum liegt.

Da es nicht um die Gedanken und Gefühle geht, sondern um den Erleber, kann auch kein Gedanke oder Gefühl richtig oder falsch sein. Ist es ein angenehmes Gefühl, bedeutet das Segen, ist es ein unangenehmes Gefühl, kann man von Reinigung sprechen, etwas, das den Geist verlässt. Man kann mit einer buddhistischen Meditation also nur gewinnen.

Was bedeutet das nun für uns? Dieser Geist, der seit anfangsloser Zeit auf all die – durch die Sinne einströmenden – Informationen und auf all die einprasselnden Gedanken und Gefühle – eingegangen ist, hat Urlaub. Für die Zeit im Labor der Meditation muss er nicht auf dieses und jenes reagieren, sondern kann mühelos in sich selbst verweilen. Das klingt einfach – ist es aber natürlich nicht. Es kann sogar gefährlich werden, wenn man einfach auf den Geist zu meditieren versucht, ohne sich geschickter und bewährter Mittel zu bedienen. „Meditiere mal auf den Geist, der keine Form, Farbe und Gestalt hat..“

Da der Geist funktioniert wie ein Auge, das außen alles sehen kann, aber sich selbst nicht, kann man das gar nicht umsetzen – man ist automatisch abgelenkt oder erfährt eine Art weiße Wand-Effekt Darum ist das kleinste gemeinsame Element jeder buddhistischen Meditation, dass man den Geist festhält und beruhigt; auf Tibetisch heißt das Shine, auf Sanskrit Shamatha. Man nimmt ein Konzentrationsobjekt – zum Beispiel den Atem, der an der Nasenspitze kommt und geht – und verwendet dieses als einen Pflock, an den man das wilde Pferd des Geistes mit dem Seil der Achtsamkeit festbindet. Pferde sind sehr empfindsam und neugierig. Aber wann immer es sich auf der Wiese des Nachbarn befindet, holen wir es einfach zurück, das ist das ganze Training.

In der Diamantwegmeditation verwenden wir nicht nur ein neutrales Objekt, sondern eine Licht-Energie-Form, wie den Karmapa – das berührt mehr von unserer Ganzheit. Aber auch hier ist ein wesentlicher Aspekt, immer wieder zurückzukommen: Während wir zum Beispiel das Mantra „Karmapa Tschenno“ sagen, sind wir in unserer Vorstellung vielleicht schon beim Einkauf für das Abendessen – wir gehen durch die Gänge des Supermarktes, suchen uns was Schönes aus, bis wir bemerken – oh, ich meditiere ja – Karmapa Tschenno – nach zwei Minuten fällt uns ein, Großmutter hat Geburtstag – Karmapa Tschenno – und ob mein Freund mich noch liebt. Ich habe heute noch kein SMS bekommen – Karmapa Tschenno – wieso sagt mein Nachbar denn sein Mantra so laut, das ist wirklich unmöglich – Karmapa Tschenno, usw. Wann immer wir abgelenkt sind, wir kehren zurück. Wir gehen nicht in den Supermarkt, senden keine SMS, schlagen nicht unseren Nachbarn, sondern machen einfach weiter. Das Pferd läuft weg, wir holen es zurück, es läuft weg und wir bringen es zurück. So wie kleine Kinder immer irgendwohin krabbeln und wir sie immer wieder zurückholen.

Was dabei passiert, ist das Folgende: Wenn wir ein schlammiges Glas Wasser aufhören zu schütteln und ruhig hinstellen, dann kann der Schlamm absinken und das Wasser wird natürlicherweise klar. Und daraus entsteht Raum. Raum, den wir brauchen, wenn Schwiegermutter ihre einzigartige Stimme erhebt und wir dann die Entscheidungsfreiheit haben: zwei Rollen in den Komödien des Lebens zu nehmen, aber keine einzige in den Tragödien. Dann spüren wir vielleicht den Zorn die Beine hoch kriechen, wie sich der Magen verkrampft, die Kehle zuschnürt und der Blutdruck steigt, aber weil wir den Raum haben, zu sehen, wie der Zorn entsteht, können wir die Reaktion vermeiden und das Wochenende retten.

Nun haben wir zusätzlich alle jede Menge an Erwartungen an unsere Meditation. Ich erinnere mich an eine junge Frau in Omsk, die nach einem Einführungsvortrag zu mir kam und sagte: „Ich finde das ja alles ganz spannend mit dem Buddhismus, aber ich glaube, diese Meditationen sind nichts für mich“. Als ich nachfragte, warum, meinte sie: „Ja, ich habe jetzt doch schon zweimal diese Karmapa-Meditation gemacht – aber ich habe überhaupt nichts erlebt.“ Da könnte man natürlich die Gegenfrage stellen, ob jemand, der zum ersten Mal eine Geige in die Hand nimmt, erwarten würde, sofort Mozart zu spielen. Das wird natürlich nicht der Fall sein. Er wird hunderte Male alle Arten von seltsamen Tönen produzieren, von Katzengejammer bis Kreidequietschen auf Schultafeln, er wird viele Nachbarn dazu animieren umzuziehen, bis er die Sonaten von Mozart spielen kann. Aber natürlich wäre es auch schade, das Instrument beim ersten Versuch, wenn es nicht klappt, wegzuwerfen. Beim Training geht es eben nicht darum, wie man sich fühlt, sondern darum, dass man nie aufgibt und regelmäßig dranbleibt. Man trainiert ja auch genau aus dem Grund, weil man das Geübte noch nicht kann. Und nur, weil wir tausend falsche Töne ertragen haben, ist der 1001. ein klarer.

Und auch wenn wir Schwarzenegger fragen würden, ob er beim Trainieren der Klimmzüge immer nur gelächelt und gar nicht geschwitzt hätte und nur guter Laune war, dann wird er antworten: „Nein, ich habe die Zähne zusammengebissen und geschwitzt und es war hart.“ Auch Lama Ole betont häufig, dass die wirklichen Wachstumsprozesse außerhalb der Komfortzone stattfinden. „Die fünfzehn Klimmzüge, die man leicht schafft, die sind nicht so bedeutend, wie die fünf weiteren, bei denen alles schüttelt – da kriegt man die neuen Beefsteaks auf die Muskeln.“ Und dass wirkliche Entwicklung einfach jenseits der Schmerzgrenze stattfindet.

Das ist der sportliche Aspekt der Meditation, es geht darum, den inneren Dackelhund „Mag ich, mag ich nicht“ zu überwinden. Und das hat weiter reichende Konsequenzen als wir annehmen. Normalerweise neigen wir ja dazu, alles zu bewerten. Wir wollen die perfekten Menschen sein. Wir haben unsere Schulexamen geschafft, wir haben den Führerschein gemacht, sind die Experten an unserem Arbeitsplatz und nun wollen wir auch noch die perfekten Buddhisten werden. „Gebt mir das Medi-Heft! Ich meditiere, genau wie vorgeschrieben.“

Dabei vergessen wir natürlich einen wesentlichen Aspekt: die Examen, den Führerschein und unseren Job – all das haben wir mit einem Ego gemacht; bei buddhistischer Meditation geht es nun darum, genau dieses Ego loszuwerden. Das bedeutet natürlich, dass wir all unsere Bewertungskriterien nicht nur nicht verwenden können, sondern dass diese sogar zum Haupthindernis werden können.

Wenn wir zum Beispiel denken
„Ich meditiere nur, wenn ich wirklich motiviert bin, sonst ist es ja keine ernst gemeinte Meditation“eins zu null fürs Ego! Oder „Ich höre sofort auf, wenn ich müde bin, denn ich will ja ordentlich meditieren.“ zwei zu null fürs Ego! Oder „Wenn ich zu abgelenkt bin, dann breche ich die Meditation sofort ab, denn nur eine konzentrierte Meditation ist etwas wert.“ drei zu null fürs Ego! Wer auf den perfekten Moment für die wahrhafte Meditation wartet, dass z.B. der Nachbar nicht staubsaugt, kein Lärm auf der Straße ist, alle E-Mails beantwortet sind, wir nicht Kopfweh haben von zu viel Bier am Vortag und noch dazu hoch motiviert, wird vermutlich selten bis nie meditieren vier zu null fürs Ego! Wer denkt „Alle entwickeln sie sich, ich bin der einzige, der nicht meditieren kann. “ fünf zu null fürs Ego!

Nur wenn man weitermacht, auch wenn die Mala aus der Hand fällt beim Meditieren, weil man eingeschlafen ist oder man im Geist bereits ganze Armeen besiegt hat, wird erfahren, dass auch nach Ohnmachtszuständen plötzliche Klarheit eintreten kann und auch der völlig abgelenkte Geist irgendwann aufgibt.

Manchmal trifft man auch Meditierende, die für eine halbe Mala bei der Zufluchtsmeditation mehr als eine Stunde brauchen. Ihnen hat einfach niemand gesagt, dass es nicht darum geht, alles gaaaanz langsam und genau zu machen, sondern um Aufbau von Kraft und Konzentration. Oder die Vorstellung, dass es mit einem perfekten Mantra oder einer perfekten Verbeugung doch getan sein müsste. „Ich rattere doch nicht mechanisch die Mantras runter!“ Aber, wenn man ein ganz tiefes Loch graben will, dann macht man auch nicht einen einzigen tief konzentrierten Schlag mit der Spitzhacke, sondern man schlägt immer und immer wieder mit voller Kraft an derselben Stelle. Ebenso arbeiten wir mit den Diamantwegmeditationen mit den Wiederholungen, bis Menge zu Wert wird.

Und unsere Dackel-Mentalität macht natürlich auch vor dem Beurteilen der Meditation nicht halt: „Gute Meditation, schlechte Meditation.“ Aber, was trainieren wir? „Wir sind die Herren!“ Dennoch passiert es uns oft, dass wir denken „Diese Mantras kann ich nicht zählen, ich war zu zerstreut.“ Oder „Das war wirklich eine sehr schlechte Meditation“, denn wir haben uns gefühlt wie im Tunnel, das Gewicht eines Berges auf unseren Schultern, es ist dunkel, wir sind müde und es macht keinen Spaß – aber wir machen weiter. Und dann haben wir die Meditation, bei der wir denken: „Ja, das war jetzt einmal eine richtig gute Meditation!“ Wir haben das Gefühl zu fliegen, alles ist wunderbar, wir sind voller Dankbarkeit und Vertrauen. Dabei vergessen wir, dass die so genannte gute Meditation nur das Ergebnis war von der so genannten schlechten. Weil wir nicht aufgehört haben zu graben, erleben wir, wie wir den Tunnel durchbrechen. Die eigentlich wichtige Meditation war die von uns als schlecht erfahrene. Denn die von uns als gut bezeichnete ist nur das Ergebnis der harten Arbeit.

Der beste Ratschlag für eine regelmäßige Praxis ist dabei, eine Gewohnheit aufzubauen. Lama Ole Nydahl hat einmal gesagt: „Die beste Motivation reicht der Gewohnheit nur bis ans Knie.“ Wenn wir einfach einen bestimmten Zeitpunkt am Tag finden, an dem wir uns automatisch aufs Kissen sitzen, dann wird Meditation so selbstverständlich wie Zähne putzen.

Für Verbeugungen ist morgens ein guter Moment. Wenn man so ein Morgenmuffel ist wie ich, dann ist unser erster Gedanke sicherlich auch nicht, ah, jetzt Verbeugungen! Man kriecht dann mehr zum Brett, als man geht und sagt: „.kostbarer Menschenkörper, Vergänglichkeit …“ usw. Immer noch ist das Letzte, was der Körper sich vorstellen kann, die Idee, sich zu bewegen, aber man fängt einfach an. Und danach ist man immer wie ein Adler, der in den Tag fliegt mit einem Geist, der sich auf letztendliche Werte ausgerichtet hat – teflonbeschichtet. Das Bodhisattva-Versprechen nimmt man dann selbstverständlich auch noch, das alles, was man sowieso tut, zu einer sinnvollen Handlung macht. Und schafft man es einmal nicht, diese kraftvolle Praxis für Körper und Geist morgens zu machen, dann fühlt man sich, als hätte man nicht die Zähne geputzt. Etwas ganz Wesentliches fehlt!

Es dauert etwa 14 Tage, diese Gewohnheit aufzubauen – und es lohnt sich! Wenn man es nicht morgens schafft, dann vielleicht abends, nach, oder vor der Abendessen, wie auch immer. Und der Rat für Zeiten, in denen alles drunter und drüber geht und die Prüfung vor der Tür steht: einfach die Meditation durchzulesen! Es macht einen riesigen Unterschied, ob man das tut oder sie gar nicht macht.

Überall um die Welt sind auch die Fragen zu den Meditationserfahrungen dieselben. „Ich bin jetzt beim Guru-Yoga. Und all die anderen Übungen haben so viel Spaß gemacht, aber jetzt habe ich überhaupt keine Lust mehr. Was für ein Hindernis!“ Hindernis? – nein Gratulation: Die Praxis wirkt, das Ego ist anscheinend so sehr unter Beschuss geraten, dass es die härtesten Widerstände aufbaut – und der Rat: weitermachen! Alles ist o.k.

Oder: „Ich mache Verbeugungen und ich bin völlig deprimiert, denn vor mir ist das Wunderbarste, das man sich vorstellen kann und ich mache die Verbeugungen einfach nur so automatisch, völlig mechanisch!“ Aha, wir reinigen also unser Unverständnis von der Strahlkraft des Geistes, und auf dem Weg hinaus – wird Grau erlebt – der Ratschlag: weitermachen.

Oder „Jetzt bin ich beim Mandala und eigentlich geht es doch um Freude, aber mir ist so langweilig. Ich verschenke eine Blume – na und? Ich verschenke dieses und jenes, na und? Mir fällt gar nichts mehr ein, was ich mir vorstellen soll, ich habe gar keine Lust, etwas zu verschenken!“ Wunderbar, Begrenzung und Langeweile werden gereinigt! Der Ratschlag – aus einer Blume mache ein Universum aus Blumen und: weitermachen.

Ich selbst hatte einmal eine Phase, da brauchte ich mich nur zur Meditation hinzusetzen und war schon im Tiefschlaf. Als ich verzweifelt den Lama um Rat fragte, was zu tun wäre, sagte er nur: „Denk einfach, dass du Massen an Dumpfheit reinigst.“

Und wer kennt nicht den Klassiker? Wenn auf beinahe jedem Kurs häufig zierliche, niedliche junge Frauen, die noch nie einer Fliege etwas zuleide getan haben, die Frage stellen: „Lama Ole, ich praktiziere gerade Diamantgeist. Und ich bedauere, die Menschen um mich herum, denn ich bin sooooo aggressiv. Soll ich aufhören?“ Einmal hat Lama Ole zurückgefragt: „Hast du schon mal ein Messer gegen jemanden gehalten?“ „Nein!“ „Hast du schon mal eine Tasse zerschlagen?“ „Nein!“, „Dann mach weiter, aber erzähl es niemanden, denn sonst musst du doppelt bezahlen, denn das ist genau, was passieren soll.“

Ja, wenn die Seife gut ist, wird das Waschwasser schmutzig. Auch wenn man sich immer noch nicht wohl fühlt, wenn man inmitten der grauen Sauce steht, es ist gut zu wissen: Man sieht die Hintern der Tiere auf dem Weg hinaus, alles ist in Ordnung.

Es ist nicht so – wie häufig angenommen, dass Diamantgeist aus Schabernack diese unglaublichen Zustände erzeugt. Der Schmutz war davor schon da; jetzt entsteht Raum, man kann den Teppich hochheben; und was da zum Vorschein kommt, erfreut uns nicht immer. Aber nur, weil wir es sehen, können wir es auch entfernen. Man kann die junge Frau beruhigen, die fragt: „Warum soll ich eigentlich meine gute Laune durch eine Meditation zerstören?“ Weil wir trainieren, den inneren Dackelhund zu überwinden! Und hat er aufgegeben, dann können sich die ganze Strahlkraft und all die Qualitäten des Geistes zeigen. Je weniger Energie in eigene Gedanken und Gefühle, Gestern und Morgen, Hoffen und Fürchten gebunden ist, desto mehr ist für andere vorhanden. Der Diamantweglehrer ist der animierende Spiegel, der uns zeigt, was alles möglich ist und wie viele Qualitäten unser eigener Geist hat.

Da das Ego trickreich ist, kann man also weder die eigene Meditation noch die eigene Entwicklung beurteilen. Auch da definieren wir ja unsere Hochs, indem wir sie mit unseren tiefsten Depressions- Zuständen vergleichen. Was wir nun mit Meditation machen, ist, die Täler aufzufüllen, so dass wir nie mehr so tief verzweifelt sind und völlig erschöpft. Dadurch mag es uns erscheinen, als ob auch unsere Freudenzustände nicht mehr so intensiv seien – alles läuft rund, aber irgendwie denkt man, es war schon einmal spannender. Auch das stimmt natürlich nicht.

Entwicklung ist ein bisschen wie älter werden. Man guckt täglich in den Spiegel und denkt: „Das bin ich.“ Dann trifft man aber jemanden, der einen zwanzig Jahre nicht gesehen hat – und der lächelt verlegen, bis er einen erkennt und sagt: „Ah, du bist’s.“ Das beste Zeichen von Entwicklung ist, dass man in eine Lage kommt, in der man früher völlig in die Luft gegangen wäre oder völlig verzagt. Und man wartet auf das Gefühl und wartet. Und kommt es dann in einer zweiprozentigen Lösung vorbei, sagt man: „Ich gebe dich ins Museum, du stirbst nämlich langsam aus.“ Es ist ein Prozess, der uns vom Mark der Knochen her und nicht von heute auf morgen verändert – so dass wir in völlig natürlicher Weise mehr Überschuss haben, uns mehr zutrauen und Dinge ganz selbstverständlich tun, die uns früher völlig fremd waren.

Solange man also nicht auf einen grünen Ganesh meditiert – sprich seine eigenen Meditationen erfindet – die Verbindung zum Lehrer hält und zu den Freunden im Zentrum, kann man eigentlich keinen Fehler mit unseren Meditationen machen. Den einzigen Fehler, den man machen kann, ist, diese kostbaren Mittel nicht regelmäßig zu verwenden. Denn wie Hannah so schön sagte: „Warum denken denn alle, wir müssen meditieren – es ist doch ein riesiges Geschenk: Wir können meditieren!

BUDDHISMUS HEUTE

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  1. Martens07-17-2014

    Liebe Angelika,
    ganz herzlichen Dank für diesen soooo einleuchtenden Artikel.
    Sissy

  2. Richard04-20-2015

    Hmm. Nachdem ich das gelesen habe, tue ich mich schwer, in die Meditation zu gehen. Ich tat mich schon schwer, beim Lesen durchzuhalten bis zum Ende. Soo viele Gedanken! Ich hatte einst angefangen mit Tai Chi. Das begann mit etwa 20 Worten und dann einfach tun, nachmachen – ohne reden. Neugierig auf Meditation, bestellte ich mal eine CD neben der Nahrungsergänzung. Ich legte sie ein und Kurt Tepperwein sprach: „Ich bin einmal vollkommen bewegungslos …. ich beobachte meinen Atem, nichts verändern, nur beobachten …“. Ich tat einfach wie er sagte und erfuhr es. Das ist alles, was ich hier zu sagen hätte.

Wie lautet Ihre Meinung?