Konfliktbewaeltigung

Konflikte lösen aus buddhistischer Sicht

Was kann uns der Buddhismus zum Thema Streit und Auseinandersetzung anbieten? Wolfgang Poier, gebürtiger Osttiroler, kann aus seiner Erfahrung als Buddhist dazu fundierte Antworten geben. Wolfgang Poier arbeitet als Gymnasiallehrer und als Lehrbeauftragter an Universität und Fachhochschule in Graz. Vielen Dank für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung durch das Magazin BUDDHISMUS HEUTE.

Reine Sicht

Als Buddhist trainiert man, die Welt mit den Augen eines Buddhas zu sehen. Um diese sogenannte ‚reine Sicht‘ zu vervollkommnen gilt es, das Bewusstsein mehr und mehr von Unwissenheit zu reinigen, bis man den Geist als strahlend-leuchtenden Raum, zeitlos und unbegrenzt, erfährt. Untrennbar davon erscheint die Welt als ein reines Land. Alle Wesen werden als Buddhas wahrgenommen und alle Laute als Mantras. Qualitäten des Geistes wie Furchtlosigkeit, Freude und grenzenlose Liebe durchdringen alle Erfahrungen.

Konflikte sind natürlich

Auf einer solchen Erfahrungsebene gibt es keinen Platz für Konflikte. In unserem unerleuchteten Erleben der Welt treten jedoch immer wieder Situationen auf, die wir als Konflikte bezeichnen. Wir nehmen sie als ein Phänomen der relativen Wirklichkeit wahr. Als solches liegen sie in der Natur der bedingten Existenz, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Dinge zusammengesetzt und noch dazu veränderlich sind. Schnell ergeben sich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven unterschiedliche Standpunkte, die bei ausreichend Energie – zum Beispiel aufgrund von Ressourcenknappheit, Zeitmangel, negativen Emotionen, gegenteiligen Interessen – zu einem Konflikt anwachsen können.

Innere Konflikte

Um Konflikte zu verstehen, also Situationen, in denen Menschen aneinander geraten oder miteinander kämpfen (von lat. confligere), ist es gut, sich bewusst zu machen, dass Konflikte auch innerhalb einer Person vorhanden sein können. So eindeutig ist das mit den zwei Streitparteien nicht immer, wenn oft schon in einer einzelnen Person mehrere Positionen einander gegenüber stehen. Sich die eigenen inneren Konflikte bewusst zu machen und sie zu kennen, hilft, in der Beurteilung der äußeren Welt weniger vorurteilsbehaftet zu sein und bei Konflikten mit anderen Menschen mehr Handlungsspielraum zu haben. Denn oft haben beide Aspekte eines Konfliktes ihre Funktion und Berechtigung. Aber es ist nicht immer leicht, beiden Seiten gleichermaßen gerecht zu werden. In einem Konfliktfall und hier liegt das Problem – können die gegenteiligen Ansichten oder Interessen nicht gleichrangig befriedigt werden oder deren gleichzeitige Verwirklichung schließt sich gänzlich aus.

Formen und Eskalationsstufen von Konflikten

In der Welt gibt es Konflikte unterschiedlicher Art: Konflikte zwischen Personen, die denselben Job wollen oder dieselbe Person lieben. Konflikte zwischen Gruppen, die aus zu engen Konzepten und den entsprechenden Emotionen entstehen (zum Beispiel zwischen Jugendgruppen, Fußballfans verschiedener Mannschaften oder zwischen den Generationen). Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen, die um die Macht und die Ressourcen innerhalb eines Staatengebildes kämpfen (zum Beispiel Ständekampf). Konflikte zwischen Staaten, deren nationale Interessen im Widerstreit stehen.

Auch die Intensität von Konflikten kann je nach der Stufe der Eskalation sehr unterschiedlich sein – geht es um ein erstes Abtasten und eine Positionierung im Konflikt, darum, den anderen offen zu diffamieren und durch Zweck-Bündnisse zum Aufgeben zu bewegen oder als letzte Stufe der Eskalation bereits um den Wunsch und Versuch, sich gegenseitig zu vernichten, sei es um den Preis der eigenen Existenz. Da Konflikte sehr unterschiedlich sein können und auch vom Grad der Eskalation abhängen, muss natürlich jeder Konflikt gesondert betrachtet werden, um ihn zu bearbeiten und eine Form der Konfliktlösung in Gang zu bringen. Ist beispielsweise bei einem gerade aufflammenden Konflikt zwischen zwei Personen oder Gruppen durch moderierten einfühlsamen Austausch der Sichtweisen und eine Trennung der sachlichen und emotionalen Ebene des Konflikts noch eine Win-Win-Situation zu erzielen, kann in der Regel bei einem bereits bis zum Endstadium eskalierten Konflikt nur mehr eine von außen einschreitende Machtinstanz die gegenseitige Selbstvernichtung (Lose-Lose-Situation) verhindern.

Welche Formen der Konfliktbearbeitung gibt es?

Schauen wir uns aus der Vogelperspektive Formen von Konfliktlösung an, wie wir sie wahrscheinlich aus unserem Leben als unterschiedliche Möglichkeiten kennen. Manche von ihnen können gleichzeitig – geschichtlich nachvollziehbar – als bevorzugte Lösungsformen entsprechend den Bedingungen in der Entwicklung der Menschheit gesehen werden.

Flucht

Man stelle sich Menschen im Zeitalter der Nomaden vor, sagen wir vor 25.000 Jahren. Es ist üblich, durch die Lande zu ziehen, und hoffentlich stehen viele Beeren und Bären als Nahrung zur Verfügung. Trifft hier eine Horde auf eine andere, gibt es, sofern die Ressourcen ausreichend sind, immer die Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen und das Weite zu suchen. Das ist zwar eine Art Ausweichen oder gar eine Flucht, aber warum auch nicht? Es ist nahe liegend, wenn man nicht zu stolz dafür ist und wenn man gerne seine Zeit dafür verwendet, sich um die Seinen zu kümmern, anstatt sich mit anderen im Kampf zu messen. Der Rahmen, der für einen gemeinsamen Konflikt immer notwendig ist, wird in diesem Fall so offen gesetzt, dass der Konflikt verschwindet oder erst gar nicht entsteht.

In der heutigen Zeit entspricht diese Form der Konfliktlösung der Tendenz, Konflikte zu harmonisieren oder zu meiden. Befindet man sich mit den Kollegen oder dem Chef in einem andauernden Clinch, kann man sich auch einen neuen Job zu suchen. Dies ist möglicherweise eine relativ rasche und sinnvolle Form der Konflikthandhabung. Wenn der Konflikt allerdings mehr auf den eigenen Störemotionen beruht als auf einer schlechten karmischen Verbindung, kann es sein, dass man bald wieder in eine ähnliche Situation gerät.

Kampf

In der Jungsteinzeit werden die Menschen sesshaft. Man baut eine Behausung und bebaut einen Acker, den man sicher in harter Arbeit dem Wald oder steinigem Boden abtrotzt. Und jetzt beansprucht jemand das eigene Gut. Da geht es vielleicht um Leben und Tod, es gibt Kampf und dieser endet oft in Unterwerfung oder Vernichtung. Damit wird ein Muster kreiert, das auch in der heutigen Zeit immer wieder auflebt, wenn zum Beispiel ein unliebsamer Konkurrenzkollege gnadenlos gemobbt oder ein Konkurrenzunternehmen aus strategischen Gründen aufgekauft wird.

Delegation

Sammeln sich die Menschen in einer größeren Ansiedlung, einer Dorfgemeinschaft oder wie schon in den frühen Hochkulturen vor rund 4000 Jahren in einer Stadt, dann wird das Faustrecht oft durch das Prinzip der Delegation abgelöst: Hoffentlich weise und mitfühlende Dorfälteste oder Herrscher entscheiden dann den Konflikt. Diese haben als Instanz der Konfliktlösung meist einen Zugewinn an Macht und Respekt, der ihnen gezollt wird.

Für diese Form der Konflikthandhabung gibt es heute beispielsweise Chefs, Juristen und Richter. Voraussetzung ist hier, dass eine objektive Instanz gemeinsam als verbindlich anerkannt wird. Vor allem bei stark emotionalisierten Konflikten bzw. der Gefahr einer solchen Emotionalisierung kann hier die sachliche Zugangsweise helfen. Nicht immer wird allerdings die Identifikation mit der letztendlichen Entscheidung gegeben sein und möglicherweise tritt auch kein Lerneffekt bei den Konfliktparteien ein.

Kompromiss

Kompromisse sind eine weitere Form der Konfliktlösung, die nun nicht mehr historisch an einer bestimmten Stufe der Entwicklung menschlicher Kultur festgemacht werden kann. Streiten sich zwei um einen Sack voll Gold, bekommen beim Kompromiss beide die Hälfte davon, oder entsprechend der Machtverhältnisse beispielsweise 2/3 zu 1/3. Hierbei handelt es sich um keine schlechte, aber nicht immer für alle Beteiligten befriedigende Form der Konfliktlösung.

Aporie

Wenn sich für einen Konflikt keine Lösung auftut, keine der Parteien stark genug ist, den Konflikt für sich zu entscheiden oder auch gar nicht gemeinsam an der Konfliktlösung arbeiten will, dann spricht man von einem aporetischen Konflikt. In solchen Fällen kann es friedlicher für alle Beteiligten sein, das Fortbestehen des Konflikts festzustellen und mit dieser Situation so gut es geht zu leben.

Konsens

Die unter Konfliktmoderatoren als höchste Form der Konfliktlösung angesehen Methode ist der Konsens oder die Synthese. Hier setzt der Konflikt aus der Not der Konfliktsituation und der Notwendigkeit der Konfliktbewältigung bei den Beteiligten unerwartete kreative Energie frei, die etwas Neues schafft, das für beide Konfliktparteien von Vorteil ist und sie weiterentwickelt. Ein Beispiel: Zwei Kinder streiten sich, beispielsweise um eine Orange, und das nicht das erste Mal. Anstatt sich nun furchtbar zu ärgern und schon die nächste Attacke vorauszuplanen, tun sie sich zusammen und überlegen, wie dieser ‚eklatanten Ressourcenknappheit‘ Abhilfe geschaffen werden könnte. Sie haben schließlich die Idee, gemeinsam Bilder zu malen und diese Produkte an die Menschen in der Nachbarschaft zu verkaufen. Mit den erwirtschafteten 10 € können sie sich einige Orangen und zudem Bananen und sogar Mangos leisten. Aber, und das haben wir hier verstanden, es geht nicht nur um den materiellen Gewinn! Wahrscheinlich haben sie das Gefühl, aus diesen drei Stunden Leben etwas wirklich Sinnvolles gemacht zu haben, persönlich weitergekommen und vielleicht sogar Freunde geworden zu sein. Die Vorteile dieser Form der Konfliktlösung sind offenbar. Sie setzt allerdings die Bereitschaft zu einem Perspektivenwechsel und zur energievollen Zusammenarbeit voraus.

Konfliktstile

Um zu verstehen, welchen Konfliktstil man persönlich bevorzugt, kann man überlegen, in welchem Maß jeweils eine Orientierung an den eigenen Zielen und Anliegen und an den Zielen und Anliegen der Gegenpartei erfolgt. Wo es sich um eine Flucht handelt, wird beidem kein großer Stellenwert beigemessen. Wenn man versucht, den anderen zu vernichten, orientiert man sich nur an den eigenen Zielen und Interessen, wenn man nachgibt, nur an denen des anderen. Ein Kompromiss liegt etwa in der Mitte und beim Konsens kommen im Idealfall beide Orientierungsmöglichkeiten auf ihre Rechnung. Man kann nicht sagen, dass es die optimale Konfliktlösung gibt, weil in verschiedenen Situationen unterschiedliche Stile angemessen sein können. Je flexibler die Beteiligten allerdings zwischen den Stilen variieren können, desto eher können sie einen Konflikt bewältigen.

Ursachen für Konflikte

In der Konfliktforschung wird der Begriff ‚Konfliktursache‘ mitunter durch den Begriff ‚Konfliktauslöser‘ ersetzt. Dies ist bei zwischenmenschlichen Konflikten häufig der Fall, die ja zu einem Teil auf missglückter Kommunikation beruhen. Hier kann meist nicht gesagt werden, welcher der Konfliktpartner die Ursache gesetzt hat, die zum Konflikt geführt hat. Dies käme auch einer Schuldzuweisung gleich. War zuerst die Henne oder das Ei? Was hierfür nicht beantwortet werden kann, lässt sich meist auch in Bezug auf die gemeinsame Geschichte von Personen samt deren individueller Vorgeschichte nicht sagen. Dieses Verständnis kann bereits zur Konfliktlösung beitragen, weil gegenseitige Schuldzuweisungen und Vorwürfe dieser oft entgegenstehen.

Wo es um widerstrebende Interessen und Ziele wie Ressourcen (zum Beispiel um Erdöl, Wasser, Nahrung, Besitz) geht, scheint man leichter von Konfliktursachen sprechen zu können, weil die gerechte Verteilung der Mittel den Konflikt gegebenenfalls verschwinden ließe. Da aber menschliche Gier eine solche Lösung immer wieder verunmöglicht, ist leicht zu erkennen, dass dem Konflikt tiefere Ursachen zugrunde liegen.

Dort, wo es scheinbar um eine sachliche Auseinandersetzung zwischen Menschen geht, spielt oft der emotionale Hintergrund eine entscheidende Rolle. Und in verschobenen Konflikten geht es mitunter um was ganz anderes, als um das, worum vordergründig gekämpft wird. Die jeweiligen Auslöser und verschiedenen zugrunde liegenden Ursachen von Konflikten sind also genau zu analysieren, will man den Konflikt lösen.

Ursachen für Konflikte aus buddhistischer Sicht

Fragt man nach einem Grund für die Probleme in der Welt, ortet der Buddhismus tief liegende Ursachen. Der Umstand, dass die Welt als so unperfekt erlebt wird und soviel Leid und Konflikte in sich birgt, liegt an der Unwissenheit der Lebewesen, ihrer eingeschränkten Sichtweise. Aufgrund dieser Unwissenheit missverstehen wir im Allgemeinen die Natur des Geistes: Anstatt das Leben als großartig und frei gestaltbar zu erleben, mit maximaler Energie für andere Gutes zu tun und Sinnvolles in die Welt zu bringen, „dümpeln“ die Lebewesen vielfach leidend und Leiden schaffend in ihrer selbst verursachten Realität, ihren negativen Gefühlen, Konzepten und Handlungsmustern herum. Anstatt die raumgleiche Bewusstheit, zeitlos, leuchtend und klar, zu genießen, wird sie als ein kleines, isoliertes Ich erlebt. Anstatt sich der Klarheit des Geistes, die alle Erscheinungen der Welt spontan und kreativ hervorbringt, zu erfreuen, wird sie als eine vom Ich getrennte äußere Welt der Erscheinungen erfahren. Alles, was so wahrgenommen wird, setzt das jeweilige Ich der Lebewesen zu sich in Bezug und stuft es als angenehm, unangenehm oder neutral ein. An diese Tendenzen knüpfen sich konkretere Formen von leidverursachenden Emotionen: Desinteresse und Dumpfheit, Anhaftung und Gier, Abneigung, Zorn und Hass. Die Handlungen der Lebewesen sind dann von diesen Emotionen und Konzepten geprägt und gegebenenfalls negativ, das heißt die Lebewesen schaden einander – und zudem sich selbst, weil sich diese negativen Eindrücke karmisch speichern und die zukünftige Lebensrealität mitbedingen. Buddha beschreibt die relative Wirklichkeit in dieser Weise, zeigt aber auch die grundlegende Reinheit auf, die allen Erscheinungen innewohnt: „Aus dem Meer der von sich aus vorhandenen Unwissenheit bewegen sich die illusorischen Wellen des Haftens am Ich. Bewusstheit wird zum Ich, Eigen-Ausdruck zu Objekten; die Gewohnheitsmuster von Subjekt und Objekt festigen sich. Dadurch wird Karma angesammelt und kommt zur völligen Reife. Der Kreis des Wasserrades von Samsara dreht sich, aber selbst im Drehen ist seine Natur makellos; selbst in seiner Erscheinung entbehrt es jeder Wirklichkeit.“1

Mit Konflikten umgehen

Alle Erscheinungen der Welt sind unwirklich und essentiell ‚rein‘. Alle Probleme in der Welt resultieren aus Unwissenheit und störenden Emotionen. Aus dieser buddhistischen Einsicht ergeben sich auch spezielle Ansätze, mit Konflikten umzugehen. Als allgemeiner Raster kann die Unterteilung des Buddhismus in Theravada, das ‚große Fahrzeug‘ und den Diamantweg dienen. Steht im Theravada-Buddhismus die Arbeit mit dem Ego und die Vermeidung von Konfliktsituationen im Vordergrund, betont das ‚große Fahrzeug‘ Mitgefühl und Weisheit, mit denen an Konflikte herangegangen wird. Im Diamantweg geht es zentral um die Umwandlung des Konfliktes, seiner Ursachen und Ausprägungen in höchste Sicht und nutzbringendes Verhalten.

Methode 1: Abstand und Überblick

In Meditation und Alltag trainieren Buddhistinnen und Buddhisten, die Dinge unpersönlich zu erleben und dem Ego als verletzliche Zielscheibe, das sich verteidigen oder angreifen muss, immer weniger Wirklichkeit zuzuschreiben und Raum zu geben. Durch diese Praxis verflüchtigt sich das Anhaften an oberflächliche Trips wie „Dem muss ich jetzt aber schon endlich mal meine Meinung sagen!“, „Wenn ich nicht aufpasse, werde ich voll überfahren!“ usw. immer mehr und wir gelangen in die Situation, angemessen emotionalisiert das zu sagen und zu tun, was sinnvoll ist und uns und den anderen am meisten nützt.

Durch Einsicht in die karmischen Zusammenhänge relativiert man einerseits den Konflikt, weil man diesen ja durch eigene Handlungen in der Vergangenheit selbst mitverursacht hat. Andererseits versucht man auch im Umgang mit der schwierigen Situation möglichst wenig negative und im Idealfall möglichst viele positive Eindrücke in den eigenen Geist zu pflanzen. Dabei sind die sogenannten ‚zehn negativen Handlungen‘ durch die im Folgenden angeführten zehn positiven zu ersetzen: Auf körperlicher Ebene zielt man darauf, Leben, auch das von Gegnern in Konflikten, zu schützen, sich auf sexueller Ebene Glück bringend zu verhalten und mit materiellen Gütern großzügig zu sein. In Bezug auf die Rede sagt man nach Möglichkeit die Wahrheit oder gibt zumindest korrekte Informationen weiter, die die Klarheit über die Konfliktsituation erhöhen. Man redet positiv über andere Menschen: Versuchen Sie mal in einem Konflikt wohlwollend über den Konfliktpartner zu sprechen und achten Sie auf die systemische Wirkung! Man kann auch durch harmonisierende Worte zur Entspannung in der Konfliktsituation beitragen und nach Möglichkeit buddhistische Sichtweisen einbringen. In Bezug auf die geistige Einstellung geht es darum, großzügig und großherzig zu sein, sich in seinem Handeln an der Liebe zu orientieren und Karma, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, zum Bezugspunkt für das eigene Verhalten werden zu lassen.

Buddhisten können ihrer Umwelt dadurch sehr nützen, indem sie so auch in Konfliktsituationen Ruhe bewahren, mit kühlem Kopf, aber grundlegend liebevoller Einstellung klar und zielorientiert agieren. Dies gelingt nur durch Vertrauen in die Lösbarkeit von Konflikten, aber auch durch Einsicht darin, dass vieles, dem wir Wirklichkeit zuschreiben, letztlich nicht wirklich ist, und vieles, dem wir große Bedeutung zubilligen, letztlich nicht so bedeutend ist.

Methode 2: Selbsterkenntnis und Liebe

Konflikte sind immer eine gute Möglichkeit, etwas über sich zu lernen: „Ich habe noch ein Ego. Das ist mir schon länger nicht aufgefallen.“ Für Buddhisten sind Konflikte also eine Ansporn, diese Ich-Anhaftung im Alltag und im Labor der Meditation kräftig auseinander zu nehmen. Denn die Ich-Illusion wird im Konflikt stärker als sonst erfahren: Stärkere Gefühle wie Anhaftung oder Zorn können auftauchen, das eigene Denken kann mitunter sehr emotional gefärbt und unklar werden, Ängste und Abwehrreaktionen können auftauchen, was bedeutet, dass – sofern man nicht alle erlebten Probleme auf den Konfliktpartner projiziert – die Anhaftung an die Ich-Illusion als unangenehm erfahren wird. Damit bekommt man den Impuls, diese Ich-Illusion aufzulösen oder zumindest deren Einfluss auf das eigene Bewusstsein zu reduzieren. Weil man durch Konflikte sehr herausgefordert ist, helfen sie dabei, negative Tendenzen im eigenen Geist zu erkennen und zu überwinden und somit für konstruktiveres Handeln frei zu werden.

Wenn es uns gelingt, uns in die Sichtweise(n) und emotionale Befindlichkeit des Konfliktpartners oder der anderen Konfliktpartei hineinzuversetzen, ist dies eine praktische Übung in Liebe und Weisheit. Durch einen solchen Perspektivenwechsel sprengen wir die Grenzen unserer Ich-Anhaftung. Und wir können dadurch Maßnahmen setzen, die überraschend klar, verständnisvoll oder großzügig sind und damit die Konfliktursache aushebeln. Sind wir – durch einige gelöste Konflikte in unserem Leben praktisch trainiert – in der Lage, als Moderator, Konfliktpartner oder Exponent einer Konfliktpartei lösungsorientiert zu arbeiten, unseren Standpunkt sichtbar zu machen, aber gleichzeitig Einsicht in die Gefühle und Konzepte der anderen Konfliktpartei zu zeigen, machen wir ein echtes Geschenk an die Welt und genießen mehr und mehr Autorität als Vorbild für andere. Unsere Anhaftung an Dauerkonflikte als ein ‚wichtiger‘ Aspekt unseres Lebens wird verschwinden und Konflikte in unserer Umgebung reduzieren sich damit meist auf ‚wundersame‘ Weise.

Auf dieser Ebene können die ’sechs befreienden Handlungen‘ zum Maßstab des eigenen Verhaltens werden: Auf allen Ebenen ausgedrückte Großzügigkeit sichert, dass die eigene Position im Konflikt nicht aus engstirnigem Ego-Anhaften eingenommen wird. Sinnvolles Verhalten schützt uns davor, körperlich oder verbal negativ zu handeln oder durch das Nähren problematischer Konzepte negative geistige Muster zu entwickeln (siehe dazu die ‚zehn positiven Handlungen‘ in Methode 1). Geduld schützt uns davor, aus Zorn zu agieren. Freudvolle Anstrengung nützt uns dabei, trotz Schwierigkeiten weiter an der Lösung zu arbeiten und alle Hindernisse zu überwinden. Meditation schafft den dafür nötigen Abstand zum Problem und zu den damit verbundenen Emotionen und Konzepten. Sie lässt uns ruhig und besonnen werden und uns gegebenenfalls die Freude über einen Erfolg auch kraftvoll ausdrücken. Die Weisheit lässt uns verstehen, dass sowohl die zwei eingeengten Ichs der zwei Gegner in einem Konflikt, als auch die Güter, Menschen, Werte oder Ideen, um die sie sich streiten mögen, einer absoluten Wirklichkeit entbehren, also leer sind von einer Eigennatur. Das entspannt und gibt Raum.

Buddhistische Konflikthandhabung auf dieser Ebene wird sehr gut durch zwei Buddha-Aspekte ausgedrückt: ‚Liebevolle Augen‘ relativiert die Sichtweise des Konfliktes durch Liebe und Mitgefühl und durch die Erkenntnis, dass alle Wesen im Daseinskreislauf im gleichen Boot sitzen. Wonach die Menschen streben, ist sehr vergänglich, ebenso wie sie selbst. Die ‚Grüne Befreierin‘ schützt uns und bringt Bewegung in den Konflikt. Konflikte können zu eskalierender Erstarrung führen, der Segen Taras bringt aber die Dinge wieder zum Fließen, so dass sich Lösungen finden und einstellen, wenn es Zeit ist, die Früchte positiver Impulse und der eigenen Standfestigkeit zu ernten. An beide Buddhas kann der Wunsch gerichtet werden, dass sich die Dinge genau so entwickeln, wie es für alle Beteiligten am besten ist und wodurch sie sich am meisten entwickeln.

Methode 3: Die Transformation von Konflikten

Das Wort ‚Konflikt‘ dient der Benennung einer Situation, die gar nicht ohne wahrnehmende Menschen existiert. Diese haben sich – bewusst oder unbewusst – für eine solche polarisierende Wahrnehmung entschieden. Der Konflikt als solcher ist aber von unzähligen Faktoren bedingt und damit ‚leer‘. So gesehen gibt es, in einem absoluten Sinn, keine Konflikte. Wenn es keine Konflikte gibt, braucht es auch keine Lösung derselben und es kann auch keine Transformation von Konflikten geben. Alles ist schon rein und befreit, jede Erscheinung ist ein Ornament des Geistes, würde man auf Diamantwegsebene sagen. Und: Der weite, blaue Himmel ist ebenso interessant und essentiell nichts anderes als die dunklen Gewitterwolken einer Konfliktsituation.

Die ‚reine Sicht‘ zu üben oder in allem zu halten, heißt nicht, dass im buddhistischen Alltag keine Konflikte mehr wahrgenommen werden können oder dass man als Buddhist selbst in keine mehr involviert werden darf. Hat man sich dazu entschieden, etwas als Konflikt anzuerkennen, geht es darum, etwas Reines in diesem Konstrukt zu sehen. So können beispielsweise Konflikte in uns Energien aktivieren und mobilisieren, die wir sonst vielleicht nicht hätten. Sie können Anlass dafür sein, uns selbst mit anderen in Richtung Befreiung zu entwickeln und unsere buddhistischen Einsichten für unsere Umwelt Glück bringend wirksam werden zu lassen.

Unter wesensverwandten Menschen können viele Konfliktsituationen, die weniger aus sachlichen Gründen oder Interessendifferenzen entstehen, als aus geknautschten Ego-Gefühlen oder Missverständnissen schon einfach durch Humor bewältigt werden. Wenn man etwas komisch erklären oder darstellen kann und darüber andere zum Lachen bringt – dies natürlich nicht auf Kosten anderer – ist das einer der besten Beweise, dass man eigentlich über der Sache steht. Man ist respektlos beim Problem und respektvoll bei der Person. Auf diese Weise kann auch der Humor dazu beitragen, enge Konflikt-Systeme und deren Wahrnehmung zu relativieren oder die Konfliktsituation gar umzuwandeln. Denn Humor setzt einen querdenkerischen Perspektivenwechsel voraus und kann das sachliche Diskutieren eines Problems auf freudvolle Weise bereichern.

Transformieren wir einen Konflikt und seine Bedingungen in der Meditation durch reine Sicht, löst dies den Konflikt vielleicht nicht gleich auf der Ebene der relativen Wirklichkeit. Es bringt uns aber in die Situation zu verstehen, dass der Konflikt wirklich und unwirklich zugleich ist. Dadurch erlangen wir innerlich die Freiheit, auf der Basis geklärter Gedanken und Gefühle optimal nutzbringend zu handeln.
Auf praktischer Ebene erfolgt die Transformation von Konflikten durch eine klare Lösungsorientierung. Dazu muss vorerst die emotionale von der sachlichen Seite getrennt werden. Durch den Fokus auf die angestrebte Lösung werden mit dem Konflikt zusammenhängenden Emotionen und einengende Konzepte umgewandelt. Nach einem Perspektivenwechsel kann der anderen Konfliktpartei signalisiert werden, dass man bereit ist, die gegnerischen und eigenen Ziele und Anliegen gleichermaßen zu berücksichtigen.
Der Klügere gibt nach. Das mag in manchen Fällen stimmen. Der Welt dürfte man aber auch wünschen: Weisheit, Liebe und Freude mögen sich durchsetzen. Stehen wir vor den Alternativen „Nachgeben oder durchsetzen?“, geht es auch darum, zu entscheiden, für welche Werte man sich einsetzen möchte.

Konflikte und Befreiung

Buddhistisch gesehen ist alles, womit wir konfrontiert werden, auch daran zu messen, wie sehr es uns in unserem Leben weiterbringt, wie sehr es zu unserer Entwicklung zum Nutzen der Lebewesen beiträgt. Wenn wir aus einem Konflikt lernen und daraus mit verminderter Ego-Anhaftung, letztlich gestärkt und mitfühlend herausgehen, war es ein nützlicher Konflikt, wie auch immer er für uns ausgegangen ist. Und er hat unsere Einsicht und unsere Fähigkeiten, anderen mit unseren Taten zu nützen, erweitert. Vielleicht war seine konstruktive Bewältigung ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Befreiung. Irgendwann einmal Erleuchtung erlangend werden wir klar sehen, inwiefern dieser Konflikt, die Arbeit daran und unser Ringen um dessen Transformation und die höchste Sicht dazu beigetragen haben, jetzt hier zu sein. Hier auf einer Ebene der Erfahrung, für die Lama Ole Nydahl in seinem Buch ‚Wie die Dinge sind‘ folgende Worte findet: „Wo alle Erleuchtung des Raumes erfahren wird und man im vollen Einklang mit den Möglichkeiten der Wesen steht, drückt jede Tat, jedes Wort und jeder Gedanke sowohl bedingte als auch letztendliche Wahrheit aus und bringt dauerhaften Vorteil. Im Fluss des Geschehens frei empfangend und gebend, reitet man fröhlich den Tiger der augenblicklichen Einsicht.“

1 Zitat aus einem Vajragesang von Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye

BUDDHISMUS HEUTE

  1. Ralph von Muehldoerfer01-18-2014

    Poier scheint zu den westlich gebildeten und aufgeklärten Buddhisten zu gehören. Das was Sie da oben schreiben, ist zumindest bezogen auf Thailand vollkommen falsch. Die Buddhisten hier verdrängen Probleme grundsätzlich und so gründlich, dass man sie in der westlichen Welt überhaupt keine Vorstellung davon machen kann. Probleme existieren einfach nicht, Sie werden nicht erkannt und angefasst. Ich denke, es wäre zunächst einmal notwendig, genau zu definieren, wo sich Herr Poirer bildungsmäßig befindet, an statt ihn allgemein mit Buddhismus gleichzusetzen. Soche Buddisten gibt es in gesamt Thailand nicht und ich behaupte einfach, dass das für das gsamte Südost-Asien gilt.

    • Joachim01-18-2014

      Vielen Dank für Ihre Einschätzung. Religionen und Sichtweisen sind sicherlich stark mit der jeweiligen Kultur verbunden. Die Menschen setzen um, was ihnen je nach Erziehung und Bildung möglich ist.

      Was ich kritisch sehe, sind Verallgemeinerungen wie „Soche Buddisten gibt es in gesamt Thailand nicht und ich behaupte einfach, dass das für das gsamte Südost-Asien gilt.“. Zudem kann ich mich auch nicht erinnern, dass in dem Artikel Herr Poirer mit dem Buddhismus gleichgesetzt wird.

  2. Richard01-26-2015

    So sehr mich dieses Thema und die Sicht des Buddhismus auch interessiert.Ich habe nicht allzu viel mehr als die Überschriften gelesen. Ich finde das unnötig schwer herunter ziehend. Keine Leichtigkeit zu spüren, die einer Weisheit nun mal innewohnen sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mönch so schreiben würde, an einzelnen Dingen analysierend, sodass nicht zu spüren ist, wie von alleine alles gut werden kann.

    Ja, Konflikte führen wir in uns selber und tragen das dann nach außen und vor allem die Ansprüche des Ego verursachen Konflikte. Gerade der Kopfmensch denkt abkürzend und springend zwischen extremen Haltungen und Erwartungen. Sind wir bereit, dem anderen ein Mass an Akzeptanz und Wertschätzung zu geben, und bin ich bereit den Menschen hinter dem Ego zu erahnen und ihm auch Raum und Zeit zu geben, einen Kredit sozusagen? Alles kommt zurück. Investieren wir doch dort , wo sich Konflikte anbahnen … Es brauch keine Erleuchtung hierfür.

    LG Richard

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