Entspannt scheitern ist meines Erachtens eine Lebenskunst. Vielleicht heutzutage in einem besonderen Maße, weil uns die Werbung gerne die Botschaft von perfekten und erfolgreichen Menschen suggeriert. Entspannung und Scheitern klingen vielleicht zunächst unvereinbar, verbinden wir doch eher Ärger, Frust und Angst mit Fehltritten.

Natürlich stehen wir lieber als Gewinner und Experten da. Unser Ego ist gerne obenauf und fühlt sich schnell unwohl, sobald es in Frage gestellt wird. Allerdings prüft uns das Leben bekanntlich auf vielen Ebenen. Sei es, dass die erwartete Beförderung ausbleibt, der Partner das Interesse an uns verliert oder der eigene Körper mit zunehmendem Alter an Glanz verliert. Gerade wenn die Dinge mal nicht so wie gewünscht laufen, zeigt sich, wie gut es um unser Selbstbewusstsein bestellt ist.

Wovor haben wir Angst?

Was ist eigentlich so schlimm daran, mal nicht auf der Siegerstraße zu sein? Was macht das „Scheitern“ für uns so schwer verdaulich? Ist es der vorübergehende Kontrollverlust? Oder die Angst weniger gemocht zu werden?

Die Antworten darauf sind sicherlich individuell. Mir viel zunächst nur bei anderen auf, wie scheinbar unnachgiebig und streng sie mit sich umgingen, wenn die Dinge mal nicht nach Wunsch liefen. Irgendwann warf der Spiegel im Außen dann allerdings auch sein Licht auf mich und ich durfte mich fragen, warum ich stets versuchte, einen guten Eindruck zu wahren.

Was hat sich überhaupt gegenüber unserer Kindheit geändert? Wir haben Laufen gelernt. Wir haben Lesen gelernt. Obwohl der Boden manchmal hart war und die Anordnung der Buchstaben verwirrend schien, haben wir nicht aufgegeben. Natürlich werden wir heute weniger in den Arm genommen. Und auch die ermunternden Worte „Ich glaube an dich.“ fallen seltener.

Der größte Kritiker sind in der Regel allerdings wir. Hier liegt, zumindest für mich, ein großes Übungsfeld. Völlig überzogene Anforderungen erhöhen den Erfolgsdruck und lassen uns oftmals schon als Verlierer starten.

Veränderung beginnt mit dem ersten, ängstlichen Schritt

Persönlichkeit bedeutet nicht „Ich bin Abteilungsleiterin“ oder „Ich bin Schriftsteller“. Leben findet in jedem Moment statt. Es geht nicht nur darum, Dinge richtig zu machen, Erfolg zu haben und beliebt zu sein. Wir können zu jeder Zeit eine größere Bandbreite unserer Gefühle kennen lernen und diese in unsere Erfahrung einordnen.

Wenn wir uns auf den Weg der Veränderung begeben, stellen wir oftmals erst fest, was möglich ist und wer wir auch sein können. Schritt für Schritt lernen wir uns besser kennen und hoffentlich auch anzunehmen. In dem wir gehen, lernen wir dazu und spüren immer genauer, wohin wir gehen können. Dabei brauchen wir nicht immer „besser“ und „erfolgreicher“ zu werden. Vielmehr geht es aus meiner Sicht darum, sich und den eigenen Fähigkeiten zu begegnen.

Fehler als Scheitern anzusehen, beeinträchtigt lediglich unser Selbstwertgefühl. Schwierigkeiten als Rückmeldungen zu sehen, eröffnet dagegen neue Wege. Wenn etwas nicht funktioniert, versuchen wir halt etwas anderes. Natürlich gibt es auch Momente, in denen wir uns überfordert fühlen. Es wäre naiv, für alles eine Patentlösung haben zu wollen.

Der Widerstand sitzt in erster Linie in unserem Kopf. Bekommen wir ein bisschen Abstand zu unseren Ängsten, Vorstellungen und Selbstzweifeln, entsteht Raum, liebevoll über sich zu schmunzeln. Bewahren wir uns den Geschmack des Wunderbaren und wagen den nächsten kleinen Schritt, der uns mit neuen Erkenntnissen wachsen lässt. Lassen wir die Sucht nach Erfolg und Anerkennung einmal ein wenig außen vor und richten den Blick nach Innen.

Wir berauben uns viel Energie und Lebensqualität, wenn wir verbissen versuchen, Erfolge anzuhäufen. Erfolg macht vielleicht sexy. Doch Niederlagen können uns menschlich reifen lassen. Und das ist sicherlich genauso attraktiv.