Was empfinden Sie morgens auf dem Weg zur Arbeit? Gute Laune und Energie? Oder warten Sie bereits am Montagmorgen sehnsüchtig auf das Wochenende?

Tom Diesbrock arbeitet in Hamburg als Psychologe, Karrierecoach und Sachbuchautor. Sein Schwerpunkt ist im Laufe der Jahre die berufliche Neu-Orientierung geworden. Tom Diesbrock weiß worüber er spricht, denn in seiner Karriere hat er schon einige Stationen durchlaufen: Medizinstudium, kreativer Kopf eines Musikprojekts, verschiedene soziale Tätigkeiten sowie eine Anstellung als Redakteur bei einem Hamburger Magazin. Sein Buch „Ihr Pferd ist tot? Steigen Sie ab!“ wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

In jungen Jahren sind die Vorstellungen vom Berufsleben wohl eher naiver Natur. Zumindest war das bei mir der Fall. Mit dieser Wahl dann ein ganzes Arbeitsleben durchzuhalten, kann frustrierend sein. Was sind aus Ihrer Erfahrung untrügliche Kennzeichen, dass der jetzige Job ein Auslaufmodell ist?

So manchem wünsche ich etwas mehr Naivität! Denn das heißt ja, unverstellt und unerschrocken in alle Richtungen zu denken. Mich gruselt es, wenn ich höre, wie ganz junge Leute schon von „lückenlosen Lebensläufen“ sprechen und meinen, sie müssten vor allem alles richtig machen und dürften nur nicht anecken oder aus der Reihe tanzen. So werden sie schnell fachlich hochkompetent – aber ohne eigene Vision. So ist mit zwanzig die heftige Midlife Crisis schon vorprogrammiert. Leute, gönnt Euch ein bisschen Naivität!

Motivationsschwankungen und der gelegentliche Blues am Montagmorgen sind sicherlich normal. Wenn der Job aber den eigenen Werten nicht mehr entspricht und einfach keinen Sinn mehr macht, sollte man anfangen, sich Gedanken zu machen. Untrügliche Kennzeichen sind eine schleichende Unzufriedenheit über Monate oder gar Jahre, Niedergeschlagenheit und Energielosigkeit.

Und manche merken erst, dass sie ein totes Pferd reiten, wenn ihre Gesundheit nicht mehr mitspielt oder sie ihr Leben nicht mehr ohne den Rotwein am Abend ertragen.

In Ihrem aktuellen Buch „Butter bei die Fische“ beschreiben Sie die berufliche Neuorientierung als ein komplexeres Vorhaben. Was unterschätzen die meisten Menschen bei ihrem Wunsch nach Veränderung?

Wenn ich Menschen frage, die sich schon lange mit der Idee einer beruflichen Veränderung beschäftigen, was sie denn bisher dafür getan haben, höre ich oft „Ich habe nachgedacht – was soll man sonst tun?“. Sie grübeln und grübeln, und wundern sich, dass nichts dabei herauskommt. Ich frage dann gern, ob sie ihre Steuererklärung auch ausschließlich im Kopf erledigen.

Menschen unterschätzen die Komplexität des Projekts Neuorientierung! Unser Gehirn ist nicht dafür konstruiert, etwas so Kompliziertes durch Nachdenken allein zu bearbeiten. Es geht ja oft darum, auf neue Jobideen zu kommen. Wir brauchen unsere Kreativität – und die braucht Papier und Stifte. Und in der Regel stellen sich dabei innere Widerstände und Ängste in den Weg, die beim Grübeln ein leichtes Spiel mit uns haben.

Viele von uns haben beruflich mit Projektarbeit zu tun – und dabei ist es ganz selbstverständlich, mit Zeitplänen und Meilensteinen zu arbeiten und den Prozess konsequent zu visualisieren. Wer seine Neuorientierung als Projekt versteht und solche einfachen Basics anwendet, ist schon einen ganzen Schritt weiter!

Die Erkenntnis, dass der jetzige Job nicht mehr passt, ist lediglich ein erster Schritt. Danach fängt die Reise erst richtig an. Plötzlich stellen sich Fragen wie: Wohin will ich überhaupt? Was bereitet mir Freude? Wie kann ich noch mein Geld verdienen? Worauf achten Sie besonders, damit aus den Wünschen auch konkrete Vorhaben werden?

Aber diese Erkenntnis ist ein wichtiger Schritt! Trotzdem machen sich viele nicht auf die Reise – es gibt viele „gute Gründe“, einfach weiter das tote Pferd zu reiten…

Wenn sich jemand diese Fragen stellt, rate ich ihm, zuerst auf Interessen, Wünsche, Träume und die eigene Persönlichkeit zu schauen. Denn wenn jemand mit dem Alten nicht mehr zufrieden ist, braucht er ja neue Ideen, Antworten, Lösungen – und dafür muss er über seinen eigenen Tellerrand schauen.

Kann ich damit Geld verdienen? Bin ich nicht zu alt dafür? Habe ich die nötigen Kompetenzen? Diese Fragen sind natürlich auch wichtig, machen das Denken aber eng. Neue Ideen sind zarte Pflänzchen, die werden schnell ausgerissen und verworfen. Deshalb empfehle ich, erst einmal Job-Ideen zu erdenken und auszuformulieren. Wichtig sind Fragen wie „Wie könnte ich das umsetzen?“ und daraus einen gut bezahlten Job machen? Was müsste ich dafür tun?

Viele machen das anders: Da ist eine neue Idee, eine zarte Möglichkeit – und sie fragen sich sofort, ob das Sinn macht und realistisch ist. Das ist so, also würde man zwar sehnlichst auf den Frühling warten, dann aber die ersten Keime rausreißen, weil sie so klein und nicht lebensfähig aussehen.

 


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Zeiten des Umbruchs bieten Chancen, konfrontieren uns aber auch mit Ängsten und inneren Zweifeln. Ein sicherlich ganz natürlicher Vorgang. Schwierig wird es meist dann, wenn unser inneres Drama den gewünschten Berufswechsel ausbremst unser Handeln zum Erliegen kommt. Welche Möglichkeiten haben Sie, diesen Knoten zu entwirren?

Genau, das ist ganz normal. Aufbruch und Veränderung lösen bei den allermeisten Menschen innere Widerstände aus. Ohne kalte Füße geht es nun mal nicht. Das muss nicht unbedingt zu einem Drama führen, wenn man seine inneren Pappenheimer kennt und klug mit ihnen umgeht.

Dramatisch kann es werden, wenn dies zur Blockade führt – dann bringen Energielosigkeit, Aufschieberitis oder ein mentales Erstarren tatsächlich oft das Handeln zum Erliegen. Damit es gar nicht erst so weit kommt, empfehle ich grundsätzlich die Arbeit mit einer Bedenkenliste: Bevor man überhaupt anfängt, an seinem Job-Projekt zu arbeiten, sollte man ein Blatt für Bedenken, Widerstände und Ängste bereitlegen. Sobald sich etwas in den Weg stellt, wird es aufschreiben.

Man sollte diese Widersacher immer ernst nehmen und versuchen herauszufinden, was dahinter steckt. Wie gesagt: Ängste sind ganz normal im Prozess der Neuorientierung. Toxisch werden sie nur, wenn man sie unterdrückt und ignoriert oder gleich vor ihnen kapituliert.

Ist der Begriff Traumjob nicht ein wenig irreführend und verleitet, den einzig richtigen, wunderbaren für mich bestimmten Job zu finden?

Deshalb benutze ich diesen Begriff sehr ungern! Mich ärgert es, wenn Ratgeber und Autoren den einfachen Weg zu Traumjob und Berufung versprechen – als könne jeder ihn ganz leicht finden. Und wenn er dies nicht schafft, hat er eben selbst schuld, weil er es nur nicht genug will. Blödsinn!

Nachdem ich seit vielen Jahren mit veränderungswilligen Menschen arbeite, glaube ich nicht, dass es für jeden diesen einen Traumjob gibt. Oft steht die Idee eher im Weg! In einem meiner Bücher nenne ich diese Strategie Die Alternative zu meinem toten Pferd kann nur ein Rennpferd sein! – und wenn ich das nicht finde, bleibe ich lieber auf meinem toten Reittier sitzen…

Ich finde es großartig, zu träumen und seinen Traum zu verfolgen. Wenn der Traumjob dabei herauskommt – großartig! Wenn es aber ein Job ist, der mich einfach nur etwas glücklicher macht als der jetzige, ist das schon ein Erfolg.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie den Eindruck haben, Ihr Klienten bauen in Sachen Berufsplanung Luftschlösser?

Mit Luftschlössern habe ich keine Probleme. Gerade im ersten Schritt der Neuorientierung ermutige ich Menschen, auch mal das scheinbar Unmögliche zu denken. Für den kreativen Prozess ist das sehr befruchtend. Erst dann geht es darum, die konkrete Umsetzung zu planen. Stellt sich heraus, dass der Plan doch etwas zu ambitioniert war, rate ich dazu, nach „kleinen Geschwistern“ der Idee zu suchen.

Möchte jemand beispielsweise mit vierzig am liebsten Astronaut werden, sind die Aussichten wahrscheinlich nicht allzu gut, wenn man nicht gerade ein paar Millionen in der Portokasse hat. Aber er kann sich dann fragen, was genau ihn daran so sehr reizt – und dann, ob es nicht andere Felder gibt, in denen er damit arbeiten kann.

Manche Menschen neigen allerdings dazu, mit immer neuen Ideen zu kommen und keine davon wirklich zu verfolgen. So bleibt alles immer schön schwammig und luftig, und nichts wird konkret. Das ist eine sehr wirkungsvolle Vermeidungsstrategie!

Kommen auch Menschen zu Ihnen, die erwarten, dass Sie ein perfektes Karrieremodell für jeden Typ in der Schublade haben?

Die meisten Menschen, die zu mir kommen, haben schon ein Buch von mir gelesen und sich auf meiner Website umgeschaut – dann wissen sie, dass sie bei mir keine Instantlösungen bekommen. Und dass ich an die Existenz von „perfekten Karrieremodellen“ genauso wenig glaube wie an Ufos und das Sandmännchen.

Aber ich werde schon immer wieder gefragt, ob ich nicht sagen könne, ob eine berufliche Idee oder ein Traum realistisch ist. Oder ob jemand wirklich kann oder will, was er glaubt zu können oder zu wollen. Ich kann gut verstehen, dass Menschen die Sehnsucht haben, dass ihnen in dieser chaotischen und völlig unübersichtlichen Arbeitswelt jemand sagt, wo´s lang geht und was sie am besten tun sollten.

Aber die frustrierende Realität in meinen Augen ist: Diese Instanz gibt es nicht. Und wenn jemand vorgibt, dies zu wissen, sollte man ihm kein Geld geben, sondern laufen!

Wie kamen Sie zu Ihrer Berufung als Coach?

Mich ereilte kein göttlicher Ruf, und ich fühle mich wirklich nicht berufen. Ich mache meine Arbeit sehr, sehr gern – ich habe sie nur nicht über Nacht gefunden! Es war ein langer, kurviger, oft frustrierender Weg mit einer Menge Sackgassen. Ich hätte an einigen Stellen einen Coach gebrauchen können. Es waren viele kleine Schritte und Entscheidungen – und ich habe oft gekniffen, hatte nicht selten kalte Füße und hatte bestimmt eine Menge Glück, dass ich heute da bin, wo ich bin.

Ich liebe den Satz des Dalai Lama: “Die eigentlichen Geheimnisse auf dem Weg zum Glück sind Entschlossenheit, Anstrengung und Zeit”. Das gilt wohl auch für die berufliche Orientierung.

Was fällt Ihnen zu den Worten von Frank Wilczek ein? „Wenn du keine Fehler machst, dann sind die Probleme, an denen du arbeitest nicht schwierig genug. Und das ist ein großer Fehler.“

Sehr klug! Wenn wir immer schön in unserer Komfortzone bleiben und nach Schätzen nur in unserem Vorgarten buddeln, kann nicht allzu viel schief gehen. Aber ich gehe lieber an einem Fehler zugrunde als an Langeweile.

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Nicht auf jede Frage eine Antwort haben zu müssen :-)

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