Was sind die Grundlagen unseres Menschseins? Wo suchen wir unser Glück und was versprechen wir uns davon? Fragen, die uns fordern und denen wir gerne ausweichen.

Katharina Ohana hat in Frankfurt und Berlin Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte studiert.
Sie arbeitet als psychologische Beraterin, Moderatorin für verschiedene Fernsehsendungen und hat 3 Bücher zum Thema Selbstwertgefühl und Selbstentwicklung geschrieben. Zurzeit promoviert Katharina Ohana an der Sigmund Freud Universität in Wien über das Thema Willensfreiheit.

Wie entsteht unser Selbstbild und warum halten wir so gerne daran fest? 

Das Selbstbild und dazugehörige Selbstwertgefühl ist der Kern unserer Psyche. Es dient unserem Überleben in der Gruppe. Wir Menschen sind Gruppenwesen und wir brauchen die Gruppe zum Überleben. Deshalb wollen und brauchen wir einen guten, sicheren Platz in dieser Gruppe (Familie, Gesellschaft) und dieses Gefühl von unserer Zugehörigkeit bzw. „Wichtigkeit“ in unserer Gruppe zeigt sich als Selbstwertgefühl und Selbstbild. Deshalb ist es uns so wichtig, was andere von uns denken.

Welchen Einfluss übt die Erziehung auf unser Selbstbewusstsein aus?

Das Selbstbild und Wertgefühl entsteht in unserer Kindheit, unserer ersten Gruppe: Der Familie. Hier bekommen wir unserer Rolle, unseren Platz zugewiesen, werden geprägt. Entweder ist es uns erlaubt mit unseren Veranlagungen dort anerkannt groß zu werden. Oder wir sind nicht gewollt. Oder wir sollen eine bestimmte Rolle einnehmen (Lebenssinn der Eltern sein, ihre Hoffnung, ihre psychische Stütze, die Familienwerte weiter tragen, Leistungsträger sein, etc.) Dann haben wir immer das Gefühl, so wie wir sind, sind wir nicht richtig. Und das nehmen wir dann als Erwachsene mit hinaus in die Welt und alle anderen Gruppen (Büro, Sportmannschaft, Liebesbeziehung, etc.).

Es gibt ja immer den Vorwurf an die Psychologie und die Psychotherapien, alles auf die Kindheit zu schieben. Aber leider entspricht das der Wahrheit, denn erst nach der Geburt verknüpfen sich unsere Neuronen im Hirn und das auch nur durch die soziale Interaktion mit unseren Schutzpersonen d.h. Eltern. Wir Menschen sind deswegen weit weniger unseren angeborenen Instinkten ausgeliefert und sehr anpassungsfähig (was uns in der Evolution den entscheidenden Vorteil gegeben hat). Aber wenn unsere erste Gruppe sozial ne Macke hat, tragen wir das leider auch immer weiter mit uns rum. Wichtig ist ja ein Gleichgewicht zwischen Selbstverwirklichung und Bindung zu den anderen. So bringt der einzelne die Gruppe optimal voran und wird gleichzeitig geschützt. Aber in vielen Familien herrscht dieses Gleichgewicht nicht.

Wenn es im Leben mal nicht so gut läuft, spüren wir, wie gut es um unser Selbstbewusstsein bestellt ist. Warum sind es oft die schwierigen Situationen im Leben, die uns reifen lassen?

Krisen können IMMER dazu benutzt werden psychisch, charakterlich zu reifen. Denn nur in extremen emotionalen Situationen haben wir die Möglichkeit etwas zu ändern. Das Gehirn verbraucht in unserem Stoffwechsel die meiste Energie (40%) und wenn es neue neuronale Strukturen ausbilden soll wird das energetisch „noch teurer“. Deshalb benutzt unser Hirn lieber die eingeschliffenen Wege (häufig benutzte neuronale Verknüpfungen und Handlungsabläufe): Es ändert sich nur, baut nur neue neuronale Verbindungen und Handlungsweisen aus, wenn es muss.

Und das geschieht in Krisen, denn hier ist unser Selbstwertgefühl, unsere Existenz bedroht. Starke Emotionen, neue Erfahrungen verändern das bisherige unbewusste emotionale Gleichgewicht des Alltags, was häufig aus „faulen Kompromissen“ besteht: Man hat sich so eingerichtet, aber ist nicht wirklich glücklich, doch es funktioniert und braucht wenig Energie. Selbstverwirklichung wird dabei oft zugunsten von Konventionen zurück gestellt, weil man Angst hat, was passiert, wenn man aus dem gängigen Wertekanon der Gruppe raus fällt. „Ich fahr doch einen Porsche, ich bin doch ein toller Typ, was soll ich daran ändern? Dumm nur, dass ich keine Frau finde, die mich wirklich liebt. Aber die Richtige wird schon kommen und die beeindrucke ich dann mit meinem Auto und dann liebt sie mich aber trotzdem für meine inneren Werte…“.

Das ohnehin schwache Selbstwertgefühl stützt sich mit den offiziellen Werten ab. Nur Krisen können hier wirklich was ändern, uns unabhänger von diesen offiziellen Werten machen. In Krisen merken wir unsere Stärke und die Scheinheiligkeit der Gruppe, in die wir bisher gehörten, von der wir bisher Anerkennung erwartet haben, oft ohne sie wirklich zu bekommen.

Lange Zeit war ich der Auffassung, persönliche Probleme vor allem durch intellektuelle Einsicht lösen zu können. Im Nachhinein betrachtet war das naiv. Aus welchem Grund ist neben der Erkenntnis auch die Verarbeitung der Gefühle von entscheidender Bedeutung? Und vielleicht noch wichtiger: Was beinhaltet dieses „verarbeiten“?

Wir haben überhaupt keine „reine Rationalität“. Das hat die Hirnforschung längst bewiesen. Wir können nur verschiedene Emotionen abwägen. Doch viele bedrohliche, infragestellende Gefühle sind uns gar nicht bewusst und können somit gar nicht abgewogen werden. Selbst ob 2 + 2 = 4 ergibt ist ein Gefühl (Logik ist das Gefühl von richtig oder falsch).

Wir sind in unserer westlchen abendländischen Tradition seit Descartes und dem Mittelalter gewohnt, Vernunft/Verstand und Gefühl zu trennen – was vollkommener Blödsinn ist. Mittlerweile setzt sich diese Tatsache zum Glück langsam im Allgemeinwissen durch. Trotzdem richtet der „harte Rationalismus“ immer noch genug Schaden an. Das kommt von unserer christlichen Kultur mit ihrer „büßenden Härte“, mit ihrer „Sklavenmoral“, wie Nietzsche sagte. Harte, emotionslose Arbeit wurde zum höchsten Prinzip und dann zum kapitalistischen Wert. Frauen wurden als emotionale Wesen abgewertet. Genau solche Scheinheiligkeiten können wir in Krisen durchschauen und uns von ihnen abwenden.

Wir sind nämlich viel fleißiger, ohne dass wir es überhaupt als solches bemerken, wenn wir das Gefühl von Spaß und Erfüllung (den sogenannten „Flow“) bei der Arbeit haben. Durststrecken gibt es auch da, aber wir haben dann mit unserem Wertgefühl, die Bestätigung trotzdem das Richtige zu machen.

Ein schwaches Selbstwertgefühl führt häufig dazu, den eigenen Wert durch äußere Dinge zu erhöhen. So wenden die meisten viel Energie für Reichtum, Ansehen und Status auf, um besser dazustehen. Gibt es in deinen Augen eine Möglichkeit, diesen Kreislauf bei sich zu erkennen und zu durchbrechen?

Gerade schwache Selbstwertgefühle erwarten viel Anerkennung von außen. Doch nur tiefe, echte Zuwendung von anderen Menschen können das Selbstwertgefühl stärken oder heilen lassen, den Mangel aus der Kindheit wieder gut machen. Das stellt z.B. Therapie „künstlich“ her: In der Beziehung zum Therapeuten, der Anteil nimmt und emotional beschützt, kann in einer bestimmten Zeit das Selbstwertgefühl heilen, falsche Orientierung an falschen Werten entmachtet werden. Wenn wir uns bewusst anderen, weniger „äußerlichen“ Menschen und Dingen zuwenden, machen wir oft die Erfahrung, dass dort mehr Menschlichkeit herrscht, die Menschen wirklich gesehen werden. Doch Schönheit und Reichtum sind so verführerisch, weil uns unsere Medienwelt dauerhaft und ständig erzählt damit wäre wirkliches Glück, wirkliche Anerkennung zu finden.

Es gibt ja Menschen, die sind schön oder werden reich und sind trotzdem sehr unglücklich und suchen immer weiter. Sie fühlen, dass sie wegen ihres Geldes oder ihres Äußeren nur benutzt werden, für die schwachen Selbstwertgefühle aller anderen. Und so klammern sich alle aneinander fest, um ja nicht den Schmerz dahinter zu sehen und die Sehnsucht, der sie oft ohnmächtig gegenüberstehen. Und nichts ist für uns Menschen so schwer zu ertragen, als Ohnmacht. Schon als Kinder versuchen wir gegen die schlechten emotionalen Verhältnisse in der Familie anzukämpfen, uns besser zu machen, obwohl das natürlich völlig sinnlos ist und Kinder damit völlig überfordert sind. Nur wer sich wirklich emotional auf Menschen einlässt, findet da raus und stößt gleichzeitig auf Ängste, Wut und Schmerz aus der Vergangenheit.

 


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Unangenehmen Gefühlen wird zunächst gerne aus dem Weg gegangen. Noch unangenehmer ist allerdings, dass durch diese Vermeidungstaktik keine Probleme gelöst werden. Warum ist es selbst für erwachsene Menschen ein schwieriger Prozess, sich den eigenen Ängsten und Zweifeln zu stellen?

Die Trauer über die Lieblosigkeit unserer Eltern, die dazu verpflichtet waren uns zu lieben, wie wir sind, es aber nicht taten, lässt uns auch später in der Gesellschafft immer weiter nach äußerlichen Verbesserungen streben oder Probleme verdrängen. Die alten Ängste und Verzweiflung beherrscht unsere Psyche. Wir verhalten uns immer noch wie Kinder, die keine Verantwortung für sich und das eigene Leben übernehmen, weil wir es nicht akzeptieren wollen, dass uns die Defizite aus der Vergangenheit nie wieder gut gemacht werden.

Wir erwarten von anderen (Partnern, Gesellschaft) die Zuwendung und Fürsorge, die wir nie hatten. Sie sollen unsere Probleme lösen. Denn die Außenwelt war ja in unserer Kindheit auch dafür verantwortlich, dass wir heute Probleme haben, immer noch so schwach sind. Leider müssen wir auf die Wiedergutmachung verzichten, wollen wir nicht auch noch den Rest unseres Lebens verlieren. Wir müssen Trauern und Ängste annehmen und uns (das Kind in uns) selbst schützen und zu seinem Recht verhelfen. Nur wir können den verletzten und enttäuschten Anteilen in uns das verschaffen, was uns zusteht. Und dazu müssen wir als Erwachsene für unsere Rechte kämpfen.

Was hat dich dazu bewogen, Philosophie und Psychoanalyse zu studieren?

Ich hatte eine sehr unglückliche Kindheit. Meine Mutter war Borderlinerin. Ich habe mein erstes Buch darüber geschrieben: „Ich, Rabentochter.“ Und es ging mir mit Anfang zwanzig sehr schlecht, ich hatte schlimme Depressionen. Durch eine sehr lange Psychoanalyse und durch mein Studium hab ich viele Antworten gefunden und einen Ausweg. Aber ich bin auch immer noch auf dem „Weg der Reife“. Das hört nie auf.

Alles was ich verstehe und selbst bewältige, beschreibe ich dann in meinen Büchern. Im Herbst erscheint das nächste, was sich mit Paarbeziehungen auseinander setzt: „Mr. Right. Von der Kunst den Richtigen zu finden. Und zu behalten.“ (Gilt aber auch für die Suche nach Mrs. Right….) Gerade promoviere ich an der Sigmund Freud Uni in Wien über das Thema Willensfreiheit: Wie können wir uns willentlich selbst verändern? Es ist meine Lebensaufgabe und mein Beruf geworden, Antworten zu finden auf die typischen menschlichen Fragen.

Wann hast du das Schreiben entdeckt?

Das Schreiben des ersten Buches kam durch meine geniale Schauspiellehrerin Inge Langen zu stande, die das Skript dann auch zum Verlag geschickt hat. Ich hatte bei ihr Unterricht für meine Fernsehauftritte und sie wusste, wie befreiend das Schreiben sein kann. Es macht die Erlebnisse und Gefühle greifbar, wenn man sie schwarz auf weiß vor sich stehen hat. Und da das erste Buch ein Erfolg war, weil es so vielen Menschen geholfen hat selbst einen Ausweg zu finden, hab ich weiter gemacht.

Was fällt dir zu den Worten von Marcel Proust ein? „Wir empfangen die Weisheit nicht. Wir müssen sie für uns selbst entdecken im Verlauf der Reise, die niemand für uns unternehmen oder uns ersparen kann.“

Das Proust-Zitat ist sehr richtig. Weisheit, Wahrheit und Selbstwert, gesunde psychische Reife – all das ist eigentlich eins und entsteht durch unserer Erfahrungen und wir haben jeden Tag (im Büro, in der Familie, mit Freunden, selbst beim Einparken oder Einkaufen) die Möglichkeit Weisheit zu gewinnen, wenn wir unsere Ängste, unsere Wut, unsere Sehnsüchte akzeptieren und Probleme angehen und schauen, wo wir uns noch selbst bescheißen aus Angst vor Schmerz und Abwertung.

Was ist dir im Leben wichtig?

Die Liebe. Gesundheit (niemals als Floskel, denn Krankheit macht jede andere Erfahrung unmöglich, hab ich leider auch schon erfahren müssen). Selbstverwirklichung. Gerechtigkeit ist gerade auch so ein Thema, mit dem ich mich auseinander setze: Wie weit sind wir schuldig, wenn wir uns unserem Mist aus der Vergangenheit nicht stellen und andere (allen voran Kinder) damit quälen? Wie weit können Menschen auch im Alltag für ihre Schwächen zur Verantwortung gezogen werden und wie weit kann man sie verpflichten und ihnen helfen stark zu werden?

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