Herzensangelegenheiten

Marei Kiele – Herzensangelegenheiten

Niemand weiß, was er kann, bevor er es versucht. Doch manchmal im Leben wissen wir noch nicht einmal was wir möchten. Spätestens dann wird es Zeit, nach Innen zu schauen und zu spüren, was wirklich zählt.

Marei Kiele beschäftigt sich seit langem damit, was Menschen bewegt und ihnen gut tut. Zuerst hat sie Ernährungsökonomie studiert und war mehrere Jahre im Produktmanagement eines Großkonzerns tätig. Seit 2003 ist sie aktiv in den Bereichen Training und Coaching mit einzelnen Menschen, Teams und großen Gruppen. Marei Kiele folgt dabei Ihrer Mission, zu einem freudvollen Zusammenleben und Zusammenarbeiten beizutragen. Ihre mehrjährigen Trainer-, Moderations- und Coaching-Ausbildungen hat sie in Deutschland und den USA absolviert.

Die eigenen Fähigkeiten wahrzunehmen und wertzuschätzen sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einem gesunden Selbstwertgefühl. Doch was wir können, schätzen wir leider oftmals geringer als die Fähigkeiten unserer Mitmenschen. Welche Möglichkeiten haben wir, unseren Reichtum ins rechte Licht zu rücken?

Das finde ich eine schöne Frage. Wobei es nicht allen Menschen so geht. In letzter Zeit habe ich den Eindruck, es gibt zweierlei Arten, wie Menschen sich verhalten. Die einen neigen eher dazu, sich kleiner zu machen, als sie sind. Die anderen neigen eher dazu, sich zu überschätzen und Fehler in ihrer Umwelt zu finden. Beides ist meines Erachtens ein Zeichen dafür, dass wir mit uns, dem Leben und den anderen Menschen noch nicht ins Reine gekommen sind.

Für Menschen, die zu Selbstzweifeln neigen (mich eingeschlossen) gefällt mir folgendes „Gebet“, das auch für nicht-religiöse Menschen geeignet ist: „Lieber Gott, hilf mir die Wahrheit über mich zu glauben, egal wie wundervoll sie ist.“

Um unseren Reichtum ins rechte Licht rücken zu können, brauchen wir liebevolle Augen – eigene liebevolle Augen und liebevolle Augen von Menschen um uns herum. Die gute Nachricht: Diese Art des Schauens lässt sich lernen.

Vielen Menschen fällt es schwer, sich abzugrenzen. Beim Versuch nett zu sein, verlieren Sie dann allerdings ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen. Warum fällt es oftmals so schwer, ein klares Nein zu formulieren?

Ich glaube, die Motivation für jedes Verhalten ist, unsere eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Also auch beim „nett sein“.

Wir haben viele Bedürfnisse gleichzeitig, die wir zu erfüllen suchen. Jedes menschliche Verhalten ist ein mehr oder weniger gelungener Versuch, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.

Zum Beispiel haben wir als Menschen ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Habe ich (häufig als Kind) gelernt, dass ich (in meiner Familie) nur dann dazu gehöre, wenn ich nett bin, mache ich das immer weiter. Dabei komme ich aber meinen anderen Bedürfnissen nicht nach, z.B. nach Wahrhaftigkeit und Autonomie, die ich mit einem klaren „Nein“ erfüllen würde. Und letztlich erfülle ich noch nicht mal mein Bedürfnis nach echter Zugehörigkeit. „Nett“ ist häufig unecht – und etwas anderes als wahrhaftig liebevoll zu sein.

Die Kunst des gelingenden Lebens liegt für mich darin, Verhaltensweisen zu entwickeln, mit denen wir all unseren Bedürfnissen gerecht werden. Dazu gehört auch das Bedürfnis, am Wohlergehen unserer Mitmenschen mitzuwirken. Das ist äußerst erfüllend.

Unsere Leistungsgesellschaft bringt uns von klein auf bei, uns zu vergleichen und im Wettbewerb miteinander zu stehen. Wir lernen früh, dass es nicht für alle reicht, es entweder uns gut geht oder dem anderen. Das alte Verständnis der Darwinschen These vom „survival of the fittest“ = Überlebens des Stärkeren nährt diesen Mythos. Eine modernere Sicht der Evolutionsbiologie ist, dass diejenigen Arten gedeihen, die sich besonders gut unterstützen = „survival of the most cooperative“.

Mich interessiert, wie wir als Menschen eine Form des Zusammenlebens entwickeln, die kooperativ ist. D. h. bei der jedem Menschen klar ist, dass das eigene Wohlergehen mit dem Wohlergehen der anderen verbunden ist und mit der Erde, auf der wir leben. Bei der wir aus dem „entweder du oder ich“- Denken herauskommen und ein echtes Miteinander finden.

Dazu braucht es neue Bewusstseins-„Technologien“ – Methoden wie Open Space Technology, Genuine Contact® und viele andere mehr, die ich in den letzten Jahren gelernt habe und in meiner Arbeit anwende. Wir schreiben ja auch nicht mehr auf der Schreibmaschine und erwarten dann, dass dabei eine Email rauskommt. Wir brauchen in unserem Bewusstsein und unserer Arbeitsweise genauso ein Update wie im Büro.

Was beinhalten die Methoden „Open Space“ und „Genuine Contact“ und aus welchem Grund wenden Sie sie gerne an?

Beide Ansätze setzen Kreativität frei und ermöglichen Wahrhaftigkeit, Freiheit und ein lebendiges Miteinander. Sie gehen davon aus, dass alle Ressourcen in den Menschen selbst enthalten sind, fördern die Übernahme von Verantwortung und bewirken nachhaltige Aktivitäten.

Open Space ist für mich wie die Überraschungsei-Werbung: Spiel, Spaß und Schokolade. Diese Methode bringt schnelle, kreative Lösungen für komplexe Probleme, die kleine oder große Gruppen betreffen und bewirkt ganz nebenbei Team- und Persönlichkeitsentwicklung.

„Ich habe nicht gewusst, dass das in uns steckt,“ hört man z. B. am Ende solcher Veranstaltungen. Neue Ideen tauchen auf, die von den Teilnehmenden selbst umgesetzt werden. Die Augen der Menschen leuchten, während sie das tun, was sie wirklich interessiert. Und das „Gesetz der zwei Füße“ sorgt dafür, dass alle zu jeder Zeit am richtigen Ort sind.

Von Open Space kam ich zu „Genuine Contact“ – das ist gleichermaßen eine Haltung, ein Trainingsprogramm und ein Füllhorn ganzheitlicher Prozesse, die zu echtem wertschätzenden Kontakt führen: Mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit dem, was uns wirklich wichtig ist.

Wenn wir uns auf diese Weise begegnen, findet natürliche Teambildung statt, jenseits klassischer „Teambuilding-Maßnahmen“. Menschen verabreden sich zu einem gemeinsamen Anliegen, einigen sich auf gemeinsame Werte, entwickeln eine gemeinsame Vision, lernen wertschätzend miteinander zu kommunizieren und gestalten dann gemeinsam das, was ihnen wirklich wichtig ist. Das hat eine ganz besondere Kraft.

Wie schaffen wir es, unseren Herzensangelegenheiten auf die Spur zu kommen?

Für mich ist der erste Schritt, und vielleicht der wichtigste, das Finden unserer Herzensangelegenheit zu unserer Priorität zu machen. Ute Lauterbach, eine zeitgenössische Philosophin, spricht in ihrem Vortrag „Endlich schuldig, endlich frei“ darüber, dass wir uns immer schuldig machen. Entweder, weil wir nicht mehr die lieben Kinder unserer Eltern sind. Oder weil wir an uns selber schuldig werden und es verpassen, die zu werden, die wir wirklich sind.

Es beginnt also mit einer Entscheidung und Ausrichtung auf dieses Ziel. Das, worauf ich mich ausrichte, das zieht mich an. Und dann bekomme ich von meiner inneren Stimme jederzeit Informationen, die mich meinem Ziel näher bringen. Unsere Intuition ist dabei wie ein Navigationsgerät im Auto.

Wenn wir als Ziel „meine Herzensangelegenheit“ eingeben, dann sagt unsere innere Stimme kontinuierlich „jetzt hier abbiegen, dort geradeaus“ usw. Sie sagt uns nicht die gesamte Route, aber immer wieder den nächsten Schritt. Wir können unsere Wahrnehmungsfähigkeit für diese innere Stimme entwickeln. Das ist eine der Fähigkeiten, die Teilnehmende in meinen Coachings oder Workshops in sich entdecken.

Es geht im Leben nicht darum, dem Pfad irgendeines anderen erfolgreichen Menschen zu folgen, sondern den ganz eigenen zu gehen. Jeder Mensch ist einzigartig. Und wird nur glücklich, wenn er bzw. sie ihre bzw. seine ganz persönliche Wahrheit lebt.

Was beinhaltet für Sie ein authentisches Leben?

Authentisch sein heißt für mich im Flow sein. Mein Denken, Fühlen und Sprechen stimmen überein, mein Handeln wird leicht. Das können die anderen spüren. Deshalb fühlen wir uns in Gegenwart authentischer Menschen wohl. Da können wir vertrauen, uns darauf verlassen, dass alles aus einem Guss ist.

In meinem „ersten Leben“ (bis 2001) war ich so verunsichert, dass ich mich sehr nach außen orientiert habe. Mit verschiedenen Menschen und Freunden war ich ein unterschiedlicher Mensch. In meiner Jugend konnte ich nur schwer mit verschiedenen Freunden gleichzeitig zusammen sein, weil ich mit jedem ein bisschen anders war. Im Hintergrund lief immer das Programm: „Wie willst du mich haben?“ Und das habe ich dann zu erfüllen versucht, sowohl privat als auch später im Beruf. Das war natürlich unendlich anstrengend…

2002 hab ich dann an einem Wendepunkt meines Lebens entschieden, „entweder finde ich heraus, wie ich authentisch leben kann, oder es lohnt sich nicht, überhaupt hier zu sein“.

Das war der Beginn einer langen, bis heute andauernden wundervollen Reise.

Ach, noch eines dazu: Authentisch leben ist für mich die Voraussetzung, damit wir uns selber lieben können. Wir spüren, wenn unser Leben nicht echt ist, wenn es nicht stimmt. Dann gibt es einen immer stärker werdenden Impuls von innen, das zu verändern. Wenn wir diesem Impuls nicht folgen, schaden wir uns selbst. Das kann bis zu körperlichen Krankheiten oder zum Burnout führen.

Wie wichtig ist, die volle Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen?

Verantwortung hat in unserer deutschen Welt so eine Schwere. „Wer hat das zu verantworten?!“ Oft hören wir dieses Wort so, als wäre die eigentliche Frage: „Wer hat Schuld?“ Und natürlich will niemand schuld sein.

Auf Englisch heißt es „responsibility“, also die Fähigkeit zur Antwort. Wenn wir Verantwortung so verstehen, wird sie viel attraktiver. Wenn ich die volle Verantwortung für mein Handeln übernehme, so erlange ich die Fähigkeit, meiner Umwelt eine Antwort zu geben.

Ich erkenne an, dass ich selbst die Quelle meiner Erfahrungen bin. Was ich denke, fühle und tue, bewirkt wie ich die Welt erlebe. Wenn wir das wissen, versuchen wir nicht mehr, die anderen Menschen zu ändern, sondern lernen uns so zu verhalten, dass wir andere Ergebnisse bewirken.

Welche Vorgehensweisen empfehlen Sie, um bewusster und achtsamer zu leben?

Konzentration auf das Wesentliche – die Gegenwart bewusster und achtsamer Menschen suchen und von diesen lernen – immer wieder die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt richten – Atmen – berührbar sein, das Herz öffnen – körperliche Zuwendung, Nähe, Umarmungen – alle Gefühle fühlen, die zum Leben gehören, incl. Wut, Traurigkeit, Angst… – und möglichst viel lachen, mit anderen und über sich selbst :-)

Was hat Sie motiviert, Ihre Arbeit als Produktmanagerin aufzugeben und als Coach zu arbeiten?

Irgendwann stand ich in einem Supermarkt, sah die Regale voller Produkte und dachte: „Die Welt braucht keine neue Sorte Pudding. Die Welt braucht etwas anderes. Und ich auch.“

Mich haben schon immer menschliche Bedürfnisse interessiert. Erst auf der körperlichen Ebene, dann psychisch und emotional, dann spirituell – und nun geht es mir darum, alle Ebenen zu vereinen und ganzheitlich zu arbeiten.

Wir leben oft in dem Gefühl „nicht genug zu haben“ und versuchen, immer mehr zu bekommen: Mehr Erfolg, Geld, Schönheit, Anerkennung… doch es reicht nie. Ich glaube, das liegt daran, dass wir häufig nach etwas suchen, was wir gar nicht brauchen. Das ist wie Kaugummi kauen gegen Hunger. Davon werden wir nie satt.

Im Buch der australischen Sterbebegleiterin Bronnie Ware „5 Dinge, die Sterbende am meisten bedauern“, beschreibt sie, was für die meisten Menschen am Ende ihres Lebens wesentlich ist. An erster Stelle steht: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“. Mich macht es glücklich, andere Menschen dabei zu unterstützen, jetzt ihr eigenes Leben zu leben.

Welche Gedanken verbinden Sie mit den Worten von Virginia Satir? „Zu wissen, dass Veränderung möglich ist, und der Wunsch, Veränderungen vorzunehmen, dies sind zwei große erste Schritte.“

Ich kann mich diesen Gedanken voll anschließen und… mag sie leicht variieren. Denn das Wort „Veränderung“ bewirkt in unserem Denken oft die Ablehnung des Bestehenden. Etwas muss sich ändern = es ist falsch.

Ich habe z.B. lange gedacht, ich müsste mich verändern, damit ich endlich „okay“ bin. Damit habe ich mir automatisch gesagt, „so wie ich jetzt bin, bin ich nicht okay“. John Ruskan hat das sehr schön ausgedrückt in dem Satz „der Wunsch nach Veränderung ist die subtile Form der Selbstablehnung“.

Was ich lieber mag als das Wort Veränderung ist das Wort Entwicklung. Und so würde ich formulieren: „Zu wissen, dass Entwicklung möglich ist, und der Wunsch, uns zu entwickeln, dies sind zwei große erste Schritte.“

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Ich möchte am Ende meines Lebens mit einem Lächeln gehen und sagen: „Das war gut! Ich hab ehrlich gelebt. Ich hab alles gemacht, was ich mir wirklich gewünscht habe. Ich habe dazu beigetragen, dass wir Menschen liebevoller und würdevoller miteinander umgehen. Dass menschliches Wohlergehen, das Gedeihen unserer Erde und wirtschaftlicher Erfolg kein Widerspruch mehr scheint, sondern deutlich wurde, wie sie zusammen gehören. Und ich habe aus vollem Herzen geliebt, geweint und gelacht.“

Marei Kiele

www.opening-space.de
www.genuinecontact.de

About the Author

Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. Nadja06-08-2013

    Danke, ein sehr rundes Gespräch. Der Satz „Die Welt braucht keine neue Sorte Pudding“ bleibt jetzt in meinem Kopf!
    Nadja

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