Der Artikel stammt von Katharina Ohana (Gastautorinnen) und ist ein Auszug aus ihrem Buch „Gestatten: ICH: Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ erschienen im Gütersloher Verlagshaus/Random House. © Katharina Ohana

Die meisten Menschen zweifeln durchaus an der Vernunft der anderen, aber selten an ihrer eigenen. Mittlerweile hat die moderne Gehirnforschung immerhin zweifelsfrei bewiesen, wofür Sigmund Freud noch ausgelacht oder beschimpft wurde: Unsere Vernunft mischt sich in unsere Entscheidungen nur wenig ein. Der größte Teil unserer Handlungen wird von abgespeicherten Erfahrungsmustern und Gefühlen bestimmt, die uns in unserer Kindheit widerfahren sind. Besonders unsere Eltern beeinflussen mit ihrer Art von Liebe, ihrem Verhalten und ihrer Weltsicht für den Rest unseres Lebens unser Denken und Fühlen – und wir merken diese Fremdbestimmung nicht einmal. Unser Bewusstsein täuscht uns Freiheit und Selbstbestimmung vor, dabei strebt unser Unterbewusstsein immer nur nach Zuwendung und Bestätigung. Denn unsere Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung ist die Grundlage unseres Menschseins.

Der Mensch ist ein soziales Wesen und die Liebe in all ihren Varianten ist die Anziehungskraft zwischen den Menschen. Sie ist der Kitt jeder Gemeinschaft und lehrt uns unseren Wert: Es ist uns so wichtig, was andere von uns denken, weil wir ihre Zuwendung und Anerkennung, ihre Liebe für unser Überleben brauchen.

Unser Selbstwertgefühl ist der Spiegel erfahrener Liebe und Zuwendung. Und es ist der Schlüssel zu unserer geistigen und körperlichen Gesundheit, unserem Glück. Wenn wir um unsere Stärken wissen, unseren Wert kennen, ist unser Selbstwertgefühl stabil und nicht so schnell angreifbar; denken wir aber, wir müssten „besser“ sein, um geliebt zu werden, um ein anerkanntes Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, haben wir ein schlechtes Selbstwertgefühl und empfinden uns als minderwertig. Wir versuchen Dinge zu tun und zu besitzen, die als „gut“ gelten und uns liebenswerter und wertvoller machen sollen. Wir versuchen angepasst zu sein oder reich zu werden, machen Überstunden oder gehen ins Fitnessstudio – und hoffen auf den Lohn der Anerkennung und Bewunderung. Oder wir versuchen es mit Tricks: Wir schreiben die Hausaufgaben ab, stellen falsche Fotos von uns in die Partnerbörsen des Internets und leihen uns einen Porsche.

Auch altruistisches Verhalten verschafft uns Bestätigung: Die Liebe, die wir geben, festigt unsere Position in der Gruppe und stärkt ihren Zusammenhalt. Wir unterdrücken unsere Bedürfnisse zu Gunsten anderer Gruppenmitglieder und erhoffen uns durch unsere Selbstbeherrschung den langfristig größeren Erfolg – für uns selbst. Dazu müssen wir lernen mit Frustrationen umzugehen. Und wenn wir häufig auf die Befriedigung unserer Bedürfnisse, auf Aufmerksamkeit und Zuwendung verzichten und trotzdem nicht beachtet werden, entsteht aus der Frustration Aggression. Diese Wut, als Negativ der Liebe, gefährdet aber unseren Erfolg in der Gemeinschaft: Wir sind auf die wütend, von denen wir Zuwendung erwarten und sie nicht bekommen.

Unser Wertgefühl und unser Verhalten gestaltet sich somit zwischen Bedürfnisbefriedigung und Bedürfnisunterdrückung, zwischen Selbstbehauptung und Empathie, der Sehnsucht nach Liebe und ihrer Macht über unser Glück.

Liebe ist kein zufälliger Überschuss der Evolution, sondern die Motivation hinter all unserem Handeln. Sie lässt uns im optimalen Fall das Leben als wertvoll erscheinen: Wirkliche, erfüllende gegenseitige Wertschätzung, als tiefes Gefühl der Anerkennung und der sozialen Verbundenheit gibt unserem Leben Sinn. Aber Liebe, als erfüllendes Miteinander, muss man geben und nehmen lernen.

Wir klammern uns an die romantische Idee, die Liebe wäre eine Himmelsmacht, die uns Menschen von unseren irdischen Erfahrungen entbindet. Jedoch werden wir, je tiefer und intensiver die Beziehung zu einem anderen Menschen ist, um so mehr von den Verhaltens- und Emotionsmustern aus unserer Kindheit ferngesteuert: In unseren Partnerschaften lieben wir den Anderen immer mit unserer gelernten, unbewussten Bindungserfahrung.

 


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Tief in unserem Inneren ist ein Teil von uns immer noch das Kind, das hofft, dass man seine Not erkennt, ihm zeigt, dass es wertvoll und wichtig ist. Wir erwarten als Erwachsene von unserem Partner, dass er uns bedingungslos liebt, egal wie schwach wir sind, wie wir aussehen, was wir anstellen – so wie unsere Eltern es hätten tun müssen, als wir Kinder waren. Wir suchen im anderen unsere Eltern und bemühen uns auf die gleiche Art und Weise um seine Liebe, wie wir uns um die Liebe unserer Eltern bemüht haben.

Leider bekommen wir daher (meist) auch nur die gleiche Art von Liebe. Bei allen Menschen finden sich im Umgang mit dem Partner, Freunden oder Kollegen Reste dieser kindlichen unreifen Liebe und daraus hervorgehender alter Sehnsüchte. Diese Liebe sucht in den Augen der anderen immer die schmerzlich vermisste Wertschätzung: Der andere bestimmt mit seiner Zuwendung maßgeblich das eigene Selbstwertgefühl und Wohlbefinden – genauso wie es einstmals die Eltern taten.

Jede Beziehung zu einem Menschen mit infantilen Bestätigungs- und Liebesforderungen spiegelt aber auch die unreifen Anteile der eigenen Persönlichkeit. Die Liebesmuster der Partner passen zueinander wie Puzzleteile: Die emotionalen Muster ergänzen sich in ihrem Kampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit. Zu einer unreifen Beziehung gehören immer zwei.

„Die Hölle, das sind die anderen“, schreibt Jean Paul Sartre und man könnte hinzufügen … weil sie uns unseren Wert nicht so bestätigen, unsere Bedürfnisse nicht so befriedigen, wie wir es uns wünschen. Jeder, der in seiner Kindheit nicht genug Wertschätzung und gesunde Liebe erfahren hat, dessen Leben ist bestimmt von der Suche danach. Sie wird zur Priorität, zur treibenden Kraft und sie behindert unsere Entfaltung: Ein schlechtes Selbstwertgefühl macht unfrei und unglücklich.

Unser Selbstwertgefühl ist ein Trick der Evolution, um unser Überleben zu sichern. Vor seinem Hintergrund versuchen wir, vom Anfang bis zum Ende unseres Lebens, Gut und Schlecht zu unterscheiden, alles für unseren Vorteil zu bewerten und zu beeinflussen. Unsere Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe treibt uns auch in die Unfreiheit vorgegebener Bilder, die wir glauben erfüllen zu müssen, um liebenswert zu sein. Sie hält uns in unserer westlichen Kultur in Äußerlichkeiten und schneller Käuflichkeit gefangen.

Als Kinder waren wir ohnmächtig der Zuwendung unserer Eltern ausgeliefert. Um der Ohnmacht zu entgehen versuchten wir Einfluss zu nehmen auf ihre Liebe, durch artiges Verhalten, durch Fleiß und tolle Leistungen. Werden wir älter, passen wir uns mit dieser Vorstellung nahtlos ein, in die offizielle Werteordnung der Gesellschaft: Wir versuchen uns liebenswert zu machen nach den anerkannten Regeln für Erfolg und gutes Aussehen. Wir adaptieren die herrschenden Glücksversprechungen, fügen uns in Rollenmuster, von denen wir uns Sicherheit und Wertschätzung erhoffen.

Wir orientieren uns an den Idealen unserer Gesellschaft, verinnerlichen sie und träumen von uns als anerkannte Mitglieder der Gemeinschaft. Oder wir rebellieren gegen ihre Werte und Gesetze, wenn wir nicht genug Aufmerksamkeit erhalten. Doch auch das vermeintliche Zerstören von Werten bestätigt diese letztlich in ihrer Wichtigkeit und zeigt die ursprüngliche Werteprägung des Revoluzers. Und genauso, wie in unserer Kindheit, bekämpfen wir damit nicht das eigentliche Problem. Unser Selbstwertgefühl hinkt immer nur hinter der äußeren Anerkennung her.

Wir beneiden schöne Menschen, weil wir glauben, sie bekämen im Übermaß das, was wir uns seit frühester Kindheit so sehnsüchtig wünschen: Liebe und Anerkennung, einfach so, ohne dafür etwas leisten zu müssen. Wir kämpfen gegen diese Sehnsüchte an, versuchen cool zu sein und unsere Gefühle zu beherrschen, wir versuchen, andere über ihre Sehnsüchte den unseren gefügig zu machen, weil wir Angst davor haben abhängig und hilflos zu werden – wie Kinder. Dabei können wir uns meist gar nicht richtig auf unsere Partner einlassen, selbst wenn sie wunderschön sind oder erfolgreich und man uns beneidet um ihren hohen „Marktwert“.

Wir reden von Liebe und meinen oft genug nur unsere Sehnsüchte, fordern vom anderen Wiedergutmachung für nicht erhaltene Zuwendung, versuchen ihn mit unserem Erfolg oder gutem Aussehen dahingehend zu bestechen. Doch unsere Kindersehnsucht kann nicht mit fremder Anerkennung gestillt werden, denn sie besteht aus einem Mangel an tiefer Bindung und einem fehlenden stabilen Selbstwertgefühl.

Es gilt also die in unserer Kindheit gelernten Muster und Regeln zu durchschauen, die Wunden in unserem Wertgefühl zu erkennen, um die eigentlichen Ursachen für unsere Probleme zu verstehen – und den Grund für unsere falschen (materiellen und äußerlichen) Vorstellungen vom Glück und von der Liebe. Wenn wir Einblick nehmen in unsere Prägungen und Werte, in unser so selbstverständlich geglaubtes Richtig und Falsch, Gut und Schlecht, wenn wir bereit sind uns unsere Fremdbestimmung bewusst zu machen, umzuwerten und umzulernen, dann erfahren wir den Funken der Freiheit und der Selbstbestimmung, zu dem wir Menschen doch fähig sind.

Identität ist eine Aufgabe. Sie zeigt sich in allem, was wir glauben und tun.

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