Sich selbst anzunehmen, ist manchmal nicht leicht. Vor allem wenn wir uns stets mit anderen vergleichen und das Gefühl haben, irgendwie „anders“ zu sein. Doch sind wir nicht alle irgendwie anders im Sinne von einzigartig?

Ulrike Hensel hat Angewandte Sprachwissenschaft studiert und arbeitet als Coach. Selbst hochsensibel, ist es ihr ein besonderes Anliegen, Hochsensible in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken und dazu anzuregen, ihre besonderen Gaben zu schätzen und zu nutzen. Im Januar 2013 erschien ihr Buch „Mit viel Feingefühl – Hochsensibilität verstehen und wertschätzen: Einblicke in ein gar nicht so seltenes Phänomen“ im Junfermann-Verlag.

Was verstehen Sie unter Hochsensibilität?

Mein Verständnis bezieht sich wie das aller anderen Autoren, die etwas zum Thema Hochsensibilität veröffentlich haben, auf die Forschungsarbeiten und Erkenntnisse von Dr. Elaine Aron, einer US-amerikanischen Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin. Elaine Aron hat sich seit den neunziger Jahren eingehend mit auffällig hoher Sensibilität auseinander gesetzt und festgestellt, dass 15–20 % der Menschen, Männer wie Frauen, ein außergewöhnlich empfindliches Nervensystem haben.

Sie war es auch, die diesem Phänomen den Namen „High Sensitivity“ gab, korrekt ins Deutsche übersetzt mit „Hochsensibilität“. Ihr Buch „Sind Sie hochsensibel?“ kann als eines der grundlegenden Bücher über Hochsensibilität angesehen werden. Die hochsensible Person („Highly Sensitive Person, abgekürzt HSP) nimmt innere und äußere Reize verstärkt wahr, bemerkt Feinheiten in ihrer Umgebung, die anderen gar nicht auffallen, und sie ist leichter als andere von einer stark stimulierenden Umgebung überreizt.

Woran kann ich erkennen, ob ich sehr empfindsam bin?

Lassen Sie mich auf den Zusammenhang zwischen Empfindsamkeit und Empfindlichkeit eingehen. Die hohe Empfindsamkeit für Reize aller Art führt zu einer insgesamt höheren Empfindlichkeit. Als HSP nehme ich Reize intensiver, nuancenreicher und umfangreicher wahr und reagiere natürlich auch darauf. Man spricht daher auch von hoher Reaktivität. Lediglich die nach außen gezeigten Reaktionen kann ich bis zu einem gewissen Grad kontrollieren. Worauf sich die Empfindlichkeit hauptsächlich bezieht, ist unterschiedlich. Bei mir ist zum Beispiel die Geräuschempfindlichkeit besonders ausgeprägt.

Typischerweise ist es HSP schnell zu laut, zu grell, zu hektisch, zu heftig, zu viel. Woran man Hochsensibilität bei sich auch erkennt: Man bekommt ganz viel mit von anderen Menschen, ihre Befindlichkeiten, ihre Stimmungen. Ja, man meint geradezu, ihre Gedanken lesen zu können. Die Abgrenzung fällt sehr schwer. Ehe man es sich versieht, hat die Stimmung eines anderen schon von einem Besitz ergriffen. Das hohe Maß der Sensibilität wird deutlich, wenn sich der hochsensible Mensch mit der Mehrheit der Menschen vergleicht, die sich offensichtlich noch pudelwohl fühlen, wenn er/sie schon an den Rand der Überstimulation und Überforderung kommt.

Wie wirkt sich Hochsensibilität auf mein Leben aus? Ist eher eine Befähigung oder eine Last?

HSP sind gefordert, ihr Leben in allen Bereichen im Einklang mit ihrem Naturell zu gestalten, um sich wohl zu fühlen und langfristig gesund zu bleiben. Sie werden wahrscheinlich nicht dauerhaft zurechtkommen mit der Geräuschkulisse in einem Großraumbüro, sie werden sich unbehaglich fühlen in großen Menschenansammlungen, sie werden in der Partnerschaft immer wieder Zeiten für sich alleine brauchen, um nur einige Punkte exemplarisch aufzuführen. Es ist ganz und gar nicht zuträglich für sie, wenn sie sich beständig an den Lebensstil und die Gangart der Nicht-HSP anpassen.

Ob Hochsensibilität eher als Last oder eher als Befähigung empfunden wird, hängt von der eigenen Bewertung und der inneren Haltung ab, natürlich auch von den persönlichen Lebensumständen und der jeweiligen Situation. Zum Beispiel empfinde ich während einer Fahrt mit der S-Bahn nach Stuttgart und einem Einkaufsbummel in der vollen Innenstadt meine hohe Sensibilität eher als Last. Beim Spaziergang in der Natur genieße ich meine feine Wahrnehmung. Und in meinem Beruf ist es mir dadurch gut möglich, einem Text den Feinschliff zu geben oder im Coaching einfühlsam auf mein Gegenüber einzugehen. Dann kommen die Befähigungen, die mit der Hochsensibilität einhergehen zum Tragen.

Inwieweit hilft mir die Erkenntnis, ein feines Gespür zu haben?

Zunächst einmal bringt mir die Erkenntnis eine enorme Beruhigung. Ich muss mich nicht mehr verkehrt, gestört oder krank fühlen. Die Erkenntnis kann helfen, die sinnlosen und frustrierenden Versuche, mich zu ändern, aufzugeben. Ich kann mich in meinem Sosein mehr und mehr annehmen, fürsorglicher mit mir umgehen, belastende Lebensumstände verändern. Und ich kann meine Stärken – Liebe zum Detail, Sinn für Ästhetik, Kreativität, übergreifendes Denken, Feinfühligkeit, Empathie, Intuition, um nur einige zu nennen – bewusster einsetzen.

Das persönliche Glück hängt wahrscheinlich auch von dem Spagat ab, einerseits einer Gemeinschaft anzugehören und andererseits das Gefühl zu haben, etwas Besonderes, Einzigartiges zu sein. Wir möchten also gleich und anders sein. Trifft das für sensible Menschen in einem besonderen Maße zu?

Es mag insofern in besonderem Maße auf HSP zutreffen, als sie sich selbst stärker reflektieren, sich noch bewusster mit Fragen der Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen und so sehr nach Sinn und Erfüllung streben. Für allgemein gültig halte ich: Das Gefühl von Zufriedenheit und Glück hängt davon ab, inwieweit wesentliche Bedürfnisse erfüllt werden. Dabei ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ebenso grundlegend wie das nach Autonomie. Wir alle bewegen uns ständig zwischen diesen Polen und suchen eine geeignete Balance.

Für HSP ist es durch ihren Minderheiten-Status schwieriger, das Gefühl von Zugehörigkeit zu erfahren. Sie sind in vielen Aspekten nicht gleich, sondern anders. Um dennoch dazuzugehören, passen sie sich oft über die Maßen an und verleugnen damit ein Stück weit sich selbst. Das Erkennen der Hochsensibilität beschert ihnen die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe von Menschen, was schon wohltuend wirkt. Dann kann auch wieder mehr Besinnung auf die eigene Identität und Freude über die Einzigartigkeit empfunden werden.

 


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Was deutet darauf hin, dass mir nahestehende Menschen, Freunde oder Arbeitskollegen hochsensibel sind? In welcher Hinsicht kann ich dieses Wissen im Umgang mit ihnen nutzen?

Wenn man längere Zeit mit hochsensiblen Menschen zusammen ist, kann einem auffallen, dass sie sehr aufmerksam und wachsam sind, Einzelheiten kommentieren, an vielen Stellen nachfragen. Man sieht sie häufig Dinge regeln, so dass sie in ihrem Wohlfühlbereich verbleiben können. Das kann bedeuten: sie machen in einem Moment das Fenster auf, um frische Luft hereinzulassen, und schließen es im nächsten, um die Zugluft abzustellen. Sie ziehen eine Strickjacke aus, weil ihnen etwas zu warm ist, und wenig später hängen sie sich womöglich über die Schultern.

Dann gibt es typische Wünsche, die sie sich selbst erfüllen bzw. an andere richten: sich lieber in den Schatten als in die Sonne zu setzen, am liebsten in eine windgeschützte Ecke, die Musik ein wenig leiser zu drehen oder das Radio ganz auszuschalten, nach einem Filmbericht den Fernseher auszuschalten und die Nachrichten mit schlimmen Bildern erst gar nicht anzusehen. In der Kommunikation fällt auf, dass HSP Dinge leicht sehr persönlich nehmen und emotional verletzlich sind. Schon kleine Störungen auf der Beziehungsebene irritieren und verunsichern sie.

Als oberste Maxime für den Umgang mit hochsensiblen möchte ich ausgeben: Nicht-Hochsensible sollten aufhören, davon auszugehen, der Hochsensible könne einfach störende Geräusche ausblenden, die Dinge nicht so nah an sich heranlassen, sich etwas nicht so sehr zu Herzen nehmen, sich ein dickes Fell zulegen. Das können sie nicht! Vielmehr können die Mitmenschen den HSP Akzeptanz und Wertschätzung entgegenbringen und im Konfliktfall auf friedfertige und geduldige Weise gemeinsam mit ihnen nach Lösungen suchen, die die Bedürfnisse beider Seiten berücksichtigen.

Wann haben Sie festgestellt, hochsensibel zu sein? Welche Konsequenzen haben sich daraus für Sie ergeben?

Es ist jetzt ungefähr sieben Jahre her – da war ich 50 – dass ich zufällig die ersten Bücher zum Thema Hochsensibilität fand und mich darin wiedererkannte. Was für eine Entdeckung! Es war eine riesige Erleichterung, für das, was ich ein Leben lang an mir beobachten konnte, einen Begriff genannt zu bekommen. Auf einmal fügte sich so vieles zu einem schlüssigen Bild zusammen und wurde verständlich.

Trotz aller Bemühungen um Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis hatte mir bis dahin ein wesentliches Puzzleteil gefehlt. Ich konnte nach und nach zu einem neuen Selbstbewusstsein und einem stabileren Selbstwertgefühl gelangen, mich immer mehr in meinem Sosein annehmen und besser werden im Selbstmanagement. Mir ist klarer geworden, was ich brauche, damit es mir gut geht, und das kann ich seitdem auch deutlicher mitteilen und anderen gegenüber vertreten. Zunächst lag das Augenmerk auf dem besseren Zurechtkommen mit den Einschränkungen und Belastungen, nach einer Weile traten mehr die Befähigungen und Begabungen in den Vordergrund. Nach wie vor gibt es Herausforderungen, aber ich fühle mich heute viel besser in der Lage, sie zu meistern.

Was fällt Ihnen zu den Worten von Prajnanapada ein? „Niemand kann dich kennen und somit kann niemand über dich reden. Jeder der seine Meinung über dich sagt, spricht nur durch seinen eigenen Verstand und sieht nur seine eigene Schöpfung, aber nicht dich. Warum solltest du dich also gestört fühlen? Du solltest einfach schweigen, so als würde über jemand anderer gesprochen.“

Aus den vielen Coachings und den Gesprächsgruppen für Hochsensible, die ich leite, weiß ich, dass es gerade für HSP sehr bedeutsam ist, was andere Menschen für eine Meinung über sie haben. Aber nicht nur für sie. Wir alle sind zutiefst soziale Wesen und wünschen uns, von unseren Mitmenschen gesehen, anerkannt und wertgeschätzt zu werden. Insofern ist es nachvollziehbar, dass es uns alles andere als egal ist, wie andere zu uns stehen. Es erscheint mir wie eine schier unerreichbare Vision, gänzlich unbeeindruckt zu sein von dem, was andere über und zu uns sagen.

Ich stelle mir vor, dass der Dalai Lama diese Stufe der Erleuchtung erreicht hat. Das ist bewundernswert und allemal ein Vorbild. Wir können uns ein Stück davon zu eigen machen. Auf jeden Fall sollten wir uns vor Augen halten, dass die Menschen durch ihre persönliche Brille und aus ihrem Blickwinkel auf uns schauen und sehr subjektiv urteilen (wie wir umgekehrt auch!). Aus dieser Einsicht heraus kann es uns gelingen, ihre Aussagen über uns zu relativieren und uns, falls diese negativ ausfallen, dadurch nicht nachhaltig gestört zu fühlen.

Welche Momente haben Ihr Leben besonders beeinflusst?

Ich beziehe diese Frage hier einmal auf die berufliche Seite. Ein wichtiger Wendepunkt war der Tag im Jahr 1999, an dem ich betriebsbedingt meine letzte Festanstellung verlor. Das führte zu dem Entschluss, mich selbstständig zu machen, seinerzeit mit Lektorat und Textcoaching. Rückblickend kann ich sagen, dass es ein Glücksfall für mich war. Die Selbstständigkeit ermöglicht es mir, meine Arbeitsumgebung, die Arbeitsabläufe hochsensiblengerecht zu gestalten. Meine Tätigkeitsschwerpunkte konnten sich im Laufe der Zeit wandeln, so wie es mir zum jeweiligen Zeitpunkt entsprochen hat.

Einen weiteren Moment kann ich benennen. Eines Tages las ich einen Artikel über ein Coaching für Hochbegabte. Das brachte mich auf die Idee, auf eine Coaching-Ausbildung zurückzugreifen, die ich schon im Jahr 2000 gemacht hatte, und ein spezielles Coaching für Hochsensible aufzusetzen und bekannt zu machen. Das ist schnell auf rege Resonanz gestoßen und nimmt heute einen großen Teil meiner Berufstätigkeit ein. Darüber bin ich sehr glücklich, denn die persönliche Arbeit mit hochsensiblen Menschen ist für mich in hohem Maße erfüllend.

Als Drittes möchte ich den Moment nennen, in dem ich den Mut fasste, dem Verlagsleiter des Junfermann-Verlages, mit dem ich über ein Kundenbuchprojekt zu tun hatte, von meiner damals noch vagen Buchidee zu erzählen. Daraus ist schließlich das Konzept zu dem mittlerweile veröffentlichten Buch „Mit viel Feingefühl – Hochsensibilität verstehen und wertschätzen“ entstanden. Am Anfang steht die Idee, und wenn die stark genug ist, dann hat sie eine enorme Sogkraft und zieht das Handeln nach sich. Das kann ich für mich so feststellen.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Zu dieser Frage fällt mir ein Zitat von Guy de Maupassant ein: „Das Leben wird lebenswert durch die Begegnungen mit anderen Menschen.“ Dem stimme ich voll zu. Ganz wichtig sind mir meine Kinder und deren Partner und meine Mutter, die alle in meiner Nähe leben. Dann sind da die lieben engen Freunden, die mein Leben bereichern, und ein weiter Bekanntenkreis und schließlich die vielen interessanten und sympathischen Menschen, mit denen ich über meine Arbeit im Austausch sein darf. Es bedeutet mir viel, mich in allen Beziehungen mit meinen Fähigkeiten und Gaben und mit meinem Wesen einzubringen, anderen mit viel Feingefühl (!), Herzenswärme, Wohlwollen und Wertschätzung zu begegnen und inspirierend zu wirken.

Ich bin eine leidenschaftliche Netzwerkerin. So kam es auch, dass ich mit Ihnen, Herrn Hilbert, Kontakt aufgenommen habe. Danke, dass Sie ihn aufgegriffen haben! So ist es unter anderem zu diesem Interview gekommen. Ihre Fragen waren anspruchsvoll und reizvoll für mich. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse!

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