Selbstentfaltung

Selbstentfaltung – Wie entsteht unser Selbstbewusstsein und unser Selbstbild?

Der Artikel stammt von Katharina Ohana (Gastautorinnen) und ist ein Auszug aus ihrem Buch „Gestatten: ICH: Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ erschienen im Gütersloher Verlagshaus/Random House. © Katharina Ohana

Wir Menschen haben zwei große Bestrebungen: Wir wollen geliebt werden, ja geradezu verschmelzen mit unseren geliebten Menschen in der vollkommenen Sicherheit, dass sie uns niemals verlassen. Und gleichzeitig wollen wir unabhängige Individuen sein und das Ziel unserer Selbstentfaltung verfolgen. Dabei konkurrieren wir mit allen anderen um Anerkennung und einen guten Platz in der Gemeinschaft. Denn auch die anderen wollen ihre Bedürfnisse möglichst umfangreich von uns befriedigt bekommen.

Immer sind wir also gleichzeitig Individuum und Teil einer Gruppe. Für unser Überleben ist dieser Antagonismus notwendig: Der Zusammenhalt der Gruppe, genauso wie das Streben des Einzelnen gewährleisten den Erhalt des Lebens. Sowohl die Befriedigung unserer Bedürfnisse durch andere, ihre Zuwendung und Aufmerksamkeit, als auch das Gefühl etwas zu können, eigene Ideen zu verwirklichen, unabhängig und stark zu sein, befriedigt unser Selbstwertgefühl.

Doch aus diesem Widerspruch von Anziehung und Konkurrenz, Sehnsucht und Abhängigkeit, Liebe und Frust, Nähe und Distanz entstehen alle unsere sozialen Konflikte in Partnerschaften, Familien oder Arbeitsgemeinschaften. Denn nur selten haben wir das richtige Gleichgewicht zwischen Narzissmuss und Altruismus in unserer Kindheit gelernt. (Dabei meint Narzissmus in der Psychologie bzw. Psychoanalyse nicht Selbstsucht oder Eitelkeit, sondern Überlebenswille oder „Wille zum Selbst“.)

Da in jeder Gemeinschaft, jeder Beziehung der Konflikt zwischen den eigenen Sehnsüchten und denen des Gegenüber neu verhandelt wird, hat man auch in jeder Beziehung die Möglichkeit zu reifen. Doch besonders Liebesbeziehungen sind ein Katalysator bei der Persönlichkeitsentwicklung. Gleichzeitig behindert uns nichts so sehr, wie eine destruktive Partnerschaft. Sicher ist: Wir suchen uns immer einen Partner auf dem gleichen Reifestand. Und: Beide Partner können sich nur zusammen entwickeln.

Am Anfang, im Bauch unserer Mutter, sind wir mit ihr verschmolzen, vollkommen versorgt und rundum abgesichert. Doch leider ist es notwendig, um unser Leben zu leben, diesen Idealzustand zu verlassen. Als Säuglinge müssen wir immerhin schon schreien, ein Bedürfnis anmelden, um aus dem anderen Körper unsere Nahrung zu erhalten. Der infantile Narzissmuss, die ausschließliche Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse und ihre totale Befriedigung, erfährt eine erste Sozialisierung: Wir lernen, dass es da ein Gegenüber gibt, von dem wir abhängig sind, mit dem wir Kontakt aufnehmen müssen, damit es sich uns zuwendet.

Es gibt also, nach der ersten Phase der totalen Verschmelzung und umfassenden Bedürfnisbefriedigung, plötzlich etwas wie ein „Ich-Selbst“ und ein „Du“. Je mehr das Ich-Selbst heran wächst, etwas „eigenes“ wird, sich seinen „eigenen Raum“ nimmt und verteidigt, laufen lernt, die Welt entdeckt und selbstständig wird, um so mehr trennt es sich von dem anderen, der Mutter ab. Es braucht sie aber immer noch (lebensnotwendig) und behält deshalb zu ihr weiterhin eine sehr starke emotionale Bindung.

So schleichen sich die Gegenpole von Verschmelzung und Unabhängigkeit, Bindung und Selbst-Ständigkeit in unser Leben. Die Art und Weise, wie diese Abtrennung von der Mutter, den Eltern verläuft – und es gibt unendlich viele kleine und große Konflikte in ihrem Verlauf – bestimmt für den Rest unseres Lebens unsern Umgang mit Nähe und Eigenständigkeit.

Ein Kind braucht neben seinem entstehenden eigenen Willen und seiner Entdeckerlust das Gefühl der Akzeptanz und des „Zurückkommenkönnens“. Je früher hierbei angstintensive Erfahrungen statt finden, umso weniger kann diese Angst verarbeitet werden und umso größer sind die schädlichen Spuren, die sie in der Psyche hinterlässt.

Kinder können nicht weg, sie können ihre Eltern nicht verlassen, denn sie brauchen sie zum Überleben. Deshalb lieben Kinder ihre Eltern, egal wie schlecht sich diese verhalten und egal wie frustriert die Kinder trotz all ihrer Liebe dadurch sind. Wenn die Eltern die naturgegebene Abhängigkeit ihres Kindes missbrauchen, um ihr eigens schwaches Selbstwertgefühl zu stärken, wird dem Kind eine kompensierende Rolle zugewiesen, es wird nicht als eigenwertiger Mensch wahrgenommen, der seinen Weg ins Leben finden soll. Wenn die Eltern an ihrem Kind Machtansprüche und Aggressionen ausleben oder ihm vermitteln, das es ihnen etwas weg nimmt, ihr Leben unangenehm einschränkt, hinterlässt das viel Frust und gravierende Störungen im Selbstwertgefühl und in der Persönlichkeitsentwicklung. Das Gefühl „was ich fühle, was ich bin ist nicht gut und darf nicht (so) sein“ wird zur Grundlage der Selbstwahrnehmung und führt automatisch dazu, diesen „Mangel“ auszugleichen.

 


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Im Idealfall entwickeln wir unsere Selbst-Ständigkeit mit Urvertrauen und starten mit einer unterstützenden Liebe in die zu erobernde Welt. Unsere Gefühle müssen unseren Eltern eine liebevolle Beachtung wert sein, damit unser Selbst Realität werden kann: Die Reaktion der Eltern auf ihr Kind manifestiert sich in seinem Selbstbild. Verhalten sich Mutter und Vater nicht liebevoll, ohne „Glanz in den Augen“ (wie der berühmte Psychoanalytiker Daniel Stern so treffend formuliert), uninteressiert, aggressiv, schuldzuweisend oder überängstlich und klammernd, kann das Kind kein gesundes Selbstbild entwickeln. Es entsteht Angst vor dem Verlust der Liebe und der schützenden Zuwendung oder Angst vor den Gefahren der Eigenständigkeit. Diese Angst erzeugt die Probleme in jeder weiteren Liebesbeziehung dieses beginnenden Lebens: Ein unsicher gebundenes Kind lernt nicht mit Unterstützung seiner Bezugspersonen seine Gefühle zu regulieren.

Durch den ständigen Frust kommt es zu keiner gesunden Frustrationstoleranz und Enttäuschungen können schlecht verkraftet werden: Das Kind ist von den ständigen Gefühlskonflikten überfordert, sein kindlicher Narzissmus kann nicht zu einem gesunden sozialen Verhalten heranreifen. Es wird übermäßig aggressiv, egoman oder völlig eingeschüchtert. Kinder leiden nicht nur, wenn sie geschlagen und misshandelt werden. Viel häufiger findet eine subtile, leise, permanente Abwertung der eigenen Rechte statt.

Als Kinder versuchen wir unserer Ohnmacht zu entgehen und entwickeln Verhaltensweisen, von denen wir (in unserer Naivität) annehmen, sie hätten einen positiven Einfluss auf unser Ansehen in der Familie, auf die herrschenden Probleme und somit auf unser eigenes Wohl. Diese Verhaltensmuster nehmen wir später mit hinaus in die Welt. Es sind Strategien, die uns im Umfeld unserer Kindheit einen Vorteil gebracht haben, aber doch nur unreife Lösungsversuche waren, um mit den belastenden Ambivalenzen unserer Gefühle umzugehen.

Verläuft der Individuierungsprozess nicht wohlwollend, wird Liebe und Bindung mit starken negativen Gefühlen abgemischt, fehlt uns später die Fähigkeit zwischen unseren Bindungsbedürfnissen und unserer Eigenständigkeit abzuwägen. Das hat schwerwiegende Folgen für unser Leben und alle unsere Beziehungen: Jeder, der uns zu nahe kommt, bedroht unsere Autonomie und jeder der uns zurückweist, treibt uns in die Angst vor dem Verlust der lebensnotwendigen Liebe, die gleichzeitig wieder die Angst vor Abhängigkeit und mangelnder Eigenständigkeit birgt. Umgekehrt kann eine sichere, liebevolle Bindung an die Eltern selbst gegen ungünstige Erbanlagen Widerstandskraft verleihen. Und je mehr wir gesunde Sicherheit im Zusammenhang mit sich entwickelnder Selbstständigkeit erfahren, umso stärker ist das Gefühl der „Selbst-Richtigkeit“, das sich dadurch entwickelt.

Während des Prozesses der „Selbst-Werdung“ und Abtrennung orientieren wir uns nicht nur an unseren Eltern: Wir internalisieren sie, nehmen sie als unsere Vorbilder in unser Selbstbild auf, zeichnen aus ihren Werten unser Selbstverständnis und unsere Weltsicht. So schaffen wir es, mit ihnen in uns, uns von ihnen nach und nach abzutrennen. Wir integrieren unsere Eltern in unsere werdende Persönlichkeit – und wundern uns dann später darüber, dass wir ihnen so ähnlich geworden sind.

Katharina Ohana

www.katharinaohana.de

  1. Michel06-21-2013

    Sehr schöner Artikel. Vielen Dank dafür.

  2. Astrid07-28-2013

    Danke für diesen präzisen und inhaltsreichen Artikel! Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Eltern ihre Kinder im Erwachsenenalter nicht ziehen lassen können, ihnen somit auch ein Stück Selbstentfaltung wegnehmen. Die vertrauensvolle Beziehung bzw. Bindung zw. Kind und Eltern sollte nie als Selbstverständlichkeit gesehen werden, sondern mit dem nötigen Respekt voreinander, der Wertschätzung füreinander erlebt werden. Wie oft werden Kinder wie der eigene Besitz behandelt und auch als Erwachsene immernoch für die Erfüllung eigener Defizite benutzt. Da fehlt jegliches Feingefühl, und führt fast immer zu Konflikten. Wunderschöne Seite hier, weiter so!

  3. Sandra P.04-01-2014

    Ich kanns nicht mehr lesen: es geht immer nur um Frust und ums Bedürfnis, geliebt werden zu wollen! Beides wird den Leuten und Kindern massiv eingeredet. Tatsächlich geht es sehr zentral darum, selber lieben zu wollen und zu können und zu dürfen! Aber wenn dieses Bestreben schon im Kindesalter abgewürgt wird, dann bleibt nur die lebenslängliche Gier nach Liebe und anderen Waren!

  4. Katharina S.04-06-2014

    Ich denke, es ist immer eine Gratwanderung zwischen lieben und geliebt werden, geben und nehmen, zwischen zu viel kontrollieren und zu viel laufen lassen. Linder wollen weder liebe noch geliebt werden

    Kinder wollen gesehen werden, sie brauchen einen Menschen in ihrem Leben, der sie einfach nur sieht ohne zu beurteilen (das schließt sowohl Tadel als auch Lob! ein). Kindern ist es nicht bewusst, dass sie eine Leistung vollbringen mit ihrem „so sein“. Sie brauchen eine Person, die sie mit Mitgefühl begleitet, ihnen ein Feedback gibt, so dass sie sich selbst „wahr-nehmen“ können und im besten Falle auch noch Worte lernen, mit denen sie ihr Erleben anderen sprachlich mitteilen können.
    Dass Eltern (und auch Erzieher und Lehrer) das nicht können liegt daran, dass wir es selbst nicht gelernt haben. Wir Eltern/Erzieher/Lehrer lernen das gemeinsam mit den Kindern, quasi by doing, wenn wir uns trauen, uns selbst zu beobachten ohne uns zu beurteilen. Aus der Selbstakzeptanz/Selbstliebe entsteht dann alles andere, was wir so dringend brauchen.

  5. Richard04-17-2015

    Wir haben die Werte unserer Eltern eben oft nicht integriert, liebe Katharina. Sie waren früh unsere Vorbilder und ihnen zu widersprechen löst meist unbewusst Schuldgefühle aus. So gibt es dann mindestens zwei Bilder in uns nebeneinander, die sich zum Teil widersprechen. Wenn wir die Bilder integrieren würden, lösten wir das heraus, was nicht stimmt für uns. Das Nebeneinander würde emotionslos. Die nicht stimmigen Werte bedeutungslos. Aber so ist dieser innere Druck noch da. Unbewusst glauben wir, dass wir das nicht dürften. Das Ablösen von den Bezugspersonen und die Selbstfindung beim Erwachsenwerden wird gebremst, durch Druckausübung, falsche Rücksichtnahme oder die bereits schmerzenden Schuldgefühle, die auch Unwertsein und Scham auslösen können. So sind wir oft lange in einem inneren Zwiespalt, den wir im Unbewussten belassen, so dass auch die nicht stimmigen Werte der Eltern in uns weiter leben. Und so lösen wir dann auch eher wenig die alten Dramen und Traumas in uns auf.

    Ich meine, die Kindheit muss nicht Ursache sein für unsere Irrwege. Ursache ist oft, dass wir uns nicht davon lösen. Denn mit Vergebung lösen wir die bewussten und unbewussten Emotionen auf. Und die sind es, die in die Zukunft wirken können. Wir möchten es besser machen für unsere Kinder. Doch ohne die Dramen und Traumas gelöst zu haben, tragen wir den Rucksack weiter und auch unsere Kinder übernehmen (vielleicht unbemerkt) eine Last davon. Ein Zeichen, dass das noch so ist, ist für mich Kopflastigkeit. Wir überschätzen unseren Verstand maßlos. Und so überschätzen wir auch das was unsere Eltern hätten aus dem Verstand heraus tun können und was wir für unsere Kinder mit unserem Verstand tun können maßlos.

    Ganz am Anfang gab es keinen Verstand. Die Verbindung zur Mutter war alles und nicht von uns selber abgegrenzt. Die Herz zu Herz Verbindung zu den Eltern war zu Beginn intakt, auch wenn die Bewusstheit nach der Geburt sich viel auf das richtete, was es zu entdecken gab. Es war ein Schwingen zwischen Einssein und Sich Entfernen. Und das ist es noch heute, zumindest unbewusst, weil die Herz zu Herz Verbindung immer bestehen wird, auch wenn wir sie aus unserem Bewusstsein verdrängen. So gibt es immer ein Bedürfnis an Nähe und auch ein Bedürfnis an Freiheit. Wir schwingen zwischen den beiden, schwenken unsere Bewusstheit hin und her. Nur der Kopf kann eine Art Konkurrenz finden, für die Sehnsüchte in uns gibt es dies nicht, sie wechseln sich bestenfalls ab. Unsere Eltern werden uns auch immer lieben in der Tiefe, auch wenn dies überlagert und überdeckt ist, und nur in der Tiefe wartet. Und da sie uns immer liebten, machten sie auch die unsere Belange zu den ihren, in einer Art, als ob wir Teil von ihnen wären. Nur der Verstand kann für Verbitterung sorgen, so dass Gefühle nicht mehr ankommen. Und der Verstand kann mit seiner sehr eingeschränkten Sicht in einer Art auf uns einwirken, die wir nicht verstehen. Der Verstand kann sogar ausblenden, dass das Kind ein eigenständiger Mensch ist. Rückblickend erkennen wir vielleicht, es hätte doch ….

    Was wir wirklich für unsere Kinder tun können, ist unsere eigene Bewusstwerdung, mit der wir bessere Vorbilder sein können. Werden wir uns doch bewusst, dass die Denkspiele zwischen Extremen – Antagonismus hier, Narzissmus da – nicht von Nutzen sind. Dieses Denken kann nur einschränkend auf unsere Bewusstwerdung wirken und letztlich Ursachen schaffen, die wir unseren Eltern vielleicht vorwerfen. Das Leben findet dazwischen statt, mit einem sowohl-als-auch. Gerade im Umgang mit unseren Kindern, kommt es auf vieles an, das der Verstand einfach nicht erfassen kann. Wir wissen es nicht wirklich immer, was gut ist für unsere Kinder. So lassen wir ihnen doch ihren Weg erspüren.

    LG Richard

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