WennDieSeeleTrauerTraegt

Depression – Wenn die Seele Trauer trägt

Solange mein Leben in überschaubaren Bahnen verläuft, fühle ich mich gut. Es gibt Höhen und Tiefen, doch diese habe ich im Griff. Ich vertraue meinen Fähigkeiten und meinem Körper. Gesundheit gehört für mich zur Normalität. Doch das Leben hat seine eigenen Pläne. Die persönliche Reife zeigt sich gerade in stürmischen Zeiten. Wie fühle ich mich, wenn die Kontrolle verloren geht, die gewohnten Verhaltensweisen nicht mehr helfen?

Depression ist mehr als ein Stimmungstief

Plötzlich spielt die Seele nicht mehr mit. Mein Körper fühlt sich leer. Stell dich nicht so an, sage ich mir. Halte durch, du lässt dich nicht unterkriegen. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Doch das kostet zusätzliche Kraft. Die Dunkelheit kommt immer häufiger. Mein Blick wird leer. Mein Körper immer schwerer. Ich kann es nicht mehr verbergen. Der Abgrund zieht mich in seinen Bann.

Am Boden zu sein, hat auch etwas Beruhigendes. Tiefer kann ich nicht mehr fallen. Das Schauspiel hat ein Ende. Ich brauche mir nichts mehr vorzumachen. Es fällt mir schwer, mich schwach zu sehen. Plötzlich bin ich nicht mehr derjenige, der für andere da ist. Ich muss um Hilfe bitten. Verletzlich zu sein, ist ungewohnt für mich.

Was wollen mir meine Gefühle sagen?

Noch schlimmer finde ich, die Dunkelheit anzunehmen. Meiner Angst in die Augen zu schauen. Ich erkenne Dinge, die ich lange nicht sehen wollte. Mein Geist hat alle Eindrücke und Gefühle gespeichert. Manchmal halte ich den innerlichen Druck nicht mehr aus. Wenn der Tag auch zur Nacht wird, liege ich erschöpft auf dem Boden. Hoffentlich sieht mich niemand. Ich konzentriere mich auf meinen Atem.

Die Geschwindigkeit weicht aus meinem Leben. Dringende Aufgaben müssen warten. Ich werde immer langsamer. Meine Ziele von gestern haben keine Kraft mehr. Um mich herum Reichtum, in mir dieser Abgrund. Wie kann das sein? Darf ich das überhaupt?

Erfahrung ist Weisheit

Scham ist oftmals die Begleiterin von Schwäche, denn auf dem Boden liegend, ist es schwer, die Würde zu bewahren. Plötzlich ahne ich, wie es anderen in solchen Momenten ergehen muss. Sie wünschen sich Verständnis, keine Ratschläge. Lange Zeit habe ich mir nur die schönen Gefühle angesehen. Ich will doch gut gelaunt durch das Leben schreiten. Was soll ich mit Traurigkeit und Angst? Dabei habe ich mich und meine Gefühle verleugnet.

Ich hatte aufgehört, zu fühlen, zu spüren, was meine Gefühle mir sagen möchten. Irgendwann wurde der Druck so stark, dass ich ihn nicht mehr ignorieren konnte. Und ich war erstaunt, wie groß der Emotionsspeicher meines Unterbewusstseins zu sein scheint. Mir dämmerte mehr und mehr, dass ich nicht vor mir weglaufen kann.

Gefühle sind meine Lehrmeister

Irgendwann müssen wir uns stellen. Die Frage scheint nur wann. Meine Gefühle können mich nur beherrschen, solange ich sie nicht wahrhaben will. Sie sind ein Weg, mich weiter kennen zu lernen. Gefühle zeigen mir auf, wie gut ich mit Situationen umgehen kann. Emotionen sind ein Gradmesser meiner Entwicklung.

Lernen, sich wieder zu spüren

Eine Depression kann ein Neuanfang sein. Indem ich lerne, mich wieder besser zu spüren, kann ich meinem Leben eine andere Richtung geben. Vielleicht ist wieder mehr Bescheidenheit angesagt. Vielleicht darf ich innehalten und mich fragen, was wirklich zählt.

Solange ich nicht die volle Verantwortung für mich übernehme, werde ich weiter durch die Welt irren, in der Hoffnung irgendwo mein Glück zu finden. Doch wo soll ich suchen, wenn nicht in mir? Das Ausweichen und Vermeiden von unangenehmen Gefühlen verkleinert den eigenen Handlungsspielraum zunehmend. Weglaufen kann keine dauerhafte Lösung sein.

Licht am Ende der Dunkelheit

Irgendwann kann der Punkt kommen, an dem man alleine nicht mehr weiter kommt. Mit anderen Worten: Ich brauche Hilfe. Das sich einzugestehen, ist manchmal nicht leicht. Doch warum den schweren Weg alleine gehen?

Wenn Sie sich in einer ähnlichen Situation befinden, lege ich Ihnen folgende Dinge ans Herz. Für mich waren es wichtige Schritte aus der Dunkelheit.

Finden Sie nach Möglichkeit Gleichgesinnte. Hier ist die Wahrscheinlichkeit groß, verstanden und gesehen zu werden. Hier brauchen Sie keine Rolle zu spielen. Wenn es einem nicht gut geht, ist Rückzug eine beliebte Option. Für eine zeitlang mag das hilfreich sein. Doch dauerhafte Isolation verstärkt eher das Problem.

Holen Sie sich nach Möglichkeit professionelle Hilfe bei einem Arzt und/oder Therapeuten. Diese sind in der Regel erfahren und bieten gezielt Hilfe an. Sie haben einen guten Überblick welche Möglichkeiten es gibt, um wieder zu Kräften zu gelangen und sich zu erholen.

Vor allem versuchen Sie, Ihre Selbstvorwürfe zu reduzieren. Natürlich ist es für alle Beteiligten schwer, wenn man nicht mehr „funktioniert“. Doch Selbstgeißelung hilft da nicht weiter. Ihm Gegenteil. Was jetzt gut tut, ist Verständnis.

About the Author

Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. Birgit Behrens09-30-2013

    Ein sehr schöner, einfühlsamer Text, in dem ich mich gut wiederfinden kann. Vielen Dank!

  2. MissPerfektBlog10-17-2013

    Toller Beitrag, danke dafür!

  3. Ruth04-09-2014

    „Holen Sie sich nach Möglichkeit professionelle Hilfe bei einem Arzt und/oder Therapeuten.“ Klingt gut, ist auch wichtig. Wenn nur die Wartezeit nicht so lang wäre… Wenn man sich denn aufgerafft und zum Telefon gegriffen hat, bekommt man gesagt: frühestens in einem halben Jahr…

    • Missy04-30-2016

      Liebe Ruth, Schnapp Dir wen dem Du vertraust und geh gemeinsam zu einer Notfallklinik, da lässt man Dich nicht allein und wartend.Die gibt es in jeder Stadt. Es ist einfacher als sich die Finger wund zu tippen.Du bist nicht allein.Liebe Grüße Missy

  4. Hans07-23-2014

    Ein sehr schöner Text, der mich wiederspiegelte. Aber auf eine sehr berührende Art. Vielen Dank. Wie überhaupt dies eine tolle, sehr hilfreiche Seite ist. Schön das es euch gibt!

  5. Richard03-07-2015

    Einmal energetisch betrachtet, ist in der Depression die Aktivität der Chakren stark gedrosselt. In der Aura erscheinen größere dunkle bis schwarze Bereiche. Wir hören nahezu auf, die Energie aufzunehmen, die ganz natürlich in uns strömt.

    Die Schwingungsfrequenz ist herabgesetzt. Entsprechend gestalten sich die erlebten Gefühle. Das Gefühl, geliebt, angenommen, bedingungslos geschützt zu sein würde helfen, so wir uns öffnen. Dankbarkeit anderer Menschen und Wohlwollen würden den Zustand anheben, unseren energetischen Zustand verbessern.

    Wo kommt das dann her, dieses depressive Loch, wenn wir so viel tun für Dankbarkeit und Wohlwollen der Menschen um uns? Vielleicht wurden wir damit schon zum reinen Gutmenschen, dem jegliches Abweichen vom „Guten“ missfällt? Er teilt das auch indirekt mit, wenn nicht direkt. Denn er erlaubt sich keine Ausreißer. Zumindest verurteilt er sich unbewusst.

    Doch machen wir uns nichts vor. Wir haben alles in uns, ob wir es abgewöhnen oder nicht. Die Muster sind im Unbewussten umso stärker mit Emotionen beladen, umso mehr Dramen, Herabsetzung und Schmerz es gegeben hat, die nicht angenommen, ausgelebt und abgebaut wurden.

    Dem Auf im Gutmensch- oder Leistungsmensch- Auftritt folgt das Tief, wenn die unterdrückten Muster an Zorn, Wut, Angst, usw. an die Reihe kommen müssen. Und was unterdrückt diese Muster, die schließlich die Energie herabziehen? Das ist unsere Wertung, die sich dann gegen uns selbst richtet. Es führt letztlich kein Weg daran vorbei, großzügig mit uns selbst und allen anderen zu sein und auch in diesem Sinn authentisch zu leben.

  6. Heidi05-15-2015

    Ein toller Text. Wenn das mit Hilfe holen nur so einfach gewesen wäre, Wartelisten bei Pyschologen. Ich bin in die Alkholsucht abgestürzt. Doch dank Suchtklink u dortigen Pyschologen bin ich wieder glücklich.

  7. Samantha05-15-2015

    Ich finde den text sehr schön wer das kennt findet sich zwischen den Zeilen wieder wer es nicht kennt weiß wie es sich anfühlt ich habe mich wieder gefunden in diesen zeilen und bin froh leute zu haben mit denen ich reden kann …

  8. Andrea08-26-2015

    Danke für die Worte, in deren Aussagen ich mich wieder finde. Per aspera ad astra. Durch die Dunkelheit ins Licht….so dunkel war’s noch nie in mir, ich bin zuversichtlich.

  9. Oliver04-29-2016

    Genau so ist es

  10. Missy04-30-2016

    Danke für die schönen Worte ! :-)

  11. Nikole Gericke08-21-2016

    Ich würde auch gern über meine Gefühle reden. In mir ist ein totales Gefühls Chaos. Habe Probleme es in Worte zu fassen und habe deshalb das Gefühl nicht verstanden zu werden. Selbst beim Therapeuten fühle ich mich missverstanden, weil ich sage esgeht mir gut. Was ja auch stimmt , jetzt wo ich mich nicht mehr unterdrücken lasse. Mit gleichgesinnten habe ich gesprochen. Die verstehen auch ein. Aber was mach ich im Alltag, mit leuten die es nicht verstehen können?

  12. Stefan08-31-2016

    Vielen Dank für Ihren Artikel. Meine Depression ist jetzt ziemlich genau ein Jahr alt. Ich habe inzwischen viel akzeptiert und viel über mich selber gelernt. In Ihrem Text finde ich mich an sehr vielen Stellen wieder. Gefühle und sich spüren sind meine Stichworte aus Ihrem Text. Oh wenn ich dass doch schon ein Jahr früher gelernt gehabt hätte…

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