Braintuning

Intelligenz – Illusion und Unvermögen

Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „BRAINTUNING: schneller, schlauer, konzentrierter“ von Siegfried Lehrl und Peter Sturm
 erschienen im Verlag BusinessVillage. © BusinessVillage

Die meisten Erwachsenen halten ihre Intelligenz für wichtig und sie wenden nach ihrer Auffassung pro Tag auch mehr als eine Stunde für den Erhalt und die Steigerung auf. Schaut man sich genauer an, was als Maßnahme für die geistige Fitnessförderung angegeben wird, fällt auf, dass vieles davon wenig anspruchsvoll und wenig verbindlich ist: Das Lösen von Kreuzworträtseln oder das Zuschauen bei TV-Quizsendungen erfolgt, wenn man ohnehin nicht viel zu tun hat.

Außerdem kann man sich gleich weiterem zuwenden, wenn sich nicht der erhoffte Spaß einstellt. Anders ist es mit Seminaren und Kursen in mehreren Einheiten, bei denen man sich für einige Stunden oder gar Wochen bindet, wie Gedächtnistraining, geistiges Fitnesstraining, Kopftraining und Ähnliches. Zahlenmäßig spielen sie beispielsweise in den Volkshochschulen eine geringe Rolle neben körperlichen Trainings in Kursen für körperliche Fitness, Funktionsgymnastik, Aerobic, Pilates und so weiter oder auch Ernährungskursen.

In einer Gesellschaft, in der so viel von der geistigen Fitness abhängt, spüren die Menschen zwar, dass geistige Fitness wichtig ist, aber sie haben überwiegend noch nicht erkannt, dass der Zeitaufwand zu ihrer Förderung es wert ist, sich näher und länger damit zu befassen und diesen Aufwand lieber bei anderen Tätigkeiten einzusparen. Für die angeführte Ignoranz können zwei wichtige Gründe angegeben werden: Viele halten sich bereits geistig für überdurchschnittlich fit. Viele sind nicht in der Lage zu erkennen, was gut und was schlecht für sie ist, teilweise weil sie die schriftlichen Informationen darüber nicht verstehen; in diesem Sinne gehören sie zu den Illiteraten.

(Illiteraten – als Gegensatz zu Literaten – sind Personen, denen es mangelt, Texte und deren Sinn zu verstehen, die sprachlich wenig abstrahieren können und die mit Büchern, Texten und Geschichten kaum vertraut sind. Ihnen fehlt es an Medienkompetenz.)

Fast alle halten sich für sehr intelligent

Was sicherlich viele davon abhält, weit mehr aus ihren Anlagen für geistige Fitness zu machen, ist ein erst vor gut zwanzig Jahren entdecktes Phänomen, das als illusorische Überlegenheit (illusory superiority) bezeichnet wird: Fast alle halten sich dem Durchschnitt der Mitmenschen für überlegen. Das heißt, für sehr sozial beliebt, bekannt, ehrlich, vertrauenswürdig, ideenreich und intelligent. Entsprechend hoch wird die eigene Kompetenz in schulischen, beruflichen und alltäglichen Angelegenheiten eingeschätzt. Deshalb ist auch fast jede(r) im Selbstbild ein guter und nicht ein normaler Autofahrer, und fast jede(r) glaubt, von geistiger Fitness etwas zu verstehen und ohne besondere Einarbeitung in das Gebiet mitdenken und mitreden zu können.

Diese illusorische Überlegenheit ist sicherlich ein wichtiger Grund, warum wir uns optimistisch mit den Dingen im Alltag auseinandersetzen können. Sie nimmt aber die Motivation, sich für diese Auseinandersetzungen besser zu wappnen.

Die aus mehreren Studien zusammengetragenen Messergebnisse belegen: Die Mehrzahl der Personen aller geistigen Leistungsniveaus schätzen sich als überdurchschnittlich intelligent ein. Betrachtet man die Abbildung 3 (siehe Buch), wird offensichtlich, dass sich die, die am wenigsten leisten, am stärksten verschätzen: Obwohl sie objektiv gesehen wenig leisten, halten sie sich für recht intelligent.

 

Amazon – Partnerlink

 

Der Psychologieprofessor Dr. David Dunning und der Marketingprofessor Dr. Justin Kruger von der Cornell Universität (USA) hatten 1999 nachgewiesen, dass die Selbstüberschätzungen umso ausgeprägter sind, je weniger leistungsfähig eine Person ist. Das ist der nach den Autoren benannte Dunning-Kruger-Effekt. Wie weitere Studien erbrachten, haben Personen mit geringer Leistungsfähigkeit keine Einsicht in ihre Mängel. Sie halten sich sogar bei gewohnten geistigen und handwerklichen Tätigkeiten für gut, obwohl ihnen in Ausbildung, Beruf und Alltag ständig rückgemeldet wird, dass sie diese nur ungenügend ausführen.

Es scheint, so schlussfolgern die Autoren, als fehlte den Personen mit geringer Kompetenz die Fähigkeit, an Erfahrungen zu lernen. Dies treffe selbst für schlechte Studenten zu, die im Gegensatz zu den guten bei einzelnen Misserfolgen nicht ihre Lernmethoden reflektieren und sich auch nicht umstellen. Stattdessen nehmen sie immer wieder mit Optimismus auf ihre alte Weise weitere Prüfungen in Angriff und haben dabei noch mehr Misserfolge. Demnach ist bei vielen Personen mit geringer bis durchschnittlicher geistiger Fitness die Überschätzung der eigenen mentalen Kompetenz sehr ausgeprägt. Sie werden deshalb annehmen, dass das, was sie für geistige Fitness-Maßnahmen halten, schon ausreicht. Zusätzliche Aktivitäten hätten sie nicht nötig. Ihnen fehlt daher die Motivation, sich für ihre mentale Leistungsfähigkeit zu engagieren.

Wie steht es nun mit den sehr leistungsstarken, kompetenten Personen? Sie schätzen sich ebenfalls als überdurchschnittlich ein. Bei ihnen liegt die Selbstbewertung aber niedriger, als es ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit entspricht. Wahrscheinlich sind sie, weil sie noch Verbesserungsmöglichkeiten bei sich sehen, eher bereit, etwas zu tun. Dafür spricht, dass in den Kursen für geistige Fitness, Gedächtnis-, Konzentrations-, Intelligenztrainings, deren Teilnahme freiwillig ist, vor allem fitte Personen sitzen. Oft mehrsprachig, mit einer guten Schulausbildung und einem umfangreichen Allgemeinwissen.

Durch die intensivere Beschäftigung mit geistiger Fitness steigt, wie mehrere Studien zeigen, die tatsächliche Überlegenheit nahezu sprunghaft zusätzlich an. Somit driften die Personen mit geringer und mit hoher geistiger Leistungsfähigkeit immer weiter auseinander.

Viele verstehen nicht, worum es geht

Der Motivationsmangel im unteren Leistungsbereich geht mit dem Unvermögen einher, zu erkennen, was gut und was schlecht für die mentale Förderung ist. Wie die vertiefenden Studien an den Tag brachten, gehört zu der Inkompetenz eine ausgeprägte Realitätsferne, wie sie von den schulisch weniger gut ausgebildeten Erwachsenen der oben erörterten Studie von Teichert bestätigt wurde. Die vielen Betroffenen durchschauen nicht, was sie für eine erfolgreiche Lebensführung brauchen, was ihnen guttut und wer verlässlich helfen kann.

So können sie zwischen Experten und Laien in Sachen geistige Fitnessförderung nicht unterscheiden und neigen selbst dazu, sich wie Experten zu verhalten und anderen Erwachsenen Ratschläge zu erteilen. Ärzte und Juristen, beispielsweise, kennen dies von ihren Patienten beziehungsweise Klienten. Typischerweise verbindet sich mit zunehmender Inkompetenz eine entsprechend ausgeprägte Fehleinschätzung der eigenen Person und der Mitmenschen. Die charakteristische Häufung an Misserfolgen nehmen inkompetente Menschen kaum wahr. Damit schützen sie sich vor Korrekturen ihrer Fehleinschätzungen und halten sich weiterhin für überlegen und bleiben inkompetent.

Illiteraten sind schwerlich in der Lage, ihr Fehlverhalten selbst zu korrigieren. Sie können schriftlich mitgeteilte Erfahrungen anderer kaum verstehen, teils weil deren Sätze umgangssprachlich nicht häufig gebrauchte Wörter enthalten und zu lang sind. Beim langsamen Lesen sind der Beginn und Satzeinschübe bereits dem Bewusstsein entschwunden, bevor man am Ende eines Satzes angelangt ist. Wegen dieser Schwierigkeiten liest knapp die Hälfte der Erwachsenen fast nicht.

Auf keinen Fall ›gute‹ Literatur und erst recht keine Sachbücher. Auch diese Personen können ihre geistige Fitness verbessern. Aber dazu müssen sie im Normalfall von anderen an die Hand genommen und geführt werden. Bei Kindern können es die Eltern oder Lehrer sein oder – dies auch bei Erwachsenen – Trainer in der Funktion als mentale Konditionierer, ähnlich wie es der ehemalige Trainer der bundesdeutschen Fußballnationalmannschaft, Jürgen Klinsmann, eingeführt hatte. Er hatte seine technisch ohnehin schon hervorragenden Fußballer durch – allerdings körperliche – Konditionierer zusätzlich fit gemacht.

Peter Sturm, Dipl.-Psych., ist Mitbegründer der internationalen Gesellschaft für Gehirntraining e.V. (GfG) und Leiter der Trainerausbildung in der GfG. Nach einer Tätigkeit bei der Unternehmungsberatung Roland Berger gründete er ein Institut für Marktpsychologie. Seit 1975 unterstützt er die Verbreitung medizinpsychologischer Tests, seit Mitte der 80er-Jahre auch die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Programme zur Förderung der mentalen Leistungsfähigkeit.
 
Der Dipl.-Psychologe Dr. Siegfried Lehrl lehrte lange Jahre an der Universität Erlangen Medizinische Psychologie. Er ist seit 1997 Präsident der internationalen Gesellschaft für Gehirntraining e.V. (GfG). Die von ihm entwickelten Intelligenztests und eine informationspsychologische Intelligenztheorie sind Basis des Gehirnjoggings, aus dem sich das mentale Aktivierungstraining (MAT) und das Arbeitsspeicher-Management entwickelt haben.

BusinessVillage ist der Verlag für die Wirtschaft. Mit dem Fokus auf Business, Psychologie, Karriere und Management bieten wir unseren Lesern aktuelles Fachwissen für das individuelle und fachliche Vorankommen. Renommierte Autoren vermitteln in unseren Sach- und Fachbüchern aktuelle, fundierte und verständlich aufbereitete Informationen mit Nutzwert.

BusinessVillage – BRAINTUNING: schneller, schlauer, konzentrierter

  1. Oster12-08-2013

    Vielleicht sind dem Dr. Lehrl die Jahre an der Uni lang vorgekommen, aber gemeint sind sicher viele Jahre.

  2. Richard05-24-2015

    Nun ist das Thema relativ eingeschränkt auf die Intelligenz, wie wir sie in der Schule bewerten. Soziale und emotionale Intelligenz ist scheinbar unwichtig. Zu bemerken ist auch, dass Studien ergeben haben dass die sog. Intelligenztrainer von CD zwar die Ergebnisse der Übungen verbessern aber nur von mariginalem praktischem Wert sind.

Wie lautet Ihre Meinung?