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Kritik – Die Kunst der klaren Worte

Kritik zu üben, fällt vielen nicht leicht, weil wir das häufig mit Missbilligung, Tadel und Herabsetzung verbinden. Oder wir hassen es, selber kritisiert zu werden. Ein beliebter Grund sich vor klaren Worten zu drücken, ist auch die Angst, sich unbeliebt zu machen. Das ist allzu menschlich und jeder hat wahrscheinlich unangenehme Situationen erlebt, in denen genau das zutraf.

Auf der anderen Seite ist Klartext wichtig. Wie können wir Spannungen aus der Welt räumen, wenn sie nicht zum Ausdruck gebracht werden? Ich finde eine unterschwellige Gereiztheit sogar unangenehmer als direkte Worte. Insofern kann dauerhaftes Ignorieren keine gewinnbringende Taktik sein. Hinzu kommt, dass Kritik mit ein wenig Übung ihren Schrecken verliert. Wir brauchen bloß ein paar Dinge zu berücksichtigen.

Reden Sie von sich

Manche Menschen holen sich vermeintlichen „Beistand“, indem Sie die Wir-Form benutzen. „Wir finden dein ständiges Zuspätkommen unmöglich.“ Wer ist wir? Sind diese Personen anwesend? Sich gegen unsichtbare Ankläger zu wehren, ist kaum möglich. Wenn Ihnen etwas nicht gefällt, ist das Ihre persönliche Warte. Bringen Sie deshalb zum Ausdruck, was Ihnen nicht zusagt.

Zeitpunkt

Sprechen Sie das strittige Thema möglichst zeitnah an. Dadurch ist es leichter, einen unmittelbaren Bezug herzustellen. Und vor allem müssen Sie nicht tagelang möglichen Ärger mit sich herumschleppen.

Seien Sie spezifisch

Machen Sie deutlich, was Sie genau stört. Die Aussage „Deine Bemerkung in der Besprechung war völlig daneben.“ verschafft wenig Klarheit. Welche Aussage war gemeint? Was ist unter völlig daneben zu verstehen? Was hat Sie irritiert?

Fokus

Bringen Sie bitte nur einen Kritikpunkt pro Aussprache an. Es darf keine Generalabrechnung nach dem Motto „Was ich dir schon immer mal sagen wollte!“ werden. Beliebt ist auch die Strategie, weitere „Anklagen“ nachzuschieben, wenn wir das Gefühl haben, unser Gegenüber ist nicht gewillt, Einsicht zu zeigen. Ist mein Gegenüber für das erste Anliegen nicht empfänglich, werden weitere Kritikpunkte daran wenig ändern.

Lösung

Äußern Sie einen Verbesserungswunsch. Zu wissen, wie etwas nicht geht, ist eine Sache. Verbessern können wir uns allerdings nur, wenn wir wissen, was wir anders machen können.

Respekt

Kritisieren Sie bitte auf keinen Fall die Person, sondern eine bestimmte Handlung. Die Aussage „Du hast mal wieder versagt.“ ist entwürdigend. Kein Mensch ist ein Versager. Bestimmte Dinge klappen manchmal nicht. Daran können wir arbeiten. Und wir tun es in der Regel gerne, wenn wir motiviert sind. Informationen erreichen uns, sobald die Beziehungsebene stimmt. Fühlen wir uns dagegen persönlich angegriffen, machen wir schnell dicht und sachliche Argumente haben wenig Chancen.

Umgebung

In der Gegenwart von anderen kritisiert zu werden, ist vielen unangenehm. Suchen Sie deshalb ein Gespräch unter vier Augen, wenn es sich einrichten lässt. So umgehen Sie die Möglichkeit, dass sich jemand bloßgestellt fühlt.

Geduld

Kritik möchte manchmal verarbeitet werden. Jeder hat da sein eigenes Tempo. Insofern ist es kontraproduktiv, auf jemanden einzureden, der nicht einsichtig erscheint. Haben Sie Klartext geredet, ist Ihr Part erst einmal beendet. Sie haben Ihren Teil zur Verbesserung beigetragen. Jetzt ist die andere Person an der Reihe. Ich kann zum Beispiel nicht jede Kritik auf der Stelle annehmen. Doch nach 1 oder 2 Tagen sieht die Sache schon anders aus und ich hatte Zeit, in mich zu gehen.

Mitgefühl

Kritik kommt in der Regel an, sobald wir das Gefühl haben, dass wir dem anderen etwas bedeuten. Und das spüren wir recht schnell. Ich brauche nicht alle Menschen gleich lieben, doch macht es Sinn, ihnen alles Gute zu wünschen und an ihrem Wohlergehen interessiert zu sein.

Natürlich ist es nicht leicht, all diese Punkte bei der nächsten Kontroverse zu berücksichtigen. Es geht nicht um Perfektion. Wenn wir üben, wird sich unsere Kommunikation stetig verbessern. Wir werden uns sicherer fühlen und auf andere klarer und authentischer wirken.

Und was spricht dagegen, hin und wieder die betroffene Person zu fragen, wie unsere Kritik angekommen ist? Dann liegt es an uns, wie wir mit einer möglichen Kritik umgehen.

Vor allem geht es nicht um Machtkämpfe, sondern um Klarheit. Wir können die Lebensqualität von uns und anderen erheblich verbessern, indem wir liebevollen Klartext reden.

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About the Author

Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. mona lisa01-06-2014

    Der Artikel enthält wertvolle Hinweise im Umgang mit Kritik,
    das Bild passt m.E. überhaupt nicht dazu ;)

  2. Andrea Rochlitz01-06-2014

    Vielen Dank, dass sind sehr gute Hinweise. Ich habe erst in meinem Rhetorikclub gelernt, wie man jemandem (auch vor Publikum) mit Fingerspitzengefühl kritisieren kann. Ganz wichtig ist dabei auch mal zu sagen, was denn gut an der Leistung war. Dann kann man auch Kritik äußern und wenn möglich demjenigen einen konkreten Hinweis zur Verbesserung mitgeben.

  3. Richard01-02-2015

    Ich finde, wir sollten stets Wohlwollen zum Ausdruck bringen, um eine gute Unterlage zu jeder Kommunikation zu haben. Wir können dann auch indirekt Kritik üben, indem wir öfter was zum Ausdruck bringen, das wir gut finden und dann in diese Gewohnheit etwas Nachdenklichkeit einbringen. Ich kann auch direkt sagen, bis zu welcher Grenze ich etwas gut finde … Alles Möglichkeiten der Kommunikation, die dem anderen Raum und Zeit geben.

    LG Richard

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