Fühlen wir uns getroffen, taucht leicht der Impuls auf, es mit gleicher Münze heimzuzahlen. Das, was uns schmerzt, ist dabei ganz individuell. Manchmal schürt ein unachtsames Wort unseren Groll, ein anderes Mal fühlen wir uns nicht gesehen oder ungerecht behandelt.

Der „Gegenangriff“ ist beim Streit ein beliebtes Mittel, mit dem wir uns zu schützen versuchen. Wir wollen von unserem Schmerz ablenken und den anderen hindern, uns weiter weh zu tun. Selber bei Menschen die uns am Herzen liegen, verfolgen wir diesen Drang. Und hier wird meines Erachtens die Unsinnigkeit besonders deutlich. Wir möchten einen Menschen verletzen, den wir lieben.

Es geht nicht darum, sich alles gefallen zu lassen. Natürlich ist es von großer Bedeutung, anderen zu zeigen, was uns schmerzt und Grenzen aufzuzeigen. Der Impuls sich bei einem Konflikt zu schützen, ist ganz wichtig. Doch müssen wir andere verletzen, um uns zu wehren?

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Martin Luther King“]Der alte Grundsatz „Auge um Auge“ macht schließlich alle blind.[/pullquote2]

Emotionen sind Teil unseres Lebens. Es macht weder Sinn sie zu unterdrücken noch zu verstärken. Lernen wir sie zu verstehen, wird alles leichter und die Beziehungen zu unseren Mitmenschen entspannter. Verstehen wir unsere Emotionen nicht, wird alles kompliziert. Wir sind gefangen im Schmerz und werden von Angst getrieben.

Abstand

Zwischen Reiz und Reaktion, zwischen Verletztsein und Zurückschlagen gibt es einen Augenblick. Diesen gilt es bewusst auszudehnen und zu nutzen. Bekommen wir einen gewissen Abstand zu unserem Gefühl, haben wir die Möglichkeit, in eine Beobachterrolle zu schlüpfen. Handeln wir nicht mehr automatisch, haben wir die Chance, die Situation in einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Wir brauchen ein wenig Distanz zum Erleben.

Reflexion

Jetzt folgt der zweite wichtige Aspekt: Selbstbeobachtung. Was verletzt mich? Ist es wirklich die Äußerung meines Gegenübers? Oder ist es vielleicht auch mein Stolz, meine Angst oder meine Eifersucht, die dazu beitragen, dass ich aus der Haut fahre? Wir neigen dazu, unangenehmen Gefühlen auszuweichen, indem wir uns ablenken oder die Schuld im Außen suchen. Das scheint im ersten Moment leichter, als die eigenen Emotionen zu reflektieren.

Was können wir tun, um „schwierigen“ Gefühlen zu begegnen? Am Anfang ist es sinnvoll, weniger dramatische Situationen für dieses Aufgabe zu nutzen. Was ist die Ursache für meinen Ärger? Was genau trifft mich? Was empfinde ich dabei? Komme ich häufiger in solche Situationen? Werden bei mir bestimmte Erinnerungen geweckt?

Diese Fragen zu beantworten, dauert Zeit und ist ein allmählicher Prozess. Wenn Sie bereit sind, ihn zu gehen, wird sich in Ihrem Erleben jedoch eine Menge ändern. Sie werden weniger die Zielscheibe sein und mehr die Gestalterin bzw. der Gestalter. Sie können auf einmal den jeweiligen Situationen eine andere Bedeutung beimessen, weil Sie die Ursache Ihrer Gefühle besser verstehen.

Sichtweise

Wir haben die Chance, in jedem Moment etwas zu lernen. Zwar verfügen wir nicht immer über die nötige Gelassenheit. Dennoch bleiben viele Gelegenheiten, die wir nutzen können, um uns besser kennenzulernen und zu einem gewinnbringenden Miteinander beizutragen.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Hildegard von Bingen“]Deine Wunden werden durch die Heilung zu einem kostbaren Besitz, zu kostbaren Perlen.[/pullquote2]

Das Miteinander gelingt nicht immer ohne Reibungsverluste, wobei eine superharmonische und rosarote Welt meines Erachtens auch nicht das Ziel ist. Klartext tut not. Davor sollen wir uns auf keinen Fall drücken.

Letztendlich geht es um unsere Einstellung und die Fähigkeit, Mitgefühl zu entwickeln. Wollen wir so weitermachen wie bisher und uns vornehmlich über andere ärgern? Uns ungerecht behandelt fühlen und beklagen? Wir versuchen oftmals, die Umwelt unseren Vorstellungen anzupassen. Dabei macht es vielleicht auch Sinn, die eigenen Erwartungen zu prüfen.

Wollen wir das Glück vergrößern oder zum Leid beitragen?

Verfügen wir mit der Zeit über genügend Abstand und Reflexion, können wir immer besser abschätzen, welche Reaktion am meisten Nutzen zum Wohle der Beteiligten beiträgt. Zu einem Konflikt gehören zwei Parteien und es gibt ein Hinterher. Mit mehr Achtsamkeit entwickeln wir die eigenen Fähigkeiten und brauchen dafür später weniger Scherben einzusammeln. Lassen Sie uns versuchen, gewinnbringend Miteinander umzugehen. Auch oder gerade in Konflikten.