Offenheit, Reflektion und ein reiches Innenleben sind zuverlässige Garanten, das Spektrum der eigenen Gefühle wahrzunehmen. Dass das nicht immer nur schön ist, durfte wohl jeder von uns schon einmal erfahren. Doch gehören zu einem pulsierenden Leben nicht die ganze Bandbreite der Emotionen?

Eva Sameena absolvierte eine internationale Coaching-Ausbildung in den USA und ist NLP-Trainerin. Sie war ein Jahr in einem buddhistischen Heilungszentrum in Thailand tätig und hat drei Jahre in verschiedenen indischen Ashrams und Heilungszentren gearbeitet und gelebt. Sie kann die Energien von Menschen wahrnehmen und weiß intuitiv, was deren Fluss begünstigt oder blockiert. Heute führt Eva Sameena eine eigene Praxis für ganzheitliche Lebensberatung, in der sie viele ihrer Klienten deutschlandweit und international auch per Telefon betreut.

Es gibt Momente, in denen wir nicht weiter wissen und die Situation ausweglos erscheint. Ebenso liegen die Antworten auf unsere dringenden Fragen in uns. Was sind aus deiner Sicht wichtige Voraussetzungen, dass wir sie finden können?
 
Ich glaube jeder kennt die Situation: Es läuft einem heiss und kalt den Rücken runter, von der Hiobsbotschaft die man gerade bekommen hat. Das Gehirn rast, man fühlt sich in die Ecke gedrängt, kann kaum noch richtig atmen – die Nachricht macht einen machtlos.

Die Frage kreist im Kopf „Was soll ich jetzt machen?“. Man hat das Gefühl, man braucht jetzt sofort eine Antwort auf die Frage- wie die Luft zum Atmen. Aber man findet keine Antwort.

Es gibt einen schönen Satz von Albert Einstein: “Die Lösung kann nie auf der Ebene des Problems liegen.“ Das heisst, auch in dem Zustand in dem wir uns in so einem Moment befinden, gibt es keine Lösung, egal wie krampfhaft wir nach ihr suchen. In solchen Momenten ist nur unser ältestes Gehirn aktiv, und das gibt uns drei Möglichkeiten „flight, fight, freeze“, Flucht, Angriff, oder „Einfrieren“.

Der erste fundamentale Schritt zu den Antworten in unserem Inneren ist wieder Zugriff zu allen Gehirnregionen zu bekommen. Das betrifft Situationen wie die oben beschriebene, aber auch Zeiten in denen alles schwarz und ausweglos erscheint – ohne das wir einen Trigger dafür erkennen können.

Wege dahin gibt es viele, einer der klassischen ist Mediation. Einer der Neuzeitlichen ist, durch unterlegte Musik z.B. Alpha, Delta und Gammawellen, im Gehirn zu provozieren. Nach meiner Erfahrung bei mir selbst und Klienten schafft dies sehr schnelle Veränderungen. Manchmal hilft auch der Spaziergang an der frischen Luft.

Wenn, auf welchem Wege auch immer, das Gehirn wieder vollumfänglich anwesend ist, hilft oft schon ein Blick in die Vergangenheit. Was hat uns in der Vergangenheit geholfen Antworten zu finden? Es gibt tausend Wege und jeder hat eigene „Knotenlöser“, die für ihn besonders gut funktionieren.

Ich persönlich halte nicht viel davon „dass man die Antworten alleine finden muss“. Niemand von uns ist eine Insel – für den einen funktioniert ein offenes Gespräch mit einem Vertrauten. Anderen öffnet sich eine Tür ins Innere an einem Wochenende ohne Störungen und voller Ruhe.

Ganz wichtig ist es, Wege die ganz offensichtlich nicht funktionieren, nicht mehr zu begehen. Da wären wir bei Einsteins Definition von Wahnsinn: „immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

Das Gestern beeinflusst das Heute. So prägen uns die Kindheitsjahre wahrscheinlich in einem Maße, wie wir uns das gar nicht vorstellen können oder möchten. Doch um aus den alten Mustern ausbrechen zu können, müssen wir uns dieser erst einmal bewusst werden. Welche Möglichkeiten kennst du, Glaubenssätze und die damit verbunden Einschränkungen zu erkennen? 
 
Glaubenssätze finden sich in jedem Mangel den wir über längere Zeit erleben. Ein guter Anfangspunkt ist sich selbst zuzuhören. Wann und in welchem Zusammenhang denken oder sagen wir „nicht genug“? Wir leben einer Mangelgesellschaft auf der Suche nach Glück, und genau dieser Umstand wirkt wie eine Tarnfarbe, unserem eigenen Mangel gegenüber. Da wir von Mangel umgeben sind, fällt unser eigener kaum auf – es ist ja normal.

Wem das als Rechtfertigung nicht ausreicht, kann auf die innere Suche gehen nach den „nicht oder nie genugs“. Ein weiterer guter Wegweiser zu den eigenen gefühlten Mängeln ist zu schauen, und auch nach Feedback von anderen zu fragen, wo man perfektionistisch ist. Jeder Perfektionismus ist der Versuch eine Schwäche zu kaschieren. Und hinter dieser Schwäche liegt ein versteckter Mangel, ein versteckter Glaubenssatz.

Noch ein letzter Gedanke dazu: So wie wir nie unsere eigenen Augapfel sehen können, sondern bestenfalls die Reflexion im Spiegel, wird es Teile in uns geben, Glaubenssätze, die wir alleine nicht sehen können. Da hilft ein Blick von Aussen, vom jemandem der unseren Augapfel sehen kann enorm weiter. Diese Person kann ein Vertrauter, ein Coach, ein Therapeut sein.

Um den Schmerz nicht zu spüren, versuchen wir uns mit inneren Mauern zu schützen. Kurzfristig mag das helfen. Auf lange Sicht zahlen wir einen hohen Preis, denn Mauern verhindern Wachstum, Offenheit und Erfahrung. Wie können wir es schaffen, unser Herz offen zu halten, um dem Reichtum des Lebens zu begegnen?
 
Die kurze Antwort ist: Der Schmerz hinten den eigenen inneren Mauern zu leben muss größer sein, als die Angst was passieren könnte, wenn man die Mauern niederreißt. 
 
Die Angst ist durchaus berechtigt. Die Welt reagiert auf allerlei Art und Weisen auf ein offenes Herz –  positiv wie negativ. Es wird oft ein sehr romantisches Bild gemalt, wie es sich mit einem offenen Herzen lebt. Die Realität ist dann oft sehr ernüchternd. Das einzige was du mit Sicherheit durch ein offenes Herz bekommst, ist ein offenes Herz.

Durch ein offenes Herz kannst du dem Reichtum des Lebens spüren, aber du wirst auch Schmerz sehr viel deutlicher wahrnehmen. Ein offenes Herz gibt dir keine Garantie auf ein besseres Leben im Sinne von einer besseren Beziehung, mehr Gesundheit, mehr Glück, mehr Erfolg. Das kann passieren, muss aber nicht.

Ich habe schon oft gehört „aber ich dachte wenn ich mit offenem Herz in die Welt gehe, dann begegnen mir alle freundlicher“ das kann sein, aber dafür gibt es keine Garantie. Würde diese Theorie stimmen, dürfte Jesus kein offenes Herz gehabt haben (und ich bin mir ziemlich sicher er hatte eins), denn er wurde ja nicht aus Freundlichkeit ans Kreuz genagelt.

Es gibt keine universelle Reaktion auf ein offenes Herz, es ist in jedem Fall ein Risiko. Ein Risiko was ein grosses Potential beinhaltet, aber keine Garantie. Wenn man bereit ist das Risiko einzugehen und die Mauern niederzureißen, was braucht es dann, um das Herz offen zu halten?

Die Antwort mag sich sehr einfach anhören, aber es ist in meiner Erfahrung das einzige was man braucht: Den Schmerz zu spüren, der entsteht, wenn wir anfangen die Mauern um unser Herz wieder hoch zu ziehen. Ohne Ablenkung, Betäubung- eine grosse Herausforderung in der Welt in der wir leben.
  
Manchmal harren Menschen sehr lange in Beziehungen aus, die sie nicht glücklich machen. Und trotzdem bleiben sie. Ist das nicht paradox? 
 
Absolut. Im Regelfall bleiben Menschen weil sie, oft gar nicht bewusst, andere Werte über den Wert Glücklich zu sein stellen, z.B. Sicherheit, nicht alleine sein. Gleichzeitig ist der Anspruch Glücklich zu sein in einer Beziehung ein heisses Eisen und ein oft schmerzhafter Trugschluss. Natürlich ist es wunderschön glücklich zu sein. Wichtiger und greifbarer finde ich den Wert sich in einer Beziehung gesehen, gehört und verstanden zu fühlen.

Ich habe Menschen in ihren letzten Lebenswochen begleitet. Waren das glückliche Wochen? Hm, nicht wirklich! Aber es hat ein tiefer Austausch stattgefunden, der erfüllend war und den ich für kein Glück eintauschen möchte. Diese Zeiten gibt es in jeder Beziehung. So wie wir Frühling, Sommer, Herbst und Winter als Jahreszeiten haben, so haben wir diese Jahreszeiten auch in einer Beziehung.

Glück ist der Frühling, der Sommer, der einen trägt, der mühelos ist, und dann gibt es den Winter. Egal wie sehr wir uns den Frühling herbeisehnen, der Winter dauert so lange wie er dauert, er gehört zu den Zyklen des Lebens.

Wichtig ist, dass der Herbst und Winter einer Beziehung nicht ertragen werden. Er sollte von Respekt, einem gehört, gesehen und verstanden werden getragen werden. Wir können das Glück des Frühlings nicht im Winter finden, aber wir können den Winter in seiner eigenen kargen Schönheit erleben, bis der nächste Frühling kommt.
 
Und noch ein zweiter nicht weniger wichtiger Punkt. Ich habe über die Jahre auch eine Verbindung entdeckt zwischen wie viel „Purpose“ also Lebenssinn oder Lebensaufgabe jemand hat und spürt und wie lange jemand in einer ungesunden Beziehung verharrt. Wenn jemand weiss was er seinem Umfeld, der Welt geben möchte, wenn jemand weiss warum er morgens aufsteht, und das meine ich nicht nur auf den Beruf oder die Berufung begrenzt, kann und wird er nicht so lange in einer Beziehung ausharren, die seine Fähigkeit schmälert das zu tun.

 


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In deinem Buch „Heilung des Herzens“ bin ich auf folgenden Satz gestoßen, der mich nachdenklich stimmt. „Darüber hinaus suchen wir uns oft Partner, die ähnliche Konditionierungen haben und unsere verstärken.“ Magst du deine Aussage näher erläutern?
 
Gerne. Ähnliche Konditionierungen ergeben sich aus ähnlichen Definitionen, die wir die ersten Lebensjahre entwickeln. Universelle Definitionen, die jeder von uns in dieser Zeit entwickelt hat sind: Was bedeutet „zu Hause“? Was ist Liebe? Was bedeutet Beziehung bzw. Mann/Frau sein?

Auch wenn das die Wenigsten gerne hören wollen, aber wir lernen diese drei Definitionen von unseren Eltern, oder anderen Bezugspersonen mit denen wir unsere ersten Lebensjahre verbringen. Wenn man als Erwachsener jemanden trifft und nach kürzester Zeit das Gefühl hat jemanden „schon ewig zu kennen“, eine enge Vertrautheit spürt, wird das ja gerne als Seelenverwandtschaft gesehen, und das möchte ich auch niemandem absprechen. Im Großteil der von mir erlebten Fälle hat die Person diese Gefühle der Vertrautheit, weil die andere Person unsere Definition von zu Hause, Beziehung oder Liebe erfüllt. 

Sagen wir zum Beispiel ein Frau findet Männer besonders anziehend, die Einzelgänger oder Kämpfer sind – ein bisschen mysteriös aber charismatisch. Und genau diese Eigenschaften die sie so anziehend fand, werden sie nach geraumer Zeit stören, denn die Schattenseite dieser Eigenschaften sind dann oft Männer, die sich emotional nicht öffnen können oder wollen, die niemanden ganz an sich ranlassen. Und genau diese Schattenseiten sind ihre Definition von zu Hause oder von Liebe. 
 
Ihr Partner verstärkt dann ihre Definitionen und Konditionierungen und sie seine. Stark vereinfacht könnte sich das so anhören: Sie: „Egal was ich mache, ich komme nicht an ihn ran.“, „Warum kann er nicht sagen, was wirklich in ihm vorgeht.“ und er „Egal was ich mache, es ist nie genug.“, „Was soll ich denn noch machen?“. Übersetzt heisst das in ihrer Definition von zu Hause ein Mangel an emotionaler Nähe mitschwingt und in seiner eine Überforderung durch zu viel Nähe.

Das sind natürlich stark vereinfachte Beispiele aber sie zeigen die Dynamik auf. Für alle die jetzt denken „ja ganz toll, und jetzt?“ Ein guter erster Schritt ist, seine eigenen Definitionen rauszufinden.

Manchmal scheinen wir in der eigenen Routine gefangen. Zum Beispiel wenn wir morgens hektisch aufbrechen, um die anstehenden Aufgaben abzuarbeiten. Bei all der Betriebsamkeit geht leicht die eigene Motivation verloren. Wie wichtig sind für dich Zeiten der Einkehr? Wie gestaltest du zum Beispiel deinen Start in den Tag? 
 
Ich sollte eines vorweg nehmen: Mein Morgen sieht nicht so aus, dass ich aufstehe und engelsgleich auf mein Meditationskissen schwebe, um dort in tiefer und befriedigender Meditation zu versinken. Alles was ich jetzt schreibe, klappt an manchen Tagen besser, an manchen fällt es mir schwerer.

Ich bin kein Morgenmensch – gar nicht, deshalb ist es für mich besonders wichtig mit dem Anfang des Tages behutsam umzugehen, weil es meinen ganzen Tag enorm prägt.

Ich bin wie die meisten auch, so erzogen worden: aufstehen, schnell Frühstücken und dann los. Ich weiss – und ich glaube, dass es für einen selbst wichtig ist, seine produktiven Zeiten zu kennen. Ich bin morgens nicht produktiv und auch gar nicht gesprächig. Diese Erkenntnis prägt meinen Start in den Tag. Genauso wie ich weiß, dass ich neben mir stehe, wenn ich aufwache und direkt aus dem Bett springe. Also gebe ich mir Zeit.

Ich habe mir vor langer Zeit abgewöhnt, Schlafmangel als Statussymbol zu sehen (was immer noch Hochkonjunktur hat). Meine dritte Erkenntnis – egal was ich morgens veranstalte, es kann keinen Schlafmangel ausradieren. Und meine letzte Erkenntnis: Es reicht nicht morgens den Kopf einzuschalten und meinen Körper als Transportmittel für meinen Kopf zu nutzen.

Ich nutze den Start in den Tag ganz bewusst dafür mir meines Körpers bewusst zu sein. Sei es, dass ich eine Runde mit den Hunden laufe oder Yoga mache. Alles in allem habe ich einen ruhigen, unspektakulären Start in den Tag. Aufwachen, frühstücken, eine Runde mit den Hunden, und erst dann schaue ich in meine Emails. Frage meinen AB ab und und setze mein Headset auf für das erste Telefoncoaching. Und ich weiss auch, würde ich es anders machen, wäre ich ein nicht halb so guter Coach, Freund, die Liste ist lang.
 
Einkehr brauche ich wie die Luft zum Atmen! Ein zu wenig an Einkehr und Ruhe ist eines der ganz, ganz wenigen Dinge, die mir schlechte Laune bereiten. Einkehr nicht als Option wenn ich noch Zeit am Ende des Tages dafür übrig haben sollte. Einkehr als Start in den Tag, als fester Bestandteil meines Tages. Dies mache ich nicht nur damit es mir besser geht, sondern weil ich weiss, dass es sich viel besser mit mir lebt, wenn ich diese Zeiten habe. Einkehr, als Disziplin, nicht als Lückenfüller, ist die Antidote zum Rennen im Hamsterrad.

Was ist dein Antrieb, als Coach zu arbeiten?

Menschen- Lebensgeschichten faszinieren mich unendlich! Nach 17 Jahren immer noch. Hinter jedem Menschen steht eine interessante, zumindest in (unterschiedlichen) Teilen schmerzhafte Geschichte. Aber auch eine Geschichte der Stärke – interessanterweise oft der Teil, der den meisten nicht in vollem Umfang bewusst ist.

Ich habe noch keine einzige Lebensgeschichte gehört, beruflich und privat, die wenn sie ehrlich und offen erzählt wird – nicht berührend und faszinierend ist. Gleichzeitig habe ich schon beim Hören den Impuls. Ich spüre, ich weiss wo man die Weichen anders stellen könnte, damit die Person mehr von ihrem/seinem Potential leben kann, mehr Zugang zu ihren Stärken bekommt, wo ein veränderter Blickwinkel eine Erkenntnis, eine nachhaltige Veränderung erreichen kann. Wie man welche Glaubenssätze aufweichen kann.

Für mich als Coach ist es enorm wichtig, das Potential zu sehen, dass in meinem Gegenüber ist, speziell dann, wenn er es noch nicht sehen kann. Wichtig ist auch, ihm einen Weg dahin aufzuzeigen, und gleichzeitig kein rigider General zu sein, der sein Ding durchzieht. Stattdessen die Wünsche, Ängste, Unsicherheiten, die mein Gegenüber spürt, erst nehmen.

Gleichzeitig weiss ich aber, egal wie sehr wir unser Leben verbessern, welche Ziele wir uns setzen und auch erreichen, das Leben bleibt immer ein Stück unberechenbar oder wundersam je nach Situation. Und da sehe ich meine zweite Aufgabe als Coach. Meinem Coachee einen Weg zu mehr innerer Stabilität, Ruhe aufzuzeigen, die auch dann noch da ist, wenn das Leben ganz andere Pläne hat.
 
Wie kam es dazu, dass du mehrere Jahre in Asien gelebt hast? Inwiefern hat dich diese Zeit geprägt?

Ich wollte schon viele Jahre nach Asien – ursprünglich nach Indien. Nach dem Abi wusste ich jetzt oder nie. Also habe ich mein Auto verkauft, meine Wohnung aufgegeben und habe mir ein Ticket gekauft – das ein Jahr gültig war. Solange sollte die Reise maximal sein – und wie so oft im Leben kam es anders.
 
Rückblickend gibt es zwei Dinge, die mich am nachhaltigsten geprägt haben. Zum einen der immer gleiche Rhythmus des Lebens, in dem was wir hier Spiritualität nennen, und dort Alltag ist. Ein Leben zu leben, dass nicht von Stress und Hektik, Terminen, Deadlines geprägt und bestimmt wird, sondern in dem es Zeiten gibt, mehrmals am Tag die der Einkehr dienen. Nicht optional weil man gerade eine halbe Stunde Zeit hat, sondern die im Tagesablauf so essentiell sind, wie Essen und Schlafen.
 
Und Zweitens habe ich dort, auf gute Art und Weise in einem „Vakuum“ – was Erwartungen betrifft – gelebt. Es ist höchst ungewöhnlich, um nicht zu sagen undenkbar, das eine Frau Anfang zwanzig alleine in einer Wohnung wohnt in Indien, oder mit einem Partner zusammen lebt, mit dem sie nicht verheiratet ist. Gleichzeitig habe ich es aber so erlebt, dass es akzeptiert wird, wenn man sich ansonsten den kulturellen Gepflogenheiten anpasst. Zu den Gepflogenheiten gehören sich moderat in Sari o.ä. zu kleiden, keine „fremden“ Männer in meine Wohnung einzuladen, am gesellschaftlichen und spirituellen Leben teilzunehmen. Darüber hinaus hat niemand Erwartungen an einen. 

Dadurch ergibt sich in meinem Erleben ein sehr grosser Freiraum. Man entwickelt sich, ohne Weichenstellung von Aussen. Man entdeckt sich selbst, seine Stärken und Schwächen, seine Sehnsüchte und Wünsche. Man lernt sich kennen, ohne dass man von Aussen gesagt bekommt, wer man zu sein hat. Gepaart mit dem Fakt, dass wenn man wie ich, am Ende der Welt wohnt, kaum Ablenkungen zur Verfügung stehen, kein Fernsehen, kein Kino, keine Parties (ausser religiöse), kein Alkohol, kein Shopping, nichts womit man sich ablenken könnte.

Ich habe das erst in vollem Umfang begriffen als ich wieder in Deutschland war und von Erwartungen überhäuft wurde. Die Werbung hat Erwartungen wie man auszusehen und sich zu kleiden hat. Die Gesellschaft hat Erwartungen wo man beruflich und privat zu stehen hat, die Liste ist lang. Und all diese Erwartung sind ganz eng an den Satz gekoppelt wenn es/du nicht perfekt ist, dann ist es nicht genug.

Es ist ein riesiges Geschenk, nicht nur zu wissen, sondern über einen langen Zeitraum erlebt zu haben, was übrig bleibt, wer man ist, jenseits aller Erwartungen.

Welche Gedanken kommen dir bei den Worten von Erich Fromm „Die meisten Menschen sehen das Problem der Liebe in erster Linie als das Problem, selbst geliebt zu werden, statt zu lieben und lieben zu können.“? 
 
Sehr wahr! Denn zum einen ist das Einzige was wir je beeinflussen und kontrollieren können, wie offen und frei wir Liebe geben, nicht wie andere darauf reagieren. Ob sie uns Liebe geben, ob sie uns so lieben wie wir es uns wünschen. Gleichzeitig ist es schwierig, einem hungernden Menschen von der Wichtigkeit des Gebens zu überzeugen. Wenn wir einen Mangel an Liebe spüren, ein Loch in uns, ist oft die erste Reaktion, Liebe zu wollen. Das ist völlig menschlich. Gleichzeitig ist es der Zeitpunkt, an dem wir sie meist am wenigsten bekommen.

Ein Liebeshungriger ist nicht sehr attraktiv und leider auch nicht sehr wählerisch. Ebenso wenig wie ein Hungernder dem Essen gegenüber nicht wählerisch ist. In meiner Erfahrung, ist es nicht die passende Zeit nach einem Partner zu suchen, der dieses Loch füllen soll. Denn der Motor hinter dem Ganzen ist Angst. Angst nicht genug geliebt zu werden, nicht genug Liebe zu haben, und das heisst auch, das Endergebnis wird mit Angst behaftet sein.

Was bereichert dein Leben?
 
Ich habe relativ früh – wie im ersten Kapitel meines Buches beschrieben – erlebt was übrig bleibt. Was wichtig ist, wenn man dem Tod ins Gesicht schaut. Diese Erkenntnisse waren nicht nur auf mein Liebesleben beschränkt. Mir wurde auch bewusst, dass zwei Dinge am Ende wirklich zählen: Wie tief man geliebt hat und wie voll man gelebt hat. Alles andere ist Beiwerk.

Nichts bereichert mein Leben mehr als diese Erkenntnis zu leben, und auch hier an manchen Tagen klappt es besser an manchen weniger gut. Konkret heisst das für mich: Beruflich vollumfänglich das zu geben, was ich zu geben habe. Sei es im direkten Austausch mit Klienten oder bei einem Ausflug über die sieben Buchmeere zum ersten eigenen Buch. Privat heisst es, Zeit mit Menschen zu verbringen die mir wichtig sind. Zeit mit meinen Hunden, Zeit in der Natur, Zeit der Einkehr.

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