InnererKritiker

Wenn der innere Kritiker Regie führt

Fühlt sich eine Situation unangenehm an, möchte ich sie schnell hinter mich bringen. Besonders wenn ich unter Druck gerate und die Spannung in meinem Körper steigt. Anstatt die Augen zu öffnen, habe ich mich lange verschlossen. Unbewusst habe ich alte „Lösungen“ abgerufen, die schon lange keine mehr sind. Bloß nichts anmerken lassen oder einen lockeren Spruch bringen. Hauptsache ich mache es anderen recht und stehe einigermaßen gut da.

Doch irgendwann wurde ich stutzig. Wer übt diesen Druck eigentlich aus? Wie entsteht er? Geht es den Beteiligten ähnlich? Welche Rolle spiele ich dabei? Unterlaufen anderen Menschen Missgeschicke, finde ich das glücklicherweise nicht schlimm. Bin ich allerdings der „Übeltäter“ sieht das ganz anders aus. Der innere Kritiker meldet sich schnell zu Wort und übernimmt das Kommando. Sobald ich den eigenen Ansprüchen nicht genüge, verliert mein Selbstbild schnell an Glanz.

Wenn das Problem Regie führt

… wird es nicht leicht, eine gewinnbringende Sichtweise zu entwickeln. Bekanntlich müssen wir uns nicht alles gefallen lassen. Auch nicht von unserem inneren Kritiker. Hält er einen Monolog, dürfen wir seine Redezeit begrenzen. Es bringt niemanden persönlich weiter, wenn er zur Schnecke gemacht wird. Motivation wirkt anders.

Man muß sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen. – Viktor Frankl

Selbstreflexion hilft uns, das eigene Verhalten zu hinterfragen und nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Selbstanklage dagegen macht uns klein, weil die Sichtweise einseitig ist und nach Fehlern fandet.

Wie gelingt der Ausstieg aus dem Gedankenkarussell?

Merken wir, dass sich die Gedanken im Kreis drehen, haben wir bereits einen wichtigen Schritt getan. Achtsamkeit ist der Schlüssel für viele Probleme. Glücklicherweise gibt uns der Körper zusätzlich wichtige Hinweise, wenn wir ihm Beachtung schenken. Dauerhafte Anspannung, Verkrampfung und Kopfschmerzen sind nur einige Indizien, das eigene Unwohlsein zu bemerken.

Nachdenken ist in der Regel hilfreich. Drehen wir uns allerdings im Kreis und denken ständig das Gleiche, bringt uns das einer Lösung nicht näher. Deswegen ist es wichtig, Abstand zu bekommen. Nicht um wegzulaufen, sondern in einem entspannteren Zustand unser gesamtes Gehirn nutzen zu können. Oftmals hilft ein kleiner Spaziergang. Wir bewegen uns, bauen körperliche Spannungen ab und werden mit reichlich Sauerstoff belohnt.

Wer übt Druck aus?

Die spannende Frage ist in der Regel, was mich unter Druck setzt? Wovor habe ich eigentlich Angst? Die körperlichen Symptome sind nur das Ergebnis einer unbehaglichen Situation. Oftmals versuchen wir, die Anzeichen zu beseitigen. Wir gönnen uns etwas Gutes, um die schlechten Gefühle nicht mehr zu spüren. Damit fühlen wir uns vielleicht kurzfristig besser, haben aber keine langfristige Lösung gefunden.

Der Zwang etwas tun zu müssen, geht häufig von unseren Gedankenmustern aus. Sätze die mit „Ich sollte …“ und „Ich müsste …“ beginnen, setzen mich von vornherein unter Zugzwang. Dahinter stehen in der Regel nicht hinterfragte Glaubenssätze. Durch fortwährende Wiederholung werden sie fest wie Beton.

Was spüre ich?

Der erste Impuls in unbehaglichen Situationen ist das Abspulen alter Verhaltensmuster, weil wir schnell eine Lösung wollen. Doch viel wichtiger ist es, wahrzunehmen, was ich genau fühle. Ist es Angst? Oder Ohnmacht? Zweifel? In einer persönlich schwierigen Situation sich Zeit zu gönnen, ist zunächst nicht einfach. Und vielen Menschen fällt es überhaupt schwer, unangenehme Gefühle auszuhalten und zu akzeptieren.

 


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Welches Bedürfnis habe ich?

Die Empfindung selber ist noch nicht die Lösung. Sie bringt uns allerdings auf die richtige Spur. Welcher Wunsch steht hinter dem Gefühl? Stehe ich zum Beispiel alleine vor mehreren Menschen, fühle ich mich schnell hilflos. Das mag nach Außen gar nicht so wirken, doch innerlich steigt bei mir die Anspannung ganz schnell. Mein Bedürfnis lautet Unterstützung, wenn ich machtlos fühle. Habe ich das für mich erkannt, kann ich den nächsten Schritt unternehmen.

Wie kann ich mein Bedürfnis stillen?

Wenn ich weiß, wonach ich suche, kann ich gezielter nach einer Lösung suchen. Wie kann eine Unterstützung aussehen? Wer kann mir helfen? Bezogen auf das Reden vor Publikum, habe ich für mich 2 Hilfsmittel gefunden. 1 – Ich stehe nicht alleine „auf der Bühne“ und hole mir eine zweite Person an die Seite. 2 – Die Sitzanordnung ist kreisförmig gestaltet, so dass ich das Gefühl habe, zwischen den anderen zu sitzen.

Schritt für Schritt können wir aus dem Gedankenkarussel aussteigen, indem wir uns der eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusster werden. Sie sind sozusagen die Landkarte für unsere Lösungen. Betrifft die Lösung auch andere Menschen, sind diese natürlich mit einzubeziehen. Doch zuerst bin ich gefordert, Klarheit zu entwickeln.

Je besser wir unsere Gefühle und die dahinter verborgenen Bedürfnisse erkennen, desto leichter können wir an unserer individuellen Lösung mitwirken. Anstatt als Statist die schwierigen Situation über sich ergehen zu lassen, werden wir zunehmend Hauptdarsteller in unserem Leben.

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About the Author

Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. Carmen Weßling01-30-2014

    Sehr schön geschrieben… gute Tipps und Gedankenansstöße… Danke dafür. LG Carmen

    • Joachim01-30-2014

      Danke für das Feedback. Darüber freue ich mich.
      Liebe Grüße

  2. Ruth Scheftschik01-31-2014

    Was mir ergänzend zu obigen Ausführungen in meinem Leben sehr geholfen hat, die Stimme des inneren Kritikers besser identifizieren zu können und ihr den „Wind aus den Segeln“ zu nehmen, ist folgendes:
    Zu begreifen, woher diese Stimme hauptsächlich stammt, bzw. wie die Glaubensätze entstanden sind.

    Dazu gehören drei Schritte:

    Erstens:

    Es sind die Stimmen der Erziehungsberechtigten aus unserer Kindheit, die wir in uns hineingenommen und verinnerlicht haben. Z. B. solche Sätze wie: >> Ein Junge weint nicht. – Was sollen den die Leute denken . – Sei nicht so egoistisch, – Bescheidenheit ist die schönste Zier. – Wenn du so weitermachst, wird nie etwas aus dir. – Beherrsche dich.-
    Schau dir deinen Bruder/ deine Schwester an, er/sie ist viel (mutiger, strebsamer, usw.)… als du, , etc, etc.

    Es gibt unendlich viele Aussagen dieser Art. Es lohnt sich, mal eine Liste zu machen darüber, was man diesbezüglich in der Kindheit erlebt. hat.

    Es müssen nicht immer gewaltvolle, krasse Szenen gewesen sein. Wiederholte Aussagen wie oben wirken nach dem Motto: „Steter Tropfen hölt den Stein.“
    Sie spuren sich ein in die wachs-weiche Kinderseele wie die Rillen in eine Schallplatte und verfestigen sich im Laufe des Erwachsenalters. So laufen sie in entsprechenden Situationen, die ähnlich gelagert sind wie in der Kindheit, auch später noch immer wieder automatisch ab.

    Zweitens:

    Wenn ich dies erkannt habe, gilt es, mir mit Entschiedenheit deutlich zu machen, dass ich
    j e t z t erwachsen bin und n i c h t mehr der Meinung eines Erziehungsberechtigten folgen muss.
    Deren Meinung war ich vorbehaltlos gefolgt, weil ich als Kind abhängig war von ihnen.
    Ich mußte ihre Aussagen glauben, denn ich kannte die Welt noch nicht und somit auch noch keine Alternativen.

    J E T Z T habe ich sowohl die innere Freiheit über mein Leben selbst zu bestimmen als auch die Verantwortung dafür.

    Besagte Glaubenssätze waren die oftmals nicht berechtigte Meinung der Erziehungs-berechtigten. … Aber was ist jetzt in meinem Erwachsenenleben meine e i g e n e Meinung – und zwar sowohl über die Welt als auch über mich selbst?
    Welches sind m e i n e Überzeugungen und Werte?
    Das gilt es zu herauszufinden, zu vertreten und zum Ausdruck zu bringen.

    Drittens:

    Und auch hier wieder wie überall im Leben!

    Sobald ich weiß, was für mich gilt, was meine Stärken sind, wo ich meine Schwachstellen habe (bei denen ich evtl. auch vorübergehend Unterstützung brauche in irgendeiner Form), sobald ich das weiß, ist es wichtig, vollkommen akzeptierend mir selbst gegenüber zu sein;
    mich selbst zu unterstützen wie einen Freund oder wie ich es vielleicht meinem eigenen Kind gegenüber praktiziere, indem ich mit mir selbst g u t rede und mich ermutige und nicht mit mir so rede, wie ich es von meine Erziehungsberechtigten erfahren und gelernt habe.

    Und es gehört auch Geduld mit sich selbst dazu, diesen Wechsel im Inneren nach und nach zu vollziehen. Zu erkennen, wann es die Stimme des inneren Kritikers ist, die uns demütigen will und wann eine innere kritische Stimme uns tatsächlich zur Vorsicht mahnt.

  3. Sabine02-04-2014

    Hallo…das liest sich sehr schön.
    Ich habe mich ende Januar von meinem Freund getrennt und lebe nun mit meinen 2 Kindern, nun mit einem Mann zusammen der uns bist zum 1 März die Frist gesetzt hat auszuziehen.
    Nichts lieber als das, jedoch hat sich bis jetzt noch keine angemessene Wohnun/Haus gezeigt…was ich anmieten könnte.
    Bedürfnis nach Geborgenheit, Sicherheit ja sogar das Grundbedürfnis nach Wärme, wird zum Beispiel nicht erfüllt…meine Kinder haben Angst und ich fühle mich nicht in der Lage sie als Mutter vor den Umständen zu schützen.
    Also habe ich mir Hilfe gesuch, ich bin Heute zu einem Rechtsanwalt gegangen, wobei ich nicht weiss ob dieser mir bezahlt wird und was passiert…wenn mein Ex Partner den Brief vom Anwalt bekommt
    Und wie man so schön sagt, wenn etwas kommt…kommt alles auf einmal, da sind dann auch noch ein paar andere Begebenheiten, die im Moment in meinem Leben geschehen, die sich nicht sehr angenehm anfühle. Ich gehe in den Wald …mache Yoga…und meditiere.
    Meine Kinder brauchen auch Aufmerksamkeit.
    Ganz ehrlich, ich kann fühlen was gemeint ist, jedoch ist das im Moment garnicht so einfach.

    Vielen Dank für die schönen Bauchgefühle
    Sabine Tsamtsoukakis

    • Joachim02-04-2014

      Hallo Sabine, vielen Dank für deine offenen Worte. Ich wünsche dir/euch ganz viel Kraft in dieser stürmischen Zeit. Liebe Grüße Joachim

  4. Richard05-23-2015

    Ich meine, ich sollte lernen, über die Dinge hinwegsehen zu können. Kann ich anderen vergeben, sie sein lassen wie sie sind, so kann ich dies auch bei mir. Ich brauche deshalb nicht vergessen oder gar gut finden. Oft haben sich Glaubenssätze etabliert, die und gar nicht mehr bewusst sind. Sie waren scheinbar immer gegeben.

    So führt der Weg wieder über die Bewusstwerdung. Und die Fähigkeit, alles für möglich zu halten, sollte helfen.

  5. Katy Gericke10-23-2015

    Das sind wirklich sehr gut Ansätze zur Achtsamkeit mit sich.
    Leider finde ich im Alltag so gut wie nie Zeit um
    mich oder auch mein Verhalten , meine Gedankengänge
    Und /oder meine Reaktionen auf die Umwelt reflektieren zu können.
    Dennoch ganz lieben Dank für die Anregung und die viele Arbeit und Zeit
    die in so einem Buch stecken.

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