Es wird wohl immer Menschen geben, die nicht meiner Meinung sind. Theoretisch ist das einleuchtend, doch wie gut wir mit Kritik umgehen können, zeigt sich erst in konkreten Situationen. Wie fühlen Sie sich zum Beispiel bei den Worten „Hast du einen Moment Zeit? Ich muss unbedingt mit dir reden. Wie du dich gestern verhalten hast, finde ich nicht in Ordnung.“? Schalten Sie automatisch auf Abwehr oder sind Sie offen für Hinweise?

Die eigene Reaktion hängt natürlich davon ab, wer uns kritisiert, in welchem Ton wir angesprochen werden und in welcher Verfassung wir uns gerade befinden. Komme ich ausgeruht und entspannt aus dem Urlaub, reagiere ich wahrscheinlich relaxter auf Einwände als nach einem 12 Stunden Tag im Büro.

Vor allem offenbart der Umgang mit Kritik auch den Grad der eigenen Reife. Springe ich gleich wie von der Tarantel gestochen auf die Worte an oder kann ich Abstand waren. Reagiere ich überwiegend auf der Beziehungsebene oder nehme ich auch sachliche Hinweise wahr.

Was möchte mein Gegenüber mir mitteilen?

Das Wichtigste ist aus meiner Sicht Klarheit. Welches Verhalten von mir kam nicht an? Hier sind konkrete Situationen wichtig. Zum Beispiel: „Während der Präsentation gestern bist du nicht genügend auf den Einwand des Kunden in Bezug auf die Datensicherheit eingegangen.“ Mit dieser Hilfestellung wird schnell klar, um welchen Moment es sich handelt und wir können diesen noch einmal vor unserem inneren Auge Revue passieren lassen.

Wichtig ist zudem, was sich die Person wünscht, die mein Verhalten kritisiert. Bislang weiß ich erst, was vielleicht nicht so gut gelaufen ist, aber noch nicht, wie es hätte besser sein können. „Sprich bitte den Kunden beim nächsten Mal auf seine Vorbehalte an. Dadurch fühlt er sich ernst genommen und wir bekommen weitere wichtige Informationen.“ Wunderbar, mit diesen Worten kann ich etwas anfangen und die Kritik bietet mir einen echten Mehrwert.

Im realen Leben kommen Beanstandungen nicht immer wohlformuliert herüber. Äußert mein Gegenüber seine Kritik schwammig, liegt es daher an mir, weitere Klarheit einzufordern. Die folgenden Fragen bieten einen Anhaltspunkt, relevante Hinweise zu bekommen. Welches Verhalten von mir stört dich? In welcher Situation ist dir das aufgefallen? Was kann ich verbessern, damit es dir besser geht?

Unter der Gürtellinie

Zweifelsohne gibt es auch Tadel, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. „Nie gehst auf den Kunden ein. Du bist völlig unprofessionell.“ Hier wird nicht ein konkretes Verhalten angesprochen, sondern ich werde pauschal verurteilt und als Person herabgesetzt.

Wie gehe ich damit um, wenn die Kritik nicht fachlicher Natur und nachvollziehbar ist? Zuerst ist es natürlich wichtig, diesen elementaren Unterschied für sich zu bemerken. Selbstverständlich bin ich bereit, mein Verhalten zu reflektieren und ggf. auf Wünsche anderer einzugehen. Doch ich bin nicht bereit, mich beleidigen zu lassen.

Zunächst habe ich wie bereits beschrieben die Möglichkeit, mit gezielten Fragen konkrete Informationen zu bekommen. Vielleicht ist mein Gegenüber so in Rage, dass die Wortwahl unglücklich ist. Weiss ich Genaueres, bekommt das Gespräch wahrscheinlich eine viel konstruktivere Richtung.

Es gibt allerdings auch Momente, in denen andere ihre schlechte Laune an uns auslassen. Das machte mich zu Anfang hilflos. Mit der Zeit lernte ich, dass ich nicht für die Gefühle der anderen verantwortlich bin. Hat jemand schlechte Laune, ist das erst einmal nicht mein Thema. Vor allem brauche ich nicht auf ein sinnloses Scharmützel einzugehen und Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Mark Aurel“]Ergib dich nicht der Stimmung dessen, der dich beleidigt, und folge nicht dem Weg, auf den er dich schleppen möchte.[/pullquote2]

Vielmehr kann ich Mitgefühl entwickeln. Wenn jemand so austeilt, geht es ihm oder ihr wohl nicht besonders gut. Die Person muss mit sich 24 Stunden am Tag auskommen und ich nur diesen einen kurzen Moment. Also wünsche ich ihr innerlich alles Gute. Ein kurzes „Ich denke darüber nach.“ reicht als Erwiderung.

Natürlich gehen solche Momente an mir nicht spurlos vorüber. Doch macht es Sinn, weitere Energie investieren? Ich glaube nicht, weil ich mich nicht in einen Streit hineinziehen lassen möchte. Dabei geht es nicht um Weglaufen. Selbstverständlich ist es wichtig, Dissonanzen anzusprechen. Klartext ist wichtig, doch geht es auch um die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen.

Will ich nur gemocht oder auch respektiert werden?

Manche kritischen Worte können wir auf der Stelle annehmen und sind sogar dankbar. Ebenso kommt es vor, dass wir die Einschätzung (noch) nicht teilen. So brauchen wir vielleicht Zeit, das Gesagte sacken zu lassen.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Fritz Perls“]Ich tu das Meine; und du tust das Deine. Ich bin nicht auf dieser Welt, um deinen Erwartungen zu entsprechen. Und du bist nicht auf dieser Welt, um meinen Erwartungen zu entsprechen. Du bist du, und ich bin ich, und wenn wir uns zufällig finden, – wunderbar. Wenn nicht, ist das nicht zu ändern.[/pullquote2]

Kritik hat in erster Linie mit dem zutun, der kritisiert. Er oder sie äußern erst einmal ihre Ansicht. Nicht mehr und nicht weniger. Zum Grad der eigenen Reife gehört für mich auch, eine andere Meinung zu haben. Das fühlt sich vielleicht unangenehm an, wenn man Angst hat, deshalb weniger gemocht zu werden. Doch möchte ich mir treu sein und die eigenen Werte leben, kann ich es nicht allen Menschen recht machen. Kritik fordert uns heraus. Wir können an ihr wachsen und üben, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

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