Selbstannahme

Selbstannahme – Sein eigener Freund sein

Der Artikel stammt von Ruth Scheftschik, Therapeutin für Logotherapie und Existenzanalyse. © Ruth Scheftschik

„Sein eigener Freund sein.“ Man könnte beinahe auch sagen „Sein eigener Liebhaber sein.“ Letzteres in doppelter Wortbedeutung, sowohl in reinstem Wortsinn „liebhaben – ich habe jemanden lieb“- als auch darüber hinaus mit einer erotisch-leidenschaftlichen Einfärbung: Sich selbst mit derselben Leidenschaftlichkeit zu lieben wie den Menschen seines Herzens und seiner Wahl. Was ist das für eine Aussage!?

Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze. – Oscar Wilde

Das Thema dieses Artikels ist ein grundlegender Faktor menschlichen Seins, der mehr Auswirkung auf unser tägliches Leben hat, als wir uns dessen bewusst sind. Genau betrachtet ist er der wichtigste überhaupt, auch wenn sich diese Feststellung nun zunächst einmal unglaublich, unverständlich oder auch missverständlich anhören mag.

Was sie feststellt, scheint nämlich genau dem entgegengesetzt zu sein, was wir in Kindertagen zu hören bekommen haben unter dem Motto „Sei kein Egoist; das gehört sich nicht.“ Und was in der Kindheit geprägt wird, das hat Auswirkungen auf unsere Lebensgestaltung als Erwachsene, auf unser Lebensgefühl, auf unsere bewussten und unbewussten Überzeugungen von der Welt und von uns selbst. Es hat Auswirkungen auf unser Denken, Fühlen und Handeln. Und viele sind es, die das Gegenteil von dem gelehrt bekommen haben, was in diesem Artikel ausgeführt werden soll.

Es gibt jedoch auch noch andere Gründe als die, die in der Erziehung liegen, die diesen Gegensatz hervorrufen. Auf diese soll auch eingegangen werden. Darum geht es eigentlich: Es wird allerhöchste Zeit, sich Gedanken zu machen über diesen Bereich unseres Lebens – den Bereich des rechten Umgangs mit uns selbst – und ihn genauer zu durchleuchten, damit wir besser verstehen können, welche Relevanz er tatsächlich hat und insbesondere in der heutigen Zeit hat, die voller Unruhe und ständiger Veränderungen ist.

Das Thema hat nicht nur eine große Bedeutung für das Gelingen unseres ganz persönlichen Lebens sondern in Hinblick auf das Ganze: Für ein gutes Miteinander in der Gesellschaft und zwischen den Völkern, für den Frieden in der gesamten Welt. Es geht auch nicht nur darum, hier und da einmal etwas Gutes für sich tun – sich etwas zu gönnen – sondern darum, sich um eine ernsthafte Begegnung mit sich selbst zu bemühen. Sich selbst wirklich kennenlernen zu wollen und einen aufrichtigen, achtsamen Umgang mit sich zu pflegen. Sich so um sich selbst so zu bemühen wie um einen Freund, eine Freundin oder wie um das eigene leibliche Kind.

Fangen wir aber ganz von vorne an

Sie lesen also diesen Satz: „Sein eigener Freund sein.“ Wie hört sich das im ersten Moment für Sie an? Was fühlen Sie dabei? Was geht in Ihnen vor sich? Was motiviert Sie dazu, weiterzulesen? Vielleicht sind da ein Innehalten und eine kurze Verwunderung, vielleicht sogar ein kleiner Schreck, denn einen Freund versucht man gut zu behandeln. Und es kommen möglicherweise folgende Gedanken: „Wie gehe ich denn mit mir um? Behandele ich mich genauso wie einen Freund? Man darf doch kein Egoist sein!“

Ich vermute, dass zumindest einige von Ihnen dabei ein leichtes unangenehmes Ziehen in der Bauch- oder Herzgegend spüren könnten, verbunden mit dem diffusen Gefühl, dass da tatsächlich irgendetwas im Ungleichgewicht sein könnte in Bezug auf den Umgang mit sich selbst.

Dennoch entdecken Sie daneben sicherlich auch noch etwas anderes: Neugier und Freude, auch ein kleines Gefühl der Erleichterung – vielleicht. Denn irgendjemand scheint ja da die Erlaubnis zu geben, sich selbst mögen zu dürfen! Aber da scheint auch wiederum irgendetwas anderes in Ihnen das Gegenteil behaupten zu wollen. Etwas, das sich z.B. als täglicher innerer Druck, als diffuse Ängste, als pessimistische Gedanken, als Gefühle der Unzufriedenheit bemerkbar macht oder als eine Art innerer Stimme, die ständig irgendwelche Sätze in vorwurfsvollem und kritischem Ton sagt.

Eventuell ist Ihnen beim Lesen der Überschrift des Artikels ebenso die Vorstellung befremdlich, sich selbst als ein Gegenüber zu betrachten, zu dem man sich verhält, mit dem man umgeht wie mit einer anderen Person, hier also wie mit einem Freund. Sich selbst ein guter Freund zu sein, bedeutet, sich selbst anzunehmen, so wie man ist. Um es vorneweg zu sagen: Es gibt Menschen, die weitgehend ein wohlwollendes, ausgewogenes Verhältnis zu sich selbst haben. Die genau das zu praktizieren scheinen, was die Überschrift des Artikels beinhaltet. Sie wirken in sich ruhend, klar und kraftvoll in ihrer Ausstrahlung.

Aber es gibt sehr viel mehr Menschen als wir denken, die dieses nicht können. Und sie sind sich dessen nicht einmal bewusst. Denn Selbstablehnung maskiert sich und drückt sich in vielen unterschiedlichen Weisen aus, sei es nur durch übertrieben höfliche Zurückhaltung. Aber auch die erst genannten Personen, wenn man sie danach fragt, werden zugeben müssen, dass sie immer wieder Tage haben, an denen sie mit sich selbst nicht im Reinen sind. Sie können sich dann allerdings verhältnismäßig schnell und gut alleine wieder ins Lot bringen.

Ich selbst wurde sehr deutlich von dem Satz „Sein eigener Freund sein“ aufgerüttelt. Es gab eine Phase von etlichen grauen Jahren in meinem Leben, die schwierig waren, in denen ich mit meiner Lebenssituation haderte. Dazu gehörte ein unterschwelliges, permanentes Gefühl von Anstrengung und negativer Grundstimmung, ohne wirklich zu wissen, woher es kam. Ich hatte immer die Hoffnung, im nächsten Jahr würde es besser werden, wenn erst einmal die äußeren Umstände sich änderten. … Ich wurde Jahr um Jahr immer wieder enttäuscht.

Die schlimmste Einsamkeit besteht darin, sich selbst nicht leiden zu können. – Mark Twain

„Sein eigener Freund sein – Selbstannahme ist möglich“, dieser eine Satz, den ich irgendwo las, läutete die Wende ein. Ich fing an, mich genauer mit dieser Aussage zu beschäftigen: Mir wurde deutlich, dass ich – wohlerzogen wie ich war – selbstverständlich höflich, freundlich, rücksichtsvoll und hilfsbereit mit anderen Menschen umging.

Durch meinen Freundeskreis erlebte ich, dass auch andere Menschen mit mir in dieser Weise umgingen. Als ich mich jedoch fragte und anhand von Alltagserfahrungen prüfte, welche Gefühle ich mir selbst gegenüber hatte, in welcher Weise ich über mich dachte und mit mir redete, da erschrak ich, denn ich merkte, dass da ein anderer Ton herrschte. Mein eigener Umgang mit mir war streng, unnachsichtig, ungeduldig und ablehnend.

Es fiel mir die fehlende Logik in diesem Verhalten auf. Darin schien ein Denkfehler zu sein, der
folgendermaßen aussah: Ich bin freundlich zu anderen und andere sind es zu mir. Wenn das so ist, dann kann ich doch solch ein unangenehmer Mensch nicht sein. Aber: Wenn ich nicht unangenehm bin, warum kann ich dann konsequenterweise nicht auch freundlich mit mir selbst umgehen?

Und plötzlich tauchte eine Möglichkeit als Einsicht auf: „Sollten mein trübes, graues Lebensgefühl und die fehlenden Veränderungen in meinem Leben eine Verbindung haben zu meinem unguten Umgang mit mir selbst?“

Ein Experiment

Ich machte in Gedanken ein Experiment. Ich stellte mir vor, wie ich mir selbst auf der Straße begegnete und war gespannt, wie ich auf mich wirken würde. Und tatsächlich. Die Frau, die mir da entgegenkam, löste in mir nicht gerade Gefühle der Sympathie aus. Als wir uns einander näherten, spürte ich eine innere Anspannung und Distanziertheit. Beim Vorübergehen schaute ich sie aus den Augenwinkeln vorsichtig und skeptisch an.

Äußerlich sah sie durchaus akzeptabel aus, aber ich konnte mich gefühlsmäßig nicht auf sie einlassen. Interessanterweise schien sie in ihrer Ausstrahlung sogar eher kraftvoll und selbstbewusst zu sein. Mit dieser Feststellung fühlte ich mich nicht wohl. Ich empfand sie als einen Widerspruch. Ihre Ausstrahlung war ganz anders als mein tägliches Empfinden von mir selbst.

Als nächstes versuchte ich einen Spiegeltest. Ich sah mir in aller Ruhe mein Gesicht im Spiegel an. In aller Ruhe – nicht wie morgens schnell Haare kämmen, Lidstrich ziehen, etc. Diesmal machte ich es anders: Ich blickte mir bewusst und lange in die Augen, studierte den Bereich um sie herum, die Stirn, Wangen, Nase, Mundpartie, um dann ein Stück zurückzutreten und das ganze Gesicht auf mich wirken zu lassen. Ich versuchte, mich mit den Augen anderer Menschen zu sehen, die mich schätzen und gleichzeitig versuchte ich, mir den einen oder anderen wertschätzenden Kommentar aus dem Freundeskreis in Erinnerung zu holen. Die erste Wirkung war ein Erstaunen, denn irgendwie kannte ich das Gesicht nicht wirklich. Es war mir eher fremd, nicht wirklich vertraut.

Doch manches gab es zu entdecken, dass ich vorher nicht bewusst wahrgenommen hatte. Schließlich regte sich in mir eine Stimme, die sagte, dass dieses Gesicht – genauso wie es war – durchaus sympathische Züge an sich habe.

Als weitere Maßnahme, um meinen Umgang mit mir selbst zu prüfen, begann ich, mir dabei zuzuschauen, wie ich mich durch meinen Alltag bewegte. Ich versuchte zu beobachten, wie ich reagierte und handelte, wie ich auf Menschen zuging. Vor allem begann ich wahrzunehmen, welche Gefühle ich dabei hatte und welche Gedanken spontan auftauchten.

Hierbei lernte ich die Emotionen bewusst wahrzunehmen und zu unterscheiden, welche ich in Bezug auf andere Personen hatte und welche mir selbst gegenüber. Ich begann zu bemerken, wann Selbstaggressionen auftauchten. Jetzt konnte ich einschreiten, überlegen, ob diese tatsächlich angebracht waren und konnte dann eine andere, nämlich eine freundlichere Einstellung mir gegenüber einüben.

So entstand nach und nach immer mehr eine Begegnung mit mir selbst. Zu diesem Zeitpunkt kam mir auch noch die Aussage von Oscar Wilde „Sich selbst zu lieben, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze“ in einer Zeitschrift entgegen. Sie bestärkte meinen Entschluss, mich neu kennen und mich schätzen lernen zu wollen.

Was sind nun die Ursachen von Selbstablehnung?

Dass die Kraft der Selbstablehnung in allen Menschen vorhanden ist, ist schon lange bekannt. Zu allen Zeiten haben Philosophen, Theologen, Psychologen, spirituelle Denker verschiedener Schulen sich mit ihr beschäftigt und verschiedene Erklärungen und Definitionen für sie gefunden. Sie sind je nach Welt- und Menschenbild zu unterschiedlichen Antworten gelangt.

Sigmund Freud und Carl Gustav Jung, die zwei großen Erforscher der menschlichen Psyche, haben sich ausführlich mit der Tatsache beschäftigt, dass es zwei grundlegende Kräfte in uns gibt, die uns bestimmen: Eine Leben erhaltende, fördernde Kraft, die Leben gelingen lässt, und eine Leben verneinende Kraft, die uns immer wieder zu blockieren sucht und die im Äußersten dazu führen kann, das eigene Leben selbst auszulöschen. Darüber hinaus lassen sich aber auch noch andere Ursachen finden. Wenn wir uns bei ihrer Betrachtung übereinanderliegende Schichten vorstellen und uns von oben nach unten durcharbeiten, dann können wir an der Oberfläche erzieherische Einflüsse als Ursache erkennen.

Selbstablehnung durch erzieherische Einflüsse

Mit erzieherischen Einflüssen – und diese sind bei Weitem nicht zu unterschätzen – ist folgendes gemeint: Wir alle kennen aus unserer Kindheit immer wiederkehrende Aussagen und emotional unterlegte Appelle unserer Eltern, anderer Erziehungsberechtigter oder auch von Spiel- und Schulkameraden, die sich auf unser Verhalten beziehen.

Hier ein paar Beispiele von sehr, sehr viel mehr Möglichkeiten: Da heißt es z. B.:
– Was sollen denn die Leute von dir denken, wenn du …
– Was glaubst du eigentlich, wenn das alle so machen würden…
– In deinem Alter sind andere Kinder viel vernünftiger.
– Wenn du so weitermachst, bringst du es nie zu etwas.
– Jungen weinen nicht.
– Das kannst du nicht, dazu bist du noch zu klein.
– Sei kein Egoist.
– Brillenschlange, Angsthase, Heulsuse, Idiot, Blödmann (Das sind dann die Stimmen der
Spielkameraden).
Und … und… und… Da gibt es unendlich viele Variationen.

Es müssen nicht immer Prügel und andere drastische Maßnahmen sein, die eine Kinderseele kränken und verbiegen. Ständig wiederholte kritische Äußerungen, wie die genannten Beispiele, können dasselbe erreichen nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Auch das nonverbale Verhalten der Eltern – also Mimik, Gestik – spielt eine prägende Rolle. Kinder haben im Vergleich zum Erwachsenen noch eine viel sensiblere Beobachtungs- und Wahrnehmungsfähigkeit und sind dadurch sehr empfänglich für Informationen und Signale, die über das gesprochene Wort hinausgehen. Die Strenge in den Augen oder in der Stimme eines Elternteils, Unsicherheit und Inkonsequenz im elterlichen Verhalten, Widersprüchlichkeiten zwischen Reden und Handeln, unausgesprochene Ängste, usw., das alles wird vom Kind registriert. Also auch das, was die Eltern vorleben.

Innerer Kritiker

Die kritischen Stimmen und Verhaltensweisen der realen Personen unserer Kindheit spuren sich tief in die Kinderseele ein und werden zu einer eigenständigen Stimme in uns – zum Inneren Kritiker, Richter oder Zensor. Er ist im Erwachsenenleben nach wie vor in uns aktiv, obwohl wir längst schon der Obhut unserer Erziehungsberechtigten entwachsen sind und wir eigentlich die Freiheit besitzen, uns eine eigene Meinung zu bilden über uns, unser Leben und die Welt. Wir haben als Erwachsene jedoch Entscheidungsfreiheit! Sie gehört zum Erwachsenensein dazu, da wir auch selbst für unser Leben verantwortlich sind.

Das Kind, besonders das Kleinkind, steht in völliger Abhängigkeit von den Erwachsenen. Die Eltern sind zunächst einmal die einzigen Autoritäten, denen es vertrauen und glauben muss. Sie kennen ja die Welt. Also müssen sie schon wissen, was richtig ist. Das Kind aber kennt die Welt noch nicht und hat somit keine Vergleichsmöglichkeiten bzgl. der Richtigkeit der Aussagen der Eltern. Die Eltern haben somit selbstverständlich Recht. Kritik bleibt deshalb so tief haften, weil das Kind Angst hat, die Zuwendung und Liebe der Eltern zu verlieren, wenn es sich vermeintlich entgegen deren Wünschen verhält. Ohne die Eltern wäre seine Existenz gefährdet.

Zum anderen haben wir als Kind das tiefe Bedürfnis – wie auch später noch als Erwachsene – allein um unser selbst willen geliebt zu werden, so wie wir sind. Wir wollen spüren können, dass wir willkommen sind. Die oben aufgezählten Beispielsätze wirken diesem Bedürfnis jedoch entgegen. Diese nach innen genommene Kritiker-Stimme springt automatisch an bei allem, was wir als Erwachsene tun und sie beurteilt und kommentiert unser Vorgehen und unsere erzielten Ergebnisse immer in negativer Weise. Man spricht hier auch von Glaubenssätzen, die wir in der Kindheit – nicht unbedingt in böser Absicht der Eltern – eingeimpft bekommen haben.

Sie verursachen, dass wir uns selbst unnötigerweise unter Druck setzen, nie zufrieden sind mit uns und mit unseren Leistungen, und sie treiben uns ständig an. Sie machen, dass wir uns ‚klein‘ fühlen und uns vor anderen Menschen zurücknehmen; dass wir Lob und Komplimente nicht annehmen können; dass wir uns vieles nicht zutrauen, ja manchmal unserem eigenen Gefühl und Urteil nicht trauen.

Dadurch schmälert der Innere Kritiker nicht nur unser Wohlbefinden, sondern nimmt uns viele Möglichkeiten zu einer befriedigenden Lebensgestaltung, bei der wir mit Freude unsere Begabungen und Fähigkeiten zum Einsatz bringen könnten. Wir tun dann oft Dinge, die wir eigentlich nicht wollen und die nicht wirklich das Unsere sind. Anderes, das mehr zu unserem eigentlichen Wesen gehört, bleibt auf der Strecke, wird nicht verwirklicht.

Über die Jahre entsteht bei vielen Menschen infolge ein negatives, pessimistisches Denken. Oder wir kompensieren, indem wir ständig in Aktion sind mit Projekten und Menschen, verlieren dabei zunehmend die Verbindung zu unserer Mitte, zu uns selbst. Das kann sowohl zu körperlichen als auch zu psychischen Problemen führen wie z.B. Panikattacken bis hin zu Depressionen und einem umfassenden inneren Ausgebranntsein (Burnout).

Wiederum andere nehmen den inneren Druck kaum bewusst wahr, reagieren ihn aber ab, indem sie ihn an andere weitergeben, oftmals durch ein überhöhtes Selbstbewusstsein und beeinträchtigen dadurch das Leben anderer; aber letztlich auch ihr eigenes, da sie dadurch nicht gerade attraktiv wirken.

Die Stimme des Inneren Kritikers identifizieren

Wir können lernen, die Stimme des inneren Kritikers zu identifizieren und sie zu hinterfragen. Wir können aufschreiben, was sie immer wieder sagt und die Aussagen mit den realen Fakten unseres eigenen Lebens und des Lebens überhaupt vergleichen. Wir können überlegen, ob seine Wertmaßstäbe eigentlich überhaupt die unsrigen als heutige Erwachsene sind. Heute wissen wir besser über das Leben Bescheid wie damals als Kind.

Dabei werden wir feststellen, dass der Innere Kritiker so gut wie nie Recht hat. Wir können ihm mit sachlichen Argumenten entgegentreten, denn das schwächt ihn am deutlichsten. Allmählich wird er zurückweichen. Wir gewinnen ein Stück seelischen Boden zurück, verbunden mit einem Gefühl von neuer innerer Freiheit. Das Leben entspannt sich mehr und mehr und Lebensfreude entsteht.

Selbstablehnung durch charakterliche Einflüsse

Schauen wir nun eine weitere Schicht tiefer. Eine andere Ursache für die Selbstablehnung liegt in den charakterlichen Veranlagungen. Menschen kommen nicht als „unbeschriebenes Blatt“ zur Welt, sondern bringen bei der Geburt bestimmte charakterliche Tendenzen mit, die wie die körperlichen Eigenschaften genetisch bedingt sind. Eltern von mehreren Kindern wissen, dass jedes schon als Neugeborenes sich unterschiedlich verhält.

Mit den charakterlichen Tendenzen sind emotionale und temperamentbezogene Grundlagen gemeint. Manche Menschen sind von vornherein recht lebhaft, andere ruhig, ernst, introvertiert. Das kann schon beim Säugling am Schlaf- und Wachrhythmus, am Essbzw. Trinkverhalten beobachtet werden. Es gibt besonders feinfühlige und empfindsame Menschen, bei denen Erlebnisse und Sinneseindrücke tiefere Spuren hinterlassen als bei anderen.

Andere neigen von vorne herein zu Nervosität, sodass ihnen schnell manches zu viel wird. Bei diesen Charakteren wird Kritik schnell in Selbstkritik umgemünzt. Menschen mit einem prinzipiellen Hang zur Gründlichkeit haben die Neigung, dass sie sich ihr Leben stellenweise unnötig schwer machen und sie dann mit sich und dem Leben schnell unzufrieden sind. Auch hier besteht eine große Anfälligkeit für Selbstkritik, wenn die eigenen Ansprüche an sich selbst nicht erfüllbar sind.

Wiederum andere sind dagegen recht robust und können mit den Anforderungen des Lebens flexibler umgehen, ohne sich gleich im Selbstwertgefühl herabzusetzen. Verschiedene Charakterlehren wie zum Beispiel das ‚Enneagramm der Persönlichkeiten‘ beschäftigen sich ausführlich damit. Wenn man mit ihrer Hilfe die eigenen Veranlagungen besser erkennen lernt, weiß man auch besser damit umzugehen.

Selbstablehnung durch lebensgeschichtliche Ereignisse

Gehen wir wieder eine Schicht tiefer. Hier sind schwerwiegende lebensgeschichtliche Ereignisse zu finden, die auch dazu beitragen können, dass wir uns nicht ausreichend selbst lieben können. Das kann die eine große Enttäuschung sein, der eine tiefe Schmerz, die eine nicht geheilte Wunde, die eine Schuld, das eine Versagen. Die bis hierher genannten Schichten der Selbstablehnung stehen in Wechselwirkung und durchdringen sich teilweise gegenseitig. Nun zur untersten Schicht.

Selbstablehnung als Urphänomen

Neben den bisher genannten Gründen gibt es die anfangs erwähnte Tatsache der zwei grundsätzlich das Leben bestimmenden Kräfte, die zwar seit Menschengedenken bekannt, aber wissenschaftlich nicht greifbar sind. Genauso wie Liebe als Leben fördernde Kraft wissenschaftlich nicht erklärt werden kann und sie doch unser gesamtes Leben in unterschiedlicher Form und Ausprägung bestimmt, so steht es auch mit der Gegenkraft – mit der Selbstablehnung – die manchmal bis zum Selbsthass ausarten kann.

Zum Menschsein gehört also dazu, dass wir alle grundsätzlich auch Selbstaggression in uns tragen, ob wir das bewusst wahrnehmen können oder nicht. Die Selbstablehnung ist wie die Liebe sozusagen ein Urphänomen. Ur – also ursprünglich, schon von vornherein vorhanden. Wir kommen damit auf die Welt. Letztendlich ist diese Form die eine Wurzel in der Tiefe, die all die vorhin geschilderten Ursachen nährt. Deshalb werden wir unser Leben lang nie ganz frei sein von Selbstkritik, auch wenn wir gelernt haben, die anderen Schichten aufzuarbeiten.

Wir werden uns immer wieder um Selbstliebe bemühen müssen um das ’Gut-zu-uns-selbstsein‘. Wenn wir jedoch über die verschiedenen Ursachen der Selbstablehnung wissen, können wir lernen, so mit ihnen umzugehen, dass es mit der Zeit leichter wird, uns selbst weitgehend zu achten, wertzuschätzen und uns zu lieben.

Die Selbstablehnung als Urphänomen ist ein sehr tiefliegendes Gefühl in uns, nicht zu genügen, nicht ausreichend zu sein, so wir sind. Sobald wir geboren sind, beginnt das Empfinden der Unzulänglichkeit. Bereits das Kleinkind kann ohne liebevolle Fürsorge nicht gedeihen und verlangt danach. Die physische Versorgung allein reicht nicht aus, sondern es braucht dringend auch die emotionale Unterstützung, um stark genug für die Herausforderungen des Lebens zu werden.

Kinder benötigen Zuspruch und Ermutigung, um Vertrauen in sich selbst und in die Welt zu bekommen. Das Wort ‚Hospitalismus‘ bezeichnet eine psychische Störung bei Kindern, die sehr lange Zeit im Krankenhaus oder in Waisenhäusern zubringen mussten und die dabei vorwiegend nur körperlich versorgt wurden; bei denen Eltern oder andere Menschen zu wenig zur Verfügung standen für die Ansprache, für Trost und liebevolle Zuwendung. Unter solchen Umständen entwickeln Kinder massive Verhaltensstörungen. Es kann soweit gehen, dass sie letztlich sterben.

Durch das Erwachsenwerden verschwindet das Bedürfnis nach Akzeptanz und Wertschätzung nicht. Das weiß jeder nur zu gut. Wir alle suchen nach Liebe und Bestätigung. Worin allerdings eine Fehlinterpretation, ja sogar eine Gefahr liegt, ist, dass wir diese emotionale Zuwendung vor allem außerhalb von uns suchen. Wir wollen sie von anderen Menschen. Denn so sind wir es von Kindheit an gewöhnt durch die Abhängigkeit von Erwachsenen. Ein Stück weit ist die Suche nach positiver Resonanz durchaus berechtigt, da der Mensch im Grunde ein Gemeinschaftswesen ist. Bestätigung und Liebe halten Verbindung und geben gegenseitige Unterstützung. Dennoch wird die Vorstellung, sie nur von außen bekommen zu können, von uns unbewusst überbewertet.

Es besteht zudem der Automatismus, dass wir, sobald wir Bestätigung erhalten haben, immer wieder von neuem danach suchen. Wir brauchen sie immer wieder. Damit werden wir – wenn wir sie nur außerhalb von uns suchen – abhängig von äußeren Umständen. Abhängigkeit bedeutet letztlich Unselbstständigkeit und Unsicherheit.

Spagat zwischen Liebe und Selbstablehnung

So gehört zum Menschsein der Spagat zwischen dem Bedürfnis nach Liebe auf der einen Seite und Selbstablehnung auf der anderen Seite. Erwachsen sein beinhaltet somit einen Widerspruch: Einerseits verstehen wir darunter Autonomie, Entscheidungskraft, Eigenverantwortung. Andererseits läuft in unserem Inneren gewohnheitsbedingt oft das Gegenteilige ab. Wir machen für unser Glück äußere Umstände verantwortlich: Beziehungen zu anderen Menschen, zur Arbeit, zu materiellen Dingen und schönen Erlebnissen.

Wir haben das Empfinden, dass in uns ein Mangel herrsche, der nur durch Zuwendung von Außen behoben werden könne. Wenn es dort aber „klemmt“- und das ist ja eine nicht seltene Alltagserfahrung – fühlen wir uns schnell in unserem Wert herabgesetzt, sind gekränkt, machen Vorwürfe, fühlen uns klein und wertlos. Wir machen auch die Erfahrung, dass Liebe und Anerkennung zwischen Menschen unbeständig, zerbrechlich, begrenzt ist. Und manchmal schlägt Liebe auch in Hass um.

Immer wieder ist auch zu erleben, dass Menschen in Anpassung, Selbstaufgabe und konflikthafte Verhaltensweisen gehen, um die gewünschte Liebe und Anerkennung zu bekommen, womit dabei oftmals schwerwiegende zwischenmenschliche Probleme herauf beschworen werden können.

An dieser Stelle können wir deutlich erkennen: Sobald ich mit mir selbst zufrieden bin, mich achte und wertschätze, muss ich mich nicht mehr abmühen und verbiegen, um von außen Bestätigung zu bekommen. Ich kann bei und mit mir selbst bleiben, in meiner Mitte, ohne andere mit meinem Liebesanspruch zu überfordern. Ich weiß für mich selbst zu sorgen. Ich ruhe in mir und projiziere ein vermeintliches inneres Mangelgefühl nicht auf andere Menschen und Situationen.

Man kann mit anderen nur so gut befreundet sein wie mit sich selbst. – Andreas Tenzer

In der Selbstliebe zu sein, beugt Angst vor: Angst vor Liebesverlust, Verlassenheitsangst, Existenzangst. Wenn wir uns mit uns selbst verbunden fühlen, können wir unsere eigene Stärke besser spüren und mehr Vertrauen aufbauen zu uns selbst und bezüglich der Lösung von täglichen Aufgaben und von Problemen.

Wir können lernen, uns selbst das richtige Maß an liebevoller Zuwendung zu geben, ohne deswegen egozentrisch zu sein. Das bedeutet: Wenn wir uns selbst kennen mit unseren guten, kraftvollen Seiten wie auch mit unseren Schwächen, wenn wir uns prinzipiell so bejahen, wie wir sind, dann haben wir die Voraussetzung, Liebe in sehr viel beständigerer Form zu erfahren, als wenn wir sie von außerhalb erwarten. Wir können uns auf uns selbst verlassen. Wir sind nicht der Wechselhaftigkeit von anderen Menschen und von Situationen unterworfen.

Dadurch, dass nicht mehr das dringende Bedürfnis besteht, von anderen Menschen bestätigt zu werden, sind wir unabhängig und frei vom Urteil anderer und können dadurch den anderen in einer offenen, authentischen und achtungsvollen Weise begegnen. Wir sind auch weniger angreifbar und verletzlich. Das führt dazu, dass wir selbst liebesfähiger werden; dass wir selber mehr Liebe geben können ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

So werden wir auf andere Weise geben und nehmen können als vorher: ‚Geben‘ ohne Erwartungen und Ansprüche und ‚nehmen‘ mit Dankbarkeit und Wertschätzung. Wenn wir die Vorteile von Selbstliebe anschauen, erkennen wir, dass Selbstablehnung keineswegs zu unterschätzen ist, gerade auch weil sie größtenteils unbewusst abläuft. Sie kann großen Schaden anrichten in unserem Leben und in unserer Umgebung. Selbstliebe führt zu Klarheit in uns selbst und zu Klarheit zwischen den Menschen, beugt Konflikten vor.

Egoismus – Egozentrik

Es ist noch eine Begriffsklärung zu machen zwischen Egoismus und Egozentrik. Um in der Welt zunächst einmal körperlich bestehen zu können, bedarf es unbedingt einer Selbstbezogenheit. In diesem Hinblick hat Egoismus zu tun mit Selbsterhaltung. Wir sind verantwortlich dafür, dass wir für uns sorgen, um unsere Kleidung, unser Essen, unsere Behausung und um unsere Kinder. Würden wir dabei nicht an uns denken, würde Leben nicht funktionieren. Nach dieser Definition zeigt auch bereits der Säugling egoistisches Verhalten, indem er durch Schreien aufmerksam auf sich macht, wenn er Hunger hat oder in nassen Windeln liegt.

Durch die Entwicklung der Zivilisation haben sich immer weitere Differenzierungen in der menschlichen Lebensgestaltung ergeben, sodass wir auch in vielen anderen Bereichen daran interessiert sind, Eigenes an Vorstellungen und Ideen umzusetzen. Wir möchten unsere individuellen Eigenschaften und Interessen entfalten. Das ist gut so, denn das bringt Vielfalt in die Welt, Bewegung, Farbe, Kreativität, das, was eben Lebendigkeit und Leben ausmacht.

Unsere Individualität zu leben, kommt nicht nur uns selbst zu Gute sondern auch anderen Menschen. Sie bereichert das gesamte Leben in der Welt. Zur Egozentrik oder deutlicher zur Selbst-Sucht wird der eben definierte Egoismus dann, wenn bei der Umsetzung die Grenzen anderer nicht berücksichtigt, sondern verletzt oder zerstört werden. Wenn eigene Interessen und das eigene Wohlergehen ohne Rücksicht und auf Kosten anderer verwirklicht werden. Wenn der Mensch hauptsächlich nur sich selbst im Blick hat und nicht auch die Umwelt, mit allem was sie enthält.

Wir stehen in ständiger Wechselwirkung mit allem, das uns umgibt. Deshalb können wir einen rücksichtsvollen Umgang mit unserem Umfeld nicht außer Acht lassen. Ohne ihn würden wir uns letztlich selbst schaden. Wer eine ausgewogenen Achtung sich selbst gegenüber empfindet, hat von alleine das Bedürfnis, sie auf die Umgebung auszudehnen. Egozentrik entsteht letztlich aus einem Mangel an Selbsterkenntnis und Selbstliebe. Der im christlichen Kontext entstandene Satz, der schon zum Allgemeingut geworden ist „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist über die Jahrhunderte fehlinterpretiert worden mit dem Schwerpunkt auf der Nächstenliebe. Dabei ist eine Gleichwertigkeit von beiden Satzteilen gemeint: Liebe deinen Nächsten und dich selbst.

Wieso ist es nun so immens wichtig, dass wir uns dieses Spannungsfeldes zwischen Selbstliebe und Selbstablehnung bewusst sind und lernen, damit umzugehen?

Der Frieden in der Welt fängt bei jedem einzelnen Menschen an, bei seinem Selbstbild. Sein Handeln hängt von seiner Selbstwahrnehmung ab. Ein Mensch mit Gefühlen der Minderwertigkeit wird sich anders verhalten als ein Mensch mit stabilem Selbstwertgefühl. Die Ergebnisse werden jeweils andere sein, sowohl für ihn selbst als auch für andere.

Psychologisch bekannt ist, dass der Mensch zur Projektion neigt. Das heißt, dass er psychische Prozesse nach außen verlagert, die dann das verfremden, was im Außen wahrnehmbar ist. Wir entdecken dann teilweise an anderen Menschen oder in Situationen das, was in uns selbst vorhanden ist. Wir schieben Emotionen von innen nach außen und reagieren dann darauf. Als Beispiel: Wenn wir uns über uns selbst ärgern, meinen wir, andere Menschen seien uns nicht wohlgesonnen und wir reagieren dann wiederum auf sie in negativer Weise. Wir schieben ihnen die Schuld zu und greifen sie zumindest verbal an. Rückzug und damit verbundene fehlende Dialogbereitschaft oder Kompensation in irgendeiner, für die Mitmenschen meistens unangenehmen Form, können auch die Antwort sein auf unangenehme innere Prozesse. Hier können wir den ganz normalen zwischenmenschlichen Alltag wiedererkennen und auch die Beziehungen innerhalb des großen Weltgeschehens, zwischen verschiedenen Interessensgruppen, zwischen Gesellschaften und Staaten.

Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Interessen gehören zur Vielfalt der Welt dazu. Wie aber mit ihnen umgegangen werden kann, wie wir mit ihnen zurechtkommen, hängt davon ab, welches Selbstbild wir haben. Dasselbe gilt auch für Staaten und Interessengruppen. Das Selbstbild zieht Kreise, wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Es beeinflusst zuerst das nächste Umfeld und über dieses hinaus zieht es weitere Kreise. Eine Gesellschaft mit Menschen, die ein gesundes Selbstwertgefühl haben, sieht anders aus als eine mit Menschen, die mit sich nicht im Reinen sind, nicht klar in sich sind. Letztere neigt zu Aggressivität.

Je mehr wir in uns klar sind, desto weniger projizieren wir und umso sachlicher können wir Meinungsverschiedenheiten diskutieren und sie einer adäquaten Lösung zuführen und sei dies nur ein für alle Beteiligten annehmbarer Kompromiss. Das gilt im persönlichen Bereich wie in der Welt da draußen in allen ihren organisierten Formen.

Was bedeutet klar in sich zu sein?

Es bedeutet: Ich kenne mich bei mir selbst aus, in meiner Gefühls-und Gedankenwelt. Ich weiß um meine, Bedürfnisse, Wünsche, Werte und Ziele. Ich weiß ebenso um meine Stärken wie um meine Schwachstellen. Ich überhöhe meine Stärken nicht und lehne meine Schwächen nicht ab. Ich akzeptiere mich so wie ich bin, ich nehme mich selbst an. Ich verhalte mich mir selbst gegenüber so, wie ich einem anderen Menschen begegne, den ich sehr liebe: Ich bin besorgt um sein Wohlergehen, ich unterstütze ihn, soweit es mir möglich ist. Ich falle ihm nicht in den Rücken. Ich überlege, womit ich ihm eine Freude machen kann. Ich bin geduldig und nachsichtig. Ich bin verständnisvoll, wenn er einmal keine gute Phase hat. Ich nehme ihn in den Arm, wenn er traurig ist. Ich spreche ihm Mut zu. Ich kann ihm verzeihen.

sich selbst annehmen

Das alles mir selbst zu geben, ist meine Lebensaufgabe vor jeder anderen.

Liebe ich mich selbst, muss ich nicht verzweifelt woanders nach Bestätigung suchen, sondern habe sie in ausreichendem Maße in mir. Ich muss Anerkennung nicht mehr einfordern. Dadurch kann ich anderen Menschen Zuwendung und Achtung aus innerer Freiheit heraus geben, ohne sie unter Druck zu setzen und Gegenliebe zu fordern. Dadurch werden Beziehungen entlastet. Es haben also auch andere Menschen etwas davon, wenn ich klar bin in mir und mich selbst liebe.

Begegne ich mir selbst mit Güte und in Liebe, fällt die Liebe zum Nächsten nicht schwer. Sie wird authentisch. Sie lässt Freiraum und ist befreiend für mich und für den anderen. Wer gut mit sich umgeht, ist mit seiner eigenen innersten Quelle verbunden. Er kreist nicht ständig um sich in krankhafter Suche nach Selbstbestätigung. Er entfaltet sich auch nach außen hin. Ohne die Fürsorge für sich selbst zu verlieren, hat er Freude daran, der Welt und anderen Menschen etwas zu geben.

Und auch das: Wenn ich Klarheit in mir selbst habe, dann kann ich auf Anfeindungen, die ohne mein Zutun an mich herangetragen werden, mit Ruhe und Gelassenheit reagieren, ohne in den Gegenangriff zu gehen. Somit wird die Konfliktspirale aufgelöst.

Noch ein weiterer positiver Aspekt ist, dass ich mit Stress-Situationen besser umgehen kann. Ich bin insgesamt gelassener, entspannter, zufriedener, da ich ein gutes Empfinden für mich selbst habe – für meine Fähigkeiten als auch für meine eigenen Grenzen. Somit kann ich eindeutige Entscheidungen treffen, die nicht nur auf die Erfüllung äußerer Ansprüche ausgerichtet sind, sondern auch mich selbst berücksichtigen. Ich kann besser zu mir stehen und in einer mir angemessenen Weise reagieren. Ich bin der Regisseur meines Lebens, sowohl zu meinem eigenen Wohl als auch zum Wohle anderer.

Und jetzt müssen wir uns noch das Idealbild vorstellen, wie die Welt aussähe, wenn jeder sein Leben nach diesem Prinzip gestalten würde. Dieses Prinzip führt von alleine zu einem achtungsvollen Umgang untereinander und mit der Umwelt, weil jeder ganz selbstverständlich sich selbst u n d gleichzeitig die anderen im Blick hat. Was kann anderes daraus entstehen als eine friedvollere Welt?

Diesen Weg zur Eigenliebe zu beschreiten, ist ein Prozess der Übung. Die äußeren Schichten der Selbstablehnung zu überwinden, können wir bewältigen, auch wenn es oftmals ratsam sein kann, dies mit professioneller Begleitung anzugehen. Wenn wir in uns selbst zu sehr verstrickt sind, kann es äußerst schwierig sein, sich allein daraus zu befreien. Wir gewinnen kostbare Lebenszeit, wenn wir uns helfen lassen.

Die Überwindung der Selbstablehnung als Urphänomen bedarf der lebenslangen Aufmerksamkeit. Je mehr Übung wir jedoch haben, desto schneller können wir uns aus ihren Fängen befreien und wieder zu innerer Stabilität finden. Es gibt viele Hilfsmittel, mit denen wir uns schulen können, mehr in die Selbstliebe zu kommen. Wichtig ist vor allem, sich immer wieder dafür neu zu entscheiden, diese Aufgabe bewusst im Auge zu behalten; nicht nachzulassen mit unseren Bemühungen. Denn: Es ist immer leichter, sich selbst abzulehnen als sich zu lieben, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Mich selbst anzunehmen bedeutet unter anderem:
– meinen Körper, meine Seele, meinen Geist und ihre Bedürfnisse so weit wie möglich kennen zu lernen
– das für mich zu tun, was ich auch für meine Kinder tun würde
– mich selbst mit gütigen Augen zu betrachten
– Geduld mit mir zu haben
– hinter mir und nicht gegen mich zu stehen
– mich nicht hängen zu lassen
– Liebe zu wagen
– Konflikte zu riskieren, wenn es darauf ankommt
– auf dem Boden zu bleiben
– Wunden in mir anschauen und zu heilen versuchen
– das Nichtgelungene, das schuldhaft Vertane, das Nichtgemachte irgendwann einmal gut sein zu lassen
– ehrlich zu mir zu sein
– weniger vor mir selbst davonzulaufen
– realistisch nicht zu viel und nicht zu wenig von mir zu erwarten

Konkrete Maßnahmen sind zum Beispiel:
– Die Stimme des Inneren Kritikers zu identifizieren und die Glaubenssätze, die er vermittelt, zu hinterfragen.
– Auf gute Gefühle zu achten. Neben aller Selbstkritik können wir auch immer gute Gefühle in uns finden. Suchen wir bewusst nach ihnen.
– Nach den eigenen Stärken suchen; sie sich bewusst machen.
– Schließen wir Frieden mit den Schattenseiten; nehmen wir eigene kleine Fehler mit Humor.
– Es ist wertvoll und hilfreich vor dem Schlafengehen den Tag Revue passieren zu lassen und die Dinge aufzuzählen, die uns gelungen sind, die uns Freude gemacht haben und für die wir dankbar sein können, dass sie in unserem Leben sind (auch wenn es nur kleine Alltäglichkeiten und „Selbstverständlichkeiten“ sind).
– Stellen wir uns generell ein paar Fragen wie folgende: Wo gibt es Situationen, in denen ich zufrieden mit mir bin oder stolz auf mich sein kann? Worin hatte ich Erfolg, obwohl die Angelegenheit heikel war? Was habe ich an Schwerem durchgestanden? Was tue ich für andere, das ich für mich selbst nicht tue? Wie viel Verständnis bringe ich für mich selber auf? Tue ich hinreichend das, von dem ich weiß, dass es gut für mich wäre?
– Von Selbstannahme träumen: D.h. mir immer wieder auszumalen, wie es wäre, wenn ich mich selbst mehr lieben würde. Ich stelle mir direkt die Frage: “Wenn ich mich selbst mehr lieben würde, dann …“ und lasse dazu Antworten ganz entspannt in mir aufsteigen. Die Ergebnisse schriftlich festzuhalten macht sie greifbarer.

Sein eigener Freund zu werden, kann eine Weile dauern. Wir sollten Geduld mit uns haben, denn wenn zwei unterschiedliche Menschen sich kennenlernen, bedarf es auch oftmals einige Zeit bis sie vertraut und warm miteinander werden.

About the Author

Ruth ScheftschikRuth Scheftschik Ruth Scheftschik ist Therapeutin für Logotherapie und Existenzanalyse. Weitere Schwerpunkte Ihrer Tätigkeit sind die Wertorientierte Imaginationsarbeit nach Dr. Uwe Böschemeyer und das Enneagramm der Persönlichkeiten. Bei Seminaren und Vorträgen legt Sie besonderen Wert auf die Bereiche Achtsamkeit, Selbstwert, Selbstbewusstsein, Sinn und Werte. www.sinnundwerte-praxis.deView all posts by Ruth Scheftschik

  1. Manuel05-12-2014

    Schöner ausführlicher Artikel.
    Aus meiner Sicht wird es gesellschaftlich sehr stark gefördert sich selbst nicht anzunehmen – um uns anschließend zu suggerieren „Wenn du aber den neuen BMW fährst wirst du glücklicher sein und zufriedener, und gesellschaftlich höher angesehen“.
    Unsere Konsumgesellschaft würde sofort zusammenbrechen wenn jeder seine eigene innere Glücksquelle anzapfen würde anstatt sie im außen zu suchen.
    ein Problem habe ich trotzdem noch: Den Spagat zu schaffen zwischen persönlicher Entwicklung in Bereichen die mir selbst wichtig sind (d.h. nicht gesellschaftlich aufgezwungen) und dem Akzeptieren meiner Schwächen in den selben Bereichen…
    Selbstakzeptanz und Streben nach Verbesserung – wie ist das zu vereinbaren?

    • Ruth Scheftschik05-12-2014

      Hallo Manuel,

      ich freue mich, dass der Artikel dich anspricht.

      Die Schwächen zu akzeptieren bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie so bleiben müssen, wie sie sind. Wir können an den Schwächen arbeiten, so, dass sie uns nicht mehr so stark beeinflussen. Oder wir können sie sogar ganz auflösen. Wir können und oft zumindest ein Stück weit davon befreien.
      Als Voraussetzung dafür ist es aber im ersten Schritt u n b e d i n g t notwendig, dass wir uns wegen ihnen nicht verurteilen. Wir sollten sie uns bewertungsfrei anschauen.
      „Da habe ich eine Schwäche. Ja, so ist es. Ich brauche mich dafür aber nicht zu schämen.“
      Denn: Wie soll man an etwas arbeiten, das verdrängt ist, was also nicht sichtbar ist?

      Ausserdem: Durch das Ur-Phänomen der Selbstablehnung haben wir oft gerade an den Stellen, die uns wertvoll und wichtig sind einen Widerstand. Wir haben sozusagen einen Gegenspieler in uns, der nicht will, dass es uns gut geht, dass wir Freude haben.
      Genau an diesen Stellen ist es wichtig, wachsam zu sein und eine wohlwollende Perspektive uns gegenüber zu suchen. Da wir immer auch Gutes in uns tragen, sind wir es wert, dass wir uns wohlwollend um uns kümmern.

      Was den gesellschaftlichen Einfluß anbetrifft, bin ich – ganz pragmatisch und konkret gesehen – folgender Meinung:
      Es wird nie passieren, dass alle Menschen auf einmal ihre innere Glückquelle anzapfen. So wird die Konsumgesellschaft auch nicht auf einmal zusammenbrechen. Es wäre ein längerer Prozess der Bewusstseinveränderung, der auch zwangsläufig zu Veränderungen in Gesellschaft und Berufswelt führen muß.
      Je mehr Menschen wirklich damit anfangen, desto eher können wir mit positiven Veränderungen für unser Leben rechnen.

      Ich danke dir für deinen Kommentar für meine Beitrag.

      Liebe Grüße Ruth

  2. Wera Dyck05-22-2014

    Wirklich ein schöner verständlicher Text. Vielen Dank dafür.

  3. Franz01-04-2015

    Ein hervorragender, wunderbar formulierter Text, der den Kern der menschlichen Existenz und ihrer Potenziale trifft. Vielen Dank!
    Mit jedem Menschen, der sich selbst finden und lieben lernt, wird unsere Welt ein Stück besser.

  4. Richard04-19-2015

    Vielen Dank für die Arbeit an diesem wichtigen Thema, Ruth.
    Das „Annehmen was ist“ halte ich auch für einen ganz zentralen Aspekt unseres Seins. Das Annehmen geht einher mit Bewusstwerdung und Bewusstwerdung heißt für mich Wachstum. Bewusstwerdung ermöglicht uns eine leichteres „Darüber Hinwegsehen“, also Vergebung. Bewusstheit geht auch über den Verstand hinaus. Bei weitem nicht alles kann der Verstand erfassen, was uns bewusst sein kann. Wir nennen das dann oft „glauben“.

    Nun haben wir wohl allgemein trotzdem „verstanden“, dass dramatische Situationen in uns weiter leben, sich traumatisch auswirken können und Emotionen auslösen können, die dann oft ihrerseits „negative“, sich widerholende Gedanken bewirken und auch Glaubenssätze. Und dies wirkt auch zurück. Die Mentalebene wirkt auf die Emotionen und diese können sich sogar körperlich auswirken. Weiter ist uns in der Regel klar, dass die alten Situationen weitgehend unbewusst wirken in uns, sie entziehen sich damit auch dem Verstand. Konzepte wie „sein eigener Freund sein“, „das innere Kind“ oder „Beobachter sein“ erweitern unsere Bewusstheit und führen den Fokus auf diese Abläufe und Emotionen. Und allein dies ist heilsam, führt Energie in die noch immer schmerzhaften Situationen, die noch nicht aufgearbeitet und integriert sind, sondern gleichsam abgetrennt und weggeschoben.

    Scheinbar ist es so, dass wir umso mehr den Verstand bemühen, umso schmerzhafter es ist, einfach nach innen zu schauen. Doch damit könnten wir annehmen was ist und alte Emotionen über den Körper abfließen lassen. Der Verstand arbeitet dann auch zugleich mit Illusionen und überdeckt wieder das, was sich als Spitzen des Eisberges zeigen möchte. Schade, denn damit könnten alte, den Situationen anhaftende, Emotionen abgebaut und das negative Denken erkannt werden. Es würde damit abebben können. Statt dessen fühlen wir uns umso erhabener, umso komplexer wir die Denkerei gestalten, umso weiter wir ausholen, umso breiter wir kombinieren, angeblich heraus finden, was hätte wär wenn. Doch die wirklich nützlichen Erkenntnisse sind in der Regel einfach und „schön“. Und das Denken wirkt tatsächlich sehr oft einschränkend auf die Bewusstheit. Es läuft auf „Schuldige“ hinaus und auf Regeln, die man einhalten sollte.

    Und wenn wir mal genau hinschauen, dann waren es oft Regeln, die unsere Eltern einhalten wollten, die ihnen Ängste eingebracht haben, die dann im Endeffekt ihren Fokus auf Negative Bilder lenkten, die sie uns vermittelten. Die Regeln und das Denken haben das aus der Bewusstheit verdrängt, was sie ganz natürlich vermittelt hätten, doch der Verstand vielleicht nicht erfasst oder nicht zugelassen hätte. Doch da wir oft es angeblich so genau wissen, wie alles zusammen hängt, und was in unserer Kindheit fehlte, weil jemand nicht genug Verantwortung übernahm, sind wir in einem Dilemma.

    Denn in diesen alten nicht aufgearbeiteten Situationen hängen auch noch andere Emotionen. Es sind Emotionen, die sich gegen die Eltern richten, die wir uns nicht zugestehen. Vielleicht trauen wir es uns auch nicht einmal bewusst zu denken. Denn die vermittelten Werte sagen, dass wir damit „schlecht“ und eher unwert sind. Unbewusst kommen wir zu Schuldgefühlen und die negativen Denkmuster / der innere Kritiker greifen sich das und machen uns erst richtig nieder. Ja, mit der Zeit sollten sich die Emotionen trotz allem verlieren. Wenn nur dieser kluge Verstand einmal zuließe, dass wir nach innen gehen und auch unseren Eltern zugestehen, dass deren Unbewusstheit auch Ursachen hatte. Vielleicht eine Art Ursachen, die wir gerade jetzt schaffen mit unserem klugen Analysieren und Aufstellen von Regeln, sogar in Bereichen, in denen der Verstand vieles gar nicht erfasst. Und da sehe ich einiges, wo wir besser unseren Kindern lieber etwas vorleben sollten und sie sich ihren Weg selber erspüren lassen sollten.

    LG Richard

  5. Jan von Wille05-30-2015

    Vor einiger Zeit habe ich das Zitat von Oskar Wilde gelesen “Eigenliebe ist der Beginn einer lebenslangen Romanze”.
    Für mich hat das sehr viel mit Mitgefühl zu tun. Und das wiederum mit dem Wahrnehmen der eigenen Gefühle. Auch solche, die wir oft als „negative“ Gefühle bezeichnen. (Bedürfnisse und Wünsche ernst und wichtig zu nehmen ) Das ist für mich die Basis von Annahme.
    Das heißt nicht, dass ich mich nicht mehr verändern muss. Doch vor der Veränderung kommt die Anerkennung dessen, was ist. Alles andere bleibt Kampf und damit verschwenden ich Lebenskraft.
    Vielen Dank für die gute Inspiration!
    Jan

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