Streitkultur

Streitkultur

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen das Verhalten einer anderen Person nicht passt? Sprechen Sie es an oder warten Sie ab und behalten Ihren Unmut für sich? Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Sie und Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin haben Gäste eingeladen. Sie sitzen gemütlich am Esstisch, genießen das gute Essen und die Unterhaltung nimmt Fahrt auf. Jeder erzählt ein paar Anekdoten und Erfahrungen werden ausgetauscht. Nur Sie kommen dabei nicht so richtig zu Wort. Mehrfach fällt Ihnen eine Person ins Wort und lenkt die anderen ab. Alle anderen scheint das nicht weiter zu stören. Die Stimmung ist fröhlich, nur in Ihnen beginnt der Unmut zu gären. Was nun?

Aus meiner Beobachtung reagieren Betroffene gerne mit einer der 3 folgenden Verhaltensweisen.
Nett sein – Ich schlucke meinen Ärger lieber herunter, damit das Zusammensein harmonisch verläuft.
Verbrannte Erde – Dem geige ich mal so richtig meine Meinung, damit er spürt, was er für ein sozialer Versager ist.
Sticheln – Ich traue mich nicht, meinen Unmut direkt anzusprechen. Deswegen verteile ich „spitze“ Bemerkungen, um den anderen zu treffen bzw. zu ärgern.
Leider sind die genannten Optionen wenig konstruktiv, denn die jeweilige Situation bleibt nebulös und ich verhalte mich respektlos.

Streitende sollten wissen, dass nie einer ganz recht hat und der andere ganz unrecht. – Kurt Tucholsky

Warum fällt es manchen Menschen so schwer, Klartext zu reden? Aus Angst unhöflich zu wirken und deswegen weniger liebenswert zu sein? Für dieses Verhalten zahlen wir allerdings einen hohen Preis. Wir stellen die eigenen Bedürfnisse hinten an, was soviel bedeutet wie: Ich bin nicht so wichtig. Oder um es noch drastischer zu formulieren: Ich mag mich weniger als andere.

Der thermonukleare Gefühlsausbruch bringt uns einer Lösung allerdings auch nicht näher. Hier lasse ich zwar so richtig Dampf ab und nehme meine Emotionen ernst. Meistens zu ernst, gerade wenn wir glauben, im Recht zu sein und unser Gegenüber missionieren wollen. Oder wenn wir uns moralisch überlegen fühlen und von oben herab agieren. Ein Gewitter ab und an mag zwar reinigend wirken, ein Orkan ist es eher nicht.

Die „Taktik“ der kleinen, indirekten Anspielungen halte ich für besonders schädlich. Indem wir unser Gegenüber ärgern und im Unklaren lassen, wird der Konflikt eher vergrößert. Wenn beide wütend sind, rückt ein achtsamer Dialog in weite Ferne.

Es geht um Weiterentwicklung

Das Ziel einer Meinungsverschiedenheit ist doch, dass die Beteiligten merken, dass sie unterschiedliche Meinungen haben. Wunderbar, jetzt liegen die Karten auf dem Tisch. Damit ist bereits ein großer Schritt getan. Jetzt wissen wir worum es geht und worüber wir reden können. Halten wir dagegen den Mund oder weichen aus, ist Stillstand die Folge. Doch ist das sinnvoll? Möchten Sie lieber Stagnation oder Weiterentwicklung?

Die Lösung für einen Streit liegt für mich vor allem darin, wie wir dem Anderssein umgehen. Respektieren wir es und finden es vielleicht sogar interessant? Oder finden wir es lästig oder verurteilen es? Das Maß unserer Offenheit impliziert dabei oftmals die Anzahl der Lösungen. Wobei auch keine Lösung zunächst eine Option sein kann. Warum müssen wir für alles gleich eine Antwort haben? Manchmal gehört Staunen, Innehalten und Sackenlassen halt dazu. Damit meine ich natürlich nicht, den Konflikt auszusitzen. Vielmehr geht es darum, bereit für einen Konflikt zu sein und sich mit dem Problem auseinanderzusetzen.

Denn du mußt wissen, dass dich jeder unlösbare Gegensatz, jeder unheilbare Streit dazu zwingt, größer zu werden, damit du ihn in dich aufnehmen kannst. – Antoine de Saint-Exupéry

Bekennen Sie Farbe und sagen, was Sie stört. Meinungsverschiedenheiten können unangenehm sein und weh tun. Gerade wenn wir uns nach Harmonie sehnen. Doch die Augen zu verschließen, ist bekanntlich kein guter Ansatz. Vor allem halte ich es für eine Form von menschlicher Reife, Konflikte konstruktiv auszutragen. Was nützt mir eine Schönwetterbeziehung, wenn die ersten schwarzen Wolken am Himmel auftauchen? Ich möchte wissen, wie mein Partner reagiert und zu mir steht, auch wenn wir mal nicht einer Meinung sind.

Streitkultur entwickeln

Auseinandersetzungen fordern uns heraus, weil wir uns mit eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen der anderen auseinander setzen dürfen. Und beide passen scheinbar nicht zueinander. Da hört die Komfortzone auf. Doch wie so oft ist vor allem die Einstellung, die Motivation für einen Entwicklungsprozess ein Katalysator. Sie können sich zum Beispiel wie ein Entdecker fühlen, der neugierig aufbricht, um unentdeckte Landstriche zu erforschen. Ja, Sie machen sich auf eine Reise und sind bereit, Ihr Innerstes zu erkunden.

Sich mit den eigenen Bedürfnissen auseinanderzusetzen, erfordert Mut und Geduld. Natürlich wird es einem nicht gleich leicht fallen, die eigenen Befindlichkeiten stärker zu vertreten. Die Ängste bleiben zunächst. Doch mit neuen positiven Erfahrungen kann sich das Blatt wenden. Die Motivation zu wachsen und mehr innere Freiheit zu erlangen, ist eine starke Kraft. Wer davon erfährt, spürt, dass es wenige Dinge im Leben gibt, die wichtiger sind. Innere Freiheit kann man nicht kaufen. Da hilft kein Designerkleid, kein Porsche.

Und es gibt auch nicht immer ein Happyend. Manche Menschen sind (noch) nicht an einer Lösung interessiert. Das ist auch eine sehr wichtige Erkenntnis für Sie. Dann gilt es vielleicht zu überlegen, wie tragfähig und bereichernd diese Beziehung auf Dauer sein kann. Vielleicht macht es Sinn, Freundschaften zu hinterfragen, sich von Menschen zu verabschieden oder mit anderen zusammen zu arbeiten.

Erfolgreich streiten

Übernehmen Sie Verantwortung. Für sich und eine unklare Situation. Erzählen Sie, was Sie stört und verletzt. Und ganz wichtig: Wie eine Lösung aussehen kann. Zeigen Sie Interesse an den Bedürfnissen der anderen. Hören Sie zu und signalisieren: Du bist mir wichtig.

Streiten wird oftmals als Kampf, als ein Gegeneinander interpretiert. Doch es kann auch das Gegenteil beinhalten. Indem wir aufeinander zugehen, wird ein Miteinander möglich. Weil du mir wichtig bist, weil ich mir wichtig bin, wünsche ich mir eine tragfähige Lösung. Diese Motivation alleine bewirkt schon ganz viel. Da ist doch eine ganz andere Wärme und Energie am Werk, als wenn ich in den Ring steige, um Schläge auszuteilen.

Einen Konflikt zu überwinden, kann sehr bereichernd sein. Wenn Sie es gemeinsam schaffen, eine Lösung zu finden, entsteht oftmals eine stärkere Bindung als vorher. Respekt, Zuneigung und Dankbarkeit breiten sich aus. Und wie schon einmal erwähnt: Keine Lösung ist auch ein Signal. Was machen Sie, wenn Sie in eine Sackgasse fahren? Vermutlich wenden Sie und nehmen eine andere Strecke. Oder bleiben Sie stehen und starren entsetzt das Straßenende an?

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Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. ruth05-23-2014

    ‚Achtsam streiten‘ fällt mir bei diesem Artikel ein.

    Seit ich mich intensiv mit Achtsamkeit beschäftige, hat für mich Streit eine besondere Qualität bekommen. Denn auch beim Streiten kann Achtsamkeit helfen. Voraussetzung ist, dass ich gut mit mir selbst verbunden bin und unverbrüchlich ‚ja‘ zu mir sagen kann in meiner Gesamtheit, so wie ich gerade im Moment bin, auch mit meiner Tendenz zur Verletzlichkeit. Ich beschreibe es mit einem Bild:

    Ich stelle mir einen rechteckigen Raum vor (= Erlebnisraum). Er hat nur an den schmalen Seiten jeweils eine Tür. Durch die eine treten Erfahrungen und Ereignisse in meinen Erlebnisraum ein, durch die andere Tür können sie ihn wieder verlassen.
    Nun kommt auf der einen Seite eine schwierige Situation herein, die möglicherweise zu einem Streit führen könnte und bewegt sich durch die Mitte des Raumes. Stehe ich selbst mit meinem ganzen Wesen in der Mitte, treffen die eintretenden Energien in vollem Umfang auf mich, hüllen mich ein und ich verfange mich schnell darin. Ich identifiziere, „infiziere“ mich mit ihnen, ich fühle mich angegriffen und verletzlich und alles geht drunter und drüber.

    Steht e i n T e i l von mir aber an einer der Längsseiten des Raumes, habe ich gleichzeitig eine Beobachterposition inne, in der ich vollkommen meiner selbst bewusst bin, in der ich mit mir verbunden bin. Ich nehme also die Situation von der Raumseite her wahr und somit aus einem gewissen Abstand. Ich beobachte die beiden Konfliktpartner, die in der Mitte des Raumes einander gegenüber stehen: Da sind zu einem die andere Person und zum anderen der restliche Teil von mir, der nicht Beobachter ist.
    Mein Beobachter-Teil verfolgt aufmerksam und vor allem neutral und bewertungsfrei die Situation. Während ich beobachte, frage ich mich ganz ruhig: „Was ist da eigentlich los? Was geht da eigentlich vor sich?“ – Dabei habe ich die Möglichkeit, sowohl den Streitpartner in seinem Verhalten zu beobachten als auch mich selbst in Bezug auf das, was in mir vor sich geht, welche Gefühle und Bedürfnisse in mir aufsteigen.

    Als Zweites frage ich mich: „Was ist eigentlich mein Ziel in diesem Streit? Was will ich eigentlich damit erreichen?“ Ich versuche ebenso die Motivation meines Gegenübers zu erspüren, das, was über alles Gesagte hinausgeht. Dabei fällt mir oftmals auf, dass das Verhalten des anderen aus einer inneren Not, aus einem inneren Konflikt oder Selbstwertmangel heraus entsteht. Ähnliches kann ich unter Umständen auch bei mir feststellen. Dadurch entsteht ein Mitfühlen mit mir selbst und mit dem anderen.

    Sobald ich an dieser Stelle angekommen bin, kann ich mir die Reaktion überlegen, die ich für angemessen halte. Je nach Situation ist Unterschiedliches angebracht. Manchmal verzichte ich auf eine Reaktion, was nichts mit Ärger herunterschlucken und nett sein zu tun hat, sondern damit, dass ich erkenne, dass eine Herausforderung zum Streit/ein Streit nicht weiterführend wäre. Dann wandert die Situation von alleine auf der anderen Seite des Raumes durch die andere Tür wieder hinaus. Ich habe aber n i c h t an Selbstwertgefühl eingebüßt, da es meine b e w u s st e Entscheidung war, nicht zu reagieren.

    In anderen Situationen halte ich es für angebracht, in einen Streit hineinzugehen, aber nicht, weil ich mich verletzt fühle, sondern im Interesse der Sache und auch als Spiegelung für den anderen, damit er sieht, wo meine Grenzen und was meine Bedürfnisse sind.
    In dieser Form von Streit kann ich sachbezogen bleiben, ich bin geschützt vor Verletzungen, da ich mit Bewusstheit handele. Wenn ich mich nicht verletzt fühle, habe ich auch nicht das Bedürfnis den anderen zu verletzen.
    Diesen Streit kann ich, wenn ich es für nötig halte (z.B. um eine Eskalation zu vermeiden) auch jederzeit unterbrechen. Ich kann ihn in aller Ruhe verlassen, ohne versessen auf meinem Standpunkt zu beharren und ohne mich schlecht zu fühlen.
    Das geht auch, wenn der andere unnachgiebig ist in seiner Sichtweise. Ich kann dann für ihn auch Mitgefühl empfinden und eventuell auf ihn zugehen, weil ich auch seine Not gespürt habe. Ich bin nicht nachtragend, höchstens etwas traurig, wenn keine Lösung zustande kam, kann es aber erst einmal stehen lassen.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auf diese Weise Streits häufig eher konstruktiv verlaufen und dass dann tatsächlich wieder mehr persönliche Nähe möglich ist, als vorher vermutet.
    Ab und an kann es zwar auch zu einem Bruch in einer Beziehung kommen. (Beziehung meine ich ganz allgemein, nicht speziell nur Paarbeziehung). Bei Begegnungen, auf die es nicht entscheidend ankommt in meinem Leben, weil ich mit dem anderen ohnehin kaum etwas zu tun habe, kann ich die Sache ruhen lassen. In mir wichtigen Beziehungen muss es nicht soweit kommen, denn wenn ich in der Beobachterposition frage „Was ist mein Ziel?“ und mir dabei klar wird, dass ich die Beziehung nicht auf’s Spiel setzen will, dann kann ich den Streit so lenken, dass er nicht eskaliert.
    Am Ende habe ich nicht all zu viel Energie verloren und ich fühle mich in Frieden, weil ich durch mein Mitfühlen sowohl mich sowohl für mich als auch für den anderen engagiert habe.
    Auch wenn sich das Ganze ziemlich zeitaufwändig anhört, kann man es üben, sodass es unmittelbar abläuft.

  2. Richard04-25-2015

    Na ja, Joachim. Wenn nur ich nicht zu Wort komme, dann liegt das wohl an mir. Ich reagiere nicht spontan und frei genug, rede nicht einfach weiter und lauter, bin beleidigt, weil die anderen sich nicht gut erzogen verhalten, nicht Regeln folgen, die ich mir selber auferlege.

    Da haben wir es dann. Die Situation gefällt mir nicht. Was tun? Ich habe wohl eine Reihe von Möglichkeiten:
    – die Situation ändern
    – die Situation vermeiden
    – die Situation verlassen
    – mit der Situation leben und vergeben, darüber hinwegsehen

    Welche Mischung wenden wir an, um eine Situation zu ändern? Nett sein, Sticheln, Klartext, Verbrannte Erde? Ich meine, die Zwischentöne sind auch ganz wichtig, und die Mimik und Gestik. Dies sind doch die ersten sanften Mittel, um sich vom „Nett sein“ etwas zu entfernen, bewusst zu machen, dass etwas nicht stimmt für mich. Auch sticheln kann dabei helfen, jemanden etwas zum Denken zu bringen. Es hängt wohl wieder davon ab, ob ich dies mit Akzeptanz, Wohlwollen, einem Augenzwinkern und einem Lächeln tun kann, ob sich jemand verletzt fühlt hierdurch. Ernte ich damit wenig Verständnis, dann stellt sich wohl die Frage, ob ich die Situation brauche, bzw. wiederholen will, mit diesen Menschen.

    Das geht alles nicht? Ich kann die Situationen nicht vermeiden, will auch nicht darüber hinwegsehen? Dann haben wir wohl den Streit. Die Positionen sind relativ klar. Keiner gibt sofort nach, bzw. ändert etwas an seiner Haltung. Ich meine, hier sollte ich wirklich meine Emotionen beobachten, einen Schritt zur Seite treten und mich selber beobachten, mich fragen, um was es mir wirklich geht und um was es dem anderen wirklich geht. Und Klarheit steht jetzt vor Rücksichtnahme und klare Fragen und Mitteilungen sind wichtig. Übt dann schließlich jeder etwas „darüber hinweg sehen“, profitieren tatsächlich alle mit Wachstum.

    Danke für diesen Artikel.

    LG Richard

  3. Thomas Bedernik07-21-2015

    Sehr interessanter Artikel. Sehr anregend.

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