An manchen Tagen falle ich abends erschöpft ins Bett und bin froh, dass der Tag endlich vorbei ist. Rückblickend führe ich mir vor Augen, was ich abgearbeitet habe und vor allem, was noch vor mir liegt. Ich plane, mache mir Sorgen, spiele Szenarien durch und schlafe irgendwann zum Glück ein. Um am nächsten Morgen den Faden wieder aufzunehmen …

Irgendwann hält die hilfreiche Einsicht Einzug, dass das Leben auch Freude bereiten darf. Es ist mein Leben, meine Zeit. Ich arbeite ja in erster Linie für mich. Und dieses einmalige, wunderbare Leben findet in diesem Moment statt. Nicht gestern. Nicht morgen. Dann kehrt allmählich Ruhe bei mir ein, ich atme tiefer und spüre, wie ich mich allmählich entspanne. Eigentlich weiss ich das alles und trotzdem überkommt mich immer noch dieser Drang, viel zu wollen, Erwartungen zu erfüllen und mich abzuhetzen.

Mein Geist ist so flink und sprunghaft, dass ich oft nicht hinterher komme. Er scheint dabei keine Zeit zu kennen und springt unentwegt hin und her. Als ich 14 war, wollte ich 18 sein. Als ich 25 war, dachte ich, mit 30 wird das Leben langweilig. Das Gegenteil war der Fall und trotzdem wollte ich nicht 40 werden. Mit 45 fühlte ich mich wie Mitte 30. Irgendwie lebe ich selten in der richtigen Zeit.

Vor allem habe ich keine Zeit für Geduld. Ich habe auch keine Muße, an der Kasse zu warten. Ich will leben. Richtig leben. Intensiv. Wenn der Tag schon mittelmäßig war, will ich unbedingt am Abend Spaß haben. Das Dumme an der Sache ist nur, dass sich Geduld, Glück und Zufriedenheit weder kaufen lassen noch auf Knopfdruck einstellen.

Was hindert uns daran, den Moment zu genießen?

Zwischen dem was ist und dem was ich erlebe, liegen so viele Wünsche, Hoffnungen, Begierden und Ängste, dass kaum Raum bleibt, den Moment zu erfahren. Wenn ich doch nur sportlicher wäre, besser mit Geld umgehen könnte, mehr Zeit hätte, weniger Aufgaben hätte, mehr Freunde hätte … Das Kopfkino läuft pausenlos. Und in Momenten der Achtsamkeit bin ich erstaunt, was da alles aufgeführt wird. Vom Drama, über die Komödie bis zum Science Fiction Thriller ist alles im Programm. Und der Regisseur ist stets der Gleiche. Sie ahnen wahrscheinlich schon wer. Dabei war mir lange Zeit gar nicht bewusst, wie kreativ ich sein kann.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Marc Aurel“]Denn nur der gegenwärtige Augenblick ist es, der verloren gehen kann, weil man nur diesen allein besitzt und man nicht das verlieren kann, was man nicht besitzt.[/pullquote2]

Und währenddessen läuft die Lebensuhr stetig weiter. Die Zeit verrinnt, während wir grübeln, uns sorgen und Pläne schmieden. Wir haben nur diesen einen kostbaren, einzigartigen Moment. Er wird nie wieder kommen. Wollen wir ihn erleben oder lieber überlegen, wie er hätte sein sollen?

Die Magie des Augenblicks

Wir wissen nicht, was morgen kommt. Ja, wir können Pläne schmieden. Wäre aber schade, wenn wir vor lauter planen, gar nicht mehr zum Leben kommen. Und die Vergangenheit? Die ist vorbei. Und zwar für immer. Wir können sie nicht mehr ändern. Warum ständig darauf starren und den Moment verstreichen lassen? Hätte ich damals nur das gesagt, dies nicht gesagt, dies getan und jenes nicht getan.

Und irgendwann fragen wir uns, was wir eigentlich in all der Zeit getan haben. Wir denken und denken was die Gehirnwindungen hergeben. Wie ein Rennwagen auf Volltouren. Nur leiden hat jemand vergessen, einen Gang einzulegen, um all die Energie auf die Straße zu bringen. Wir denken und denken. Trotzdem bringt uns genau das nicht weiter, weil wir zu oft das Gleiche denken. Wir legen gedanklich viele Kilometer zurück und bemerken gar nicht, dass wir uns im Kreis bewegen.

Jenseits aller Erwartungen, Ehrgeiz und Verlangen kann sich der Moment auszudehnen. Allmählich wird die Wahrnehmung intensiver. Ich spüre die Wärme, den Wind, nehme Geräusche war. Das fühlt sich fantastisch an. Das möchte ich festhalten, das soll so bleiben! Ende der Vorstellung. Und schon bin ich wieder aus dem Zeitstrom heraus gefallen. Ach ja, da ist ja die Sache mit den Erwartungen …

Nicht ärgern, immer wieder neu starten, neues Spiel, neues Glück. Wenn wir uns grämen, richten wir die Energie gegen uns. Fallen und aufstehen lautet das stete Spiel. Genauso wie wir früher das Laufen gelernt haben.

Wie kommen wir im Augenblick an?

Haben wir uns einmal klargemacht, dass wir nie zur gleichen Zeit an zwei Orten sein können, dann brauchen wir nicht mehr zu hetzen. Wir können dieses Rennen nicht gewinnen. Deshalb macht es keinen Sinn, überhaupt an den Start zu gehen. Versuchen Sie bitte, sich das vor Augen zu führen. Ihr Leben findet nur an dem Ort statt, an dem Sie sich gerade befinden. Alles andere ist erst einmal zweitrangig.

Das Wichtigste aus meiner Erfahrung ist die Sichtweise: Lernen Sie zu lieben, was gerade ist. Diese Einstellung kommt nicht von alleine, nicht von heute auf morgen. Es liegt an uns, das Herz zu öffnen, den Dingen einen Sinn, unseren Sinn zu geben. Doch wenn wir diese Einstellung kultivieren, geschieht etwas Wunderbares: Der Moment gehört Ihnen. Sie möchten plötzlich nicht mehr woanders sein, weil sich Ihnen der Reichtum des Augenblicks offenbart, sich der Moment stimmig anfühlt.

Wie das gelingt? Das ist eigentlich ganz einfach :-) Ok, ein wenig Umstellung kostet es Sie schon. Planen Sie Ihren Tag so, dass Raum für Muße und Entspannung vorhanden ist. Und zwar bitte so, dass diese Zeit oberste Priorität hat! Starten Sie am besten Ihren Tag mit einer ruhigen Stunde. Das kann ein Spaziergang sein, eine Meditation oder Yoga sein. Atmen Sie tief durch, spüren Sie sich und Ihre Umgebung. Diese kostbaren Moment werden danach Ihren gesamtem Tag positiv beeinflussen.

Und am Abend machen Sie am besten noch einmal das Gleiche! Gestalten Sie dabei Ihre Tagesschau. Was war schön an diesem Tag? Was hat mir gut getan? Wofür bin ich dankbar?

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“ M.B. Rosenberg“]Eine einfühlsame Haltung ist nicht einfach immer da, sondern entsteht immer wieder, wenn wir gut für uns sorgen und uns selber nähren.[/pullquote2]

1 bis 2 Stunden am Tag nur für mich? Wie soll das denn gehen, fragen Sie sich? Sie haben keine Zeit? Klar Veränderungen klingen im ersten Moment erst einmal provokativ. Doch führen Sie sich vor Augen, was die Alternative ist. Möchten Sie weiter durch Ihr Leben hetzen, an vielem vorbei laufen, sich ausgelaugt fühlen und das Gefühl haben, es reicht hinten und vorne nicht? Und was glauben Sie, woran es liegt, dass viele Menschen ungefähr zwischen 40 und 50 einen BurnOut, eine Midlife Crisis oder einen Zusammenbruch erleben? Spätestens dann MÜSSEN Sie sich Zeit nehmen, weil sie vorher keine Zeit hatten.

Jetzt und Hier findet das Leben statt. Dieser eine Moment wird unsere Vergangenheit und beeinflusst unsere Zukunft. Nehmen wir ihn also an, mit so viel Bewusstheit wie möglich. Laden wir das Leben ein und nehmen uns Zeit dafür. Und indem wir unser Bestes geben und unser Herz öffnen, laden wir auch ein gutes Resultat ein.