Vielfalt

Nutzen Sie das Prinzip der Vielfalt?

Häufig ertappe ich mich, wie ich Menschen und Situationen bewerte. Dieses Einordnen erfolgt in der Regel blitzschnell. Und ich bin erstaunt, was dabei an Gedanken und Gefühlen abläuft. In Sekundenbruchteilen ordne ich ein, ob mir jemand sympathisch ist oder nicht, ob mir die Stimme gefällt, mir Kleidung oder Körperhaltung zusagen. Interessant, nicht interessant, höflich, nicht höflich, intelligent, nicht intelligent, attraktiv, nicht attraktiv. Wow, was für eine Vorstellung.

Je mehr ich fähig werde, auf meine Wahrnehmungen zu achten, desto erschrockener bin ich. Wie komme ich bloss dazu, mir so schnell ein Urteil zu erlauben? Ich kenne viele Menschen kaum und habe bereits ganz viele Vorstellungen von ihnen. Und auch wenn ich mit ihnen schon länger vertraut bin, hilft es niemandem, sie in eine Schublade zu packen.

Vorurteile sind Ideen, die gefroren sind. – Sir Peter Ustinov

Wir machen jeden Tag neue Erfahrungen, kommen mit vielen Menschen in Berührung. Wir haben die Fähigkeit zu lernen, uns weiter zu entwickeln. Leben bedeutet vor allem Veränderung. Alles fließt, alles ist in Bewegung. Deswegen macht es wenig Sinn, dauerhaft feste Vorstellungen zu entwickeln oder gar Menschen abzustempeln.

Erfahrungen sind Maßarbeit

Für ein respektvolles Miteinander ist es von entscheidender Bedeutung, jeden Moment möglichst neu und unbefangen zu erleben. Sich selbst und anderen immer wieder eine neue Chance zu geben. Gestern war ich von meinem Kollegen enttäuscht. Heute ist ein neuer Tag und die Karten sind neu gemischt. Die letzten Tage war ich von meiner Partnerin total genervt, weil sie schlechte Laune hatte und häufig gereizt reagierte. Heute kann das anders sein. Dreimal habe ich versucht, einen neuen Artikel anzufangen und habe nichts Gescheites zu Papier gebracht. Heute habe ich eine neue Möglichkeit und lass die Vergangenheit ruhen.

Natürlich neigen Menschen dazu, Dinge zu vereinfachen. Wir schaffen uns Schubladen, um Komplexität zu reduzieren. Das spart Energie. Wir möchten und können nicht jeden Moment alles neu hinterfragen um daraus unsere Entscheidungen ableiten. Wir brauchen Routine. Doch ebenso wichtig ist es, geistig bewusst und flexibel zu bleiben. Sich Momente der Offenheit und der Reflexion zu bewahren.

In diesen stillen Momenten haben wir die Chance zu erkennen, ob ich bestimmte Situationen ähnlich bewerte. Wiederholen sich bestimmte Gegebenheiten, weil ich mich meinen Annahmen nicht hinterfrage? Stehen mir möglicherweise die eigenen Vorurteile im Weg? Gibt es vielleicht andere Wege, um ein bestimmtes Problem zu lösen?

Fragen

Die Antworten, die wir bekommen, hängen entscheiden von unseren Fragen ab. Vor allem ist es wichtig, Dinge überhaupt in Frage zu stellen. Ist es wahr, was ich annehme? Wie komme ich zu meinen Annahmen? Ist mein Verhalten hilfreich? Welche Möglichkeiten gibt es, die Situation differenzierter zu sehen? Was ist mein Ziel? Wo möchte ich hin?

Training

Uns gelingen Dinge nicht, weil wir die Fähigkeiten nicht haben oder gar zu dumm sind. Wir brauchen vielmehr Übung. Wir dürfen uns ausprobieren. Wir dürfen Fehler machen und prüfen, was sich gut anfühlt. Nur durch häufiges Wiederholen eignen wir uns neue Gewohnheiten und Fertigkeiten an. So verhält es sich auch mit Gewohnheit wahrzunehmen. Wir können üben, uns andere Fragen zu stellen um damit zu neuen Antworten zu gelangen.

Innere Einstellung

Spüren wir, dass unser Leben immer gleichförmiger und eindimensionaler wird, erwächst die Motivation, etwas zu verändern. Wunderbar. Fangen wir bei uns an und werden der Möglichkeiten um uns gewahr. Damit erwerben wir mehr Handlungsspielraum. Es gibt plötzlich nicht nur eine Option sondern mehrere.

Individualität beinhaltet Vielfalt

Viele Möglichkeiten bleiben uns im Leben verborgen, weil wir einfallslos und gedankenlos agieren. Wir wiederholen nur allzu leichtfertig bekanntes und wundern uns, warum wir nicht weiterkommen. Wir schauen nicht neugierig auf andere Menschen, sondern sehen unsere Vorurteile in ihnen. Wir haben die Offenheit für Neues verloren und warten auf die Bestätigung unserer Vorurteile. Unser Leben verliert an Farbe, Überraschung und Reichtum.

Vielfalt ist ein grundlegendes Prinzip im Leben. Keine 2 Menschen, Situationen, Blumen sind gleich. Sie sind ähnlich, aber nicht identisch.

Der Schlüssel ist die Veränderung unserer Gewohnheiten, insbesondere unserer geistigen Gewohnheiten. – Pema Chödrön

Gehen wir den Begriffen auf den Grund. Was verstehe ich zum Beispiel unter Beziehung, Partnerschaft? Wie möchte ich mich auf meine Herzdame beziehen? Welches Miteinander ist jetzt möglich? Konzepte bieten einen Rahmen, sind aber gleichzeitig auch immer eine Vereinfachung, eine Reduzierung der Wirklichkeit. Und diesen Rahmen gilt es für sich mit Leben zu füllen. Eine Partnerschaft ist nichts festes. Wir können die Verbindung zueinander halten, doch unser Umfeld, wir, verändern uns fortlaufend. Eine Liebesbeziehung wird davon beeinflusst, ob wir 20, 30, 40 oder 50 Jahre alt sind. Wir haben andere Träume, andere Ziele, andere Verpflichtungen und hoffentlich ein andere menschliche Reife.

Routine durchbrechen

Wir glauben nur zu leicht die Dinge, die wir schon hundertmal gehört haben. Anstatt offen und neugierig zu sein, für das Neue und Wunderbare. Wir haben oft die Vorstellung, dass mit unserem Umfeld etwas nicht in Ordnung ist. Und wir meinen, es nach unseren Vorstellungen korrigieren zu müssen. Jede Situation ist einzigartig. Doch das befreit uns nicht davon, sie wertzuschätzen und ihr bewusst zu begegnen.

Lassen Sie uns die Vielfalt, die Andersartigkeit der Menschen lieben. Die ihr Anderssein leben, sich äußerlich zeigen durch Kleidung, Haartracht oder andere sichtbare Zeichen. Oder durch ihr Handeln, das sie an den Tag leben, ohne die geringsten Zweifel. Und vor allem entdecken Sie die Fülle Ihrer Fähigkeiten. Oftmals haben wir ein Bild von uns, das vieles außer acht lässt. Ein Bild, das vielleicht noch aus frühen Jahren stammt. Mit Achtsamkeit, Fantasie und Mut können Sie ein neues Gemälde entstehen lassen. Und zwar jeden Tag aufs Neue, wenn Sie möchten.

About the Author

Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. Max M.09-18-2014

    Sehr guter Artikel. So bleibt das Leben spannend, wenn man neugierig ist. Warum starten Sie nicht einen Podcast? Eignet sich gut für längere oder kürzere Autofahrten, joggen etc..:)

    MfG

    • Joachim09-18-2014

      Vielen Dank für die Wertschätzung, über die ich mich sehr freue. Ja, ein Podcast ist in Planung. Ich bin gespannt, wie die Resonanz sein wird.

    • Erna Lucia10-27-2016

      Da kann ich mich nur anschließen! Großes Lob ;-)

  2. TCG09-23-2014

    Die Routine muss durchbrochen werden. Schwierig.

    Danke für diesen Artikel,

    tcg

  3. Karl09-27-2014

    Besten Dank für die Inspiration. Gewohnheiten durchbrechen und die Vielfalt lieben. Ein sehr guter Vorsatz! Die schlimmsten Feinde sind dabei die Medien. Zuviel vorgefertigte Meinungen, denen man ohne darüber nachzudenken folgt. Das blockiert jede Neugierde und Offenheit. Mein Motto um dagegen anzugehen ist deshalb; weniger Fernsehen mehr Leben!
    Bg Karl

  4. Richard02-14-2015

    Hi Joachim,
    da gratuliere ich Dir. Du ertappst dich immer wieder (und immer öfter). D.h. Du ertappst deinen Kopf dabei, wie er festgelegt ist und das Denken abkürzen möchte. Dazu musst du erst einmal bei Dir sein und in der Lage, die Gedanken zu beobachten. Das geht nur, wenn Du in diesem Moment bei Dir bist, im gegenwärtigen Augenblick, im Hier und Jetzt. Und nur wenn die Gedanken gerade nicht in der Zukunft oder in der Vergangenheit sind, nehmen wir die Vielfalt der Möglichkeiten wahr. Auf einmal gibt es ein „Sowohl als Auch“, ein „Mehr oder Weniger“ und nicht nur ein „Entweder Oder“, das binär mit klaren Regeln abgearbeitet werden könnte. Kann auch anstrengend sein, gell?

    Im Gegenzug legen wir uns auch nicht für das eine oder andere fest, wenn es ja nur mehr oder weniger ist. Was soll`s, legen wir uns einfach für den Moment fest und korrigieren wir wieder. Kann sein, dass das Ruder eines Schiffes festgelegt und eingestellt wird für die nächste Seemeile, bis der Kapitän wieder ein neue Einstellung brüllt. Im Auto geht das aber nicht. Hier ist feinfühligeres Steuern vonnöten. Ansonsten ist die Fahrt schnell beendet.

    Machen wir uns aber nichts vor. Wir sind stolz auf unser analytisches Denken und unser Handeln nach klaren Regeln. Wir sind stolz auf unsere antrainierten Muster, die uns schnelles Vorankommen und sichere Entscheidungen versprechen. Keine Zeit mehr führ Vielfalt. Nebenbei macht sich unser Denkapparat selbständig und spult ständig etwas ab, das scheinbar etwas lösen soll, wo das Vernunft-Denken doch so erfolgreich ist. Leider kann dieser Apparat wenig mit Gefühlen und mit den Nachrichten unseres Körpers umgehen. So schneidert er ständig passende Illusionen, die diese Gefühle überdecken. Eckhart Tolle sagt: Dies ist DIE Krankeit unserer Zeit.

    Und auch die Ursache der meisten unserer körperlichen Beschwerden. Wir stellen uns selber Beine. Es wäre oft viel einfacher, einfach dem Körper zuzuhören und dem einen oder anderen Impuls im Fluss des Lebens zu folgen und einfach mal in die Vielfalt zu greifen.

    LG Richard

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