Aus Geduld erwächst eine Kraft, die auf den ersten Blick verborgen ist. Vor allem beinhaltet Geduld viel mehr als passives Warten. Grund genug, sich diesem Wort einmal behutsam zu nähern. Der Artikel stammt von Ruth Scheftschik, Therapeutin für Logotherapie und Existenzanalyse. © Ruth Scheftschik

Geduld ein erhabener Begriff und eine edle Eigenschaft, jedoch so ungeliebt in der heutigen Zeit. Der Zeitgeist ist von Ungeduld geprägt, ohne dass dieses Wort laut im Munde geführt wird: Alles soll schnell gehen und sofort erreichbar und umsetzbar sein. Geduld scheint etwas für spirituelle Meister zu sein, aber nichts für uns „Alltagsmenschen“. Die Werbung suggeriert uns die Notwendigkeit einer sofortigen Bedürfnisbefriedigung, unterstützt von den Kreditangeboten der Banken.

Zu früheren Zeiten wurde das verdiente Geld geduldig gespart und dann erst der erwünschte oder benötigte Gegenstand gekauft. Somit hatten die erworbenen Dinge auch einen besonderen Wert. Wenn alles sofort zu haben ist, verliert es an Wertschätzung. Es kann ja jederzeit ausgetauscht werden. Geduld zu haben hat also mit Wertschätzung zu tun. Die Sache, eine Angelegenheit, aber auch ein Mensch ist es uns Wert, dass wir warten. Abwarten geht mit Vorfreude einher. Die Freude ist dann umso größer, wenn das Ziel endlich erreicht wird.

Eine Liebesbeziehung gewinnt an Intensität und Tiefe, wenn sie langsam angegangen wird. Das allmähliche, achtsame Erkunden der Persönlichkeit des anderen und das geduldige aufeinander zugehen gibt der beginnenden Beziehung eine besondere Spannung und der jeweils anderen Person eine hohe Wertschätzung. Oder wenn Liebende eine längere Zeit einmal getrennt sein müssen, ist Geduld gefragt.

In der Zeit des Wartens beschäftige ich mich in Gedanken mit der geliebten Person, lasse sie vor meine inneren Augen treten. Ich stelle mir Fragen über sie, spüre in ihr Wesen hinein, erinnere mich an gemeinsam Erlebtes und trete damit in eine intensive Beziehung zu ihr, auch wenn sie körperlich nicht anwesend ist. Dadurch kann sich die Liebe zu ihr verfeinern. Die Sehnsucht wächst und das Wiedersehen wird zu einer wunderbaren Begegnung.

Aus Sicht der Philosophie gehört Geduld zu den Tugenden, wobei Tugend von taugen/Tauglichkeit abstammt und eine ‚hervorragende Eigenschaft und eine vorbildliche Haltung‘ bezeichnet. Die Philosophie kam ursprünglich vom realen Leben her und war keine abstrakte Wissenschaft. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, das Leben in seinen Abläufen zu verstehen und zu deuten. ‚Philosophie‘ heißt übersetzt ‚Liebe zur Weisheit‘. Sie sucht behutsam – mit Weisheit – nach der Weisheit, die in allem Leben beinhaltet ist. Wenn sie folglich die Geduld zu den Tugenden rechnet, sie also als etwas Lebenstaugliches bezeichnet, dann ist es doch interessant, einmal zu untersuchen, warum sie das meint.

Zuerst will ich Geduld allgemein betrachten und in Bezug zu größeren Lebensveränderungen, um dann auch anhand von zwei Beispielen die vielfältigen kleinen Alltagsereignisse, die unsere Geduld herausfordern, in den Blick zu nehmen. Geduld kann zunächst als eine Charaktereigenschaft gesehen werden, die den einen Menschen mehr, anderen weniger zur Verfügung steht. Letzteres bedeutet nicht, dass daran nichts zu ändern ist. Sich um Geduld in kleinen Dingen zu bemühen, ermöglicht es, sie sich auch in größerem Rahmen anzueignen. Es ist wie das Trainieren eines Muskels.

Dabei ist es jedoch wichtig, zu erkennen, dass Geduld nicht gleich Geduld ist. Solange Geduld nur vom Verstand her kommt, der sagt „Du m u ß t Geduld haben“, ist es nur ein aufgezwungenes, notgedrungenes, unwilliges Aushalten in einer Situation und führt nicht weiter. Wahre Geduld bedeutet, dass auch das Herz einverstanden ist mit der momentanen Sachlage; also ein möglichst bewertungsfreies Akzeptieren der gegenwärtigen Gegebenheiten.

In diesem Fall geht der Geduld voraus die Gewissheit im Fühlen, dass abzuwarten jetzt notwendig, am sinnvollsten oder unumgänglich ist. Das Ziel in der Zukunft kann dann losgelassen werden, ohne an Bedeutung zu verlieren. Somit entsteht Raum beziehungsweise Zeit, um uns in Ruhe um die Dinge zu kümmern, die gerade jetzt in der Gegenwart zur Erledigung anstehen.

Erstaunlicherweise ist dann oft feststellbar, dass in Hinblick auf die Problemstellung, die uns Geduld abverlangt, die Zeit für uns arbeitet, sodass wir letztendlich in dieser Angelegenheit weniger selber tun müssen als zunächst angenommen. Die Aspekte einer Situation arrangieren sich häufig von alleine. Somit bleibt nichts ungetan und Energie wird eingespart.

Was ich hier schreibe, ist meine eigene Erfahrung. Bei mir, als perfektionistisch verlangtem Menschen, war in der Vergangenheit Geduld lange Zeit eine große Herausforderung und ist es teilweise noch immer wieder einmal. Sie ist Lernthema und Übungsfeld wie für die meisten Perfektionisten. Aber nicht nur für sie, sondern letztlich für uns alle. Mittlerweile kann ich jedoch endlich eindeutige Fortschritte verzeichnen. Ich fühle mich im Zustand von wahrer Geduld – von Herzensgeduld – um vieles leichter und vor allem innerlich sehr viel freier als zuvor.

Diesen Punkt zu erreichen, gelang mir dadurch, dass ich auf die Idee kam, mir grundsätzlich einmal Gedanken über Geduld zu machen. Und ich traf daraufhin die bewusste Entscheidung, Geduld immer wieder auszuprobieren. Das bedeutete aber auch, dass ich während der Übungsphasen immer wieder allen Mut zusammennehmen musste, um mich auf die Geduld einzulassen, denn ‚Geduld haben‘ hat auch viel mit Vertrauen zu tun und mit aufgeben von Kontrolle.

Haben wir Geduld, vertrauen wir dem Fluss des Lebens. Wir vertrauen also, dass das Leben ständig fließt, in Bewegung ist und selbst am besten weiß, welches der günstigste Weg durch die Landschaft ist. Wir vertrauen darauf, dass sich das Leben ein Stück weit selbst regulieren kann ohne unsere Kontrolle und Eingriffe. Ungeduld aktiviert den Verstand, der unmittelbar eingreifen will und meistens die Situationen nur begrenzt wahrnimmt. Somit nehmen wir oftmals tiefgreifenden und umfassenderen Lösungen die Möglichkeit sich zu entfalten.

Das ist vergleichbar mit einem Fluss in einem künstlich geschaffenen, begradigten Flussbett, der bei Hochwasser oft mehr Unheil anrichtet, als wenn er im natürlichen Zustand belassen wurde. Wenn wir dem Leben vertrauen und ihm Zeit geben sich zu entfalten, ohne es ständig kontrollieren und verplanen zu wollen, entwickeln sich die Dinge oftmals zu einem besseren Ergebnis, als wenn wir ständig eingreifen. Darin zeigen sich Kraft und Macht der Geduld.

Ungeduld verführt auch dazu, sich negative Gedanken über die Zukunft zu machen. Geduld, die von Herzen kommt, erkennt, dass die Chancen für den Ausgang einer Sache zumindest 50:50 stehen, dass also ein negatives Ergebnis nicht automatisch vorprogrammiert ist. Haben wir Geduld, vertrauen wir auch darauf, dass Leben nicht nur Gefahr und Unsicherheit bedeutet, sondern dass es uns auch wohlgesonnen ist und für uns arbeitet.

Spirituell und religiös ausgerichtete Menschen vertrauen auf eine höhere Macht, die sie wohlwollend begleitet, und deshalb können sie geduldig und vertrauensvoll warten. Wenn wir zu Vertrauen finden können, nachdem wir unser Bestes in einer Situation gegeben haben, können wir das Ziel in Ruhe lassen, wir können es loslassen und gelassen und geduldig sein.

Neben den bereits genannten Aspekten fiel mir auf, dass Geduld etwas mit Wachstum zu tun hat. Gesundes Wachstum geschieht jeweils in seinem eigenen Tempo und mit Stetigkeit. Während wir Geduld üben, stagniert das Leben nicht wirklich, selbst wenn es sich so anfühlen mag. Das Leben – und mit ihm unsere Situation – entwickelt sich im Hintergrund weiter, ohne dass wir es wahrnehmen können. Zum richtigen Zeitpunkt treten die passenden Dinge in Erscheinung. Je mehr wir uns ungeduldig einmischen, desto mehr stören wir diesen Prozess.

In der Natur ist Geduld selbstverständlich. Die Natur lebt nach festgelegten Rhythmen. Alles hat seine eigene Zeit. Es gibt den bekannten Aphorismus der besagt, dass Gras auch nicht schneller wächst, wenn man daran zieht … Ein Kind benötigt im Mutterleib neun Monate, um sich zu einem ausgereiften kleinen Menschenkörper zu entwickeln, der erst dann bereit ist für die Bedingungen der Welt. Manche Säugetiere haben eine noch längere Tragezeit mit ihrem Nachwuchs. Kranke und verwundete Tiere ziehen sich an einen einsamen Ort zurück, wo sie nur ruhen, schlafen, wenig fressen, bis ihre Gesundheit wieder hergestellt ist.

Sie geben ihren Selbstheilungskräften Zeit und rennen nicht zum Arzt, der die Symptome mit Medikamenten wegdrückt, damit das Leben ohne Pause weitergehen kann. Das Wort Patient hat eine Parallele zum englischen ‚patience‘, was dort heißt: Geduld, Ausdauer, Langmut. Wer mag das noch hören in der heutigen Zeit, wenn er denn einmal krank ist. Spaß und Aktion sollen ununterbrochen weitergehen. Aber auch durch den Druck in der Arbeitswelt können wir es uns nicht mehr leisten, eine Krankheit geduldig auszukurieren.

Ein weiteres Beispiel aus der Natur sind die Früchte der Pflanzen, die für uns nur in reifem Zustand bekömmlich sind. Sie sind auch dann erst schmackhaft. Unreif sind manche sogar giftig. Und so gibt es vieles im Leben, das erst heranreifen muss, um zu einer stabilen Existenz zu gelangen oder um seine Qualitäten entfalten zu können.

In unserer schnelllebigen Zeit handeln wir ständig gegen die Natur, ja, auch gegen unsere eigene Natur und Natürlichkeit. Ist es dann verwunderlich, dass die medizinischen und psychotherapeutischen Praxen voll und Termine erst nach einigen Wochen zu erhalten sind? ‚Mit dem Kopf durch die Wand‘ ist eine Beschreibung für Ungeduld. Stellen Sie sich diese Situation einmal konkret vor. Tut das nicht weh? Welche Beulen und Wunden können wir uns dadurch holen! Lohnt es sich, sich selbst zu verletzen, um sein Ziel schneller zu erreichen? Ist es sinnvoll, wenn wir lädiert dort ankommen und dann nichts mehr vom Erreichten haben, weil uns die Energie bei besagtem Kraftakt verloren gegangen ist.

Unter Umständen verfehlen wir auch das Ziel, weil es unerwartet nicht hinter der Wand zu finden ist, durch die wir uns mit aller Gewalt hindurch gekämpft haben. Ist das nicht doppelt hart? In den Widerstand zu gehen, nicht abwarten zu können, den Entwicklungen keinen Raum zu geben, das verbraucht Energie. Geduld, die nur vom Verstand und nicht vom Herzen kommt, verbraucht allerdings auch sehr viel Kraft. Herzensgeduld setzt Stärke frei.

Wenn Sie meinen, sie hätten Geduld, fühlen sich aber angestrengt dabei, dann ist es nicht wirklich Geduld – es ist nicht die Herzensgeduld. Wollen wir Geduld nicht nur punktuell in der einen oder anderen Situation anwenden, sondern sie prinzipiell und umfassend in unser Leben integrieren, dann ist es sinnvoll, bei den vielen kleinen Alltagserfahrungen zu beginnen.

Zwei Beispiele: Wenn wir an der Kasse in einer Schlange stehen, was bringt uns Ungeduld anderes als negative Gedanken und Gefühle? Wir sind ärgerlich, unruhig, die Muskeln sind angespannt, der Atem ist flach. Machen wir uns bewusst, dass hier Energie ungenutzt im Raum verpufft oder sich auf ungute Weise im Körper festsetzt. Achten wir stattdessen lieber auf unseren Atem, der uns in den gegenwärtigen Moment trägt: freuen wir uns daran, dass wir in diesem Moment einmal nichts tun müssen; spüren wir in unseren Körper hinein, nehmen wir dabei einfach wahr und freuen uns darüber, dass wir leben. Daneben können wir auch interessiert beobachten, was so alles an der Kasse vor sich geht. Ich lasse dann oft die Menschen, die vor mir stehen, auf mich wirken, mache mir meine Gedanken über sie: wie es bei ihnen zuhause wohl aussieht? Welchen Tätigkeiten in Beruf und Freizeit sie wohl nachgehen, welche Themen sie innerlich beschäftigen mögen?

Insofern bin ich, während ich warte, in einem inneren Kino. Ich beobachte und bewundere auch immer wieder die Frauen und Männer an den Kassen, weil sie so lange konzentriert sitzen können bei ein und derselben, wenig abwechslungsreichen Tätigkeit; dass sie die Ruhe bewahren können, wenn die Schlange der Wartenden lange ist. Daneben kommt mir der Gedanke, dass es möglicherweise für sie doch auch interessant sein könnte, ständig in Kontakt mit neuen Menschen zu sein und dass es ihnen auch Freude machen könnte, durch ihre Freundlichkeit den Kunden einen kleinen Lichtstrahl auf den Weg durch den Tag mitzugeben. Dann spüre ich Wertschätzung für sie und für ihre Arbeit, die ja auch mir zu Gute kommt.

Somit bedeutet ‚geduldig sein‘, in meiner Mitte, mit mir selbst verbunden zu sein. Von hier aus erwachsen Interesse und Mitgefühl für das, was mich umgibt. Sobald ich Interesse wahrnehme, verschwindet die Ungeduld. Das zweite Beispiel aus dem Alltag zeigte mir, wie sehr es Sinn macht Geduld zu haben. Es betrifft praktische Handhabungen aller Art. Mit einer ruhigen, geduldigen Hand ausgeführte Tätigkeiten führen schneller zum Ziel, als wenn ich aus lauter Ungeduld fahrige, ungelenke Bewegungen mache.

Letzteres kann dazu führen, dass etwas schief läuft oder kaputt geht. Dann muss ich wieder neu ansetzen und das kostet mich wieder neue Zeit und eventuell auch neues Material. Bei meinem Nachdenken über Geduld wurde mir auch noch folgendes deutlich: Wenn ich geduldig bin, tut das meinen Mitmenschen gut, allein dadurch, dass ich im Zustand der Geduld Ruhe ausstrahle; aber natürlich auch, wenn ich ihrem Verhalten mit Geduld begegne. Mir selbst tut es ja ebenso gut, wenn andere nachsichtig mit mir umgehen und mich nicht unter Druck setzen. Doch eines sollte ich auch nicht vergessen: geduldig mit mir selbst zu sein.

Die jüngste Erfahrung, die mir auf meinem Übungsweg entgegen kam, versetzt mich in Erstaunen: Seit ich verstanden habe, was ‚Geduld haben‘ eigentlich wirklich bedeutet, welche Stärke tatsächlich dahintersteht, und je mehr es mir gelingt, diese machtvolle Fähigkeit in meinen Lebenssituationen zuzulassen, ihr Vortritt zu geben, desto mehr verbessert sich mein Lebensgefühl insgesamt. Ich werde zunehmend ruhiger, gelassener, vertrauensvoller, optimistischer.

Welche Nachteile hat Geduld? – Ich konnte keine finden. Wäre Geduld in unserer Gesellschaft ein Wert, dem insgesamt mehr Beachtung geschenkt würde, wir alle würden unweigerlich zufriedener und glücklicher leben. Dennoch gibt es trotz der vielen Vorgaben unserer geschäftigen Welt bei jedem von uns noch genügend Raum, in dem er die Geduld mit Achtung und Wertschätzung begrüßen kann, um mit ihr Seite an Seite in Richtung auf ein zufriedeneres und glücklicheres Leben weiterzugehen.

Wer es weniger poetisch sondern mehr sportlich und sachlich mag: Es gibt noch genügend Möglichkeiten in unserem Leben, den Muskel der Geduld zu trainieren. Jeder kann sich für Geduld als neuen Lebensmodus entscheiden.

Ich liebe es eher poetisch. Deshalb frage ich Sie: Reizt es Sie nicht auch, die Geduld in Ihrem Leben willkommen zu heißen?