KindheitUndLiebe

Kindheit und die Wurzeln der Liebe

Der Artikel stammt von Katharina Ohana und ist ein Auszug aus ihrem Buch „Mr. Right: Von der Kunst, den Richtigen zu finden. Und zu behalten“ erschienen im Gütersloher Verlagshaus/Random House. © Katharina Ohana

Kindheit war schon immer ein gefährlicher Ort, selten verlässt ihn jemand unbeschadet. Es gibt leider sehr viele Menschen, die es nie erlebt haben, um ihrer selbst willen, auf eine gesunde Art und Weise geliebt zu werden, gute Nähe zu erfahren. Viele Menschen haben nie die Erfahrungen gemacht, einen Wunsch an jemanden zu richten, mit dem dieser vertrauensvoll und einfühlend umgeht – ohne diese Abhängigkeit für die eigenen Interessen zu missbrauchen.

Für viele Menschen ist Liebe nur eine Form der Erpressung. Sie haben Liebe immer als ein schwächendes Gefühl erlebt, dass einen hilflos macht. Durch die falschen Reaktionen der heiß geliebten, übermächtigen Schutzpersonen ist ihre ursprüngliche Offenheit und gesunde, natürliche Liebe enttäuscht, gekränkt und zu etwas Schmerzhaftem verkommen. Daher vermeiden sie Nähe und bindende Gefühle und versuchen, mit dieser „Strategie“ die Kontrolle über sich selbst und über den Partner zu behalten. Oder sie verfallen in eine übermäßige Sehnsucht, weil sie nie genug Anerkennung und Wertschätzung erfahren haben.

Wir suchen uns immer wieder Partner mit ähnlichen oder ergänzenden Liebes- und Wertemustern, in der ewigen Hoffnung auf Wiedergutmachung für das erfahrene Leid. Die Sehnsucht nach Erlösung und echter, guter Liebe bleibt ein Leben lang bestehen. Und nicht selten malen wir uns schon als Kinder aus, wie diese „tolle, große Liebe“ später mal aussehen soll, damit dann alles gut wird.

Wir alle versuchen, den Rest unseres Lebens mit immer neuen Liebesbeziehungen die alten Wunden der Liebe zu heilen – und geraten durch unsere Prägung doch meist nur an ähnlich verwundete, nach Hilfe und Heilung schreiende, andere verletzte und gekränkte innere Kinder.

War das Leid in der Kindheit sehr groß, sind beide Partner nicht fähig, den anderen um seiner selbst willen zu lieben. Für sie wird „Liebe“ zu dem enttäuschenden Unterfangen, vom anderen die eigenen schmerzhaften Erfahrungen wiedergutgemacht zu bekommen, die seit der Kindheit das Streben und Denken beherrschen: Der andere soll das gute, starke, verständnisvolle, liebevolle, geduldige, supertolle Elternteil sein, das man nicht hatte. Er soll die anerkennende, gesunde Liebe geben, die man nie bekam – und daher selbst nicht geben kann.

Beziehungen scheitern IMMER, weil diese alten, infantilen Forderungen (die sich heute auch in den materiellen Forderungen nach Status und Schönheit zeigen), nicht mehr eingefordert werden können.

Doch Zurückweisung und mangelnde Zuwendung sind nicht die einzigen Gefahren einer Kindheit. Oft überlasten auch Eltern, die sich sehr um ihre Kinder bemühen, ihnen sehr viel Aufmerksamkeit schenken, die Psyche ihres Nachwuchses. Diese Kinder sollen dem Leben der Eltern einen Sinn geben, ihre emotionalen Defizite wiedergut machen, die Erfolge feiern, die die Eltern selbst verpasst haben.

Der Schaden, der hierbei entsteht, ist kaum geringer, als der bei Vernachlässigung. Auch diese Kinder werden nicht einfach so geliebt, für das, was sie sind: Kinder mit einem bestimmten Charakter, Temperament, Fähigkeiten, Schwierigkeiten. Auch ein „überfrachtetes Kind“ bekommt den Eindruck, dass die eigenen Gefühle und Ansichten unwichtig oder minderwertig sind. Sein Selbstbild wird bestimmt von der Funktion, die es zu erfüllen hat.

Kinder reagieren darauf mit Unsicherheit, oft auch mit einer Art „Größenwahn“ (beide Male sind typische Nähe-Distanzprobleme in späteren Beziehungen die Folge). Denn so ein überfordertes Kind bekommt zwar das Gefühl, unglaublich „wichtig“ für seine Eltern zu sein, doch es merkt auch, dass es letztlich als „eigen-willige“ Person unwichtig oder unerwünscht ist und nur zur psychischen Stabilisierung der Eltern dient.

Es wird von den Eltern missbraucht, als emotionaler Mülleimer oder als Stützgerüst und Aushängeschild oder beides. Die Eltern sichern mit diesem Kind ihre eigene Stellung in der Familie, der Ehe, der Gesellschaft. (Ein Partner soll mit dem Kind gebunden werden, Versorgungsansprüche der Mutter werden durch Kinder größer, Kinder sollen Sinn und Halt geben. Man kann sie anschreien oder anschweigen. Ihre Leistungen kann man sich selbst zuschreiben).

 


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Kinder können nicht weg! Ihre Liebe ist – solange sie klein sind – bedingungslos und durch kein noch so unreifes Verhalten der Mütter und Väter zu zerstören. Man kann Kinder mit Liebesentzug bezwingen und sich durch ihre Abhängigkeit und Unterlegenheit Bestätigung holen. Oft stabilisieren Eltern ihr Wertgefühl über das Kind, bekämpfen mit ihm ihre psychischen Spannungen und Selbstzweifel.

Darüber hinaus gibt es Kinder, denen nie gesunde Grenzen gesetzt werden, die nie lernen konnten, sich sozial zu verhalten. Ihre Eltern halten den (normalen) Frust und die Wut der Kinder nicht aus, der typischen trotzigen Reaktion von Kindern in der Erziehung können sie nicht standhalten. (Viele Eltern haben Angst, die Liebe ihres Kindes zu verlieren, wenn sie konsequent Grenzen setzen.) Doch jedes Kind muss die Regeln und Gesetze des menschlichen Miteinanders lernen, um später in einer Gruppe akzeptiert und anerkannt zu werden.

Durch die mangelnde Erziehung ecken diese kleinen „Narzissten“, die sich zu Hause als „Nabel der Welt“ erfahren, meist schon im Kindergarten an, werden von anderen Kindern gemieden und ausgeschlossen. Ihr „rotziges“ Verhalten ist eigentlich eine Forderung nach Regeln, nach Orientierung und starken Schutzpersonen, die ihnen die „Welt erklären“.

Auch Eltern, die sich ständig wie „beste Freunde“ und weniger wie selbstbewusste Eltern verhalten, geben keine Orientierung und verunsichern Kinder. Auch sie kommen ihrer Verantwortung als Eltern nicht nach. Oft bemühen sich Kinder, für diese „infantilen Eltern“ stark zu sein, damit die Eltern endlich auch stark werden und dann ihre eigentliche Rolle übernehmen und dem Kind helfen, sich im Leben zurechtzufinden.

„Kumpelhaftes Verhalten“ ist in Situationen, wo es auf Klarheit und Schutz ankommt, für Kinder verunsichernd: Was ist richtig, was ist falsch? Sind meine Eltern in der Lage, mich zu beschützen, wenn es sein muss? All das sind unbewusste Zweifel, die auch bei Kindern mit netten, aber schwachen Eltern auftauchen.

Leider tragen alle diese Kinder später diese schlechte, unreife Art zu lieben ihr Leben lang mit sich herum. Ein Teil der Psyche bleibt kindlich, infantil: Ein inneres Kind, dass in gewohnter Weise auf erwachsene Liebe von außen hofft. Die Suche und Sehnsucht nach einem starken Mann, einer starken Frau, die umsorgen und beschützen, wird oft lebensbestimmend.

Katharina Ohana

www.katharinaohana.de

Katharina Ohana hat in Frankfurt und Berlin Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte studiert. Sie arbeitet als psychologische Beraterin, Moderatorin für verschiedene Fernsehsendungen und hat mehrere Bücher zum Thema Selbstwertgefühl und Selbstentwicklung geschrieben. Zurzeit promoviert Katharina Ohana an der Sigmund Freud Universität in Wien über das Thema Willensfreiheit.

  1. Andrea09-14-2014

    Eine Mutter, die wertfrei liebt, hat verloren!
    Ich weiß das seit 20 Jahren…

    Andrea

  2. Hannah09-26-2014

    Ich bin mir sicher, dass sich nur wenige Eltern darüber in Klarem sind, wie viel Verantwortung sie eigentlich mit der Geburt eines Kindes übernehmen müssen.
    Das Verhalten der primären Bezugspersonen hat einen großen Einfluss auf das spätere Beziehungsmuster des Kindes. Durch eine sichere Bindung in der Kindheit kann der Mensch auch in Erwachsenenalter selbstbestimmte, liebevolle Beziehungen aufbauen. Um dies zu gewährleisten, müssen die Bezugspersonen feinfühlig, empathisch und emotional stabil sein.
    Singles sollten oftmals zuerst an sich selbst arbeiten, bevor sie sich auf die Suche nach dem Liebesglück machen. Nur wer sich selbst liebt und akzeptiert, kann auch anderen Liebe und Toleranz entgegenbringen.

  3. Richard02-14-2015

    Ja, liebe Katharina, deine Klageschrift ist lang und lässt nicht viel aus. Na ja, manche haben auch noch sexuellen Missbrauch erfahren und sind noch mehr traumatisiert. Meine Kindheit war auch die Folter und mein Rucksack auf dem Weg danach schwer gepackt. Doch ist es wieder wie es ist. Die Eltern waren konditioniert wie sie es eben waren, je nachdem, was sie selber erlebt haben. Und so war es ihr Bewusstsein, oder besser ihr Unbewusstsein.

    Du lässt den anklagenden Kopf sprechen. Das gefällt natürlich so manchem Ego als Leser. Die Gedanken reihen sich, lassen keinen Raum dazwischen für ein Gefühl. Doch ich bezweifle es. So kommst du nicht wirklich weiter. Das Band zur Mutter hast du wohl tief vergraben. Doch besteht es fort, weil es eben immer fortbesteht. Und du brauchst es noch, um gesund zu werden. Die Anklage macht zunächst ein gutes Gefühl. Doch ist auch dies Illusion. Und du brauchst noch eins. Mut zur Vergebung.

    Natürlich geraten wir (zunächst) an Partner, die in unser eigenes Muster passen. Wir nehmen es gar nicht wahr, dass das nicht die „gesunde“ Liebe ist. Es fühlt sich nur passend an und der Kopf strickt eine illusionäre Lösung daraus. In Wirklichkeit war es wohl nur eine gedachte Liebe. Denn was wäre das denn, eine ungesunde Liebe? Und auch die Partner sind eben so wie sie konditioniert sind, je nachdem wie sie aufgewachsen sind.

    Es gibt natürlich die Meinung, wir sollten uns zuerst selber heilen, bevor wir uns einlassen auf einen Partner. Würde natürlich helfen aus meiner Sicht. Doch ist auch dies wohl selten realistisch. Wir nehmen den Partner, der uns zunächst gut tut und dann arbeiten wir zum Teil an uns, zum Teil projizieren wir die Probleme voll auf den Partner. Es sei denn der Kopf schreit noch lauter und wir handeln nach seinen Illusionen.

    Welcher Weg bleibt uns dann noch? Ist alles aussichtslos? Ich meine nein. Natürlich können wir einen halben Tag klagen über den Rucksack, den wir den Berg hinauf tragen. Wir können ihn aber auch akzeptieren und eben kleinere Schritte machen. Vielleicht geht es dann ja.

    Bestimmt gibt es diese kleinen Schritte. Wir sollten sie einfach akzeptieren, auch die Steine im Weg:
    – Wir sollten lernen, Liebe zu geben, egal was ist und welcher Partner gerade (noch) da ist
    – Wir sollten die Konditionierung des anderen akzeptieren, auch die der Eltern. Ich sehe dies gern
    wie einen schmutzigen Mantel, der denn Kern des Menschen verdeckt, auch das Band der Liebe,
    das nie durchtrennt werden kann. Spüre es wieder, egal was war (hat mir auch endlich geholfen,
    nach Jahrzehnten)
    – Wir sollten Vertrauen lernen, ob wir wieder enttäuscht werden oder nicht
    – Wir sollten vergeben lernen, egal was war

    Dies ist der Weg des bewusst Werdens aus meiner Sicht, während das Analysieren und das Denken über Verhalten dem eher entgegenwirkt.

    LG Richard

    • Jean-Jacques M.10-27-2016

      Wow, deine Worte haben mich sehr berührt. Dieses band der liebe von dem du sprichst, kann ich mir richtig gut vorstellen. Manchmal ist es so (ich lerne momentan Gärtner – deshalb der vergleich) als sei das Band auf seinem laufweg unter Tonnen Von grobschutt vergraben. Und jeder Versuch es auszubuddeln kostet So unendlich viel kraft. Aber es ist da.
      Wir brauchen es um uns zu heilen, wir brauchen es um uns zu schützen.
      Danke für deine Worte lieber Richard :)
      Liebe grüsse
      Jean-Jacques M.

  4. marie08-14-2015

    Also ich habe, wie sicherlich jeder auf seine Art, auch so einiges erlebt in meinem Leben.
    Und aus all den Erfahrungen, die ich bis dahin gemacht habe, gute wie schlechte, bin ich mir mittlerweile in einem sicher. Ich habe aus allem gelernt, und meinen Weg zu mir selbst finden können. …wenn auch noch nicht ganz. Aber das heißt für mich Leben. Ich bin auch davon überzeugt, dass einem die Kindheit für sein spateres Leben prägt. ….aber, ich denke, dass jeder die Chance bekommt und hat, sein eigenes ICH zu erfahren, in dem er einen ganz wichtigen Punkt nicht vergisst.
    Nämlich vergeben zu können. ….wie es Richard schon so toll geschrieben hat. Kann mich dem nur anschließen! Lg Marie

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