Verliebtsein ist ein wunderschönes Gefühl. Zu spüren, wie sich das Herz öffnet, wenn wir einen Menschen kennenlernen und die Welt auf einmal in einem anderen Licht erstrahlt. Wir den Partner nach vielen Jahren wieder mit neuen Augen sehen und erkennen, wie einzigartig und besonders der Mensch an meiner Seite ist.

Wäre es nicht schön, diese kostbaren Momente festzuhalten? So soll es am besten immer sein und ich möchte für dieses Glücksgefühl am liebsten die Zeit anhalten. Doch Stillstand beinhaltet kein Leben. Gerade der verzweifelte Versuch die Liebe zu konservieren, lässt sie entschwinden. Liebe braucht Freiheit. Sie ist in Bewegung wie ein Schmetterling.

Brauche ich Deine Liebe, um mich liebenswert zu finden?

Verliebtsein fühlt sich manchmal wie ein Rausch an. Nach diesen Momenten der Leichtigkeit kann man süchtig werden. Ein anderer Mensch mag mich. Vielleicht mehr als ich mich bislang selbst annehmen kann. Das tut gut. Gerade wenn es um das eigene Selbstwertgefühl nicht zum Besten steht. Vermittelt es mir doch das Gefühl: Ich bin liebenswert.

Das eigene Herz zu öffnen, beinhaltet eben auch, sich selbst wertzuschätzen, anzunehmen und zu lieben. Ich bin ein besonderer Mensch. Nicht besser als andere und doch einzigartig. Ein scheinbarer Widerspruch, den es aufzulösen gilt. Und je mehr ich mich selber annehme, desto weniger brauche ich die Liebe und Anerkennung von anderen Menschen. Sie ist nach wie vor wunderschön. Mit dem Unterschied, dass ich sie freudig als Geschenk empfange und nicht als armer Bittsteller.

Weil ich mich mag, kann ich mich auf den anderen konzentrieren und habe nicht ständig Angst, zu kurz zu kommen. Ich kann meine Liebe verschenken, weil ich genug davon habe. Ich schaue nicht ängstlich, ob ich auch genauso viel bekomme, wie ich gebe.

Die Last der Ideale

Welchen Namen geben wir unserer Liebe? Diese Frage stellt sich wohl den meisten, wenn sie spüren, dass die gegenseitige Anziehung dauerhaft ist. Sind wir ein Paar? Welche Zukunft können wir uns vorstellen? Wie wäre es mit einer gemeinsamen Wohnung? Möchten wir uns gar ewige Treue schwören?

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Bernd Nitzschke“]Es gibt keine festen, es gibt nur fließende Beziehungen. Der Wunsch nach einer festen Beziehung ist ein Widerspruch in sich. [/pullquote2]

Gerade die Ideale früherer Generationen, die perfekten Illusionen der Werbewelt setzen uns unter Druck. Die perfekte Beziehung, das immer währende Glück, das Bündnis für die Ewigkeit. Können wir überhaupt jetzt guten Gewissens sagen: Ich liebe Dich für immer. Natürlich ist ein Commitment für den Partner wichtig. Es geht nicht um Beliebigkeit. Doch was in den nächsten Monaten, Jahren passiert, können wir doch heute gar nicht abschätzen.

Wir wünschen uns Verlässlichkeit und vor allem Sicherheit. Doch kann es die geben? Und was ist der Preis dafür? Du bist mir wichtig. Ich liebe Dich. Lass uns zusammen einen Weg finden. Ist es nicht viel schöner, sich jeden Tag aufs Neue füreinander zu entscheiden? Irgendwann zu spüren, viel gemeinsam bewegt und erlebt zu haben, anstatt auf ein einmal gegebenes Versprechen zu pochen?

Eine Partnerschaft besteht aus zwei Individuen. Selbstbestimmten Menschen die alleine, miteinander und aneinander wachsen. Aus der persönlichen Freiheit erwächst die Liebe. In gegenseitiger Abhängigkeit, sei es emotional, finanziell oder was auch immer, kann sich dieses Gefühl schwer entfalten.

Meine Liebe tut mir gut

Solange ich die Beziehung zu einem Menschen als befriedigend erlebe, kann ich mich entspannen, wachsen und lieben. Leidet jedoch einer an dem Zusammensein, hindert es die Entwicklung, wird es eng. Dann steht irgendwann eine Veränderung an. Dabei geht es vor allem um eine gesunde Balance zwischen Nähe und Distanz. Für mich herauszufinden, inwieweit ich bereit bin, mich zu öffnen und einen lieb gewordenen Menschen an mich heran zu lassen. Und damit ist natürlich nicht nur die körperliche Ebene gemeint. Es geht darum, Vertrauen zu fassen, Konflikte auszuhalten, gemeinsame Träume zu haben, zu reden, zu schweigen.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Khalil Gibran“]Lasset Raum zwischem eurem Beisammensein. Und lasset Wind und Himmel tanzen zwischen euch. Liebet einander, doch macht die Liebe nicht zur Fessel. Singet und tanzet zusammen und seid fröhlich, doch lasset jeden von euch auch alleine sein.[/pullquote2]

Liebe bedeutet nicht dauerhafte Verschmelzung. So schön die Nähe auch ist, sie darf nicht dazu führen, dass ich mich als Individuum aufgebe. Das wäre der Anfang vom Ende. Ich bin ja liebenswert, wie ich bin. Unsere Liebe gelingt vor allem, wenn jeder bei sich bleibt.

Was ich tun kann

Hindern mich vielleicht meine überzogenen Erwartungen, den Augenblick wahrzunehmen, zu genießen? Ist mein inneres Konzept von Liebe und Glück vielleicht wichtiger als das, was gerade passiert? Möchte ich meine innere Wirklichkeit dem Geschehen überstülpen?

Entscheidend sind nicht die Theorien, Ideale und guten Vorsätze. Was zählt, ist meine innere Haltung, mein Handeln, das es jeden Tag, jeden Moment neu zu erwecken gilt. Meine bewusste Entscheidung, mich jeden Tag aufs Neue einzulassen und mich diesem wunderbaren Gefühl zu öffnen. Immer wieder zu schauen, welche neuen Seiten ich an meinem Gegenüber entdecken kann.

Es gibt keine Sicherheit. Liebe ist nicht etwas, was ich planen kann. Sie ist nicht käuflich und schon gar nicht jederzeit auf Abruf verfügbar. Ich kann dafür bereit sein. Es gibt Vertrauen, gegenseitige Wertschätzung und liebevolle Taten. Ich kann mich einbringen. Alles andere ist ein Geschenk.

Es liegt an uns, es immer wieder versuchen. Uns zu öffnen, zu lieben, zu genießen. Etwas Besseres können wir nicht tun.