Fühlen Sie sich gestresst und reagieren zunehmend dünnhäutiger? Dann investieren Sie bitte ein paar Minuten in diesen aufschlussreichen Artikel zum Thema Gelassenheit und Selbstverantwortung. Er könnte Ihr Leben nachhaltig verändern. Thomas Hohensee ist Autor vieler erfolgreicher Selbsthilfebücher, Coach für Persönlichkeitsentwicklung und Seminarleiter. © Thomas Hohensee

Vorhin habe ich eine alte Freundin wiedergetroffen, die ich länger nicht mehr gesehen habe. Bei der Frage, wie es geht, sprudelte es gleich aus ihr heraus: „Ach, furchtbar! Im Büro wird es von Tag zu Tag stressiger. Meine Chefin verlangt, dass ich immer mehr in immer kürzerer Zeit erledige. Die spinnt doch! Das hält doch keiner aus! Zwei Kolleginnen haben sich schon krank gemeldet, na toll!

Und zuhause, du weißt ja, wie Helmut tickt. Der will vor allem an seinem Boot basteln. Mal nett was unternehmen, ein Wellness-Wochenende, oder so, Fehlanzeige. Mutter geht es schlecht. Sie musste in ein Heim umziehen und macht mir jetzt Vorwürfe, dass ich sie abgeschoben hätte. Außerdem braucht mein Auto neue Winterreifen. Fragt sich nur, von welchem Geld. Du schreibst doch über Gelassenheit. Jetzt kommst du!“

Okay! Der Schlüssel, um unseren Stress aufzulösen, ist der Zusammenhang zwischen unseren Gedanken und unseren Gefühlen. Wir fühlen so, wie wir denken. Da wir aber selten darauf achten, welche Bilder und Worte uns ständig durch den Kopf gehen, verpassen wir die Gedanken, die die eigentliche Ursache unserer Gefühle sind. Oft blitzen unsere Gedanken auch so schnell durch unseren Kopf, dass wir sie gar nicht bemerken. Stattdessen schenken wir den Ereignissen in unserer Umwelt und unseren Gefühlen die ganze Aufmerksamkeit und glauben dann, unsere Gefühle würden von diesen Ereignissen abhängen.

Nehmen wir einmal an, fünf Personen bleiben in einem Fahrstuhl stecken. Der eine wird ängstlich, die zweite wütend, der dritte deprimiert, dem vierten ist es egal und die fünfte freut sich. Warum reagiert jeder anders? Warum bekommen nicht alle Angst? Wenn die Gefühle von dem äußeren Ereignis, hier dem Steckenbleiben des Fahrstuhl, abhingen, müssten alle Personen dasselbe empfinden.

Viele Menschen sind davon überzeugt, ihre Gefühle nicht beherrschen zu können. „Die wirtschaftliche Entwicklung macht mir Angst.“ „Wie der mich behandelt, ärgert mich.“ Wir sprechen so, als ob Menschen, Dinge und Situationen mit uns machen könnten, was sie wollen. Aber warum haben dann nicht alle immer dieselben Gefühle, selbst dann nicht, wenn sie dasselbe erleben?

Nehmen wir einmal an, wir würden die fünf Personen im Fahrstuhl fragen, was ihnen durch den Kopf geht. Der Ängstliche antwortet: „Ich kann vor Angst überhaupt nicht denken.“ Als er sich etwas beruhigt hat, sagt er: „Ich komme hier nie wieder lebend raus.“ Außerdem berichtet er, dass er immer wieder das Bild vor Augen hat, wie die Fahrstuhlkabine ungebremst in den Abgrund stürzt.

Der Wütenden geht Folgendes durch den Kopf: „Welcher Idiot ist hierfür verantwortlich? Das lasse ich mir nicht bieten. Ich werde mich beschweren. Die sollen mich kennen lernen.“ Der Deprimierte jammert: „Warum muss das immer mir passieren? Was soll ich bloß machen?“ Der Gleichgültige betrachtet das Muster der Fahrstuhlwände. Außerdem fällt ihm auf, dass er auch einmal so einen Mantel wie sein Nachbar hatte. Die Begeisterte überlegt sich: „Super. Das wollte ich immer mal erleben. Hoffentlich dauert es ein paar Tage. Dann steht es in allen Zeitungen. Und ich war dabei.“

Jetzt haben wir ein differenzierteres Bild. Zwar erleben alle fünf dieselbe Situation, aber jeder bewertet sie anders. Der Ängstliche sieht sich in Todesgefahr, die Wütende fasst die Situation als persönliche Beleidigung auf, der Deprimierte sieht sich als hilfloses Opfer, der Gleichgültige ist mit dem Muster der Fahrstuhlwände und dem Mantel seines Nachbarn beschäftigt und die Begeisterte sieht sich bereits als Medienheldin.

Nicht die Situation, sondern unsere Bewertung der Situation bestimmt unsere Gefühle. Unsere inneren Selbstgespräche ermöglichen unterschiedliche Reaktionen. Wenn mich jemand ungerechtfertigt kritisiert, kann ich denken: „Unverschämtheit! Was fällt dem überhaupt ein? Das darf der nicht mit mir machen! Dem werde ich es zeigen!“ Als Folge dieser Gedanken werde ich mich aufregen. Sage ich mir aber: „Dieser Typ spinnt. Warum sollte ich den ernst nehmen?“, werde ich gelassener bleiben.

 


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Wäre die Kritik Auslöser für den Ärger, könnte niemand darauf ruhig reagieren. Zwar ärgern sich viele Menschen über ungerechte Kritik, aber das beweist nicht, dass sie es tun müssen. Sie könnten auch anders reagieren, vor allem, wenn sie sich ihrer Wahlmöglichkeiten bewusst wären.

Im 19. Jahrhundert war es in bestimmten Kreisen in Europa üblich, dass ein Mann, dessen „Ehre verletzt“ worden war, den anderen zu einem Duell herausfordern „musste“. Inzwischen haben sich die Vorstellungen über Ehre, Ehrverletzung und die angemessenen Reaktionen darauf gründlich verändert. „Man“ denkt heute anders darüber, empfindet anders und verhält sich anders. Aber das, was wir heute für Irrsinn halten, erschien den Beteiligten damals normal. Über welche Dinge, die heute als normal gelten, werden spätere Generationen den Kopf schütteln?

Weder den anderen Menschen noch den äußeren Umständen können wir die Schuld geben, wie wir uns fühlen. Wir sind selbst für unsere Gefühle verantwortlich. Auf das Ereignis (A) folgt NICHT zwangsläufig das Gefühl (C). Dazwischen liegt immer B, nämlich unsere Gedanken und Bewertungen.

Das mag für einige eine unangenehme Wahrheit sein, wenn sie es bisher gewohnt waren, die anderen dafür verantwortlich zu machen, wie es ihnen geht. Allgemein üblich ist es, zu sagen:“Du nervst mich“ – „Du machst mich glücklich“ – „Du hast mir wehgetan.“ Gerade an dem letzten Satz lässt sich noch einmal die Verantwortung für die eigenen Gefühle aufzeigen. Wenn jemand einem anderen vors Schienenbein tritt, kann der Angegriffene zu Recht sagen: „Du hast mir wehgetan.“

Anders ist es, wenn jemand einen anderen beschimpft. Hier zu sagen: „Du hast mir wehgetan“ trifft die Sache nicht wirklich, weil der „Beleidigte“ die Möglichkeit hat, die Schimpfworte an sich abprallen zu lassen. Er könnte sich beispielsweise sagen: „Es ist, wie wenn jemand gegen den Wind spuckt. Die Worte fallen auf ihn selbst zurück. Ich nehme sie nicht an.“

Wie gesagt: Für die Freiheit, selbst bestimmen zu können, wie wir uns fühlen, müssen wir die oft sehr bequeme Haltung aufgeben, den Umständen die Schuld dafür geben zu können. Diese Aussage bringt viele auf die Palme. Stopp! Wer bringt wen auf die Palme?

Probieren Sie es einmal aus: Wenn Sie sich z.B. das nächste Mal ärgern, achten Sie auf Ihre Gedanken, Ihr inneres Selbstgespräch und Ihr Kopfkino. Fragen Sie sich: Wie ist die Situation? Was sehe, höre und empfinde ich? Wie bewerte ich die Situation, was gehen mir für Gedanken und Bilder durch den Kopf? Dann überlegen Sie, ob Sie die Situation auch anders kommentieren könnten. Was müssten Sie sich sagen, um ruhig zu bleiben?

Wir lernen zwar das ABC und das 1 x 1. Aber leider lernen wir weder das ABC der Gefühle, noch das 1 x 1 der Gedanken. Viele Erwachsene sind nicht einmal in der Lage, ihre Gefühle zu erkennen und zu benennen, geschweige denn zu beherrschen.

Manche Menschen möchten gern die Gedanken anderer lesen können. Besser wäre es, erst einmal die eigenen Gedanken zu erkennen und alles zu registrieren, was einem so durch den Kopf geht. Einige meinen auch „aus dem Bauch heraus“ zu handeln. Diese Vorstellung scheint aus Zeiten zu stammen, wo kirchliche Verbote genaue Anatomiekenntnisse verhinderten. Als Metapher mag das Aus-dem-Bauch-heraus-Handeln noch angehen. Aber wenn Leute anfangen, ihren Kopf, also ihren Verstand, abzuwerten, zeigt das nur, wie nötig sie ihn hätten.

Es ist nicht einfach, den Zusammenhang zwischen Denken, Fühlen und Handeln zu erkennen. Bestimmt haben Sie auch schon beobachtet, wie verwundert ein Baby sich umguckt, wenn es sich bei einer ungeschickten Bewegung mit der Hand ins Gesicht geschlagen hat. Es möchte wissen, wer das war. Den Zusammenhang zwischen seinen Händen und dem Rest seines Körpers muss es erst noch begreifen.

Die Menschheit steht am Anfang des 21. Jahrhunderts mit ihren Kenntnissen über die Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen und Verhalten ungefähr da, wo Babys mit ihrem Wissen im Allgemeinen stehen. Vermeintlich Erwachsene machen sich durch ihre Gedanken unglücklich und gucken sich dann verwundert um, wer ihnen das zugefügt hat. Der Ärger, die Ängste, die Traurigkeit und auch die Freude scheinen aus heiterem Himmel zu kommen. Aber wir machen Fortschritte.

Und jetzt wissen Sie auch, was ich meiner alten Freundin ungefähr gesagt habe.