SchuldWieIchMirVergebe

Schuld – Wie ich mir vergebe

Es gibt Situationen im Leben, die immer wieder vor unserem inneren Auge vorbei ziehen. Momente, die uns emotional gefangen halten. Bilder, die sich in unser Gedächtnis eingebrannt haben. Hätte ich damals doch bloß anders gehandelt! Wir möchten das Vergangene ungeschehen machen und unser Denken kreist immer wieder um das gleiche Thema. Wir grämen uns, weil wir etwas Entscheidendes getan oder unterlassen haben.

In solchen Momenten spüren wir, wie sehr unser Glück auch davon abhängt, Belastendes loszulassen. Ohne emotionales Gepäck abzuwerfen, wird der Weg im Leben beschwerlich. Wir starren auf ein Ereignis in der Vergangenheit, das unsere Liebe und Kraft einschnürt. Wir verstehen nicht, wie es dazu kommen konnte, erstarren, weil wir uns immer die gleichen Fragen stellen.

Wie kann es gelingen, mit sich und der Vergangenheit ins Reine zu kommen? Wie können wir uns von Gefühlen befreien, die uns jeglicher Lebendigkeit berauben? Aus meiner Erfahrung sind dazu oftmals mehrere Schritte notwendig. Natürlich hängt der Verlauf von dem belastenden Ereignis ab. Und natürlich von Ihnen. Manche Menschen können Geschehnisse schneller verarbeiten als andere. Jeder Mensch ist mit seinen Erfahrungen und seinen Veranlagungen individuell. Deswegen heisst es: Schauen Sie auf sich, spüren Sie, welches Tempo für Sie stimmig ist.

„Warum bin ich damals nicht ins Krankenhaus gefahren, um meinen schwerkranken Bruder zu besuchen? Ich habe die Situation auf die leichte Schulter genommen und habe mir lieber ein schönes Wochenende gemacht. Sonntagabend erreichte mich dann der Anruf meiner Eltern: Georg ist von uns gegangen. Thomas, wo warst du? Diese 3 Worte hämmern seit vielen Jahren in meinem Kopf. Wo warst Du? Der Blick meiner Eltern scheint heute noch aus diesen 3 Worten zu bestehen.“

Verantwortung übernehmen

Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, ist der erste wichtige Schritt, um aus der Vergangenheit zu lernen. Es geht weniger darum, was andere getan oder nicht getan haben. Entscheidend sind unsere Antworten, denn sie liegen im eigenen Einflussbereich. Diesen können wir verändern. Auf alles andere haben wir dagegen nur sehr begrenzt Einfluss.

Es geht um unsere Antworten auf die Dinge des Lebens. Und diese Antworten werden nicht immer perfekt sein. Schon gar nicht in der Rückschau. Doch macht es Sinn, unter dieser Last zu zerbrechen? Damit ist niemandem gedient. Ist es nicht viel gewinnbringender, wenn wir aus Vergangenheit für die Gegenwart lernen?

Schauen Sie hin, was damals war. Was Ihnen damals möglich war und übernehmen Sie Ihren Teil der Verantwortung. Wir können nur lernen, wenn wir hinschauen. Achtsam, ohne Ausflüchte und Rechtfertigungen. Ohne Anklage und Verurteilungen. Nehmen Sie sich dafür bewusst Zeit. Dieser Schritt ist wahrscheinlich der Schwierigste. Sich den Raum zu geben, die schmerzhaften Ereignisse anzuschauen.

Ich habe in den letzten Jahrzehnten einiges gemacht, auf das ich wahrlich nicht stolz bin. Ich habe mich unsensibel verhalten, aus sehr egoistischen Gründen andere Menschen verletzt und mich aus dem Staub gemacht. Dazu stehe ich mittlerweile. Ich schaue mir die Situationen an. Die Enttäuschung, die Traurigkeit und die Scham dürfen sich zeigen.

Beende jeden Tag und dann lass ihn los. Du hast getan, was du tun konntest. Morgen beginnt ein neuer Tag. – Ralph Waldo Emerson

Unser Leben hätte sicherlich einen anderen Verlauf genommen, wenn unsere Entscheidung damals „besser“ gewesen wäre. Doch können wir das mit Gewissheit sagen? Vielleicht wäre manches leichter gewesen. Vielleicht auch nicht. Wir vermuten es lediglich. Philosophieren hilft uns in diesem Fall nicht weiter. Wir drehen lediglich Gedankenschleifen, die die Vergangenheit nicht ändern und uns in der Gegenwart nicht weiter bringen.

Weswegen fühlen Sie sich schuldig?

Beschreiben Sie kurz das Ereignis und was der Grund für Ihre Schuld ist. Im obigen Beispiel ist es der versäumte Besuch von Thomas bei seinem Bruder. Thomas fühlt sich schuldig, weil er die Krankheit seines Bruders Georg unterschätzt hat und er seinem Bedürfnis nach einem entspannten Wochenende nachgegangen ist.

Was ist Ihr Maßstab?

Schuld ist ein Moralbegriff und das Empfinden von Schuld sehr individuell. Deswegen ist es wichtig herauszufinden, woran ich meine Schuld messe. Und wer mich anklagt. Nicht jeder würde sich in gleichem Maße wie Thomas schuldig fühlen. Oftmals sind es Sätze wie „Ich sollte …“, „Ich muss …“, „Das macht man so …“, „Das haben wir doch immer so gemacht …“, die unseren Blick und unsere Gefühle lenken. Finden Sie heraus, welche inneren Bilder Ihre Sicht der Dinge prägen.

Thomas wird vermutlich antworten: Ich hätte verantwortungsvoller handeln müssen. Ich habe das Gefühl, meinen Bruder im Stich gelassen zu haben. Sein Gewissen macht ihm Vorwürfe. Und vielleicht seine Eltern.

Was hätten Sie gerne gemacht?

Manche Fragen hören sich leichter an als sie es sind. Vielen Menschen fällt es schwer, die eigenen Bedürfnisse zu benennen. Dabei geht es nicht darum, was sein sollte oder was andere von Ihnen erwarten. Es geht nur darum, wonach Ihnen in einem bestimmten Moment ist. Was tut Ihnen gut? Wie lautet Ihr Bedürfnis? Ohne Rechtfertigung und große Erklärungen.

Thomas wollte gerne seinen Bruder noch einmal sehen. Und hat das Bedürfnis, sich von ihm zu verabschieden.

Nehmen Sie Ihre Gefühle war

Schuld lenkt leicht davon ab, genauer zu schauen, was ist. Und zwar dann, wenn wir uns grämen und uns mit Selbstvorwürfen martern. Hinter der Schuld verbergen sich in der Regel Gefühle wie Traurigkeit, Wut, Scham und Angst. Es bedarf Achtsamkeit und Geduld, diese Empfindungen wahrzunehmen. Gerade wenn mehrere Emotionen sich zeigen.

Dieser Schritt beinhaltet Wahrnehmen. Das ist natürlich nicht immer leicht, gerade wenn wir in der Vergangenheit unangenehmen Gefühlen lieber aus dem Weg gegangen sind. Und machen Sie sich bitte bewusst: Emotionen kommen und gehen. So schmerzhaft sie auch im Moment sein mögen. Wir sind nicht unsere Gefühle. Wir haben unsere Gefühle.

Manchmal ist es auch hilfreich, die belastenden Gefühle sichtbar zu machen. Nehmen Sie sich einen schweren Gegenstand als Symbol. Was tragen Sie zurzeit mit sich herum? Was sich schwer anfühlt, möchte auch Beachtung finden.

Schaffen Sie einen Ausgleich

Unsere Sicht ist manchmal sehr einseitig. Wir neigen dazu, Verhaltensweisen zu verallgemeinern. Doch wenn wir uns einmal nicht verantwortungsvoll verhalten haben, heißt das noch lange nicht, dass wir ein verantwortungsloser Mensch sind. Jede Situation ist individuell. Und unsere Bedürfnisse sind es auch.

Was war damals Ihre Motivation? Warum haben Sie so und nicht anders gehandelt? Thomas hat sich wahrscheinlich Entspannung gewünscht. Vielleicht war seine Woche anstrengend. Das macht seine Reaktion verständlich. Und er hat vermutlich den Krankheitsverlauf seines Bruders unterschätzt.

Vor allem dürfen wir in schweren Zeiten nicht vergessen, was Gutes durch uns entstanden ist. Wir leisten auch einen Beitrag für die Gesellschaft der Beachtung verdient. Ein guter Buchhalter pflegt nicht nur die Ausgaben, sondern verbucht ebenso die Gewinne. Unser Leben besteht aus Höhen und Tiefen. Beides verdient Beachtung und Respekt.

Schauen Sie nach vorne

Verantwortung bezieht sich nicht nur auf einen Moment in der Vergangenheit. Wir haben Verantwortung für unser gesamtes Leben. Es hilft niemandem, wenn ich mich klein und schuldig fühle. Welche Schlüsse ziehe ich aus meinem Verhalten? Was lerne ich aus der Vergangenheit für die Gegenwart?

Akzeptieren

Irgendwann, das können Stunden, Tage, Wochen oder sogar Monate sein, wird sich eine Veränderung einstellen. Wir können dem Schmerz einen Platz zuweisen. Wir gewinnen an Selbstachtung, weil wir Verantwortung übernommen haben. Gefühle wie Traurigkeit, Wut und Scham durften sich zeigen und rumoren nicht mehr wie ein Sturm unter der Oberfläche.

Manchmal kann es wichtig sein, dass wir diesen Weg nicht alleine gehen. Zum Beispiel bei sehr traumatischen Ereignissen. Dann macht es Sinn, sich professionelle Unterstützung zu holen. Das erspart uns nicht das Verarbeiten der Gefühle. Doch wir sind nicht alleine und können der Führung eines erfahrenen Coachs oder Therapeuten vertrauen.

Im Außen hat sich nichts geändert. Was geschehen ist, ist geschehen. Doch in uns vollzieht sich eine Wandlung. Wir fangen an zu akzeptieren. Wir sind bereit, uns mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, damit die Gegenwart wieder lebenswerter wird. Die Zweifel und Gewissensbisse nagen vielleicht weiter an uns, aber wir laufen nicht mehr vor ihnen weg.

Vergeben

Vergeben ist eine Form des Gebens. Schenken Sie sich Mitgefühl. Schenken Sie sich Respekt. Das gilt besonders für Situationen in denen es uns nicht so gut geht. Wenn alles glatt läuft, ist es einfach, sich auf die Schulter zu klopfen. Wie gut es um die Selbstliebe bestellt, zeigt sich gerade in Situationen, die uns zermürben.

Vergebung findet vor allem nicht nur mit dem Intellekt statt. Eine klare Sicht ist natürlich wichtig. Möglichkeiten zu erkennen, die Dinge vielleicht auch anders betrachten zu können. All das schafft Orientierung.

Nicht zu vergeben heißt, sich für das Leiden entscheiden! – Gerald G. Jampolsky

Doch ohne einen inneren, gefühlsmäßigen Prozess wirkt die Veränderung nicht stimmig. Solange Herz und Intellekt unterschiedliche Wege gehen, kommen wir schwer zur Ruhe. Deswegen lassen Sie Ihre Antworten eine zeitlang auf sich wirken. Wie geht es Ihnen damit? Was brauchen Sie noch, um die Schuld, Ihren langjährigen Begleiter, liebevoll zu verabschieden?

Thomas kann sein Bedürfnis sich zu verabschieden, auf verschiedene Art zum Ausdruck bringen. Das kann ein Brief, ein imaginärer Dialog am Grab seines Bruders sein. Und es ist sicherlich wichtig, mit seinen Eltern zu reden.

Was Sie noch tun können

Sie haben getan, was in Ihrer Macht lag. Jetzt ist es wichtig, den Fokus wieder verstärkt auf das Hier und Jetzt zu richten. Sagen Sie ehrlich und aufrecht: Es tut mit leid. Wünschen Sie den Beteiligten alles Gute. Vielleicht finden Sie auch noch andere Wege und Rituale, um Ihren inneren Prozess einen würdigen Abschluss zu verleihen.

Unser Verhalten ist selten isoliert. Haben wir andere verletzt, wünschen wir uns oftmals Vergebung. Doch das können wir nur bedingt beeinflussen. Warten sie deshalb nicht auf Absolution. Wir wissen nicht, wie tief die inneren Wunden anderer Menschen sind. Und auch nicht wie sie damit umgehen.

Fehlern und Irrtümern dürfen wir uns stellen. Es zeugt von charakterlicher Größe, das eigene Verhalten in Frage zu stellen und zu bekennen: Ich war unachtsam und habe einen Fehler gemacht. Und dann aufrecht im Leben weiter zu gehen.

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Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. Ruth Scheftschik11-15-2014

    Schuld. Schuldgefühle, Vergebung, Verzeihen: Ein sehr großesThema!

    Wann haben wir tatsächlich Schuld auf uns geladen? Wann sind es „nur“ Schuldgefühle, die nicht selten unberechtigt sind, weil sie immer wieder entstehen heraus aus Konditionierungen der Kindheit oder weil wir die Komplexität der Einflüsse, die zu einer Handlung geführt haben nicht wirklich überschauen können. Deshalb ist es sehr hilfreich einen vertrauten Menschen zu haben, mit dem wir darüber sprechen können, um erkennen zu können, inwieweit es an uns lag, dass der Konflikt auftrat, oder inwieweit wir zumindest einen Teil davon beim anderen lassen sollen, dürfen oder müssen.
    Bei immer wieder auftretenden quälenden Schuldgefühlen wegen den unterschiedlichsten Angelegenheiten ist es das Beste, sie mit Hilfe eines professionellen Begleiters zu durchleuchten. Wirkliche Schuld erfordert gründliche Bearbeitung, die meist alleine kaum zu bewältigen ist.

    Es gibt natürlich auch einfacher gestrickte Situationen, bei denen wir von selbst deutlich erkennen können, dass wir einen Fehler bzw. einen Irrtum begangen haben mit unserem Handeln und Reagieren.

    Um das Leben sowohl von „Täter“ als auch von „Opfer“ in neue, hoffnungsvolle Bahnen lenken zu können, ist für alle der genannten Fälle Vergebung das hilfreichste Mittel, also das Loslassen der Thematik nachdem eine sachliche Klärung stattgefunden hat. Es geht nicht primär um das Vergessen, was geschehen ist, aber um das Verzeihen in Form von loslassen und zur Ruhe kommen lassen.

    Bei Vergebung geht es nicht um ein aufgesetztes, herablassendes “ Na dann woll’n wir mal nicht so sein, aber eigentlich ….“, sondern um das Durcharbeiten der Situation und ein darauf folgendes versöhnliches Loslassen, wobei man mit dem anderen auf selber Augenhöhe wieder neu beginnen kann. Dasselbe gilt auch uns selbst gegenüber. Wir müssen auch uns selbst vergeben können, damit wir uns selbst auch wieder auf Augenhöhe begegnen können. . Wer vergeben kann und Vergebung erfährt, erlebt dass der Faden des Lebens neu aufgenommen werden kann mit einer neuen Ausrichtung. Das gilt für „Opfer“ und „Täter“ gleichermaßen.

  2. Richard11-18-2014

    Ich finde Schuldgefühle sind ausschließlich etwas, das uns schadet. Und es liegt an unserem Glaubenssystem, das uns anerzogen und von der Gesellschaft aufgedrückt wird, dass wir sie haben. Ohne heftige Schuldgefühle schrecken wir nicht zurück vor einer Betrachtung dessen was abgelaufen ist und wie. Der Betrachtung folgt ein Maß ab Objektivität und Klarheit und auf dieser Grundlage meine Absicht. Und diese Absicht macht den Unterschied in der Konditionierung bei zukünftigen ähnlichen Situationen. Schuldgefühle blockieren diese Kette. Und verdrängte Schuldgefühle schaffen Blockaden, die uns nicht bewusst sind.

    Das Problem liegt darin, dass wir uns maßlos überschätzen, den Augenblick unmittelbar vorher gestalten zu können. Zu einem jeweiligen Augenblick ereignet sich ausschließlich das, was konditioniert ist. Eine Weisheit besagt, das was geschieht muss genau so geschehen.

    Einen kleinen Anteil Konditionierung gestalten wir durch Absicht vor dem Ereignis. Der größere Anteil Konditionierung ist unbewusst. Wir machen hier Fortschritte, wenn wir unsere alten Dramen und Traumata annehmen und in Liebe auflösen.

    So würde ich auch das Tool „Verständnis“ noch dem Tool „Vergebung“ vorziehen. Denn wenn nichts zu vergeben ist, dann bleiben auch nicht Emotionen und niederere Zustände haften.

    Und noch eins zum Trost: alles was fehlte, wenn etwas zu bedauern ist, ist letztlich Liebe, die ich auch noch jetzt in die Situation in der Vergangenheit schicken kann, wenn ich mich dafür entscheide.

Wie lautet Ihre Meinung?