Stille und Innehalten bergen ebenso Kraft wie Aufbruch und Aktivität. Beides hat seine Berechtigung. Und wir dürfen spüren, wann es Zeit ist, zu neuen Ufern aufzubrechen. Der folgende Artikel stammt von Bettina Stackelberg. Vielen Dank für die Inspiration. © Bettina Stackelberg

Warum Stillstand manchmal auch gesundes Innehalten sein kann.

Gerade hab ich es auf Twitter wieder einmal gelesen: „Das Leben findet außerhalb der Komfortzone statt!“. Ein beliebter Spruch. Und er stimmt – und er stimmt nicht.

Ja: Wir entwickeln uns dann weiter, wenn wir unsere bequeme, bekannte Komfortzone verlassen und uns Dinge trauen, zu denen wir bislang nicht den Mut hatten. Wenn wir unsere Grenzen dadurch erweitern, dass wir uns mehr ermöglichen, in mehr Lebensbereiche hineinschnuppern, sattelfester werden und unsere Kompetenzen vermehren. Wenn ich mich mehr traue, werde ich innerlich freier, weil mir viel mehr Möglichkeiten offenstehen als zuvor.

Wenn ich mich einmal getraut habe, meine Heimatstadt zu verlassen und dabei gemerkt habe, dass ich mich auch woanders wohl fühlen kann: Dann habe ich die innere Freiheit, den Rest meines Lebens meinen Lebensmittelpunkt dort zu wählen, wo es mir in diesem Augenblick gut geht. So etwas kann schon im Kleinen anfangen: Vielleicht fahren Sie morgen mal statt mit dem Auto mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Oder Sie bummeln heute Abend einmal durch ein Stadtviertel, in dem Sie noch nie gewesen sind. Oder Sie kaufen sich eine völlig fremde Fachzeitschrift – übers Stricken, Fischen oder Oldtimer.

Wenn ich eine Fortbildung mache, ein fremdes Land besuche, mich mit Menschen auseinandersetze, die ich bislang gescheut habe – dafür muss ich meinen vertrauten Bereich, meine Komfortzone verlassen und mich hinaustrauen in das Unbekannte. Wenn wir unsere Grenzen ausloten und uns genau anschauen, können wir so manche überschreiten. Wir können Raum und Möglichkeiten dazugewinnen, stärker, mutiger und weiter werden.

So weit, so gut. Bei diesem „Verlasse Deine Komfortzone“ schwingt für mich jedoch auch noch etwas anderes mit – und das hat etwas zu tun mit ungesundem „Schneller, höher, weiter!“, mit dem verlorenen Gefühl für mich selbst und mit mangelnder Selbstfürsorge (und somit auch mit mangelndem Selbst-Bewusstsein!).

Tschakkaa … oder das für mich richtige Maß?

Es gibt ja diese Tschakka Menschen: Das sind die mit dem Dauergrinsen, den vielen Superlativen und noch mehr Ausrufezeichen. Das begann mit „Sprenge Deine Grenzen“ – einem Slogan, dem viele ähnliche folgten bis zum heutigen Tag. „Stillstand ist Rückschritt!“ ist auch so einer. Bloß nicht stehenbleiben, immer weiter, nicht ausruhen– alle 2 Jahre ein neuer Job, möglichst noch in einer anderen Stadt oder im Ausland, immer neue Hobbys, neue Menschen kennenlernen, neue Sprachen lernen, neue Gebiete erobern – Hauptsache, möglichst viel Bewegung und dies außerhalb der Komfortzone. Dann gehöre ich zu den modernen, erfolgreichen, charismatischen und trendigen Menschen.

Soll ich Ihnen etwas verraten? Tschakka kann mir gestohlen bleiben! Schneller-höher-weiter hetzt Menschen nur allzu oft in die Erschöpfung, ins Burn-out, die Depression, in tiefe Sinnkrisen oder zumindest in den Verlust dieses Gefühls von „Wie geht es mir eigentlich wirklich im Augenblick!?“.

Wie ist das bei Ihnen? Wenn ich Sie jetzt spontan frage: „Wie geht es Ihnen im Augenblick?“ – können Sie diese Frage gleich gut beantworten? Oder müssen Sie erstmal nachdenken und ganz bewusst in sich hineinhören? Sind Sie bei sich oder außer sich? Sind Sie in gutem Kontakt zu sich selbst?

Alles zu seiner Zeit. Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen ich Schnelligkeit, Power und Grenzen-sprengen möchte und brauche und suche. Da spür ich dann die Energie in mir, wenn ich einen vollen Terminkalender mit wunderbaren Vorträgen oder Seminaren habe, wenn ich danach noch bis spät in die Nacht mit neuen spannenden Menschen diskutiere, wenn ich eine tolle Fortbildung mache und nur zum Schlafen und Klamotten wechseln heimkomme.

Wunderbar! Aber nicht als ständiges und einzig glücklich machendes Lebenskonzept! Wieder einmal – die Mischung machts, das richtige Maß und alles zu seiner Zeit. Wer ständig rennt und getrieben ist, der betreibt letztendlich heftigen Raubbau an seinen Kräften und geht alles andere als selbstfürsorglich mit sich um.

Wenn Sie gut auf sich achten, dann verlieren Sie nur selten das richtige Maß für sich aus den Augen. Sie wissen dann genau, wieviel Tempo Ihnen noch guttut, ob Sie noch ein Quäntchen zulegen wollen oder ob jetzt dann mal das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

„Stillstand ist Rückschritt!“. Nicht immer, nein! Manchmal ist Stillstand auch Anhalten, Innehalten, stehen bleiben, zur Ruhe und wieder zu sich kommen. Wo bin ich gerade, was ist grad, wie geht’s mir grad? Wieder ein Gefühl für sich entwickeln, Bedürfnisse erkennen und dafür einstehen.

 


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Grenzen sprengen – oder anerkennen?

Und manchmal ist es eben nicht dran, meine Grenzen schon wieder einmal zu sprengen. Weil ich zu erschöpft bin, weil ich in letzter Zeit zuviel gerannt bin und zu wenig bei mir war. Grenzen sind meiner Erfahrung nach eben nicht nur dazu da, überwunden oder gesprengt zu werden! Grenzen – vor allem dann, wenn sie sich schmerzhaft bemerkbar machen, sind auch dazu da, hin und wieder akzeptiert zu werden.

Und dann geht es darum, zu akzeptieren, dass meine Kräfte nicht unendlich und die Akkus auch mal leer sind. Dass ich nicht nur und ständig wachsen kann, dass meine Ressourcen, Möglichkeiten und Kräfte begrenzt sind. Dass es im Augenblick einfach nicht an der Zeit ist, die Grenzen zu überwinden. Dass ich Mensch bin! In solch einem Fall ist dann vielleicht ein erneutes „Das wär ja noch schöner: Auch diese Grenze überwinde ich natürlich!“ nicht wirklich förderlich.

Seine Grenzen anzuerkennen für eine Zeitlang ist kein Scheitern! Im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Selbstbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes: Sie sind sich Ihrer selbst bewusst und spüren, dass im Augenblick keine großen Sprünge angesagt sind. Sie ruhen sich für den Moment aus in den weichen, vertrauten und kuscheligen Kissen Ihrer Komfortzone, um wieder Kraft und Mut zu entwickeln für die nächsten Sprünge. Ja! Seine Grenzen achten und anerkennen! Manchmal sind diese Grenzen nämlich schlauer als wir.

Manchmal wollen sie uns sagen: „Schau hin, hier ist für den Moment erstmal Schluss. Das tut dir gut, vertrau uns.“ Sie sind auch zu was gut, diese Grenzen. Sie sind keine unüberwindbare hohe Mauer mit Schießanlage – wir können, wenn wir wollen und es an der Zeit ist, auch drüber und das Gebiet davor erkunden. Die Grenzen geben uns aber auch Schutz – Schutz vor Überforderung, vor leichtsinnigen Aktionen, vor zu schnellen Hauruck-Aktionen und vor zuviel Reizüberflutung.

Komfortzone –ja bitte!

„15 Gründe, warum Du Deine Komfortzone verlassen solltest“, „Raus aus der Komfortzone!“ – ich lese immer mehr in den letzten Jahren Artikel, Bücher oder Blogbeiträge, die so eine Art Komfortzonen-Bashing veranstalten. Komfortzone ist doof, Komfortzone ist zu bequem, ist langweilig, da stagnierst Du, Du musst da schnell raus, Komfortzone ist uncool, Leben ist erst außerhalb der Komfortzone.

Bullshit!

Ja. Sicher. Wir müssen uns auch mal rausbewegen aus der Komfortzone, um in die Lernzone zu kommen. Manche Weiterentwicklung und manch ein Fortschritt entstehen im Unbequemen, nicht in der Kuschelcouch Komfortzone. Stolz auf sich selbst fühlt sich wunderbar an – Stolz darauf, unsere Grenzen gesprengt und uns etwas getraut zu haben und voller Mut Neues gelernt und entdeckt zu haben. So manch einer bleibt sein Leben lang faul und untätig drin in der Komfortzone. Ja. Das stimmt alles.

Aber! Ich wünschte, wir gingen ein bisschen liebevoller mit uns um! Wir legen doch auch so große Sorgfalt und Aufmerksamkeit in den Kauf eines neuen Sofas – wir wollen es bequem und kuschelig, ruhen uns darauf gerne aus, lassen es uns gut gehen, schalten vom Tag ab, reden oder dösen auf dem Sofa und tanken Kraft für neue Herausforderungen des nächsten Tages. Eben. Komfortzone.

Auch unser inneres Sofa, unsere Komfortzone ist wahrlich nicht nur bäh. Sie ist der Raum, der uns vertraut ist, den wir kennen durch jahrelange Erfahrung und Gestaltung, dieser Raum gibt uns Schutz, wir kennen uns aus darin und finden uns zurecht. Statten Sie doch auch diesen Raum liebevoll und gemütlich aus: Mit all dem, was Ihnen gut tut, womit Sie sich wohl fühlen, was Sie gerne um sich haben.

Nicht nur zum Ausruhen und Kraft tanken ist Ihre Komfortzone geeignet und wertvoll. Sie selbst erarbeitet – alles, was ehemals fremd, herausfordernd oder gar bedrohlich war, haben Sie durch Ihren Mut, Ihre Lernbereitschaft und Freude an Weiterentwicklung verwandelt. Jetzt ist es vertraut, kuschelig gemütlich, beschützt und stärkt Sie – wunderbar!

Wenn Sie eigentlich ein Mutiger sind und eigentlich Freude an Neuentdeckung und Weiterentwicklung haben: Dann haben Sie ganz sicher auch ein gutes intuitives Gespür dafür, wann eher Sofa angesagt und wann eher der Schritt vor die Tür dran ist. Vertrauen Sie darauf, dass Sie das schon wissen – und zudem besser als jeder andere!

Wenn die einen nie auf dem Sofa Platz nehmen, weil sie ständig draußen im Dschungel des Lebens neue Abenteuer bestehen müssen – gut für sie, wenn es eine klare Entscheidung ist, prima. Wenn die anderen, sobald sie das Sofa in der Bude haben, selbiges nie mehr verlassen, die Kissen plattliegen und keine Lust auf das Leben da draußen haben – wenn sie das glücklich macht, prima!

Und Ihr Weg ist Ihr Weg! Es geht doch einzig und alleine darum, dass Sie ein glückliches, erfülltes und zufriedenes Leben führen, nicht wahr? Heute Morgen erst habe ich auf Twitter dies gelesen: Menschen, die anders sind, aber glücklich. Und niemandem dabei weh tun. Warum kann man die nicht einfach so sein lassen, hm?

So ist es! Wenn Sie lieber länger als kürzer in Ihrer Komfortzone bleiben wollen, niemandem damit weh tun, dies selbst entschieden haben und dabei glücklich sind – so what!? Warum denn nicht! Lassen Sie sich von niemandem bequatschen oder verunsichern. Jeder kann es für sich selbst entscheiden, ob, wann, wie lange und wie weit er seine Komfortzone verlassen möchte.

Ja, verlassen Sie Ihre Komfortzone – aber nicht nur deshalb, weil „man“ das so macht, weil es cool und modern ist oder weil hunderte von Artikeln und Ratgebern Ihnen dies weismachen wollen! Es wäre schade, wenn Sie Ihre Komfortzone nie wirklich verlassen, denn dann verpassen Sie etwas. Da draußen ists nämlich spannend und bunt, ereignis- und lehrreich.

Profitieren Sie davon, lernen Sie, entwickeln Sie sich weiter, entdecken Sie Neues – und zwischendurch machen Sie es sich gemütlich in der Kuschelkissenlandschaft Ihrer Komfortzone. Ruhen Sie sich dort aus, lassen Sie dort die Seele baumeln, kommen Sie zu sich.

Komfortzone und Neuland – alles zu seiner Zeit.

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Bettina Stackelberg, die Frau fürs Selbstbewusstsein, unterstützt als Coach mit Empathie und Know-how Menschen dabei, selbstbewusster zu werden. Sie sieht sich als Begleiterin, die Menschen ermutigt, Zugang zu ihren Ressourcen zu finden, Neues zu entdecken und mit Bewährtem zu verbinden.