KreativitaetEntwickeln

Kreativität auf Knopfdruck?

Vor ein paar Jahren war ich in einem Seminar. Es ging um Kreativität. Der Trainer gab eine Aufgabenstellung vor. Wir sollten schnell, wenn uns der Ball zugeworfen wurde, eine Idee hinausschreien. Jeder für sich. „Nicht nachdenken, rasch, rasch …, hinaus damit …“. Mir wurde unwohl. Die ersten Teilnehmer hatten schon den Ball gefangen und eine Idee geäußert. Allen schien etwas ein- (und der Ball nicht runter)-zufallen. Geschwindigkeit und Lautstärke der Ausrufe wuchsen. Mein Unwohlsein stieg. Ich wollte weg.

Das hat mich weiter beschäftigt.

Ein Teil in mir war verunsichert, fühlte sich unzulänglich. Mir das einzugestehen, war nicht einfach. „Anderen fällt das gar nicht schwer, warum mir?“ Eine Möglichkeit war, mir Vorwürfe zu machen: “Kannst du nicht auch so schnell kreativ sein? Warum immer diese Blockaden? Was ist los mit dir? Änderst du dich nie?” Und ich hörte tatsächlich solche Äußerungen von meinem inneren Kritiker.

Da wollte ich aber nicht stehen bleiben. Ich gab der kritischen Stimme in mir zu verstehen, dass ich sie höre. Dann forschte ich weiter. Es fühlte sich so an, als wäre da mehr. „Was könnte noch hinter meinem tiefen Unbehagen stecken?“

Es hatte etwas zu tun mit unserer Haltung zu Fragen und zu Antworten. Und mit Geschwindigkeit.

Antworten geben uns das Gefühl, etwas zu wissen, eine Lösung zu haben

Wir wollen Dinge begreifen. Da steckt buchstäblich das “Greifen” mit der Hand dahinter. Alles im Griff haben, das vermittelt uns Sicherheit. Und das ist ja durchaus sinnvoll, wenn wir beispielsweise eine Birne vom Baum nehmen, um etwas zu essen zu haben.

In unserer Kultur werden die Antworten bevorzugt. “Frag nicht so viel“ hören wir als Kinder, vielleicht sogar “Frag nicht so blöd”. Fragen wird hier gleichgesetzt mit nicht wissen. Spätestens in der Schule erfahren wir, dass es auf die Antworten ankommt, genauer: „die richtige” Antwort. Meist steht diese von vorneherein fest, der Lehrer oder die Lehrerin gibt sie vor. Dann geht es weiter mit diversen Tests, die uns auf den Prüfstand stellen: Bei der Wahl der Berufsausbildung, bei der Bewerbung,…

Die “richtige Antwort” nicht zu wissen, erzeugt Angst. Aus neurobiologischen Forschungen wissen wir, dass Angst das Lernen blockiert. Die Angst zeigt sich in körperlichen Reaktionen, sie sitzt uns buchstäblich im Nacken. Ich erinnere mich noch allzugut an einen Deutschlehrer in der ersten Klasse des Gymnasiums, in dessen Unterricht mir jedes Wort im Hals stecken blieb oder nur stockend hervorkam. Die Schönheit des Gedichtes, das ich vortragen sollte, war mir überhaupt nicht zugänglich.

Fragen konfrontieren uns mit dem Unbekannten. Sie bringen uns in Kontakt mit dem, was noch diffus ist. Wir fühlen uns wie vor einer leeren Leinwand. Wie eine Malerin, ehe sie den ersten Pinselstrich setzt. Wie ein Schriftsteller vor dem leeren Blatt, bevor er den ersten Buchstaben schreibt. Fragen öffnen uns für Möglichkeiten. Wirklich Neues kann entstehen. Ich glaube, dass wir uns an die Fähigkeit, diese Leere auszuhalten und anzunehmen, herantasten müssen. Es ist eine Sache der Übung, des konsequenten Praktizierens.

Kreativität braucht Raum und Verbundenheit

In dem erwähnten Seminar war für mich kein spielerischer Umgang mit dem Thema spürbar. Kreativität braucht Zeit und Raum, um sich zu entfalten.

Was mir außerdem auffiel: Da war kein Miteinander. Es ging darum, für sich alleine rasch zu Antworten zu kommen. Wer ist die Erste? Wer ist schneller als die anderen? Wer hat mehr Ideen? Ein Klima der Konkurrenz führt meiner Ansicht nach nicht zu schöpferischen Impulsen. Unsere Ideen sind nie nur unsere Ideen. Sie liegen in der Luft. Es geht darum, unsere Antennen auf Empfang zu stellen. Kreativität wächst aus der Verbundenheit mit uns selbst und anderen Menschen. Und mit dem, was über uns hinausweist – wie auch immer wir das für uns benennen. Irgendwie schöpfen wir da aus tieferen Quellen, die uns alle miteinander verbinden.

Schneller ist nicht immer besser

Ich hatte den Eindruck, dass in dem Seminar Kreativität auf Knopfdruck verlangt wurde. Geschwindigkeit kann durchaus ihren Wert haben, wenn es um Ideenfindung geht. Wenn wir nicht lange nachdenken, dann kommen wir nicht ins Grübeln und Analysieren. Wir geben unserer Intuition eine Chance. Aber ist intuitives Gespür einfach so da? Um unsere Intuition zu entwickeln, benötigen wir zunächst Zeit, um in uns hineinzuspüren. Wir brauchen Zugang zu uns selbst: ein Zusammenspiel von Kopf, Herz und Bauch, d.h. unserem Denken, Fühlen und körperlichem Empfinden. Dann meldet sich unsere innere Weisheit zu Wort. Aber sie spricht nicht unter Druck. Das entspricht zumindest meiner Erfahrung.

Und ist Kreativität überhaupt gleichzusetzen mit Ideen? Aber das ist eine Frage für einen anderen Artikel…

Was hat Kreativität für Sie mit fragen zu tun? Sehen Sie da einen Zusammenhang?

About the Author

Regina SchlagerRegina Schlager "Wer bin ich","Wer will ich sein" und "Was ist meine Aufgabe"? - Diese Fragen in ihrer Tiefe zu erkunden, das ist mein Weg und dafür bin ich Gesprächspartnerin, Gast- und Impulsgeberin für andere. Das mache ich als Coach, Vortragende, Workshopleiterin, Autorin und Organisatorin von Veranstaltungen. Ein besonderes Anliegen ist es mir, Menschen dabei zu unterstützen, in ihre volle Kraft zu kommen und ihre Berufung zu gestalten. Vision www.reginaschlager.euView all posts by Regina Schlager

  1. Kristin12-14-2014

    Fragen sind wie Tore zu neuen Möglichkeiten, allerdings erst, wenn keine Erwartungen zu ‚richtigen‘ Antworten dahinterstehen.
    So können Fragen einladen, bisher unbekanntes Land zu betreten. In einem unbekannten Land bewege ich mich anders, langsamer, aufmerksamer, betrachte die Dinge genauer.
    Ich selbst empfinde Fragen immer als Impuls, einmal genauer hinzuschauen und zu spüren … und es ist mir eine Freude, den Fragenden mit unerwarteten Antworten zu überraschen.

    • Regina Schlager12-18-2014

      Danke für diesen Impuls! Ja, ich finde auch, dass das „keine richtigen Antworten zu erwarten“ ganz wichtig ist. Das Bild mit dem unbekannten Land gefällt mir sehr gut.

  2. Ildiko12-16-2014

    Wenn man mal bei dem Beispiel Schule bleibt, dann bedeutet Fragen für mich, offen für neues zu sein, auch einfach mal unbequem zu sein.

    Die Lehrer haben meist ihren Unterrichtsstoff vor sich liegen, es hat alles nach dem Schema ABC zu gehen. Aber sobald ein Kind mal BCA sagt, passt es nicht in die Welt des Lehrers, er müsste auch eventuell darüber nachdenken, ob das so stimmen könnte. Und überhaupt, wenn man diesem einen Kind jetzt durchgehen lässt, dass es stimmen könnte, dann kommen das nächste mal vielleicht zwei oder drei andere Kinder mit ähnlichen Fragen. Und dann ist es aus mit dem normalen Schulstoff.

    Und so ist es auch in uns selbst. Es gibt einerseits das kindlich Naive, den Freigeist und andererseits diesen Lehrer in uns, der alles in einer Bahn gelenkt haben will und einfach die Dinge ohne nachfragen hinnehmen will. Ich persönlich finde, das killt jede Kreativität.

    Also um es kurz zu machen :D ich denke, Fragen öffnen den Geist, um eben Kreativität, Intuition zuzulassen und auch mal quer zu denken.
    Ich weiß, bei mir persönlich herrscht der Lehrer leider viel zu viel vor, daran sollte ich auch etwas ändern…

    • Regina Schlager12-18-2014

      Meine Schulzeit ist zwar schon einige Zeit her. Ich fürchte aber, durch unseren Hang zu Vereinheitlichung, Effizienz und angestrebter „Objektivierung“, ist heute nicht unbedingt mehr Raum für das neugierige, kindlich naive fragen.

      Ich finde den Hinweis sehr schön, dass das Abblocken kreativer Impulse bei und in uns selbst beginnt. Vielleicht könnte es ein erster Schritt sein, den Lehrer in uns zunächst einmal wahrzunehmen. Er ist ein Teil von uns. Und ihn im zweiten Schritt sehen, ohne ihm zu vermitteln, dass er eigentlich weggehen soll. „Radikales Annehmen“, wie Ann Weiser Cornell sagt. Möglicherweise hilft uns die Ansicht, dass er uns im Grunde Gutes will. Nicht einfach, gebe ich zu!

      • Ildiko Varga12-20-2014

        Ja absolut, er will Gutes für uns, aber vielleicht weil wir denken, dass das eigentlich Gute etwas schlechtes ist. Und wenn wir das erkennen, können wir dann im zweiten Schritt unseren inneren Lehrer bitten, dieses eine Mal seinen wohlverdienten Urlaub zu nehmen ;) Und klar, es ist nicht einfach, aber das ist das Verlassen der Komfortzone nie. Und das soll es wohl auch nicht sein.

  3. Richard02-05-2015

    Hallo Regina,

    ich muss zugeben, ich habe die beschriebene Übung komplett anders verstanden. Und um die kreative Gehirnhälfte sprechen zu lassen braucht es auch nicht Zeit, genauso wenig Zeit wie die andere Gehirnhälfte Zeit braucht, um spontan ein Wort zu sagen. Die kreative Gehirnhälfte arbeitet immer. Es geht auch aus meiner Sicht nicht darum, etwas zu erschaffen, das ich dann in irgend einer Qualität annehmen kann.

    Ich meine, es geht in der Übung darum, einen Moment die Kontrolle aufzugeben und den Zensor. Dies fällt wohl kopflastigen Menschen schwerer als Menschen, die auch öfter Tag-träumen können. Es ist dann auch kein Miteinander gefragt, genauso wenig wie Konkurrenz-Denken, sondern alleine, dass ich bei mir selber bin und nicht bei „richtig-falsch-schnell-erster-sympatisch-oder nicht“. So geht es um Öffnung und Fallen-Lassen, für eine kurze Übung. Danach sehe ich von den Teilnehmern niemanden mehr. Das ist doch eine Chance.

    LG Richard

    • Regina Schlager02-06-2015

      Hallo Richard,

      touché;-). Kontrolle aufgeben, das könnte tatsächlich mitspielen bei mir. Danke für diese andere, weitere Sichtweise.

      Liebe Grüße,
      Regina

Wie lautet Ihre Meinung?