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Loslassen – So gewinnen Sie jeden Tag mehr Freiraum

Kommt Ihnen folgender Ratschlag bekannt vor? „Du brauchst nur loszulassen. Halte nicht so sehr an den Dingen fest, dann wird vieles einfacher.“ Obwohl diese Art von Hinweisen sicherlich gut gemeint sind, helfen sie mir wenig. Um nicht zu sagen überhaupt nicht. Loslassen ist eben viel mehr, als etwas nicht mehr zu machen oder aus den Händen zu geben. Loslassen bedeutet, Gewohnheiten zu verändern, Denkmuster zu verlassen und sich mit inneren Widerständen auseinanderzusetzen. Und wer schon mal versucht hat, lieb gewordene Eigenheiten zu ändern, weiß, welche Widerstände sich auftun können.

Gewohnheiten wirken auf mich oft wie ein Eisberg im Wasser. Nur ein Teil des Ganzen ist sichtbar. Unsere Automatismen befriedigen ein bestimmtes Bedürfnis, was uns manchmal nicht einmal bewusst ist. Sie vermitteln scheinbare Sicherheit und vereinfachen das Leben. Doch ohne neue Fähigkeiten und Einsichten wird das Leben beschwerlich.

Wie kann ich lernen, leichter loszulassen?

Wie werden Sie ein besserer Schwimmer oder Tänzer? Indem Sie üben. Zuerst gibt es ein bisschen Theorie und dann heisst es: Probieren, trainieren und wiederholen. Sind wir motiviert und spüren einen klaren Vorteil, geht das Ganze leichter von der Hand. Vor allem werden wir durch die ersten Erfolge angespornt. Nach einer Weile hat sich dann eine neue Gewohnheit etabliert. Und wir klopfen uns auf die Schulter.

Warum also dieses Prinzip nicht auf das Loslassen übertragen? Ich habe mir zum Ziel gesetzt, zwei Monate lang jeden Tag einen Gegenstand im Haushalt „nicht mehr festzuhalten“. Das bedeutet, ich schaue, was ich nicht mehr brauche und verschenke, verkaufe oder entsorge eine Kleinigkeit. Ein paar Schuhe, ein Buch, Kabel, Kleidung, Zeitschriften, CDs, Spiele, Ordner oder was auch immer.

Man will besitzen und wird besessen. – Andreas Tenzer

So erlebe ich jeden Tag, was es bedeutet, mit weniger auszukommen. Meinen Blick zu schulen: Was ist wirklich notwendig? Das Wichtigste ist für mich der innere Prozess des Loslassens. Den Widerstand immer wieder aufs Neue zu überwinden. Und die angenehme Erfahrung zu machen, es wird immer leichter auszusortieren.

Wissen Sie eigentlich, was Sie alles besitzen?

Schauen Sie am besten in Ihren Kleiderschrank, durchforsten Sie Schubladen, Kisten, schauen auf den Dachboden und natürlich in den Keller. Wann haben Sie das Kleidungsstück das letzte Mal benutzt? Bietet Ihnen der Gegenstand einen konkreten Nutzen?

Der erste Schritt im Entrümpelungsprozess ist also, dass Sie sich Gedanken machen, was sich alles in Ihren 4 Wänden befindet. Was nutzen Sie regelmäßig und gerne, was nicht? Wägen Sie jeden Gegenstand ab. Fangen Sie klein an und nehmen sich einen Raum nach dem anderen vor.

Viele kleine Schritte führen zum Erfolg

Am liebsten würde ich natürlich in einer großen Aktion aufräumen. An einem Wochenende für klar Schiff sorgen. Doch wie realistisch ist das, wenn nicht ein konkreter Vorteil oder unausweichlicher Druck wie ein Umzug bevorsteht? Vor allem wächst der Widerstand proportional mit der Größe der Hürde. Also fange ich lieber klein an und mache dabei meine Erfahrungen. Denn darum geht es mir an erster Stelle. Ich will nicht möglichst schnell viel loswerden, sondern das Loslassen zu einer achtsamen Handlung kultivieren.

Und natürlich mache ich nicht nur gute Erfahrungen. Manches habe ich zu voreilig verschenkt und zu günstig verkauft. Aus diesen Fehlern darf ich lernen. Von Tag zu Tag werde ich klarer und die Widerstände geringer.

Loslassen in Achtsamkeit beinhaltet für mich ein bewusstes sich Lösen von Gegenständen und Gewohnheiten. Ich sage innerlich Danke für den Nutzen und die gemeinsame Zeit. Jetzt kommt die Zeit, in der wir getrennte Wege gehen. Und indem etwas geht, entsteht wieder Raum und Energie für Neues. Wer wenig besitzt, kann leichter organisieren, braucht weniger Platz, muss sich um weniger kümmern und kann sich damit auf das konzentrieren, was wichtig ist.

Wir sind Gäste auf dieser Welt. Welche Zeit uns bleibt, ist ungewiss und all die schönen Dinge um uns dienen als Bühnenbild. Sie können helfen, das Leben zu erleichtern und unsere Aufgaben zu erfüllen. Wenn nicht, kosten sie Zeit, Energie, Geld und Raum. Es liegt also an uns, wie wir uns einrichten und auf welcher Bühne wir spielen.

About the Author

Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. Markus12-15-2014

    Hallo.

    Ich habe den Artikel mit grossem Interesse gelesen. Als ich dann zu der praktischen Umsetzung des Loslassens kam wurde ich verwirrt. Ich fing mir an die Frage zu stellen wie der Prozess des Loslassens von Gegenständen gleichzusetzen ist mit Loslassen von Gewohnheiten oder Gedankensmuster. Gewohnheiten oder Gedankensmuster loslassen hat mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Man überwindet Grenzen und Ängste.
    Nun bin ich neugierig. Wie hast du den Prozess des Loslassens von Gegenständen erlebt? Wann bist du an deine Grenzen und Ängste gestossen?

    Herzlichen Gruss
    Markus

  2. Mona12-18-2014

    Darf ich hier als Antwort auf Ihren Artikel eine besondere Geschichte des Loslassens erzählen? Sie ist nicht erfunden, und sie illustriert, wie Emotionen mit Gegenständen verknüpft sind, und wir das oft nicht so genau wissen.

    Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war ich schwer depressiv und wusste nicht, wie mein Leben überhaupt noch weitergehen sollte. Suizid schien mir der einzige Ausweg aus der Sackgasse. Mir war natürlich bewusst, dass es dazu einen beherzten Schritt zur Tat brauchte, denn das ersehnte Ende würde sich nicht von selbst einstellen. Also fasste ich den Entschluss zu handeln. Da plötzlich hatte ich das ganz dringende Bedürfnis, vor meinem Tod noch aufzuräumen.

    Ich stieg auf den Dachboden und sammelte Dinge zusammen, die ich entsorgen wollte. Ich stopfte die Gegenstände in einen Müllsack, bis er randvoll war und kaum mehr Sack übrig war, um ihn zuzubinden. Ich stopfte und stampfte die Dinge fieberhaft zusammen, bis es mir gelang, den Sack zu verschliessen und ihn vor die Tür zu stellen. Plötzlich passierte etwas Unerwartetes.

    Ich hatte plötzlich das Gefühl, mir selber zuzusehen bei meinem Tun, und ich fragte mich: „He, was tust du da eigentlich? Um was gehts?“ Ich gab mir selber eine Antwort, die die ganze Depression schlagartig in Luft auflöste! Ich antwortete meinem fragenden Ich: „Ich muss belastendes Material entsorgen.“

    Nun, wie verstehen Sie diesen Satz?
    Wie verstehen Sie das mit dem belastenden Material?

    Was ich meinte, war, dass, falls ich nach meinem Tod für Selbstmord angeklagt werden sollte und vor Gericht erscheinen müsste, kein belastendes Material vorhanden sein sollte. Was für ein absurder Gedanke! Sollte ich posthum noch bestraft werden? Belastend meinte ich also im Sinne von Zeugenschaft für irgendeine Schuld. Woher das belastende Schuldgefühl kam, wurde mir nur einen Sekundenbruchteil später bewusst.

    Es war die plötzliche Erkenntnis der zweiten Bedeutung des Wortes ‚belastend‘. Mir dämmerte schlagartig, dass mich all das Zeugs, das ich jahrelang von Wohnung zu Wohnung mitgezügelt hatte, belastet hatte. Und zwar waren es Erinnerungsgegenstände, ein Fotoalbum zum Beispiel, die von einer Beziehung zeugten, in der ich nicht glücklich gewesen war, und die ich eigentlich hätte ungeschehen machen wollen, wenn das möglich gewesen wäre. Ich fühlte mich schuldig, dass ich mich in diese Beziehung eingelassen hatte. Diese Erkenntnis war so dermassen befreiend, dass ich laut heraus lachte vor Überraschung und erstmals in meiner Depression erlebte, dass Depression ’nur‘ ein Zustand ist, der auch wieder vorüber gehen kann. Bislang war ich der Meinung gewesen, dass ich nicht mehr zu retten sei.

    Diese Aufräumaktion in einem Moment der Verzweiflung war der Anfang einer langsamen Heilung. Heute bin ich gesund und freue mich an meinem Leben.

  3. Regina Schlager12-19-2014

    Ein inspirierender Artikel, Joachim. Ich nehme mir das zu Herzen: Januar und Februar werde ich jeden Tag einen Gegenstand aus meiner Wohnung und meinem Keller loslassen – verschenken, verkaufen, recyclen oder – wenn es gar nicht anders geht – in den Müll geben. Fühlt sich gut an, so ins neue Jahr zu starten!

  4. Richard04-24-2015

    Da gibt es wohl vieles, das wir nicht brauchen. Und was wir nicht wirklich brauchen und wir dennoch verwahren, etwas von dem wir fest ausgehen, dass es da ist oder so ist, das schränkt uns ein oder macht uns etwas weniger beweglich. Vielleicht sind wir momentan etwas außerhalb unserer Komfortzone, wenn wir sagen „das geht auch ohne, ich akzeptiere es so, es gleicht sich schon aus“, aber damit wachsen wir, werden unabhängiger und das heißt auch freier.

    In schwereren Fällen mischt oft das EGO etwas stärker mit. Ich habe mir etwas in den Kopf gesetzt, will mit dem Kopf durch die Wand. Vielleicht tut mir die Illusion gerade gut, etwas zu haben oder zu sein, es streichelt seelische Wunden, überdeckt ein Unwertsein-Gefühl. Dann kostet es mich vielleicht relativ viel und hilft doch nicht lange. Und das EGO will dann immer mehr. Wir nennen das dann auch „Sucht“. Auch hier setzen Psychologen oft auf reines Umgewöhnen, wirken indirekt auf die Ursachen ein. Akzeptanz zu üben heißt hier aber nicht nur zu akzeptieren, etwas momentan nicht zu haben oder zu sein. Heilsame Akzeptanz bedeutet hier wohl, das Gefühl anzunehmen, das den ursächlichen Mangel auslöst.

Wie lautet Ihre Meinung?