Trauern lehrt Wertvolles über das Leben, über das Fühlen und über das Vertrauen. Es heißt vor allem, wendig zu werden im Wechsel zwischen dem Alltag und dem Rückzug zu sich selbst. Wie aber können wir lernen, Trauer anzunehmen und auszudrücken?

Barbara Pachl-Eberhart leitet Seminare und Fortbildungen im Bereich der Dialogkreisarbeit, der Trauer- und Sterbebegleitung und der kreativ-konstruktiven Lebensgestaltung. Neun Jahre lang begleitete sie als Rote-Nasen-Clowndoktor Kinder durch den Krankenhausalltag.

 

Regina Schlager interviewt Barbara Bachl-Eberhart.

Frau Pachl-Eberhart, Sie schreiben in Ihrem neuem Buch: “Warum gerade du? Persönliche Antworten auf die großen Fragen der Trauer” über die Jahre nach dem Tod Ihrer zwei kleinen Kinder und Ihres Mannes 2008. Was war Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben?

In der Trauer um meine Familie habe ich viel Wertvolles über das Leben, über das Fühlen und vor allem über das Vertrauen gelernt. Ich wollte diesen Erfahrungen und auch meinem neuen, gestärkten Ja zum Leben einen haltbaren Ausdruck verleihen. Und ich wollte auch für andere den Weg beschreiben, der mich zu diesem neuen „Ja“ gebracht hat. Ich glaube, wir Menschen haben einander nichts Kostbareres zu schenken als unsere Geschichten, vor allem jene, aus denen wir gereift hervorgegangen sind.

 

Mir scheint, dass Trauer etwas ist, vor dem viele zurückschrecken. Es wird oft als “negatives Gefühl” bezeichnet. Etwas, das wir nicht wollen. Das beginnt schon beim Traurigsein. Wer sich nicht permanent “gut” fühlt, der wird schnell als depressiv bezeichnet. Trauernde werden aufgemuntert oder gemieden. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Trauer in unserer Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit und überhaupt erst einmal eine Existenzberechtigung bekommt?

Ich denke, es bräuchte einerseits Eltern, die ihren Kindern das Traurigsein erlauben und ihnen helfen, die Trauer auszudrücken, statt sie durch Ablenkungen zu verscheuchen. Gespräche statt Gameboys. Gemeinsames Malen und Basteln statt die Gefühle wegzushoppen oder wegzuzappen. Zum Anderen braucht es wohl den entschiedenen Versuch jedes einzelnen Menschen, auch „negative“ Gefühle in sich hineinzulassen, sie wenigstens für ein paar Minuten zu „enthalten“, als wären sie Gäste, die man willkommen heißt, statt sie vor die Tür zu schicken. Das ist eine Aufgabe, die man täglich üben kann, in jeder winzigen misslichen Situation. Kann ich erst einmal zwei Minuten fühlen, ehe ich fluche, andere beschimpfe, seufze oder mich ablenke?

 

Trauer tut weh. Wenn es um Schmerz geht, wird häufig von “bekämpfen” gesprochen. Mir erscheint das sehr gewaltsam und nicht lebensförderlich. Und doch, Schmerz ist ja nicht etwas, das wir uns wünschen. Es tut eben weh, mitunter so, dass es sich unerträglich anfühlt. Den Schmerz annehmen, wie ist das möglich?

Die Tochter eines Freundes hat mir einmal etwas Großartiges beigebracht. Sie sagte: „Wenn ich in kaltem Wasser schwimme, stelle ich mir vor, es sei ganz heiß, es brennt. So kann ich das Prickeln sogar genießen“. Den Schmerz annehmen, das heißt für mich: Jene Qualitäten begrüßen, die der Schmerz mit sich bringt: Körperlichkeit, Hitze, Brennen, ein Feuer, das von Liebe genährt ist. Im Schmerz arbeitet der Körper etwas ab, das mein Hirn allein nicht lösen kann. Dafür kann ich ihm doch eigentlich dankbar sein.

Übrigens leiden die meisten Trauernden nicht unter dem Schmerz, sondern eher unter einem zu frühen Wegsperren des Schmerzes, der sich gerne noch ausdrücken würde. Hier kann eine Trauergruppe ein sicherer Hafen sein, ein Raum, in dem alles sein darf, wie es ist. Lustig, ganz normal, aber eben auch furchtbar schmerzhaft. In der Gemeinschaft mit anderen macht das alles gleich weniger Angst.

 


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In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die erste Phase, in der Sie sich total zurückgezogen haben. Ich habe schon öftes gehört, dass die Erledigungen, die anstehen – Begräbnis organisieren, Kontakt mit den Behörden etc. -, als hilfreich empfunden werden. Viele nehmen sich überhaupt keine Auszeit und stürzen sich in die Arbeit. Aber ist das nicht auch eine Form der Ablenkung, um dem Schmerz auszuweichen? Wie war das für Sie, wie haben Sie es geschafft, sich wieder im Alltag zurechtzufinden?

Wir müssen das Trauern und den Alltag nicht gegeneinander ausspielen. Trauern lernen heißt vor allem: wendig zu werden im Wechsel zwischen dem normalem Leben und dem Rückzug zu sich selbst. Die Welt „da draußen“ ist anstrengend. Aber sie kommt uns auch freundlich entgegen, mit kleinen Gesten, mit Aufgaben, die unser Selbstbewusstsein stärken, mit Sonnenstrahlen und dem Zwitschern der Vögel. Auch die Reise nach innen ist zugleich anstrengend und wertvoll. Innen wie außen: Es geht darum, das rechte Maß zu finden – und sich Beistand zu holen, wo man ihn braucht. Beim Einkaufen, beim Rasenmähen oder auch da, wo es ums Fühlen geht.

 

Sie erwähnen, dass Nachbarn über Sie zu munkeln begannen, weil Sie nicht dem Bild der ständig weinenden Witwe entsprachen. Wir fürchten das Schwere, aber Leichtigkeit und Lebendigkeit ist uns dann auch suspekt. Haben wir vielleicht zu fixe Vorstellungen, was Trauer bedeutet?

Nein, ich glaube das Problem ist viel allgemeiner. Der Mensch sucht grundsätzlich nach Vollständigkeit. Dem, der ständig weint, sagt man „Kopf hoch“. Dem, der lacht, rät man, mehr zu weinen. Wir, die wir mitten in der Achterbahn der Gefühle schlingern, müssen wissen: Kein Mensch sieht oder weiß alles von uns. Jeder sieht nur einen Ausschnitt. Daher können Urteile niemals richtig sein. Ich habe irgendwann nur mehr gesagt: Urteile über niemanden, in dessen Mokassins du nicht drei Monde lang gegangen bist.

 

Die Widmung in Ihrem Buch lautet: “Für den Tod, der mich lehrte, was es heißt, ohne Angst zu leben.” Ist das überhaupt möglich: eine Leben ohne Angst? Hat Angst nicht auch eine sinnvolle Funktion?

Die Psychologie unterscheidet Furcht und Angst. Angst hat keinen konkreten Gegenstand, Furcht schon. Ich glaube, es ist sinnvoll, sich vor Löwen zu fürchten. Oder vor schnellen Autos. Was mir der Tod genommen hat, ist die diffuse Angst, die Schlimmstes annimmt und mir einredet, dass ich irgendeiner Lebenslage nicht gewachsen sein könnte. Ich weiß heute, dass es in mir eine Art von Kraft gibt, die auftaucht, wenn ich sie wirklich brauche. „Vertraue“, das sage ich heute meiner Angst. Das bringt sie meistens zum Lächeln.

 

Wir tun uns schwer mit Menschen, die trauern. Wir wissen nicht: Was tun, was sagen? Welches Verhalten von anderen Menschen hat Ihnen denn geholfen?

Es geht nicht so sehr um richtiges Verhalten. Sondern um die Haltung. Im Grunde ist es ganz simpel: Ich habe gespürt, wenn jemand meine schwierigen Gefühle wegputzen, wegreden oder wegtrösten wollte. Das hat mir nicht gut getan. Jene, die mit mir schweigen konnten, vielleicht beim Wandern oder auch beim gemeinsamen Kochen, jene, die auch einmal gesagt haben „Ich gehe jetzt lieber, aber ich komme morgen wieder“, haben mir wirklich geholfen.

Konkrete Tipps: Gelegenheiten schaffen, in denen der Trauernde kommen und gehen darf, wie er will, und in denen auch geschwiegen werden kann. Trauernde in der ersten Zeit versorgen wie Mütter im Wochenbett, sie bekochen, immer wieder kurz besuchen, ihnen Briefchen schreiben und kleine Geschenke machen. Gartenhandschuhe statt Samthandschuhe, Gulasch statt Taschentücher, zupacken, anpacken statt zu umarmen.

 

Was mir an Ihrem Buch auffällt und besonders gefällt, ist, dass Sie Ihren Umgang mit der Trauer als Dialog, als Begegnung beschreiben. Sie sprechen mit Ihrer Trauer und mit Ihrer Angst. Was bedeutet Begegnung und Dialog für Sie?

Dialog lässt sich gar nicht verhindern. Mit unserem ersten Atemzug haben wir den Dialog mit der Welt ja schon begonnen. Alles, wirklich alles in der Welt, kann uns als ein Du begegnen. Sogar das, was in uns wohnt. Ich glaube, wir zerbrechen und verbittern da, wo wir glauben, schon alles über dieses Du zu wissen. Da, wo wir jede Neugier verlieren. Und wir beginnen da zu heilen, wo wir wieder aufblicken und für möglich halten, dass es da, in uns und in der Welt noch irgendetwas Klitzekleines gibt, das wir doch noch nicht wissen. Einen Hoffnungsschimmer. Eine Überraschung. Eine Handreichung zum nächsten Schritt.

 

Jeder, der geht, erinnert uns an unsere eigene Sterblichkeit. Irgendwann sterben auch wir, vielleicht schon bald. Es kann jederzeit soweit sein. “Alles ist lächerlich, wenn man an den Tod denkt”, so der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard. Können wir uns mit dem Tod versöhnen? Inwiefern hat sich Ihr Verhältnis zu Ihrer eigenen Sterblichkeit verändert?

Sterben, für mich wird das ein Nachhausegehen sein. Eine jubelnde Umarmung mit meiner Familie. Ein Eingehen in Gott. Ein Fest. Und das Leben? Ich glaube, es ist wie ein Besuch auf dem Rummelplatz. Ein Abenteuer, von dem ich später, drüben, mit roten Wangen erzählen werde.

 

Ihr Beispiel ist wahrscheinlich eines, dass die meisten Menschen als das Schrecklichste, was einem überhaupt passieren kann, empfinden. Es gibt auch kleinere Verluste, wenn man da überhaupt eine Gewichtung hineinbringen will. Unsere Kinder sind plötzlich in der Pubertät und nicht mehr die anschmiegsamen Kleinen, wir spüren in einer langjährigen Partnerschaft nicht mehr das gleiche Prickeln im Bauch wie am Anfang, wir erfahren ganz unerwartet von unserer Kündigung. Bei vielen Menschen sind da große Ängste im Spiel, die lähmen. Wie kann es gelingen, mit der Veränderung in einem lebensförderlichen Verhältnis zu stehen? Gibt es etwas, was Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben wollen?

Unser Körper ist ein Instrument, das dafür gebaut ist, mit Gefühlen auf äußere Situationen zu reagieren. Wie eine Harfe, die zu klingen beginnt, wenn der Wind durch den Raum streicht. Egal was im Außen passiert, wie groß oder klein, leicht oder schwer es auch sein mag: Wir haben immer nur dieses eine, unser Instrument.

Wir können es täglich stimmen, indem wir wir selbst sind, unseren Weg suchen und ihm freundlich folgen. Die Stürme des Lebens mögen durch uns hindurchfegen. Das kann auch einmal richtig laut werden. Aber je gestimmter unser Instrument ist, um so weniger müssen wir uns davor fürchten, dass uns im Fall des Falles ein Hörsturz ereilt.

 

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Barbara Pachl-Eberhart

Foto: ©Nina Goldnagl

Homepage Barbara Pachl-Eberhart

„Wofür ich stehe?
Für alles, was sich bewegen darf.
Für die Möglichkeit der Wandlung, in jedem Moment unseres Lebens.“