Stellen Sie sich vor, Sie werden attackiert, aber nicht von jemand anderem, sondern von sich selbst. Attacken dieser Art sind schwer auszuhalten, können sie doch das eigene Selbstwertgefühl und das Vertrauen unterminieren und heftige innere Konflikte schaffen. © Elmar Kruithoff

„Du bist doch eine Null“, „Schäm dich“, „Das ist so peinlich“, „Reiß dich doch zusammen!“, Was sollen die anderen denken?“, „Warum schaffst du das denn nicht?“, „So wirst du es nie schaffen!“ – So hört es sich an, wenn Sie unter Attacke stehen; und es ist leicht, dem einfach widerspruchslos zuzustimmen und dann niedergeschlagen, ja verzweifelt darüber zu sein; oder zum Gegenangriff überzugehen, z.B. mit rationalen Argumenten, indem sie den scheinbar übermächtigen Kritiker verspotten oder sich davon ablenken.

Denn ist es nicht glasklar, hier ist der innere Kritiker am Werk! Ich bin unter Attacke und ich muss mich wehren!

Aber Halt, nicht so schnell. Was, wenn alles, was Sie über den inneren Kritiker wissen, nicht mehr stimmt?

Herausfinden können wir das nur, indem wir anfangen zuzuhören. Hier sind 3 neue Sichtweisen auf das Phänomen, was normalerweise der „Innere Kritiker“ genannt wird.

Der innere Kritiker hat tiefe Sorge um Sie

Nehmen wir ein Beispiel. Stellen Sie sich vor, Sie stehen unter einer heftigen Attacke: „So wie du bist, wirst du es niemals schaffen, einen passenden Partner zu finden.“ – Ist es möglich, mehr zu hören als die reine Anklage? Ist es möglich, sich zu behaupten und hinzusehen, anstatt gleich in Reaktion zu verfallen?

Es ist hilfreich zu wissen, dass es immer einen wichtigen Grund für eine Attacke gibt: Eine tiefe Sorge. Mit diesem Wissen ist es möglich, sich dem Kritiker zuzuwenden, anstatt zum Gegenangriff überzugehen oder der niederschlagenden Bewertung einfach zuzustimmen.

Ein erster, pragmatischer Ansatzpunkt ist die Umformulierung. Setzen Sie in einem inneren Dialog dazu einfach „Du machst dir Sorgen …“ oder „Kann es sein, dass du dir Sorgen machst …“ vor die eigentliche Attacke. Beispiel:

  • „So wie du bist, wirst du es niemals schaffen, einen passenden Partner zu finden“ wird im inneren Dialog zu
  • Ich nehme wahr, du machst dir Sorgen, dass ich es niemals schaffen werde, einen passenden Partner zu finden, so wie ich bin.

Durch diese innere Zuwendung wird die Sorge hinter der Attacke ernstgenommen, ohne dass ich mich dagegen wehren muss oder einfach nur zustimme. Ich tauche auf als starkes Gegenüber. Wenn Sie sich für die Sorge hinter der Attacke zu interessieren anfangen, dann fangen Sie einen konstruktiven Dialog an.

Dieser Dialog führt dazu, dass das Bild des attackierenden „innere Kritikers“ Risse bekommt. Kann es sein, dass hier etwas ganz anderes vorgeht, als ich dachte? Lassen Sie uns dazu einen weiteren Aspekt des inneren Kritikers anschauen.

Der innere Kritiker fühlt sich völlig hilflos

Der innere Kritiker ist selbstbewusst und mächtig – Oder? Nur auf den ersten Blick. Je mehr ich die Qualität einer Attacke wahrnehmen kann, ohne gleich darauf zu reagieren, desto deutlicher wird: Dieser Teil ist nicht nur voller Sorge, sondern auch hilflos. Er weiß nicht, wie er das angenommene Problem („du wirst niemals …“) verändern oder lösen kann. Stattdessen fühlt er sich hilflos und macht Druck. „Mach dies, mach jenes, sei anders, verhindere die Katastrophe…“

Die Anerkennung der Hilflosigkeit lässt den inneren Kritiker in einem völlig anderen Licht erscheinen. Es wird deutlich, wie verletzlich er mit seinem Anliegen ist, etwas Negatives für Sie abzuwenden. Womit wir auch schon bei dem dritten Aspekt sind.

Der innere Kritiker hat ausschließlich gute Absichten

Wir können sehen, dass die Absicht des inneren Kritikers gar nicht das Kritisieren ist. Es geht ihm nicht ums Zerstören oder Kleinmachen. In Wirklichkeit geht es darum, eine tief empfundene Sorge und Hilflosigkeit auszudrücken und eine gute Lösung dafür zu finden. Gepaart mit schlechter Kommunikation wird dies allerdings zur Kritik – und wer kennt das nicht? Wie leicht es ist, jemanden, den Sie lieben, für etwas zu kritisieren – und zwar weil Sie sich Sorgen machen!

Worauf ist der innere Kritiker angewiesen?

So gesehen ist der als „innere Kritiker“ bezeichnete Prozess auf Sie als lebendiges, abenteuerlustiges Gegenüber angewiesen. Auf jemanden, der sich liebevoll zuwenden kann. Wenn Sie verfügbar sind und frei zuhören können, was er zu sagen hat, dann können sich tiefe Veränderungen ergeben; und ein hilfreicher Weg zu mehr Empathie mit dem Kritiker ist das Erkennen der Sorge, Hilflosigkeit und der guten Absicht.

Es ist außerdem hilfreich von dem Etikett „Innerer Kritiker“ zu lassen, um den fundamentalen Wandel von der Kritik in einen unterstützenden Prozess nicht von vornherein zu blockieren. Besser wäre es, auf den Prozess hinzuweisen: „Da ist etwas in mir, das jetzt gerade kritisiert.“ So halten Sie die Möglichkeit offen, dass im nächsten Moment etwas Konstruktiveres entstehen kann.

All diese Informationen werden erst wirksam, wenn Sie sie nutzen, um mehr Empathie mit Prozessen in Ihnen zu erlangen, die voller Sorge sind und sich hilflos fühlen – und deshalb annehmen, dass harsche Kritik der einzige Weg ist, Sie vor einer befürchteten Katastrophe zu bewahren.

Dies in äußeren Beziehungen zu erkennen hilft, innere Kritik mitfühlend zu verstehen. Vielleicht haben Sie auch Erfahrung damit, zu kritisieren und zu attackieren wo Sie sich eigentlich Sorgen um jemanden machen? Ist dieser Zusammenhang sichtbar und verständlich geworden? Über Kommentare würde ich mich sehr freuen.