In der Liebe sind wir bereit, uns zu öffnen. Wir spüren, dass etwas Besonderes geschieht. Und scheitern oft an unseren Erwartungen und Ängsten. Doch es geht auch anders. Der Artikel stammt von Ruth Scheftschik, Therapeutin für Logotherapie und Existenzanalyse. © Ruth Scheftschik

(In diesem Beitrag steht zu Gunsten eines flüssigen Lesestils und damit eines besseren Verständnisses das Wort ‚Partner‘ für beiderlei Geschlechter; die Hinweise haben teilweise auch Gültigkeit in gleichgeschlechtlichen Paar-Beziehungen).

Neben der Berufsausübung ist Partnerschaft – mit oder ohne Gründung einer Familie – noch vor der Freizeitausübung für die meisten von uns der wichtigste Bereich des Lebens, den wir verwirklichen wollen und von dem wir Erfüllung und Sinn erhoffen. Ja, für immer mehr Menschen scheint eine befriedigende Paarbeziehung die überhaupt wichtigste Quelle von Sinn zu sein.

Dem zu widersprechen scheint die Feststellung, dass heutzutage Trennungen und Scheidungen an der Tagesordnung sind und wir eine immens hohe Zahl an Singles haben. Wie kommt dieser Widerspruch zustande? Darauf gibt es zwei Antworten: Gerade weil heutzutage von der Paarbeziehung so ungeheuer viel für das persönliche Leben erwartet wird, gerade weil die Ansprüche an sie so groß geworden sind, gerade deshalb scheitern so viele Menschen daran oder tun sich schwer damit den sogenannten ‚perfekten‘ Partner zu finden und bleiben auf Grund dessen über lange Zeit Single.

Aber auch die hohen Herausforderungen des Alltags selbst und die Ansprüche an den Lebensstandard, die es vermeintlich zu erfüllen gilt, stellen Partnerschaften und Familien auf die Dauer auf eine hohe Belastungsprobe.

Natürlich befriedigen diesen kurzen Aussagen in keiner Weise. Sie fordern natürlich weitere Fragen heraus: „Wie sieht das im Detail aus mit der hohen Erwartung an die Partnerschaft?“ „Was kann getan werden, um diese Diskrepanz aufzulösen?“ „Gibt es vielleicht nicht doch noch ein unentdecktes Geheimrezept, von dem nur sehr wenige wissen?“

Auf die beiden ersten Fragen will ich in dem heutigen Beitrag eingehen. Die dritte Frage ist schnell beantwortet: Es gibt kein allgemeingültiges Geheimrezept, nach dem Partnerschaft gelingen kann, denn jede Beziehung ist höchst individuell wie die Menschen, die an ihr beteiligt sind. Dennoch gibt es eine Reihe von grundlegenden psychologischen Gesetzmäßigkeiten im Zusammenleben, die für alle Formen der Beziehungen gleichermaßen wichtig sind, ganz speziell aber für Partnerschaften, in
denen allein durch das dichte Zusammensein ganz besondere Herausforderungen an den Einzelnen bestehen.

Diese psychologischen Regeln, die Spielregeln, zu kennen und zu beachten, gibt eine verhältnismäßig hohe Sicherheit, dass eine Partnerschaft stabil bleibt oder nach Krisen wieder stabil werden kann. Auf einige von ihnen werde ich zu sprechen kommen. Ich will berichten von Erfahrungen, die Paartherapeuten über eine Vielzahl von Jahren gemacht haben und von den Erkenntnissen, die daraus entstanden sind. Dabei dämmert am Horizont für uns alle eine Einsicht herauf, die noch so neu ist, dass kaum jemand davon Kenntnis hat.

Eigentlich geht es in der heutigen Zeit darum, alle unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, von denen die Partnerschaft eine Form von verschiedenen anderen ist, zu überdenken und auf ein neues Fundament zu stellen. Für Letztere bedeutet das im Besonderen, dass wir in unserem Partner immer wieder auch den Menschen sehen, der er unabhängig von seinem Geschlecht ist und anerkennen, dass er immer eine eigenständige Person ist und bleibt, deren hauptsächliche Aufgabe es eben nicht ist, uns glücklich zu machen, auch wenn die Phase der Verliebtheit uns etwas anderes vorgaukelt.

Partnerschaft bedeutet immer Ebenbürtigkeit, wie im Berufsleben ja auch, wenn z.B. zwei gemeinsam eine Firma führen. Partner füreinander zu sein, bedeutet ebenso, zu begreifen, dass jeder trotz eines gemeinsamen Beziehungsweges auch einen eigenen inneren Weg der Entwicklung hat, den er immer wieder auch ein Stück alleine gehen muss. Das alles zusammen ist der rote Faden, der sich durch die Partnerschaft ziehen sollte und an den sich weitere wichtige Fäden angliedern, wenn wir in Zukunft wollen, dass unser Weg Seite an Seite mit einem vertrauten Menschen von Dauer ist.

Der Autor Theo Fischer sagt in einem seiner Bücher: „Das komplizierteste und vielschichtigste Gebilde vielleicht unter den menschlichen Beziehungen sind jene Verbindungen, die wir gemeinhin als Liebesbeziehungen bezeichnen. Es verbirgt sich unter diesem irreführenden Sammelbegriff eine wahre Fundgrube extrem differenzierter Zusammenhänge menschlicher Bindungen und Abhängigkeiten und ebenso die Quelle von viel Leid und Verwirrung. Es gibt auch kaum einen Bereich, von dem uns aus der Vergangenheit und Überlieferung eine derartige Summe horrenden Unsinns überliefert ist, und wohl kein Thema ist mit so viel verfälschenden Deutungen behaftet wie die Liebe.“

Das hört sich sehr hart und ernüchternd an. Aber wie es bei allen Problemen ist, die wir lösen wollen – und so, wie Partnerschaft sich heute darstellt, gehört sie eindeutig dazu -, müssen wir genau hinschauen und den Mut aufbringen, uns auch unangenehme Tatsachen anzusehen und anzuhören, damit wir es dann in Folge besser machen können. Wollen wir uns nun alles einmal genauer betrachten, auch wenn der Rahmen für diesen Beitrag bei Weitem nicht ausreicht, um alles berücksichtigen zu können, was es zum Thema Partnerschaft zu sagen gibt.

Um an das eben erwähnte Zitat anzuschließen: Es gibt heute kaum ein Unterfangen, das mit so ungeheuren Erwartungen begonnen wird und das mit einer solchen Regelmäßigkeit fehlschlägt wie eine Liebesbeziehung. Die Definition von ‚Partnerschaft‘ – also, welche Ansprüche sie erfüllen und welchen Regeln sie folgen soll und was wir von ihr erwarten – hat sich im Verlaufe der zwei letzten Jahrhunderte sehr verändert.

Gerade in den zurückliegenden Jahrzehnten haben Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, der Ablauf des Arbeitslebens und die gesellschaftliche Struktur in einem rasanten Tempo Veränderungen erfahren. Diese nehmen Einfluss auf das persönliche Leben jedes Einzelnen und damit auch auf seine Beziehungen zu anderen Menschen. Insbesondere bei Partnerschaften tritt das deutlich zu Tage.

Werfen wir zunächst einmal einen allgemeinen Blick auf die Paarbeziehung, um nachher auf einzelne Aspekte einzugehen. Früher gaben Tradition, Religion und Konvention Richtlinien für das tägliche Leben und ganz speziell auch für das Zusammenleben in Ehe und Familie. Sie sagten uns, wie wir als Paare zu leben hatten und gaben der partnerschaftlichen Beziehung damit Stabilität. Das Zurücktreten dieser drei Bereiche im heutigen Leben bringt es mit sich, dass wir unseren partnerschaftlichen Weg alleine finden müssen, und zwar jedes Paar für sich ganz individuell.

Paarberater können zwar wichtige Hinweise oder Hilfestellungen bei festgefahrenen Problemkonstellationen geben. Die sich daraus entwickelnden Entscheidungssituationen muss jedes Paar jedoch alleine, bzw. jeder der beiden einzeln für sich, zu einem Ergebnis führen. Die Gesamtlage im partnerschaftlichen Bereich, wie wir sie heute vorfinden, ist nicht mehr so eindeutig wie früher und ist immer noch ungewohnt. Daher kostet es einige Anstrengung, um mit ihr zurechtzukommen.

Es gibt inzwischen viele Möglichkeiten des Zusammenlebens: als Paar verheiratet oder unverheiratet, in einer gemeinsamen Wohnung oder getrennt lebend; mit oder ohne Kinder. Wir leben entweder in einer gewachsenen Familie, als Patchwork-Familie oder alleinerziehend; es gibt aus beruflichen Gründen Wochenend-Beziehungen und Familien, in denen ein Elternteil –
meistens der Vater – nur am Wochenende anwesend ist. Dann sind Partnerschaften verschieden geschlechtlich oder gleichgeschlechtlich. Sowohl Mann als auch Frau können die Scheidung einreichen. Und ‚last but not least‘ gibt es das Single-Leben.

Beziehungsmuster aus früheren Generationen

Es ist auch deshalb so schwierig, uns mit dieser Situation wirklich wohl zu fühlen, weil wir trotz aller äußeren Veränderungen unbewusst noch tief sitzende, innere Bilder von partnerschaftliche Beziehung in uns tragen, die ein ganzes Stück weit den Vorstellungen der Generationen vor uns entstammen, sodass ein nicht erkannter Konflikt in uns entsteht, zwischen unseren inneren Prägungen und den äußeren Gegebenheiten.

Das verunsichert. Z.B. kann sich daraus ein schlechtes Gewissen entwickeln, das uns wider alle Vernunft an Verhaltensweisen festhalten lässt, die beim Einzelnen Leid verursachen und der Beziehungsgestaltung schaden. Deshalb ist es wichtig, nach diesen Bildern und Überzeugungen zu suchen, um sie uns anzusehen und zu schauen, in wie weit sie heute überhaupt noch lebbar sind und insbesondere an welchen Stellen sie die eigene Beziehung noch beeinflussen.

Dabei werden wir feststellen, dass einiges von den alten Regeln eigentlich nicht beziehungsfreundlich war, ja, nicht einmal menschenfreundlich. Zu früheren Zeiten spielte über Jahrhunderte hinweg für die große Mehrzahl der Menschen die Qualität der Beziehung eine untergeordnete Rolle. Emotionen und Liebesgefühle – also die erotisch romantische Seite einer Beziehung – waren nicht das Vorrangige, weswegen man eine Paarbeziehung begründete.

Wenn Gefühle dazu kamen, dann war das eine unverhoffte Zugabe. Die Ehe war ein vorgegebenes, selbstverständliches Lebensziel und diente hauptsächlich zur Zeugung der Nachkommenschaft und als Wirtschaftsgemeinschaft, in der man sich mit einer sich ergänzenden Rollenaufteilung gegenseitig brauchte, um das Überleben zu sichern. Eine Ehe anzustreben war die Norm. Diese Überzeugungen reichten noch weit bis ins letzte Jahrhundert hinein.

Eine Zweierbeziehung ohne Kinder als bewusste Wahl gab es so gut wie nicht. Kinderlosigkeit war eher ein beklagenswertes Schicksal. Für die Frauen bestand nur die Alternative Heirat oder Familie oder das Kloster; eventuell gab es für diejenigen, für die sich kein Mann zeigte, die Möglichkeit, bei der Familie eines ihrer Geschwister zu leben. Eine eigenständige Berufsausübung war bekanntlich für Frauen nicht möglich. Dieses Recht wurde ihnen nicht zugestanden. Diese Rollenverteilung war bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts noch fest in den Köpfen verankert.

Aber auch der Mann hatte durch die Familie einen Orientierungspunkt in seinem Leben und definierte sich ein Stück weit über sie. Insgesamt wurde Familie mit Sicherheit assoziiert. Paare konnten sich kaum trennen, weil es entweder den wirtschaftlichen Ruin bedeutet hätte oder weil Gesellschaft und Kirche es moralisch verurteilt hätten. Frauen hatten ohnehin nicht das Recht, die Scheidung einzureichen.

Erst die Emanzipationsbewegung im letzten Jahrhundert brachte deutliche Besserstellungen für die Frauen. Die erotische Seite wurde nach Abschluss der Gebärphase der Frau eher in außerehelichen Beziehungen unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit gelebt und teilweise von den Ehepartnern auch toleriert. Außerdem lebten die Menschen im Durchschnitt um einiges kürzer als heute, sodass es den Lebensabschnitt, in dem die Kinder aus dem Haus gehen und das Paar wieder alleine für sich ist, kaum gab.

Dementsprechend stand auch die dadurch erforderliche Neugestaltung einer Beziehung nicht zur Debatte. Unter Monarchen und Adligen war Heirat häufig ein politisches Mittel, um Machtansprüche auszudehnen; bei reichen Familien um Besitzstände zu sichern oder zu erweitern.

Einen großen Einfluss auf die Beziehungsgestaltung hatten die Moralvorgaben der Kirche. Dass Auswirkungen dieser jahrhundertealten Prägungen noch in uns vorhanden sind, ist nicht verwunderlich. Es ist erst wenige Jahrzehnte her, dass die gesellschaftliche Weiterentwicklung Fahrt aufzunehmen begann mit einem immer schneller werdenden Tempo, sodass in verhältnismäßig kurzer Zeit die Situation entstand, die wir heute vorfinden.

Man muss bedenken, dass die menschliche Psyche einen eigenen Rhythmus besitzt, der eher langsamer ist als schnell. Sie kann sich in gewissem Umfang veränderten äußeren Umständen zügig anpassen. Für umfassendere Entwicklungen braucht sie Zeit. Nicht umsonst heißt es, der Mensch sei ein Gewohnheitstier.

Wachstum

Ein wichtiger Begriff in Hinsicht auf gelingende Partnerschaft ist Wachstum. Wir sollten die Erkenntnis in unser Bewusstsein aufnehmen, dass der hauptsächliche Inhalt einer Partnerschaft neben einer möglichen Familiengründung persönliches Wachstum ist. Es geht darum, dass wir aneinander wachsen und miteinander und damit wächst auch die Beziehung als solche mit.

Partnerschaft ist keine Harmonieveranstaltung. Wenn wir in sie eintreten, sagt uns die Verliebtheit zwar, dass wir endlich am Ziel unserer Sehnsüchte und Träume seien und im Taumel der Gefühle fallen wir immer wieder darauf herein und glauben es. Wir meinen, es würde nun immer so bleiben: „Und sie lebten glücklich bis ans Ende Ihrer Tage und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie so noch heute.“ Und: „Bei anderen hat es vielleicht nicht geklappt. Uns wird es jedoch ganz bestimmt gelingen.“ Nein, wir sind nicht am Ziel! Die Realität ist: Wir sind ganz am Anfang.

Am Anfang eines gemeinsamen Projektes, am Beginn einer Vision von einer speziellen Form des Zusammenlebens, die zu verwirklichen, wir uns entschieden haben. Das bedarf der Arbeit und der immerwährenden Pflege des jeweils schon Erreichten. Wir können die Tätigkeit eines Bildhauers als Vergleich heranziehen: Der Bildhauer hat zunächst eine Idee von einer Figur, die er gestalten will. Vor ihm steht der rechteckige Steinblock und er beginnt nach und nach daraus die Gestalt zu befreien, die er sich vorstellt und gibt ihr immer mehr Feinschliff.

Der Arbeitsfortschritt wird nicht geradlinig verlaufen. Immer wieder muss er einen Schritt zurücktreten, um sein Werk besser betrachten zu können und um deutlicher zu erkennen, wo noch etwas unpassend ist. Und dann wird er wieder neu ansetzen. Auch bei der partnerschaftlichen Beziehung besteht zu Beginn ein Entschluss. Was daraus wird hängt von unserem Engagement und Arbeitseifer ab. In der Phase der Verliebtheit schweben wir. Da geht alles wie von selbst. Wenn dann der Hormoncocktail, der in dieser Phase wirksam ist und den die Wissenschaft inzwischen schon sehr genau erforscht hat, in seiner Wirkung nachlässt, gilt es, die eigentlichen Qualitäten, die eine Partnerschaft ausmachen, zu entwickeln und herauszuarbeiten.

Und das bedeutet fortwährendes Engagement und Arbeit, die allerdings dann auch ihre Früchte tragen, indem die Partnerschaft an Stabilität, Tiefe und wahrer Liebe gewinnt. Darin enthalten sind dann neben aller Arbeit auch die schönen Phasen der Beziehung, die wir uns so sehr wünschen. Der Paarcoach Mathias Voelchert hat einem seiner Bücher den Titel gegeben: „Chancen verlieben sich“. Er meint damit, dass die Verliebtheit ein Magnetismus ist, oder wir können auch sagen die Initialzündung dafür, dass sich zwei Menschen überhaupt in der Weise aufeinander einlassen können, dass sie bereit sind, sich auf dem ganzen Lebensweg oder zumindest auf einem großen Teil davon zu begleiten, um die Hauptsache anzugehen, nämlich aneinander persönlich zu wachsen.

Der eigentliche Weg beginnt erst, wenn die Hochgefühle der Verliebtheitsphase nachlassen. Worauf es dabei ankommt, damit der weitere Weg gut gelingen kann, das beschreibt er dann im Buch. In einer Paarbeziehung zu leben ist genaugenommen ungleich schwerer als alleine zu leben. Sie ist die dichteste Beziehung, die zwischen zwei Menschen möglich ist neben der Mutter-Kind-Beziehung bzw. Eltern-Kind-Beziehung. Diese Ähnlichkeit ist auf unbewusster Ebene sogar nicht selten Ursache von Partnerschaftskonflikten, nämlich dann, wenn die Beziehung zu Mutter oder zu Vater in irgendeiner Weise gestört war und/oder eine Loslösung von ihnen nicht vollständig stattgefunden hat. Und das kommt häufiger vor, als wir ahnen. Später etwas mehr dazu.

Wenn wir alleine leben, brauchen wir nur für uns selbst Sorge zu tragen. In der Paarbeziehung müssen wir an drei Stellen gleichzeitig präsent sein, wenn wir wollen, dass sie lebendig bleibt. Wir sollten den Partner als einzelnen Menschen im Auge haben, aber in gleicher Weise auch uns selbst genügend Aufmerksamkeit geben. Und wir müssen uns um das Gemeinsame in der Beziehung kümmern und es pflegen.

Wenn dann noch Kinder hinzukommen, brauchen diese selbstverständlich genauso Zuwendung. Partnerschaften brauchen ebenso wie Freundschaften Pflege. Auch hier wieder ein Vergleich: Wollen wir einen harmonisch gestalteten Garten haben, in dem wir uns wohlfühlen, werden wir pflanzen, gießen, düngen, Unkraut jäten, damit er nicht verwildert.

Nochmals: Was ist denn passiert durch den Wegfall von traditionellen, konventionellen und religiösen Richtlinien, durch die beschleunigten Veränderungen in der heutigen Zeit und durch den erhöhten Druck im täglichen Leben? Es ist das passiert, dass in vielen Bereichen des Lebens ein Vakuum entstanden ist; dass wir einen haltgebenden Rahmen verloren haben. Und so erhoffen wir uns Halt und Ausgleich in unserer Partnerschaft.

Sie scheint noch der einzige Ort zu sein, der es uns ermöglicht loszulassen und Kräfte zu tanken; der Ort, an dem wir uns geborgen fühlen können; wo wir endlich keine Rollen spielen müssen, sondern so sein können wie wir sind. Sie soll auch ein Ort sein, an dem wir im Gegenzug zur rational-kühlen und gefühlsarmen Welt vorbehaltlose emotionale Bestätigung und Stärkung erfahren können. Sie soll uns die Form von Liebe bringen, die wir durchweg alle grundsätzlich von Herzen suchen und ersehnen; eine beständige, eine gleichbleibende, allumfassende Liebe ohne Einschränkungen, also eine absolute Liebe, die eigentlich nur die Religionen versprechen können in ihrer Zusage eines paradiesischen Zustandes im Jenseits, bzw. in einer Verschmelzung mit dem Göttlichen oder der großen All-Einheit. Mit diesem immensen Anspruch an das ‚Du‘ gehen heute viele in eine Paarbeziehung.

Damit ist jedoch jeder Mensch überfordert. Aus diesem unerfüllbar hohen Anspruch kommt die Enttäuschung; rasch zerbrechen die Beziehungen und die Suche geht von vorne los nach dem “absoluten“ Beziehungs-Glück. Und dann setzt sich das so fort.

Es ist heute also gerade anders herum als früher: Das Einzige, was einer Paarbeziehung Stabilität zu garantieren scheint, ist nicht der äußere gesellschaftlich vorgegebene Rahmen, sondern die Frage, welche Qualität sie besitzt, ob die jeweiligen Partner die Beziehung noch als befriedigend erleben, ob man sich gegenseitig noch spürbar liebt. Das Rad der Zeit lässt nicht mehr zurückdrehen.

Wohin die gesellschaftliche Entwicklung gehen wird, können wir nicht voraussagen. Die Paarbeziehung bleibt aber dennoch einer der wichtigsten Aspekte im Leben. Wir müssen ihr helfen. Mit dem inzwischen vorhandenen psychologischen Wissen haben wir heute vielleicht zum ersten Mal die Chance eine Form von Paarbeziehung zu kreieren, die wirklich den Namen Partnerschaft verdient, weil sie sowohl den an ihr beteiligten Menschen gerecht wird als auch dem Miteinander.

Ich habe das Gefühl, dass wir hier in einer Umbruchphase sind. Das Alte funktioniert nicht mehr, aber das Neue können wir noch nicht klar erkennen und deshalb auch noch nicht greifen, noch nicht begreifen. Wie eingangs bereits erwähnt: Ein neues Verständnis von Beziehung allgemein und von Partnerschaft im Besonderen ist von Nöten, damit das Leben tragfähig bleibt, trotz aller äußeren Komplexität und Veränderungen.

Ich habe bereits schon ein paar grundlegende Dinge in Hinblick auf die Paarbeziehung ausgeführt und will noch zu einigen weiteren Punkten kommen. Darüber hinaus gibt es noch eine große Anzahl an praktischen Hinweisen, die Sie in den Büchern nachlesen können, die ich Ihnen am Schluss empfehlen werde.

Verwechslung von Verliebtheitsgefühlen und Liebe

Ein erster Stolperstein in Hinsicht auf gelingende Partnerschaft ist das Wort ‚Liebe‘. Heute besteht die große Tendenz die Liebe zwischen Mann und Frau durchgängig gleichzusetzen mit dem emotionalen Liebeserleben, wie es in der Phase der Verliebtheit stattfindet. Werbung, Filme, Songtexte fördern diese Vorstellung. Die ersten Wurzeln dieses Beziehungs-Ideals entstanden zur Zeit der Romantik, der kulturgeschichtlichen Epoche zu Ende des 18.Jahrhunderts bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Deswegen sprechen wir von der romantischen Liebesbeziehung. Mit dazu gehört eine starke Fokussierung auf Erotik und Sexualität. Diese beiden Aspekte sollen dauerhaft und in gleichbleibender Intensität in der Beziehung enthalten sein und erhalten bleiben. Zur Liebe gehört aber mehr als nur Verliebtheit und mehr als Erotik. Wenn wir die Paarbeziehung nur am ‚verliebt sein‘ orientierten, müssten wir uns in gewissen Abständen immer wieder neue Partner suchen.

Die Chance einer Dauerbeziehung ist dabei nahe Null. Und so sieht es in der Realität ja auch auf weiten Strecken aus. Zu dem Ideal der Dauerverliebtheit gehört auch, dass davon ausgegangen wird, dass Gefühle der Zuneigung immer von ganz alleine kommen und bleiben müssen, wir also nichts dafür tun müssten, um sie zu erhalten. Entweder ist „Liebe“ – genauer gesagt Verliebtheit – da oder sie geht und dann geht man eben auch aus der Beziehung heraus und sucht die nächste.

Die Verliebtheit, sie kommt von alleine und ist aus sich selbst heraus aktiv. Wahrhaft zu lieben ist anspruchsvoller. Es ist uns oft zu wenig bewusst, dass Liebe genährt und gepflegt werden will, wenn sie dauerhaft sein soll. Ich möchte betonen, dass ich nicht gegen die Verliebtheit wettern will. Mit der Überhöhung dieser Phase, indem sie zur dauerhaften Voraussetzung für eine Partnerschaft gemacht wird, tun wir uns jedoch selbst nichts Gutes. Damit machen wir uns letztlich unglücklich.

Ich denke, wir täten gut daran, unseren jugendlichen Kindern davon zu erzählen, damit sie es zumindest einmal gehört haben und dadurch eine Grundlage bekommen, wenn sie später ernsthaft nach einer Dauerbindung suchen. Wenn sie rechtzeitig darum wissen, helfen wir ihnen damit, die Wahrscheinlichkeit für länger anhaltende Beziehungen zu erhöhen. Sie sollten wissen, dass
Verliebtheitsgefühle nicht das gleiche wie Liebe sind und sie nicht als das Zentrale einer dauerhaften Partnerschaft anzusehen sind.

Projektion und Spiegelung

Bei meinem nächsten Hinweis, um den zu wissen wichtig ist, geht es um die Spieglung und um die Projektion in einer Paarbeziehung. Was sich hier zeigt, spielt sich auf unbewusster Ebene ab. Wenn wir jedoch darum wissen, können wir manche Paarproblematik besser lösen und einander besser verstehen. Hierbei geht es um das, was ich vorhin schon einmal erwähnte: Um ungelöste Schieflagen in den emotionale Kindheitserfahrungen mit den Eltern, die in die Beziehung mit hinein genommen werden. Sie werden auf den Partner projiziert, der dann als Ersatz für Vater oder Mutter dient, und das geben soll, was man von den Eltern nicht bekommen hat; der Mann nicht von der Mutter, die Frau nicht vom Vater.

Das kommt nicht selten vor. Der eine spiegelt dem anderen einen inneren Mangel- Zustand, den jeweils jeder bei sich erkennen und für sich bearbeiten sollte, anstatt einen Ausgleich dafür vom Partner zu fordern. Wir lieben hier unbewusst nicht den anderen um seiner selbst willen, sondern wegen eines ungestillten Bedürfnisses aus der Kindheit und hoffen, es – wenn nicht damals von den Eltern -, so doch heute vom Partner erfüllt zu bekommen. Das ist eine sehr ungünstige und fatale Ausgangslage für eine Partnerschaft, die jedoch – wie schon erwähnt – gar nicht selten vorkommt.

Aus diesen ungelösten Themen erwachsen dann verschiedene typische Verhaltensweisen und Ansprüche an den Partner. Ein Beispiel ist die übermäßige Einheits-Sehnsucht, ein starkes Symbiose-Bestreben oder Verschmelzungs-Verlangen. Zur Phase der Verliebtheit gehört solches dazu. Soll eine Partnerschaft andauern, ist es allerdings schädlich. Es findet hierbei eine
völlige Fixierung aufeinander statt, ohne dass ausreichend Freiraum für den Einzelnen besteht. Alles soll gemeinsam und nie ohne den anderen geschehen. Das geht soweit, dass man keine eigenen Hobbies pflegt, nur gemeinsame Freunde hat, sogar für den anderen mitdenkt und dieser kaum noch eigenverantwortlich handeln kann.

Bei längerer Beziehungsdauer erstickt die Beziehung in sich selbst. Es kann sich hieraus immer wiederkehrender Streit entwickeln. Streit entsteht also nicht nur dort, wo man sich wegen gegensätzlicher Standpunkte nicht versteht, sondern auch, wenn man wie hier zu sehr beim anderen ist; wenn die Beziehung zu eng ist.

Schwierig ist es genauso, wenn dieser Symbiose-Wunsch nur von einem Partner ausgeht. Das führt zu einem Totalanspruch an den anderen mit dem Leitsatz:„ Du hast immer für mich da zu sein und nur für mich. Wenn du das nicht tust, liebst du mich nicht mehr“. Eifersuchtsdramen sind damit verbunden, unterschwellige Druckausübung und Manipulation oder auch übermäßige Anpassung aus Angst, den anderen zu verlieren.

Um eine stabile Partnerschaft zu begründen, sollten beide sich auch für den Hintergrund des anderen interessieren, für die Lebensgeschichte und Kindheitserfahrungen, und mit ihm darüber auch immer wieder reden können. Auf diese Weise lassen sich solche ungelösten Themen entdecken und darauf beruhende, störende Verhaltensweisen des Partners besser verstehen. Beide können gemeinsam auf die Suche nach möglichen Zusammenhängen gehen. Wenn es dem Paar alleine nicht gelingt, diese Muster aufzuspüren und zu lösen, wäre es im Interesse der Beziehung wichtig, sich nicht davor zu scheuen professionelle Unterstützung mit einzubeziehen.

Schwierige Beziehungen sollten nicht gleich aufgegeben werden, solange nicht nach möglichen Ursachen gesucht wurde. Ungelöstes, Unklares sollte auch nicht einfach Jahr für Jahr hingenommen und mitgeschleppt werden. Von alleine und ohne Anstrengung lösen sich Beziehungsverstrickungen nicht; wird nichts getan, kommt es irgendwann dann doch zum Bruch. Gerade in dem sensiblen Bereich ‚Partnerschaft‘ ist Unterstützung von geschulten Menschen sehr hilfreich. So manche Beziehung kann dadurch gerettet werden.

Nebenbei erwähnt sei, dass ein starkes Verschmelzungs-Verlangen, insbesondere in der Sexualität, manchmal auch darauf hinweisen kann, dass ein Mensch mehr oder weniger bewusst auf einer intensiven spirituellen Suche ist nach der Quelle allen Lebens, ob wir sie Gott oder anders nennen wollen.

Wir spiegeln uns in der Partnerschaft aber noch etwas anderes. Wenn wir uns verlieben, dann begeistern wir uns nicht nur für die individuellen Eigenschaften des anderen, sondern wir erkennen in ihm zweierlei: Entweder wir sehen bewusst in ihm Seiten, die wir auch von uns selbst kennen, also jenes, das uns beide ähnlich macht. Das freut mich, weil ich im Spiegel des anderen mich selbst erkennen kann. Ich habe eine Rückmeldung und Bestätigung meiner selbst.

Auf unbewusster Ebene spüren wir im anderen aber auch Anteile von uns selbst, die wir noch nicht in ausreichendem Maße entwickelt haben. Wir bewundern ihn für diese Eigenschaften und würden eigentlich gerne selbst so sein wie er. Deshalb sind wir in der Verliebtheitsphase auch so inspiriert und zu Dingen fähig, die wir uns sonst nicht zugetraut hätten. Der andere rührt sie innerlich an und wir beginnen zu wachsen.

Ein Teil der Menschen geht dann tatsächlich in die Entwicklung, um dem anderen ebenbürtig zu sein, ein anderer Teil jedoch bleibt verzaubert stehen mit der Aussage „wir ergänzen uns so wunderbar und deshalb brauchen wir uns auch so dringend“. Diese Menschen bürden damit dem anderen Verantwortung auf, die eigentlich auch selbst übernommen werden könnte, würde man die Ansätze in sich entwickeln.

Dieses Beharren auf Ergänzung, ohne sich innerlich weiterzuentwickeln, kann auf Dauer eine Belastung für die Beziehung werden. Sie büßt an Lebendigkeit ein, wird starr, was sie schwächt und anfällig macht. Es geht hierbei um Handlungs- und Verhaltensweisen. Unterschiedliche Begabungen gehören nicht dazu.

Wir können aber am anderen auch Verhaltensweisen ablehnen, weil er uns darin eigene Blockaden oder unentwickelte Anteile spiegelt, die wir in uns selbst ablehnen. Um Begabungen geht es, wenn der eine im anderen Ansätze von individuellen Stärken erkennt, um die der andere selbst noch nicht oder noch nicht so recht weiß. Die Liebe unterstützt ihn dabei, sie zu erkennen und zu entwickeln. So liebt der eine beim anderen sozusagen diese Fähigkeiten aus ihm heraus.

Darüber hinaus projizieren wir auf den anderen Wunschvorstellungen, die wir von ihm haben, die seiner selbst jedoch nicht entsprechen. Wir können einen Menschen – und das gilt sogar auch in Bezug auf uns selbst – nur facettenhaft wahrnehmen, nie in umfassender Weise und in voller Tiefe. Deswegen fantasieren wir unbewusst uns ein Gegenüber zurecht, das wir gerne hätten und gehen mit diesem Bild von ihm in Verbindung. Um diesen Automatismus zu wissen ist wichtig, damit die Beziehung nicht ins Stolpern kommt. Das bedeutet, immer wieder einmal einen Schritt zurückzutreten und mit Offenheit und Achtsamkeit den anderen wahrzunehmen, um weg zu kommen von unserer Schablone und neue Facetten an ihm zu entdecken, die tatsächlich die seinen sind.

Nähe und Distanz

Ein weiteres wichtiges Thema, das in der Paarbeziehung falsch eingeschätzt wird, ist der Wechsel von Nähe und Distanz. Es bereichert und belebt die Beziehung, wenn jeder auch ein Refugium für sich hat, entweder räumlich und/oder im übertragenen Sinne, etwas, dass er ohne den Partner macht, nur für sich selbst. Es ist auch wichtig zu wissen, dass es normal und natürlich ist, dass im gesamten Verlauf einer Partnerschaft Phasen von Nähe und Distanz abwechseln.

Gerade weil jeder eine eigenständige Person ist, von der das Leben im Laufe der Jahre eine individuelle innere Entwicklung fordert, ist es manchmal notwendig, dass sich der Einzelne dafür aus dem Gemeinsamen ein Stück weit zurückziehen muss, um Erfahrungen, die nur ihn persönlich betreffen, verarbeiten zu können oder um mehr zu sich selbst zu finden. Nähe kann auch nur dann richtig wertgeschätzt werden, wenn auch Abschnitte der Distanz dazwischen liegen, in denen man sich auf Nähe wieder freuen kann.

Nur Nähe erschafft Aggressionen. Wenn dann wie beim Symbiose-Verhalten noch ein Beharren auf Harmonie besteht, das die Aggressionen unter dem Teppich kehrt, bildet sich mit der Zeit eine explosive Mischung im Untergrund. Wenn diese nicht nach außen gelangen kann und nach innen genommen wird, dann ist das ein Nährboden für körperliche Krankheiten oder auch für schwere psychische Belastungen, Energieverlust, depressive Verstimmungen.

Im Menschen ist beides veranlagt, wenn auch bei den Einzelnen in einem unterschiedlichem Verhältnis: Der Wunsch nach Gemeinschaft und Verbindung einerseits und das Bedürfnis nach Unabhängigkeit/ nach Autonomie andererseits. Die Auseinandersetzung mit sich selbst muss in einer Paarbeziehung möglich sein, sonst erstirbt sie allmählich.

Partner, die offen über alles miteinander reden können, was sie beschäftigt und bewegt, unterstützen einander dabei, den eigenen persönlichen Entwicklungsweg zu gehen. Emotionale Rückenstärkung und hier und da auch praktische Hilfe gehören ebenso dazu, wie dem anderen die Möglichkeit zu einem zeitweiligen Rückzug aus dem Gemeinsamen zuzugestehen, damit er seine inneren Entwicklungsschritte machen kann, die gerade anstehen.

Selbstverständlich meine ich nicht damit, dass dann mutwillig Abenteuer unternommen werden, die die Beziehung aufs Spiel setzen. Es geht um innere Prozesse, die aber ab und an auch einmal einer zeitlich begrenzten, räumlichen Distanz bedürfen. In einer guten Paarbeziehung muss beides gleichermaßen beachtet werden: die bewusste Pflege gemeinsamer Ziele und die gegenseitige Unterstützung bei der individuellen Persönlichkeitsentwicklung.

Partnerin und Partner als Mensch

Um für unsere jetzigen Paarbeziehungen und für die zukünftigen Zeiten für sie eine stabile Grundlage zu entwickeln, sollten wir zunehmend immer wieder einmal eine Perspektive einnehmen, die derzeit vielleicht noch seltsam anmutet: Es geht darum, uns immer wieder bewusst werden zu lassen, das Partnerin oder Partner in erster Linie ein Mensch ist und nicht Frau oder Mann. Zudem geht es darum, dass uns bewusst bleibt, dass die Beschreibung ‚mein Mann‘, meine Frau‘ oder ‚meine Partnerin‘/‘mein Partner‘ zwar ein Aufeinander-bezogen-sein und eine gewisse Verbindlichkeit, die wir einander zugesagt haben, ausdrücken, dass aber diese Begriffe niemals einen Besitzanspruch begründen.

Im Umgang miteinander sollten wir immer wieder einmal über die männlichen oder weiblichen Attribute – sei es der Körper oder seien es geschlechtstypische Verhaltensweisen und Eigenschaften – hinwegsehen und nur den Menschen im anderen sehen. Auf der puren menschlichen Ebene sind Mann und Frau vollkommen gleich. Beide haben dieselbe Sehnsucht nach Glück, bedingungsloser Liebe, Achtung, Harmonie, Selbstverwirklichung. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein männlicher oder ein weiblicher Körper Träger dieser Wünsche und Hoffnungen ist.

Auf dieser Ebene ist die geschlechtliche Polarität zusammengeführt, die Spannung aufgehoben und zu innerem Frieden gewandelt. Auf dieser Ebene ist jeder in sich ganz und vollständig und braucht keine andersgeschlechtige Ergänzung, eine zweite Hälfte. Auf dieser Ebene begleiten sich zwei vollständige Menschen ohne innerem Mangelgefühl, das der andere ausgleichen soll.

Wenn wir in einer Paarbeziehung den Menschen, die Person, im Körper des anderen sehen unabhängig vom Geschlecht, dann fallen viele unausgesprochene Ansprüche weg, egozentrische Bedürfnisse und Wünsche und wir bekommen Achtung vor dem rein menschlichen Wert des anderen, der häufig innerhalb von Beziehungen durch die Schablone der Geschlechtlichkeit und auch durch das ‚Aneinander-gewöhnt-sein‘ übersehen wird.

Diese Schablone trägt dazu bei, dass wir den anderen in unserer Fantasie nach unseren Wünschen gestalten, die er zu erfüllen hat, sodass wir ihn nicht so sehen, wie er wirklich ist, sondern wie wir ihn gerne hätten. Sie/er ist zu einer Illusion
geworden.

Freundschaft innerhalb der Paarbeziehung

Schauen wir uns doch eine sehr gute Freundschaft an: Freunde lassen einander Raum, sind an Wachstum und Entwicklung des Anderen interessiert, unterstützen einander im Rahmen des Möglichen und bitten, wenn sie selbst Unterstützung benötigen, anstatt zu fordern. Freunde halten trotz aller Verbundenheit einen rücksichtsvollen Abstand zueinander ein.

Und wie ist es bei Paarbeziehungen? Aus der Anfangsphase kennen wir dieses Verhalten ebenso. Wir geben uns jede erdenkliche Mühe. Aber wie schnell gewöhnen wir uns an den Partner und machen ihn zum Lückenbüßer und Dienstleister für unsere Wünsche und Bedürfnisse! Vertrautheit, die sich mit der Zeit einstellt, darf nicht dazu führen, dass wir den achtungsvollen Umgang miteinander verlieren.

Der Psychotherapeut Peter Schellenbaum schildert diese „Abnutzungserscheinungen“ so: „Das verbindende Ja in der ersten „glücklichen“ Zeit wandelt sich unmerklich zu einer gegenseitigen Anspruchshaltung, die seelisch trennt. Beide sitzen am selben Tisch und wollen versorgt werden. Jeder möchte seine eigenen Bedürfnisse befriedigt haben. Dass er gleichzeitig den anderen versorgen soll, verkompliziert die Sache und zieht unaufhörlich kleine Machtkämpfe und immer ausgeklügeltere Absprachen nach sich, um deren Wortlaut mit oder ohne Worte gestritten wird. Das anfängliche Ja ist aus dem Zentrum gerutscht und klebt jetzt an der Oberfläche zur Legalisierung des Versorgungsinstitutes, das beide gemeinsam betreiben.“

Wollen wir eine stabile, zufriedenstellende Paarbeziehung auf Dauer, müssen wir lernen, die Partnerschaft zwischendurch immer wieder auch als Freundschaft zu sehen, in der zwei eigenständige Menschen verabredet haben, sich gegenseitig zu begleiten. Beide sollen sich gegenseitig als unabhängige Individuen respektieren, deren Verabredung allerdings auch fordert, dass beide ein Augenmerk auf das Verbindende legen und es pflegen, damit die Verbindung überhaupt eine Freundschaft oder Partnerschaft darstellt.

Aushandeln

In diese Perspektive hinein gehört auch der Begriff des Aushandelns. Wenn Individuen zusammen sind, gibt es immer auch unterschiedliche Ziele und Standpunkte. Die veränderte Arbeitswelt und die Globalisierung bieten heute für etliche Menschen wechselnde Möglichkeiten zur beruflichen Selbstverwirklichung. Das bedeutet, auch immer wieder Angebote in einer anderen Stadt oder sogar im Ausland zu erhalten. Oder eine neue berufliche Herausforderung benötigt mehr Arbeitsstunden.

Das geht meist zu Lasten von Familie und Partnerschaft und kann zu Zerreißproben führen. Aber auch auf vielen anderen Gebieten existieren Interessensunterschiede. Was tun in Hinblick auf eine Paarbeziehung oder eine Familie? Ist eine Familie vorhanden, insbesondere mit kleinen Kindern, sollte der Schwerpunkt bei Entscheidungen der sein, dass die Konsequenzen der Familie nicht schaden, dass die Familie nicht darunter leidet. Andernfalls hätten man sie nicht als Lebenskonzept wählen dürfen.

Als Single sind wir frei und können tun und lassen was wir wollen. Sobald wir in ein Beziehungssystem eintreten, seien es nur zwei Menschen oder sei es eine Familie, bedeutet es unweigerlich ein Stück weit Begrenzung der eigenen Möglichkeiten. Wir können nicht in einer Bindung sein und uns gleichzeitig so verhalten, als seien wir ungebunden. Das funktioniert nicht.

Es sollte uns immer bewusst sein, dass wir uns durch die Entscheidung für eine Paarbeziehung oder für eine Familie auch etwas erhoffen und durch sie erhalten, das uns ebenso wie die Selbstverwirklichung in Beruf oder anderswo etwas bedeutet und uns viel Wert ist. Ein großes Problem in unserer heutigen Gesellschaft ist, dass ganz oft zu viel auf einmal gewollt wird und es
schwer fällt, auszuwählen und sich zu begrenzen nach dem Leitsatz ‚Weniger kann oft mehr sein.‘

Partner oder Partnerin und Familie, die wir gewählt haben, sollten nie selbstverständlich werden wie ein Möbelstück, das jahrein – jahraus an derselben Stelle steht. Beziehungen sind dynamische Systeme, in denen laufend Bewegungen stattfinden, mit denen wir mitgehen müssen und die achtsam ausgependelt werden sollten, wollen wir das System erhalten. Es gibt zwar unweigerlich auch immer wieder solche Situationen, in denen es am Sinnvollsten ist, das System aufzulösen – also eine Trennung -, und das möglichst in achtsamer Weise.

Aber unser Wunsch ist es ja genau genommen, dass das nicht nötig wird. Deshalb bedarf es des Respektes und des Einsatzes für das, was wir uns wünschen und das uns am Herzen liegt. Es ist mir natürlich bewusst, dass die Berufs- und Arbeitswelt auch nicht selten Situationen hervorruft, die nicht der freien Wahl unterliegen und die Familien und Beziehungen gleichzeitig unter Druck setzen.

Hier gilt es in der individuellen Situation zu schauen, inwieweit noch Nischen für Entlastungsmöglichkeiten vorhanden sind und ob früher oder später nicht doch auch die Suche nach einer Alternative zur bestehenden Arbeitssituation aufgenommen werden sollte.

Bei einer Zweierbeziehung ohne Kinder muss ebenso das Für und Wider sachlich erwogen werden, um zu erkennen, was der Beziehung schadet und was sie verkraften kann, wenn wir sie behalten wollen. Das gilt es qualitativ auszuhandeln und nicht quantitativ. Quantitatives Aushandeln würde bedeuten: „Ich war einverstanden damit, dass du dieses und jenes machst und jetzt will ich genauso oft dein Einverständnis für Dinge, die ich für mich machen will.“ Beim qualitativen Aushandeln liegt das Augenmerk auf den Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten beider Partner unter Berücksichtigung der Beziehung, damit sie nicht zu Schaden kommt.

Kommunikation

Zum Schluss hin will ich noch einen sehr wichtigen Bereich ansprechen: Die Kommunikation. Kommunikation ist eine Wissenschaft für sich. Nicht nur als Forschungsgebiet an den Universitäten, sondern ganz konkret im Umgang miteinander, angefangen von der großen Weltpolitik bis hin zum Austausch zweier Menschen.

Wir denken normalerweise, miteinander zu reden sei doch ganz einfach. Dabei kann aber ziemlich viel schief laufen, ganz besonders bei Paarbeziehungen. Auch wenn die Zeit heute Abend nicht ausreicht, um detailliert darauf einzugehen, möchte ich doch wenige Hinweise geben. Kommunikation findet grundsätzlich auf zwei Ebenen statt. Die eine ist die Sachebene, bei der es um die Mitteilung von reinen Informationen geht. Die andere ist die Beziehungsebene, auf der Gefühle und Empfindungen im Spiel sind. Häufig werden – insbesondere bei schon etwas länger andauernden Beziehungen – die beiden Ebenen verwechselt. Der eine will auf der Sachebene etwas mitteilen, der andere empfängt die Botschaft aber auf der Beziehungsebene. Und schon ist ein Missverständnis entstanden.

Darum gilt es bei Meinungsverschiedenheiten darauf zu achten, welche Ebenen sich gerade begegnen, und sich das gegenseitig bewusst zu machen. Zum Gelingen einer Partnerschaft gehört grundlegend, dass beide immer im Gespräch bleiben und nicht wortlos nebeneinander her leben. Zu einem Gespräch gehört neben dem Reden auch ein interessiertes Zuhören mit einer inneren Beteiligung. Auch wenn immer wieder behauptet wird, Männer könnten schlecht zuhören, setze ich dagegen: Sobald wir uns auch in der Kommunikation vom Geschlechterbild befreien und uns von Mensch zu Mensch begegnen, dann gelingt es beiden, aufmerksames und achtsames Zuhören für den anderen zu aktivieren und zu üben.

Ebenso sollten wir uns grundsätzlich bemühen, respektvoll miteinander zu reden. Wenn die Emotionen hochkochen, ist heftiger Streit manchmal nicht zu vermeiden. Er sollte jedoch nicht verletzend sein und danach sollte wieder eine sachliche, versöhnliche Ebene gefunden werden können. Man könnte das als ‚gesunden Streit‘ bezeichnen. Solch ein Streit kann reinigend und klärend sein für den Gefühlshaushalt des Einzelnen und für den der Beziehung.

Schädlicher im Gegensatz dazu ist, wenn alles aus einem überzogenen Harmoniebedürfnis unter den Teppich gekehrt wird. Zu einer liebevollen Paarbeziehung gehört, wenn das Paar es lernt, die individuellen Interessen so zu vertreten, dass es ohne – jedenfalls ohne verletzenden – Streit abgeht, indem aufeinander Rücksicht genommen wird; indem man auch einmal zu Kompromissen bereit ist. Auch gehört dazu, neben Störendem immer auch das Positive am anderen wahrzunehmen und ihm dies von Zeit zu Zeit mitzuteilen.

Jetzt bin ich gleich am Ende des Beitrages angelangt. Bislang habe ich eine Überblick gegeben, wo wir heute mit unseren Paarbeziehungen stehen und einige zentral wichtige Aspekte beleuchtet, die es zu beachten gilt, wenn wir wollen, dass heute und zukünftig unsere Partnerschaften tragend und wohltuend sein sollen. Es gibt noch eine ganze Menge andere Verhaltensweisen, die wir als Zutaten für eine gute Beziehung brauchen.

Ich will in Stichwortform noch ein paar nennen, die sie bitte detaillierter in den genannten Büchern nachlesen, wenn Sie mögen.
· Die eigenen Grenzen rechtzeitig deutlich machen
· Verzeihen können und Verletzungen wieder gut machen
· Bei Alltagsproblemen gut miteinander kooperieren,
· Bewusste Zeiträume für die Zweisamkeit schaffen, sowohl für Unternehmungen als auch für Sexualität
· Andererseits die Sexualität nicht überhöhen u. nicht zum Zentralen der Beziehung machen
· Krisen als Entwicklungschancen nehmen
· Ziele definieren
· Abgrenzung zur Herkunftsfamilie herstellen

Um wieder an das Zitat vom Anfang anzuknüpfen: Die Paarbeziehung ist ein ungeheuer komplexes Gebilde und durchzogen von ungemein vielen Wechselwirkungen und differenzierten Beziehungsfäden. Das Problem ist, dass die Verliebtheit uns dazu verführt, dass wir glauben, wir könnten mit unserer Paarbeziehung einfach nur drauf losmarschieren ins Blaue hinein mit der
Illusion, dass alles glatt gehen wird.

Gerade in der heutigen Zeit sind wir darauf angewiesen, dass wir so viel wie möglich über die Wechselwirkungen zu wissen bekommen. Dafür gibt es inzwischen viele Bücher, wobei ich die vorgeschlagenen als besonders empfehlenswert empfinde, da sie auch vom Aufbau her gut zu lesen sind. Dann gibt es Beiträge wie diesen hier und Seminare. Und es gibt die Paarberater, die unterstützen können, wenn es zu kompliziert geworden ist. Ich bin der Meinung, wir sind es unserem Wohlergehen und unseren Beziehungen schuldig, dass wir uns auf den Weg machen, um uns umfassend zu informieren, damit wir dann allmählich das Gespür dafür bekommen können, wie wir sie zu unserer Zufriedenheit gestalten oder umgestalten können.

Vielleicht hilft Ihnen noch ein weiterer bildhafter Vergleich für die Paarbeziehung: Ich sehe sie als Baum vor mir. Das Geäst sind die Spielregeln, die ein partnerschaftliches Leben durchziehen und ihm Form und Struktur geben. Das Blätterkleid sind unsere ganz individuellen Eigenschaften, derentwegen wir uns gegenseitig lieben und die unsere Beziehung einzigartig machen.

Der Stamm, von dem alles andere Regelwerk abzweigt, ist die zentrale Linie, an die wir uns grundsätzlich halten sollten: Einzusehen und anzuerkennen, dass Partnerin oder Partner immer auch ein eigenständiger Mensch ist, auf den wir kein Anrecht haben; den es in seinem Menschsein zu achten gilt unabhängig von seiner Geschlechtlichkeit; die oder den wir respektvoll behandeln trotz unvermeidlichen Meinungsverschiedenheiten und Problematiken.

In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie von diesen Ausführungen einige Impulse mitnehmen können, entweder um zu erkennen, dass Sie in Ihrer Partnerschaft eigentlich vieles bereits richtig machen oder um umzudenken und gemeinsam mit Partner oder Partnerin neue Ansätze für Ihre Beziehung zu finden.

Literatur (Amazon Partnerlinks):
Chancen verlieben sich – Mathias Voelchert Trennung in Liebe – Mathias Voelchert Die Kunst als Paar zu leben – Hans Jellouschek Liebe auf Dauer – Was Partnerschaft lebendig hält – Hans Jellouschek