Konflikte sind schmerzhaft und machen Angst. Es ist verlockend, sie zu vermeiden. Wenn ich Konflikte dagegen als etwas betrachte, das zum Leben und Wachsen grundsätzlich dazugehört, dann werde ich mich daran entwickeln. Ich kann wieder offen und neugierig sein. Dazu gehört die Erforschung von drei Perspektiven: Meine eigene, die der anderen Person und die Bedingungen, die zu unserem Konflikt mit beitragen. © Elmar Kruithoff

Sie finden auch, dass zwischenmenschliche oder innere Konflikte schwer auszuhalten sind und versuchen diese, wenn möglich, zu vermeiden? Dann willkommen im Club. Wäre es nicht schön, in einer Welt ohne diese Konflikte zu leben? Es kommt wahrscheinlich darauf an, wie man einen Konflikt betrachtet.

Schnelle Lösungen, um Schmerz und Angst zu reduzieren

Wenn Sie hauptsächlich den Schmerz und die Angst wahrnehmen, den ein Konflikt in Ihnen auslöst, dann liegt es nahe, nach einer schnellen Lösung zu suchen. Warum also nicht schnell dem zustimmen, was Sie eigentlich ablehnen würden; warum nicht lieber schnell nachgeben, damit alles harmonisch ist; oder warum sich nicht schnell dort durchsetzen, wo Sie über mehr Macht verfügen; oder denjenigen ignorieren, mit dem Sie einen Konflikt erleben?

Ja, solch schnelle Lösungen haben den entscheidenden Vorteil, die heftigen Gefühle und den Schmerz in einem Konflikt im Moment nicht mehr aushalten zu müssen. Stattdessen umgehen Sie all die Themen, die mit dem Konflikt verbunden sind; diese Themen sind oft schwer auszuhalten – es kann sein, dass Gefühle von Abhängigkeit oder fehlendem Selbstwert berührt sind; und gar nicht so selten gehen Konflikte direkt ans Eingemachte, die eigene Identität, die eigenen Rollen und Erwartungen.

Ein Beispiel

Ich nehme ein Beispiel von mir selbst: Wie viele innere und auch äußere Konflikte habe ich alleine dadurch erlebt, dass ich vor einigen Jahren aus Hamburg nach Kopenhagen gezogen bin. All diese Konflikte hatten mit meiner Identität zu tun, in diesem Falle mit meiner Herkunft, meiner Sprache, meiner Kultur, meinem Beruf und meiner neuen Rolle als Vater.

In dieser Zeit traf ich mehrere andere Ausländer, die dieses Problem scheinbar elegant gelöst hatten: Sie sagten mir, Sie hätten halt Ihre Kultur „aufgeopfert“  oder „aufgegeben“ oder sähen Ihre Zukunft halt „ausschließlich“ in Dänemark. Oh, wie gerne wollte ich Ihre frohe Haltung haben – und wie sehr widerstrebten mir die Lösungen, die sie für sich gefunden hatten.

Transformation anstatt schneller Lösungen

Nein, es gab keine schnellen Lösungen. Vielmehr lernte ich (wieder einmal), dass Konflikte aus zwei grundlegend unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden können.

  • Der Konflikt ist ein Problem, das ich möglichst schnell lösen muss, um von dem Schmerz und den heftigen Gefühlen loszukommen. Der Konflikt hat wenig mit mir und meinem Wachstum zu tun.
  • Der Konflikt ist heftig und schmerzvoll und ich nehme mir Zeit, ihn zu erforschen und kennenzulernen, um klarer zu werden und daran zu wachsen. Ich sehe den Konflikt als Möglichkeit wahr, Neues zu lernen und direkt aufzusuchen.

In Beispiel 1 nehme ich an dem Konflikt wahrscheinlich insbesondere den Schmerz bzw. die heftigen Gefühle wie Angst oder Wut wahr. In Beispiel 2 nehme ich den Konflikt eher als etwas wahr, das mich neugierig macht, mehr zu erfahren.

Die drei Perspektiven, um den Konflikt zu erforschen

Dieses „Mehr“, an dem ich interessiert bin, besteht letztlich aus mindestens drei Perspektiven.

Die erste Sichtweise ist meine eigene, so wie ich den Konflikt im Moment erlebe. Was ist aus meiner Perspektive wichtig; wo liegen die Gründe für diesen Konflikt? Was geht in mir vor?

Als Zweites kann ich den Konflikt aus der Sichtweise der anderen Person(en) betrachten – wie erlebt sie wohl diesen Konflikt? Wie erlebt diese Person mich in diesem Konflikt? Es ist auch möglich zu fragen, wie wohl ein Außenstehender den Konflikt beschreiben würde.

Zum Dritten ist es sinnvoll, eine etwas erweitere Perspektive einzunehmen: Gibt es noch andere Faktoren, die hier eine Rolle spielen? Spielen kulturelle Differenzen eine Rolle? Gibt es eine indirekt beteiligte, andere Gruppe oder Strukturen, z.B. die Familie oder den Arbeitsplatz?

Wichtig bei diesen Fragen ist, dass es nicht um Wahrheit oder Rechthaben geht. Sie können davon ausgehen, dass es immer etwas zu ergänzen gibt und auch immer noch weitere Perspektiven. Es geht um den Prozess des Beschreibens und Erforschens, mithilfe dessen Sie anfangen, mehr als „schnelle Lösungen“ zu finden.

Langfristig lernen Sie so, Konflikte als Lernmöglichkeiten zu begreifen und diese aktiv aufzusuchen, anstatt zu vermeiden.