Am Anfang einer Beziehung stehen Verliebtheit, ein wohliges Kribbeln im Bauch. Die Anwesenheit, ja alleine der Gedanke an den neuen Partner macht uns glücklich. Endlich, endlich sind wir im 7. Himmel. Vor uns liegt eine Welt voll Glückseligkeit. Die Welt um uns herum wirkt auf einmal farbenfroher und unglaublich freundlicher.

Was der andere macht, ist wunderbar. Wie sie geht, wie er spricht, wir können nicht genug davon bekommen. Es fühlt sich alles so viel besser an, als unsere bisherigen Beziehungen. Diesmal wird es anders.

Ja, natürlich wird es anders. Doch auch in der neuen Beziehung wird es Verletzungen geben. Das ahnen wir auch schon. Aber irgendwie wird es diesmal besser laufen. Und das kann es auch. Vor allem, wenn wir uns bewusst machen, dass es in jeder Beziehung, in jedem Miteinander auch Grenzüberschreitungen, Verletzungen geben wird. Die entscheidende Frage dabei ist, wie wir damit umgehen.

Jeder Mensch bringt seine Geschichte, seine Erziehung, seine Ängste, seine Vorlieben mit. So halten es manche zum Beispiel für üblich, dass es voreinander keine Geheimnisse geben darf. Also lesen sie wie selbstverständlich die Post, die Mails des Liebsten. Eine Annahme, die sicherlich nicht von jedem geteilt wird. Und schon gibt es Klärungsbedarf. Oder andere möchten so viel Zeit wie möglich mit ihrem Liebsten verbringen. Am besten den ganzen Tag. Das sagt wiederum auch nicht jedem zu. Manche brauchen mehr Zeit für sich und empfinden es als Einengung, wenn ständig jemand um sie herum ist.

Wir möchten uns nahe kommen. Sehr nahe. Dabei lässt es sich kaum vermeiden, die Grenzen des anderen kennenzulernen und auch manchmal zu übertreten. Gerade Menschen, die wir lieben, lassen wir ganz an dicht an uns heran. Das ist ja gerade eine Besonderheit einer Liebesbeziehung. Und je intimer die Grenzen sind, desto mehr schmerzt ein Übertritt.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Alexandra Maria Huber“]Gestehe jedem seine eigene Verletzlichkeit zu, Du willst die Deine doch auch gewahrt wissen.[/pullquote2]

Was sind entscheidende Schritte, um auf Verletzungen zu reagieren?

1 – Gestehen sie sich ein, dass Ihnen etwas nicht passt, Sie sich unwohl fühlen oder sehr traurig sind. Verharmlosen oder wischen Sie es nicht weg. Schauen Sie dem Schmerz in die Augen. So haben Sie ihn im Blick, anstatt das Unwohlsein zu unterdrücken. Es wird sich sowieso irgendwann wieder melden.

2 – Sprechen Sie die Grenzüberschreitung offen und möglichst zeitnah an. Reden Sie Klartext. Keine Anspielungen, keine Ironie, kein Zynismus, kein Rumeiern.

3 – Moralisieren Sie bitte nicht. Es geht nicht darum, ob irgendjemand Schuld hat. Damit würden wir uns auch indirekt über den anderen erheben.

4 – Hören Sie aufmerksam zu, wenn Ihr Gegenüber von sich erzählt. Hier geht es um Aufmerksamkeit. Fangen Sie also nicht an, sich zu rechtfertigen oder das Anliegen kleinzureden.

5 – Es geht nicht um sofortige Patentlösungen, sondern um Dialog und Anteilnahme. Manche Dinge können wir vielleicht schnell regeln, weil sie auf einfachen Missverständnissen beruhen. Andere Themen können dagegen schon an den Grundfesten der Beziehungen rütteln. Hauptsache sie liegen auf und nicht unter dem Tisch.

Indem wir jemanden nahe kommen, lernen wir auch uns auf eine besondere Weise kennen. Manches fühlt sich gut an, manches nicht so gut. Doch alles hilft uns, die eigenen Grenzen zu erkennen und wertzuschätzen. Und wenn wir auf diese Weise offen und vertrauensvoll miteinander umgehen, gewinnt die Liebe in der Regel an Tiefe. Trotz oder gerade weil wir viele Prüfungen gemeinsam bestanden haben.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Rumi“]Die Heilung des Schmerzes liegt im Schmerz.[/pullquote2]

Natürlich gibt es Kränkungen, die schwer zu verwinden sind. Oder vielleicht auch nie. Dann ist die Beziehung im Grunde genommen am Ende.

Vielen Menschen wohnt der Wunsch nach Harmonie inne. Sie möchten anderen auf keinen Fall weh tun. Doch lernen wir unsere und die Grenzen anderer nicht auch erst dadurch kennen, indem wir sie berühren und manchmal auch überschreiten?

Die Frage ist aus meiner Sicht also nicht, ob Verletzungen in der Liebe vermeidbar sind, sondern wie reif wir damit umgehen. Das ist natürlich kein Freibrief für den hemmungslosen Schlagabtausch. Frei nach dem Motto: Mal sehen, wie mein Gegenüber die Beleidigung wegsteckt.

Schreiten wir mutig und achtsam aufeinander zu. Um uns gegenseitig kennenzulernen, zu lieben, zu streiten, zu reflektieren, zu staunen und zu versöhnen.