Je größer die eigene Unsicherheit, desto mehr plagen uns Ängste. Und wir möchten keine Angst haben! Also suchen wir nach Sicherheit, etwas woran wir uns festhalten können. Doch können wir tiefes Vertrauen und Kraft außerhalb uns finden?

Erwin Schmäh lebt in der Nähe von Zürich und hat seine Berufung als Therapeut und Coach gefunden. Durch viele berührende Hypnose-Sitzungen, Lebens-Aufstellungen und dem Lebens-Integrations-Prozess nach Wilfried Nelles fühlt Erwin Schmäh sich gut für seine Arbeit gerüstet. Mit seiner sensiblen Wahrnehmung begleitet er Menschen zu mehr Selbstbewusstsein und individuellen Lösungen.

Wir wissen mittlerweile eine ganze Menge und materiell geht es den meisten recht gut. Aber sind wir deswegen glücklicher geworden? Stehen uns vielleicht Vorstellungen im Wege, was wir brauchen, um glücklich zu sein?

Wirklich wichtige Dinge wissen wir nicht. Sobald Wissenschaftler vorgeben eine Erklärung für etwas bisher Unbekanntes gefunden zu haben, beugen wir uns dankbar diesem „sicheren“ Wissen. Beispielsweise wie man sich gesund ernährt, welches Verhalten Krebs verhindert oder wie man seine Lebenszeit gewollt verlängert. Wir analysieren ständig nach dem Ursachen Wirkungsprinzip. Immer wollen wir mehr Wissen, um die Dinge zu kontrollieren und nicht mehr dem Zufall ausgesetzt zu sein. Wissen und Wissenschaft sind die Götter unserer Zeit.

Vermutlich sollten wir uns vermehrt dem Nichtwissen aussetzen und öfters dem Leben vertrauen: Vertrauen, dass es gut ist, so wie es gerade ist. Ständig auf der Suche nach dem vermeintlich Besseren zu sein, zu optimieren und Wissen zu wollen, lenkt den Einzelnen vom prallen Leben ab.

Im Leben zu stehen, alle Höhen und Tiefen mitzunehmen ist ziemlich wild, unsicher und bewegend. Wer das Leben wagt, so wie es dem Einzelnen geschieht, ist lebendig. Er empfindet Freude. Glücksmomente entstehen dann wie von selbst. Ich bemerke bei mir, dass es mich mehr bereichert, wenn ich mich der Freude öffne, als dem flüchtigen Glück nach zu jagen.

Was ist aus deiner Sicht der Kern unserer Ängste?

Vermutlich ist es die kindliche Angst des Einzelnen, seine Zugehörigkeit zu verlieren. Nicht mehr sicher, geborgen, genährt und geschützt zu sein. Allein und verlassen zu verhungern und zu sterben.

Häufig wollen wir im Erwachsenenleben die geglaubte Sicherheit unserer Kindertage zurück haben. Bekanntlich geht das nicht, trotzdem streben viele danach. Manchmal schleicht sich dann hinterrücks die Angst des Erkennens heran, dass das Leben ungewiss und endlich ist.

Dazu gesellt sich die Angst vor schmerzlichen Gefühlen der Kindheit und was ich wahrnehme, wenn ich mit mir selber in Beziehung trete.

Woran machst du fest, ob ein Mensch selbstbewusst handelt?

Ich glaube, echtes Selbstbewusstsein ist das Bewusstsein des Erwachsenen. Es ist erkennbar, wenn ein Mann oder eine Frau dem Leben vertraut, sein/ihr Alleinsein nimmt und gelernt hat, mit dem Herzen zu schauen. Das setzt voraus, dass man seine Vergangenheit als unveränderbar akzeptiert und im Alltag handelt, auch wenn vielleicht unangenehme Gefühle da sind. Anstatt sich zu fragen: Was will ich vom Leben, fragen sich selbstbewusste Menschen: Was will das Leben von mir?

Letzteres ist mehr eine Grundhaltung als eine Frage. Aber, es ist die Voraussetzung, um sich den Bewegungen des Lebens anzuschliessen. Demütig stellt man sich damit dem grossen Ganzen zur Verfügung. Übrigens hört man solche oder ähnliche Aussagen oft von grossen Künstlern. Vincent van Gogh schrieb beispielsweise in einem seiner letzten Briefe an seinen Bruder: „(…) ich kann nicht anders, ich muss Malen, (…) es macht mit mir wie von selbst jede Pinselbewegung..“

Inwieweit kann Coaching helfen, das eigene Selbstvertrauen zu stärken?

Als Coach und Therapeut versuche ich mich dem Leben anzuschliessen und wahrzunehmen was das Leben möchte. In den Aufstellungsprozessen, wie ich sie in meinen Seminaren moderiere, bedeutet das gewissermassen, sich in den Dienst des Grösseren zu stellen und schauen was sich zeigt. Vielleicht wird mit meinen Worten klar, dass sich dieser Prozess vollständig meinem Wollen entzieht.

Häufig geschieht es in diesem speziellen Prozess, dass jemand beginnt, sich seinem eigenen Leben zu öffnen; seiner unveränderbaren Geschichte, seiner Einzigartigkeit und damit auch seinem individuellen Sein. Sobald dann der Einzelne sieht, dass alles gut war so wie es war, verliert die Vergangenheit an negativer Kraft. Die Vergangenheit ist endgültig vorbei! Damit öffnet sich die vertiefte Erkenntnis, dass er alles richtig gemacht hat und nichts falsch war. Jetzt erschliesst sich demjenigen sein ganzes heutiges Potenzial, er beginnt vermehrt seiner Wahrnehmung zu vertrauen.

Es geht für mich als Coach und Therapeut also darum, dass sich der Einzelne vermehrt seinem eigenen Sein öffnet – dann geschieht alles von selbst.

Die verlockende Welt der grenzenlosen Möglichkeiten führt uns leicht in die Irre. Warum sind Grenzen wichtig?

Wir verschliessen uns häufig den natürlichen Grenzen und tun so, als ob es Grenzen nicht gäbe. Zum Beispiel haben wir das Leben nicht im Griff und versperren uns gegenüber der Tatsache, dass der Tod endgültig ist. Für mich ist der Tod etwas endgültiges und damit eine Lebensgrenze.

Üblicherweise setzt man den Kindern und Jugendlichen Grenzen, weil sie nicht wissen wo die Grenzen liegen oder sich den Grenzen widersetzen. Wer seine Grenzen nicht anerkennt, will seinen Einfluss und seine Macht ausdehnen, auf Kosten der Anderen. Ich glaube, Erwachsene anerkennen die natürlichen Grenzen in der Partnerschaft, Freundschaft und im Zusammenleben mit den Mitmenschen.

Grenzenlose Möglichkeiten machen Glauben, dass ich alles haben kann, was ich haben will. Es würde bedeuten, ich kann derjenige sein, der ich sein will. Ich muss nur genügend Wollen und fest wünschen. Spätestens, wenn das Wollen nicht zum gewünschten Resultat führt, wacht der Einzelne auf. Er hat versagt, zu wenig gewollt oder ist zu dumm, richtig zu Wollen. Ähnlich wie, wenn jemand an einer Krankheit stirbt und man sagen würde: Er hat nicht richtig gewollt – selber Schuld!

Nicht umsonst heisst meine Webseite deshalb „vom Wollen zum Sein“. Darin steckt meine tiefe Überzeugung, dass es nicht nur einfacher ist, der zu sein, der man ist sondern, auch die Voraussetzung dafür, um im Leben Freude zu empfinden.

Warum fällt es vielen Menschen schwer sich abzugrenzen?

Weil viele Menschen Angst haben, ihre Zugehörigkeit zur Herkunfts-Familie zu verlieren. Ich habe dazu einen langen Artikel veröffentlicht und hoffe, dass es mir gelungen ist, diesen Aspekt hervor zu heben.

Solange ich mich abgrenzen muss oder glaube, dass es notwendig ist, mich abzugrenzen, richte ich mich gegen das Aussen. Einfacher wäre aber, mich meinem inneren Kompass anzuschliessen. Ich gehe dann mit meiner Wahrnehmung. Um zu deiner Frage zurück zu kommen: Weil sich viele Menschen fürchten, allein ihr eigenes Ding zu machen. Sie sind sich nicht bewusst, dass sie frei sind und dazu in der Lage sind.

Was ist deine Motivation Menschen zu unterstützen, um innere Stärke zu entwickeln?

Es ist so gekommen. Im Laufe meines Lebens hat es mich an diesen Ort zu dieser Arbeit geführt. Ich hatte nie das Ziel Therapeut oder Coach zu werden und Seminare für echtes Selbstbewusstsein zu leiten. Heute kann ich es, weil ich auch über hilfreiche Eigenschaften verfüge, die mir die Arbeit erleichtert.

Wie erholst du dich von Rückschlägen/Krisen?

Rückschläge würden bedeuten, dass ich irgendwo hin möchte und das Leben geradlinig verlaufen würde. Das nehme ich heute aber ganz anders wahr. Und ich glaube nicht, dass Krisen als etwas Negatives erlebt werden müssen.

Natürlich sehe ich das nicht immer so entspannt. Es gab eine Zeit, da wollte ich regelmässig, mit viel Energie und Kraftaufwand, ein definiertes Ziel erreichen. Manchmal hat es geklappt und oft habe ich das Ziel verfehlt was man als Rückschläge oder Krisen bezeichnen könnte. Auf jeden Fall war es immer kräftezehrend und wenig befriedigend.

In der Rückschau erkenne ich, dass meine vermeintlich grössten Krisen, jeweils der Anfang von etwas Neuem war. Tatsächlich waren es keine Krisen, sondern nur mein Misstrauen gegenüber dem Leben und dem was damals geschah. Sobald ich mich heute in einer Krise wähne, mahne ich mich deshalb zur Geduld, sowie ruhig und stetig meiner inneren Wahrnehmung zu vertrauen.

Natürlich gelingt mir das nicht immer. Oft genug strebe ich danach, etwas zu erreichen. Dabei können mich Stress und Kraftanstrengungen ermüden. Sobald ich das erkenne, unterlasse ich das angestrengte Tun!

Ich glaube, dass ich davon profitiere, in schwierigen Situationen meine Anstrengungen zu vermindern, weniger Kraft einzusetzen und mich vermehrt dem Fluss des Lebens hinzugeben. Ich weiss, es ist das Gegenteil dessen, was heute allerorts gepredigt wird, aber bei mir funktioniert es.

Was sind für dich Kraftquellen, auf die du in schwierigen Situationen gerne zurück greifst?

Ehrlich? Meistens gewinne ich wieder Kraft und Energie, indem ich mir nach Bedarf eine Pause gönne. Und ich empfinde das Leben nicht als schwierig. Offen gesagt, bei mir geschieht das Leben ganz von selbst; ich lebe einfach..

Aber – hin und wieder, wenn widrige Umstände meine Laune vermiesen, suche ich mir, in einem guten Restaurant, einen geeigneten Kraftplatz. Ich bestelle dort nach dem Lustprinzip ein vielversprechendes Menu als Kraftquelle. Ein saftiges Steak vom Grill oder alternativ eine Fischplatte mit feinem Olivenöl und Knoblauch darf’s schon sein. Ich geniesse dann mit ganzer Hingabe und langsam jeden Bissen des köstlichen Mahls. Gerade so wie es passt, trinke ich dazu ein gepflegtes Bier oder ein gutes Glas Wein und freue mich, bei jedem Schluck am guten Geschmack. Abschliessend bestelle ich häufig einen Espresso, weil ich den verführerischen Mokka Geschmack liebe.

Sobald ich genügend Energie getankt habe, mache ich mich wieder daran, das zu erledigen, was gerade ansteht, oder ich verlängere meine Pause solange wie nötig.

Welche Gedanken kommen dir bei den Worten von Bernhard von Clairvaux: „Gönne dich dir selbst! Ich sage nicht: Tu das immer. Aber ich sage: Tu es wieder einmal. Sei für alle anderen Menschen auch für dich selbst da.“?

Da kommt mir ein Sprichwort aus China in den Sinn: „Vernachlässige nicht dein eigenes Feld, um das eines anderen zu jäten.“

..oder..

sich grundsätzlich weniger nach den Anweisungen anderer zu richten. Statt dessen häufiger den Mut aufzubringen, mit der eigenen Wahrnehmung zu gehen, den inneren Entscheidungen zu folgen, mit sich in Beziehung und im gegenwärtigen Moment zu leben!

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