Im dritten Teil meiner Artikelserie über „Embodiment” möchte ich über einen Ansatz berichten, der mir persönlich sehr nahe steht. Ja er hat mein Leben nachhaltig verändert. Ich meine „Embodied Life™”, begründet von Russell Delman.

Im Februar 2008 besuchte ich in Wien einen Embodied Life Wochenend-Workshop. Ich war darauf durch den Feldenkrais-Lehrer Christoph Habegger aufmerksam geworden, bei dem ich seit einiger Zeit Feldenkrais-Stunden besuchte. Er holte Russell Delman als Gasttrainer nach Wien.

 

Wer bin ich denn eigentlich?

In meinem Leben war einiges im Umbruch. In meiner Arbeit im Wissensmanagement einer internationalen Unternehmensberatungsfirma konnte sich etwas Wesentliches von mir nicht ausdrücken. Die Beschäftigung mit den Fragen „Wer bin ich denn eigentlich?, Was brauche ich und was ist mir wirklich wichtig?” öffneten mich für Methoden der Achtsamkeit, mit Hilfe derer ich in tieferen Kontakt mit mir treten konnte.

Als ich hinausging an diesem Sonntag Nachmittag nach Beendigung des Workshops, erschien mir die Welt neu, und ich bewegte mich anders in ihr. Ich spüre es noch deutlich: Ich gehe vom Seminarraum Richtung U-Bahn Station Volksgarten. Farben erscheinen mir leuchtend und frisch, Formen treten deutlich hervor. Meine Schritte fühlen sich leicht und geschmeidig an, mein Brustkorb ist weit und mein Atem fließt. Ich lächle Menschen zu.  Es ist, als würde ich alles mit zärtlichen Augen anschauen – und die Dinge und Menschen antworten mir mit liebevollem Blick.

 

Doch was ist Embodied Life™?

Embodied Life hilft, mit sich selbst und anderen in Beziehung zu treten in einer Qualität, die von Achtsamkeit und Respekt geprägt ist.

Grundlegend ist die eigene Präsenz, d.h. den gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen, ganz da-zu-sein im Moment, mit all dem, was gerade ist.

Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Körper, er ist immer da. Wenn wir uns in Gedanken verlieren, können wir die Aufmerksamkeit auf unseren Atem lenken; sind wir in ein Gefühl verstrickt, können wir unsere Füße auf dem Boden oder unser Gesäß auf der Stuhlfläche spüren. Dann wird es möglich, uns einem Gedanken oder einem Gefühl zuzuwenden, ohne uns alleine damit zu identifizieren.

Der Ansatz verbindet Bewussheit in Bewegung, in der Stille und in der Kommunikation mit sich selbst und anderen. Als Methoden spielen dabei hauptsächlich Feldenkrais, stilles Sitzen bzw. „Meditation” sowie Focusing und Gewaltfreie Kommunikation eine Rolle. Die Methoden dienen als Rahmen, nicht als starres Regelwerk.

 

Embodied Life und Kommunikation

Als ich 2007 meinen ersten Workshop in „Gewaltfreie Kommunikation” besuchte, wurde mir klar, dass zuhören das Wesentlichste ist, das ich lernen möchte. Und diese Erkenntnis hat sich für mich durch meine Embodied Life Arbeit bestätigt.

Bei Embodied Life steht das Zuhören im Zentrum. Wir hören uns selbst zu: dem, was sich an Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen zeigt. Wir halten dabei einen Raum, in dem wir von Bewertungen und Ratschlägen für schnelle Lösungen absehen. Und das gilt auch für die Kommunikation mit anderen.

 

Embodiment und Berufung gestalten

Mich unterstützt Embodied Life auf dem Weg meiner Berufung. Und ich lasse es mehr und mehr in meine Arbeit einfließen, in der ich Menschen helfe, die ihre Berufung gestalten wollen. Ich spreche bewusst von gestalten, da es ein schöpferischer, kreativer Prozess ist. Damit sage ich allerdings gerade nicht, dass wir alles „machen” können und im Griff haben.

Wenn wir unser inneres Erleben offen und liebevoll wahrnehmen, erkennen wir, dass etwas in uns in ständiger Bewegung zu einer uns gemäßen Entfaltung ist. Wir können dann mehr und mehr diesem intuitiven Erleben in uns vertrauen und auch im Außen Schritte unternehmen, die damit im Einklang sind.

 

Embodied Life und neues Denken

Ich bin davon überzeugt, dass es ein neues Denken braucht, wenn wir den komplexen Phänomenen begegnen wollen, vor denen wir als Einzelne und als Gesellschaft heute stehen: ein integriertes Wissen, das durch die Verbindung unserer Rationalität mit unserem Wissen aus unseren Gefühlen und unseren Körperempfindungen entsteht.

Unser rationales Denkvermögen ist meines Erachtens sehr wichtig. Wir planen, analysieren, strukturieren: eine wunderbare Fähigkeit von uns Menschen. Aber alleine damit kommen wir oft nicht weiter, beispielsweise wenn es darum geht, eine wichtige Entscheidung zu treffen. Und abgetrennt von den anderen Wissensquellen wirkt es dominierend und kontrollierend.

Für ein integriertes Wissen braucht es eine Sensibilisierung unserer Wahrnehmung. Wir lernen dabei vor allem auch, mit Unsicherheit umzugehen: des noch nicht Klaren, des Diffusen und nicht Eindeutigen. Wir werden offen für das nicht unmittelbar Nützliche und Verwertbare: etwas zu tun, ohne das Gefühl etwas erreichen oder leisten zu müssen.

 

Übung – B-G-A

Damit das alles nicht zu theoretisch klingt, lade ich Sie zu einer kleinen Übung ein. Bestenfalls machen Sie diese Übung täglich, über einen längeren Zeitraum von mindestens 10 Tagen. Und noch besser, wenn Sie dabei bleiben und immer wieder darauf zurückkommen.

B: Bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit zum Boden: Wenn Sie stehen zu Ihren Füßen, wenn Sie sitzen entweder zu Ihren Füßen (falls Sie Bodenkontakt haben) oder zu Ihrem Gesäß. Falls Sie liegen, spüren Sie, wo Sie aufliegen. Bleiben Sie ein wenig dabei und nehmen Sie den Kontakt bewusst wahr.

G: Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit nun auf den Raum um sich herum. Welche Geräusche nehmen Sie wahr?

A: Nun wandern Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit in Ihr Inneres zu Ihrem Atem und verweilen Sie ein wenig dort. Versuchen Sie nicht, Ihren Atem irgendwie zu manipulieren. Nehmen Sie einfach wahr, wie und wo sich das Atmen gerade für Sie zeigt.

Das Ganze dauert mit ein wenig Übung nicht länger als etwa 30 Sekunden. Sie können es auch in Ihren Arbeitsalltag einbauen. Da Sie das still für sich machen, wird es auch nicht weiter auffallen, falls Sie mit KollegInnen in einem Raum sitzen oder sich gerade in einer Besprechung befinden. Wenn Sie dazu mehr Ruhe benötigen, nutzen Sie den Gang aufs WC (das ist ja oft der einzige Raum, in dem wir mal für uns sein können).

 

Regina Schlager

Homepage Regina Schlager

Regina Schlager öffnet als Coach, Autorin und Podcast-Gastgeberin Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln. Sie studierte Germanistik und Philosophie in Wien und arbeitete 20 Jahre lang in Beratungsunternehmen im Informations- und Wissensmanagement sowie der Aus- und Weiterbildung. Sie lebt in Zürich.