GefuehleAnnehmen

Wie ich lerne, meine Gefühle anzunehmen und mich zu entspannen

Wir kennen sie wohl alle: Situationen, in denen wir nicht sehen können oder möchten, was wirklich in uns vorgeht. Ausgeblendet werden die Gefühle und Gedanken, die nicht zu der eigenen Vorstellung passen, wie ich bin oder zu sein habe.

Ich versuche glücklich und zufrieden zu wirken, in den sozialen Medien und im wirklichen Leben, auch wenn ich in mir Leere und Frustration spüre.

Nach einem Streit mit meiner Liebsten bemerke ich, dass ich unter der Wut eigentlich traurig und verletzt war.

Ich sitze in Meditation … und versuche, endlich ruhig zu werden: „Ich will all diese Gedanken nicht haben!“

Ich stimme einer Anfrage meines Kollegen zu, eine bestimmte Aufgabe zu übernehmen, obwohl ich in dem Augenblick schon weiß, dass dies nicht gut gehen kann.

In Situationen dieser Art kann ich mir bestimmte Gedanken oder Gefühle nicht erlauben oder fühle mich im Nachhinein schlecht dafür. Stattdessen versuche ich, sie zu reparieren, zu optimieren und einer bestimmten „idealen“ Vorstellung anzupassen.

Sich gehört fühlen ist der Schlüssel zur Veränderung

Wie passiert dies im Detail? Erlaube ich mir zum Beispiel nicht, dass etwas in mir traurig und verletzt ist, dann versuche ich diese Gefühle stattdessen zu „reparieren“ oder zu „optimieren“. Es ist dann keine Annahme vorhanden, und die Gefühle werden nur gemanagt, behandelt und letztlich in ihrem So-sein unterdrückt.

Kann ich aber etwas in mir, das im Moment traurig und verletzt ist, so annehmen, wie es ist, dann fängt es an, sich gehört zu fühlen. Es ist dann angenommen und darf Teil meines Lebens sein und kann sich entspannen: „Endlich werde ich gehört und gesehen.“

Das Geheimnis: Nicht Partei ergreifen

Das Geheimnis hierbei ist, dass Sie selbst keine Partei ergreifen. Denn jedes Gefühl kann einen Sog erzeugen, damit Sie sich damit identifizieren. Sie hören sich dann sagen: „Ich bin so verzweifelt und traurig“ oder „Ich bin so wütend“.

Nehmen Sie stattdessen Beziehung auf ohne Partei zu ergreifen, dann haben Ihre Gefühle die Chance, etwas Neues zu Ihrem Leben beizutragen. Anstatt „Ich“ können Sie sagen: „Etwas in mir ist jetzt gerade so traurig.“ Oder „Etwas in mir ist jetzt gerade richtig sauer.“

So kann es zum Beispiel sein, dass die Wut Sie darauf aufmerksam machen möchte, dass Sie besser für sich selbst sorgen können. Oder etwas in Ihnen, das traurig ist, kann große Klarheit darüber haben, nach was Sie sich eigentlich sehnen.

Für mich bedeutet das: Wenn ich etwas in mir voll und ganz annehme, kann es sich wirklich, also von sich aus, verändern. Es entsteht Erleichterung und Klarheit: „So darf ich sein“. Im Anschluss daran wird Neues möglich, denn ich halte nicht krampfhaft an einer Bewertung „das ist schlecht“ oder „so darf ich nicht fühlen“ fest. Ich befreie mich durch das Annehmen von diesen Fesseln.

Gefühlen helfen, einen konstruktiven Part zu spielen

Wenn ich also aufhöre, mich im Innern zu managen und zu optimieren und stattdessen anfange zuzuhören und mich zu interessieren, dann kann die „Wut“ oder der „innere Kritiker“ anfangen, einen konstruktiven Part zu spielen; so kann die Traurigkeit oder jegliches anderes Gefühl anfangen, Sinn in meinem Leben zu geben.

Woran aber merke ich, dass ich ein Gefühl oder einen Zustand voll annehmen und akzeptieren kann? Es gibt hierfür mehrere Indikatoren und einen Test.

Indikatoren für Annahme und Akzeptanz

Ich greife hier einmal fünf Indikatoren heraus. Wenn ich mir selbst zuschauen würde in meiner Arbeit mit einem Gefühl, so kann ich feststellen, ob ich schon in dieser Art und Weise mit mir umgehe.

Ich ergreife keine Partei. Anstatt „Ich bin wütend“ kann ich formulieren „Ich spüre, etwas in mir ist im Moment wütend.“

Ich gebe mir Zeit. Ich muss nicht sofort eine Lösung finden, sondern kann ein Gefühl in mir sein lassen, so wie es jetzt gerade ist.

Ich stelle mich. Auch wenn ich merke, dass es negative Bewertungen und Ängste in mir gibt, kann ich mich einem Gefühl stellen. Mein Interesse ist größer als meine Zweifel oder Bedenken. Ich wende mich zu.

Ich halte Gegensätze aus. Auch wenn zwei sich normalerweise ausschließende Gefühle auftauchen, kann ich diese Gefühle gleichzeitig in mir halten.

Ich arbeite Details heraus. Mich interessiert es, die Gefühle im Detail kennen zu lernen und zu beschreiben. Ich falle nicht ins Schwarz-Weiß-Denken, sondern ich mag es, zu explorieren.

Der Test für Annahme und Akzeptanz

Es gibt einen Satz, den ich innerlich zu mir selbst sagen kann, um zu testen, ob ich etwas in mir (z.B. ein Gefühl oder Gedanken) annehme wie es jetzt gerade ist; ob ich es freilasse und damit Veränderung ermögliche. Wenn ich diesen Satz ausspreche, dann spüre ich entweder, dass dieser Satz voll und ganz trifft und stimmig ist; oder ich bemerke, dass der Satz sich unpassend und nicht richtig anfühlt – und letztlich eine Gegenreaktion provoziert.

Es ist wichtig, diese beiden Möglichkeiten einfach als neutrale Rückmeldung zu betrachten, wo ich in Bezug auf meine Annahme und Akzeptanz gerade stehe – und nicht als „richtig“ und „falsch“. Beide Möglichkeiten sind wichtig und ein guter Wegweiser für mich.

Nehmen Sie sich also Zeit, ein Gefühl in sich wahrzunehmen und im Detail zu beschreiben. Formulieren Sie das Gefühl dafür in etwa in dieser Form: „Ich nehme mir Zeit für etwas in mir, das im Moment __________ ist.“ (z.B. „Ich verbringe Zeit mit etwas in mir, das im Moment ganz traurig ist.“)

Sobald dies möglich ist, kommt der eigentliche Test. Sagen Sie zu diesem Gefühl in Ihnen: „Du kannst so bleiben wie du jetzt bist, so lange wie du das möchtest oder brauchst.“ Achten Sie darauf, dass dies nicht ein technischer Vorgang, sondern tatsächlich mitfühlend, warmherzig und liebevoll ist. Sprechen Sie zugewandt und liebevoll zu diesem Anteil in Ihnen.

Gegenwehr oder Bestätigung

Lassen Sie sich Zeit, diesen Satz wirken zu lassen, und nehmen Sie wahr, was passiert. Kommt es zur Gegenwehr (z.B. „Nein, so darf es nicht sein!“ oder „Nein, es muss weg sein!“) oder zu Druck („Jetzt reiß dich zusammen, du musst es annehmen!“), dann geht es darum, mit diesen Anteilen in Kontakt zu kommen. Wenden Sie sich dann diesen Anteilen in der gleichen Art zu.

Kommt es dagegen zur Bestätigung Ihres Satzes, dann wird Erleichterung, Freude oder Dankbarkeit entstehen. Für das Gefühl entsteht die Möglichkeit, sich endlich gehört und gesehen zu fühlen und beitragen zu dürfen – und natürlich der Wunsch, sich über all das mitzuteilen und sich dadurch zu wandeln.

Den Test ausprobieren

Nehmen Sie sich Zeit, diesen Test einmal „im Trockenen“ auszuprobieren. Überlegen Sie sich dazu ein Gefühl, mit dem Sie es schon öfters einmal schwer hatten, und beschreiben Sie möglichst detailliert, wie dies normalerweise in Ihnen lebt. Machen Sie entsprechende Notizen auf einem Blatt Papier.

Setzen Sie sich dann bequem hin und nehmen Sie sich einige Augenblicke, um Ihre Aufmerksamkeit wirklich zu Ihnen und zu Ihrem Körper zu bringen. Öffnen Sie dann die Augen, lesen Sie Ihre Notizen durch und sagen Sie dann innerlich: „Da ist öfter etwas in mir, das so ist.“ und vor allem: „Du darfst so bleiben wie du bist, so lange wie du das möchtest oder brauchst.“ – Was passiert?

About the Author

Elmar KruithoffElmar Kruithoff Elmar Kruithoff ist Diplom-Psychologe und der Gründer des Zentrums für Focusing-Kompetenzen. Er arbeitet mit Menschen daran, ihre Beziehungen, Entscheidungen und Selbstfürsorge zu verbessern, indem sie lernen, ihr inneres Erleben achtsam zu explorieren und ihr inneres Handeln in Richtung Empathie und Akzeptanz zu verändern. Elmar spricht Deutsch, Englisch und Dänisch. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Auf seiner Website können Sie mehr über ihn erfahren sowie das Focusing-Starterkit herunterladen: www.focusing-center.comView all posts by Elmar Kruithoff

  1. Richard12-09-2015

    Ich finde auch, das ist das Problem unserer Zeit, wenn nicht die Krankheit unserer Zeit schlechthin: Wir nehmen oft den Körper viel zu wenig wahr, versuchen alles mit dem Kopf zu steuern, auch die Gefühle, was dann Verdrängung bedeutet. Sicherlich müssen wir uns oft erst der Möglichkeit öffnen, bevor wir von der Illusion ablassen können, dass es anders sei, bzw. von dem Denken in der Zukunft, wo es anders sein wird. Auch ob ich mich dann dem genannten Test öffne, ist gar nicht sicher. Jedenfalls braucht dies oft zuerst das Einverständnis des Unterbewussten, das ansonsten alles sabotieren kann.

    Ich nehme hier gern wieder EFT als Messlatte. Hier haben wir Setup Sätze wie „Auch wenn ich gelegentlich dieses Gefühl der Angst spüre, wenn ich …. und ich dann traurig werde … , bin ich doch vollkommen in Ordnung und ich akzeptiere mich ganz genau so wie ich bin. Fühle ich Bereitschaft in mir, dann halte ich den Fokus mit Phrasen wie „dieses Gefühl der Angst, diese Angst wenn ich an … denke, dieses Gefühl, diese Angst …“. Natürlich erleichtert und hilft hierbei auch das Beklopfen der Akkupressurpunkte, d.h. das Stimulieren des Lymph Systems.

    In den aller meisten Fällen weiß ich so, welches Gefühl gerade da ist und sich zeigen möchte, kann es spezifischer formulieren. Der Prozess ist bereits angestoßen und meistens kann ich beobachten, wie die Belastung bzgl. bestimmter Ereignisse bereits nachlässt. Gefühle hinter den Gefühlen erscheinen, auch Gedanken, die Glaubenssätze darstellen. Der Prozess geht dann mit dem Fokus auf das am stärksten Erscheinende weiter.

    Um nun einen Vergleich zu ziehen würde ich folgendes beachten:
    – In 40% der Fälle muss erst der Innere Gegenspieler gewonnen werden, der zu verhindern weiß, dass ich den Test überhaupt angehe.
    – Der Test liefert nur einen analytischen Ansatz. In der Folge sollte ich dann wohl kontrolliert auf meine Gefühle achten, einen neuen Plan abfahren, womit ich allerdings weiterhin im Denken hänge, wenn auch das Thema und die Illusion anders sein mögen.
    – So gut die Erkenntnis durch den Test sein mag. Um etwas zu ändern, braucht es ohnehin einen Prozess des sich Annehmens und Verweilens in dem eine Belastung nach der anderen und ein Denkmuster nach dem anderen angegangen wird. Ansonsten wird oft die Erkenntnis schnell vergessen sein. Warum dann erst testen? Fang einfach an, dann siehst du schon.
    – Die Belastungen können u.U. recht komplex sein, je nach dem Erfahrenen. Analysen sind hier oft endlos und quälend. Und dabei brauchen wir immer nur das sanft und geduldig angehen und direkt abzubauen, was gerade da ist. Was gerade zu tun ist, ist immer nur Fokus halten auf den Körper oder das Denkmuster.

    LG Richard

Wie lautet Ihre Meinung?