Das Alleinsein ist vielen von uns unheimlich. Es sind vor allem die Stimmen aus dem Inneren, die unterdrückten Gefühle, die uns beunruhigen. Sobald der innere Lärm nach außen drängt, kann die Stille sehr laut werden. Wie sollen wir Gefühlen wie Angst und Einsamkeit begegnen? Das hat uns niemand gesagt.

Ein Großteil unseres Lebensstils ist von Betriebsamkeit geprägt. Die Terminkalender sind voll und Aufgaben vermitteln uns das Gefühl, wichtig zu sein. Dadurch kommen wir nicht in die Verlegenheit, die eigenen Bedürfnisse und Ängste zu reflektieren. Lieber wird der Fernseher eingeschaltet, intensiv Sport getrieben oder in der Firma bis zum Umfallen gearbeitet, als sich Zeit für Müßiggang zu gönnen.

Wir werfen morgens routinemäßig einen Blick in den Spiegel, prüfen unser Äußeres. Doch wie es hinter der Maske ausschaut, wissen wir oftmals nicht. Eine Zeit lang können wir diese Unsicherheit, die Sorgen vielleicht ignorieren. Irgendwann holen uns die Selbstzweifel ein, nagen am Selbstbewusstsein, bilden sich Risse in der Fassade.

Begegnung

Im Alleinsein werden wir auf uns zurück geworfen, findet Begegnung statt. Wer bin ich eigentlich? Vielleicht bin ich gar nicht so, wie ich es mir wünsche. Vielleicht ist da ganz viel Leere und Unsicherheit.

Begegnung mit sich bedarf Raum und ist keine rein intellektuelle Übung. Es geht nicht darum, etwas Großartiges zu vollbringen. Es heißt, geduldig zu schauen, sich nach Möglichkeit ein wenig zu entspannen. Gönnen wir uns diese Zeit. Oder möchten Sie am Ende Ihres Lebens erfahren, dass Sie sich eigentlich gar nicht gekannt haben?

Manchmal helfen ein paar Fragen, die wir auf uns wirken lassen können:
Was hat Sie heute berührt?
Welche Gefühle löst das in Ihnen aus?
Fühlen Sie sich in Ihrem tiefsten Inneren geliebt und angenommen?
Können Sie sich selbst annehmen?
Was hindert Sie daran?
Was meinen Sie erreichen zu müssen, um liebenswert zu sein?

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Ram Dass“]Je stiller Du wirst, umso mehr kannst Du hören.[/pullquote2]

Nehmen Sie es einfach nur wahr. Gefühle zeigen uns, wie wir auf das Erlebte reagieren, stellen einen persönlichen Bezug her. Unabhängig von dem, wie es sein sollte oder moralisch legitim ist. Gefühle sind die Farben der Seele, kommen und gehen, sind ein Ausdruck unseren momentanen Seins.

Das Alleinsein annehmen

Fühlen wir uns ungeliebt und kennen die eigenen Bedürfnisse nicht, irren wir ziellos umher, auf der Suche nach der Liebe anderer, die uns zeigen sollen, dass wir in Ordnung sind. Wir streben nach Macht, Ruhm, Reichtum, um unseren Wert zu beweisen. Doch äußerer Reichtum hat nur wenig Einfluss auf die Liebe zu sich selbst. Wir bleiben gefangen in unseren Ängsten, spüren wenig Freiraum in der Wahl der Möglichkeiten.

Welche Kraft können unsere Handlungen entwickeln, wenn die eigene Motivation Angst und Unsicherheit sind?

Jeder ist allein auf der Welt und für sein Leben verantwortlich. Das ist ein Umstand, der sich vielleicht nicht gut anfühlt und deshalb gerne verdrängt wird. Doch Alleinsein bedeutet nicht automatisch Einsamkeit. Fühlen wir uns in der Einsamkeit nicht eher isoliert und verlassen? Ob wir uns einsam fühlen, hängt in einem hohen Maße davon ab, wie gut wir mit uns und anderen Menschen in Kontakt sind. Fühlen wir uns verbunden, dann bekommt die Einsamkeit eine andere Bedeutung. Und entsteht innere Leere nicht besonders dann, wenn wir uns selbst verlassen, uns in äußeren Aktivitäten verlieren?

Wir sind alleine und dennoch verbunden. Diesen Widerspruch gilt es auszuhalten. Wir sind ein einzigartiger Ausdruck des Lebens, in unserem Aussehen, unseren Fähigkeiten, in unserem Sein. Grenzen trennen, verleihen auf der anderen Seite Kontur, lassen die Dinge sichtbar werden. Grenzen stehen in Berührung zu ihrem Umfeld, von dem sie ebenfalls abgrenzen.

Im Alleinsein offenbart sich unser Innerstes. Wir erkennen, was uns ausmacht, unabhängig von jeder Selbstoptimierung. Und es hängt zu einem großen Teil von unserem Erfahrungen und Bewertungen ab, ob uns das, was wir sehen, gefällt. Doch ist es nicht einfach ein spontaner Ausdruck des Lebens?

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Gertrud von le Fort“]Nicht in den Zweigen, in den Wurzeln steckt des Baumes Kraft.[/pullquote2]

Wie kann ich das Alleinsein üben? Muss ich jetzt eine Zeit in Abgeschiedenheit leben? Dafür gibt es keine Patentrezepte. Aber eine Menge Möglichkeiten. Fangen Sie zum Beispiel mit kleinen Spaziergängen in der Natur an oder setzen Sie sich vielleicht 30 Minuten ohne Ablenkung in einen schönen Winkel Ihres Zuhauses. Fahren Sie ein Wochenende an einen Ort, der Ruhe und Entspannung verspricht. Fangen Sie an zu meditieren. Bleiben Sie am Wochenende einfach mal länger im Bett. Wagen Sie die ersten Schritte und schauen, wozu Sie Lust haben, was sich daraus ergibt. Es geht darum, Geduld mit sich zu haben, den Geist auf etwas ruhen zu lassen. Je mehr uns das gelingt, desto mehr werden wir erkennen.

Sich im Unvollkommensein vollkommen fühlen

Das Alleinsein weckt manchmal unangenehme Erinnerungen. Da gab es Momente, in denen wir uns verloren vorkamen, die Stille nicht ertragen konnten. Vielleicht kamen wir uns als Kind verlassen vor. Doch wir sind keine Kinder mehr. Höchste Zeit die Eindrücke anzuschauen, damit sie ihre Macht über uns verlieren.

Sind es nicht in erster Linie die eigenen Bilder vor denen wir uns fürchten? Wir wissen nicht, was morgen kommt und unsere Vorstellungen von der Zukunft sind nur eine Möglichkeit von vielen. Alles was wir tun können, ist, diesen Moment und uns anzunehmen. Ungewissheit ist manchmal schwer zu ertragen, kann aber genauso als Chance verstanden werden. Sie birgt viele Möglichkeiten, manche von denen wir vielleicht noch gar nichts ahnen.

Freiheit findet seinen Ursprung in der Selbstannahme. Dann brauche ich niemanden mehr zu beweisen, dass ich in Ordnung bin. Je mehr wir in uns ruhen, desto mehr Kraft und innere Stabilität wird uns zuteil. Das alles geschieht nicht von heute auf morgen. Es ist vielmehr ein allmählicher Wandel. Unser Denken, Fühlen und Handeln verändert sich mit der Zeit. Langfristig werden wir zunehmend Vertrauen, Mitgefühl und Zuversicht entwickeln. Ohne Vertrauen, ohne sich zu begegnen, wird es dagegen schwer sein, Kraft und Überschuss zu entwickeln und den Stürmen des Lebens selbstbewusst zu begegnen.

Wie wird sich Ihr Leben verändern, wenn Sie mehr zu sich stehen, sich annehmen?