Trennungsschmerz

Eine Scheidung ist keine Katastrophe

Ein Gastartikel von Thomas Hohensee und Renate George. Thomas Hohensee ist einer der erfolgreichsten Ratgeber-Autoren Deutschlands. Vom ihm stammen die Bestseller „Gelassenheit beginnt im Kopf“ und „Glücklich wie ein Buddha“. Renate Georgy ist ebenfalls Autorin, Coach und Seminarleiterin. Sie war über 25 Jahre als Scheidungsanwältin tätig.

Jedes Jahr lassen sich in Deutschland ungefähr 200.000 Paare scheiden. Eine Scheidung wirft etliche Probleme auf, aber sie muss weder für die beteiligten Erwachsenen noch für die Kinder ein Drama sein. Was machen die Menschen, die es schaffen, konstruktiv mit der Trennung umzugehen, anders als jene, die sich nur schwer wieder davon erholen?

Es ist bekannt, dass Menschen sehr unterschiedlich auf die gleiche Situationen reagieren. Die einen regen sich auf, während andere gelassen bleiben. Manche leben überwiegend in der Vergangenheit, während andere sich auf die Gegenwart konzentrieren und auf die Zukunft freuen.

Es sind nicht die Ereignisse, die Stress, Trauer, Wut oder Freude auslösen. Von entscheidender Bedeutung ist es, wie eine Person die Situation bewertet. Und die Bewertung ist beeinflusst davon, wie jemand seine Möglichkeiten einschätzt, mit äußeren Umständen fertigzuwerden.

Gelassenheit beginnt im Kopf, weil unsere Gefühle unseren Gedanken folgen. Vergleichen Sie die beiden folgenden Einstellungen: A) Wer sich eine schwarze Zukunft ausmalt, sich einredet, nie wieder glücklich werden zu können oder hilflos zu sein, entwickelt entsprechend negative Gefühle. B) Indem man sich auf die positiven Seiten jeder Situation konzentriert, davon ausgeht, Probleme lösen zu können, und optimistisch in die Zukunft blickt, stellt sich Entspannung oder sogar Wohlbefinden ein.

Scheidungen gelten landläufig als sehr belastend. Sie können aber auch als Befreiung empfunden werden oder einfach als Ende einer Beziehung, die nicht mehr funktioniert. Jedes Ende ist gleichzeitig ein Neuanfang. Darin liegen eine Menge Möglichkeiten. Oft braucht man allerdings etwas Zeit, um nicht nur die Nachteile, sondern auch die Vorteile einer Situation sehen zu können.

Anders als früher gilt eine Scheidung heute nicht mehr als Makel. Sie kommt in den besten Familien vor. Studien zeigen, dass insbesondere Frauen einige Zeit nach einer Trennung wesentlich zufriedener sind als ihre früheren Ehemänner, obwohl sich ihre finanzielle Situation, gravierender als bei den meisten Männern, verschlechtert hat. Das deutet darauf hin, dass sie gelernt haben, sich neuen Situationen schneller anzupassen.

 


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Auch die beteiligten Kinder müssen nicht zwangsläufig unter der Trennung ihrer Eltern leiden. Oft wird übersehen, dass eine Ehe als solche weder ein Paar noch deren Kinder automatisch glücklich macht. Wenn sich Eltern regelmäßig streiten oder nur noch das Allernötigste miteinander sprechen, ist das für Kinder bedrückend. Sie erleben Mutter und Vater nicht als Vorbilder für ein gutes Zusammenleben, sondern bekommen den Eindruck, Konflikte seien unlösbar. Eine Trennung kann in diesem Fall die weitaus bessere Alternative sein. Wäre die Trennung der Eltern im Leben von Kindern das Schlimmste, hätten in früheren Jahrhunderten, als Scheidungen nahezu ausgeschlossen waren, alle Menschen glücklich heranwachsen müssen. Das Gegenteil war der Fall.

Es ist wenig hilfreich, sich als Opfer der Scheidung zu betrachten. Was wäre konstruktiver? Sich anzuschauen, wie es zu der Situation kommen konnte und was man selbst dazu beigetragen hat. Solange man nur die anderen oder die Umstände für seine Lage verantwortlich macht, besteht die Gefahr, dass sich die schmerzliche Situation später wiederholt. Damit ist nicht gemeint, sich Schuldgefühle einzureden, sondern den Tatsachen ins Auge zu blicken. Viel hilfreicher als die Frage: „Warum ich?“ ist die Frage: „Was kann ich daraus lernen?“

Der nächste Schritt besteht darin, sich die eigenen Stress verursachenden Überzeugungen anzusehen und sie durch entspannte Gedanken zu ersetzen. Aus der Befürchtung: „Ich komme nicht darüber hinweg, was Dieter mir angetan hat“, könnte werden „Doch ich komme darüber hinweg, aber das kann ein bisschen dauern“. Aus: „Ich werde alles verlieren, es ist so furchtbar“, könnte werden „Tatsache ist, dass ich weniger Geld haben werde, aber das geht vielen so und die haben es auch überstanden“.

Der Prozess des Umdenkens und damit Umfühlens braucht etwas Zeit und Übung. Man soll sich nichts einreden, sondern lediglich dramatisierende Gedanken und irrationale Überlegungen korrigieren. Dabei kann man zum Beispiel den Kamerablick anwenden. Bevor Katastrophenfantasien mit einem durchgehen, klärt man: „Was würde eine Kamera aufzeichnen? Was sind die reinen Fakten? Wie gehe ich damit am besten um?“

Mit der Zeit und beharrlichem Training findet man individuelle Überlegungen, die einem einleuchten und verhindern, dass man sich unnötig beunruhigt. Das können beispielsweise folgende sein: „Es ist nur eine Phase, ich habe schon Schlimmeres bewältigt“, „Eva dachte zuerst auch, nach ihrer Scheidung nicht wieder froh werden zu können und heute geht es ihr besser denn je; das kann ich auch schaffen“, „Wer weiß, wozu es gut ist?“

Auf diese Weise kann die Scheidung dazu beitragen, mit schwierigen Situation insgesamt lösungsorientierter und konstruktiver umzugehen als vorher, weil man gelernt hat, wie Stress entsteht und was man tun kann, damit er vergeht.

About the Author

Thomas HohenseeThomas Hohensee Thomas Hohensee ist Autor vieler erfolgreicher Selbsthilfebücher, Seminarleiter und Coach für Persönlichkeitsentwicklung. www.thomashohensee.de Interview mit Thomas HohenseeView all posts by Thomas Hohensee

  1. Richard03-28-2016

    Nun, ich meine doch, dass die Hauptbelastung in der zerrütteten Beziehung begründet ist. Und für die Kinder ist dies immer dramatisch, wenn nicht gar traumatisch. Mit der Scheidung setzt dann wohl auch oft erst die innere Trennung ein und damit auch die Trauerarbeit. Auch die Aufarbeitung verdrängter Dramen beginnt oft erst. Ich meine, es ist doch recht oberflächlich, hier den Rat zu geben, einfach anders zu denken. Diesen Rat finden die Betroffenen wohl an allen Ecken und nicht selten leiden sie auch noch hierunter. Hinzu kommen oft noch empfundene Ungerechtigkeit, weil z.B. trotz allem die Dame nicht berufstätig werden „kann“ und weiter versorgt werden muss, was dann die materiellen Lebensaussichten deutlich herunter zieht.

  2. Lieselotte04-01-2016

    Kann Richard nur Recht geben! Es ist nicht immer so einfach wie es hier dargestellt wird!
    Im Prinzip wird gesagt dass jeder der unter einer Scheidung leidet selber schuld ist weil er
    nur nicht genug positiv denkt. Ein Hohn für viele, besonders auch viele Kinder! Natürlich wäre es einfacher grad schnell positiv zu denken, aber wenn das möglich wäre würde es auch weniger Scheidungen geben. Es tönt für mich ziemlich herablassend wenn jemand sagt: wenn Du leidest musst Du nur anders denken…

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