WasSeinDarf

Klaus Renn – Was sein darf, kann sich verändern

Wenn ich Nein zu meiner Situation, zu meinen Gefühlen sage, dann beginnt ein innerer Kampf. Doch kann ich durch Ablehnung zu einem tieferen Verständnis meiner Person gelangen?

Klaus Renn ist Psychotherapeut, Leiter des Deutschen Ausbildungsinstitues in Focusing und Focusing-Therapie (DAF) und der Internationalen Focusing Sommerschule, Coach, Supervisor, Autor von Büchern/Hörbüchern, Buchbeiträgen, Artikeln sowie Kickboxer, Meditierender und einer der gerne (mit anderen) lebt.

Was sind aus Ihrer Erfahrung wichtige Gründe, dass es vielen Menschen schwer fällt, zu sagen: ich mag mich?

Das ist eine super Frage, die sogleich auf den Kern von Veränderung, stimmigem Leben und nicht zuletzt hin zur Psychotherapie führt. Zum Beispiel sagt Tania von sich: „Ich mag mich“ so drückt sie ihre momentane Beziehung zu sich selbst aus. Sie benennt eine ganz bestimmte Art „WIE“ sie mit sich selbst gerade ist. Vermutlich wird sich Tanja eher froh und gelassen, vielleicht sogar heiter fühlen und mit dem Leben einverstanden sein – auch wenn sie an einem Leiden zu tragen hat.

So können wir jedenfalls vermuten, dass es Tanja geht. „Ich mit mir“, ist die Qualität der Beziehung aus der hervorgeht, „WAS“ ich erlebe. „Ich bin ärgerlich mit mir“ „Ich bin unzufrieden mit mir, … das „Ich mit mir“, deutet darauf hin welches umfassendere Lebensgefühl mein Leben bestimmt.

Während des Lesens könnten Sie ein kleines Experiment machen und Ihr gegenwärtiges „Ich mit mir“ zu erforschen. Auch im Alltag können Sie mal kurz Innehalten und „ich mit mir“ ausprobieren. Sie könnten sich fragen: „Wie bin ich gerade mit mir?“ Und bemerken, welche Beziehungsqualität anschwingt und welche Bewertungen zu sich selbst im Moment wirken.

Bitte nehmen Sie sich etwas Zeit … (vielleicht eine halbe Minute) nach einer Weile können Sie vielleicht bemerken, wie es Ihnen gerade mit sich selbst geht. „Wie geht es mir gerade mit mir?“. „Welche Atmosphäre nehmen ich gerade in mir wahr? – und wie geht es mir mit dieser Atmosphäre?“ „Sind Sie darüber froh?, oder unzufrieden, oder … ?“ Vielleicht beobachten Sie auch ein Selbstgespräch, einen inneren Dialog … „Wie spürt es sich an, diesem inneren Gespräch zu zuhören?“ „In welchem Tonfall hören Sie sich sprechen?“

Ihre anfängliche Frage möchte ich jetzt etwas umformulieren: „Warum ist es für uns so schwer, immer wieder und immer öfter in eine gefühlte liebevolle, freundlich-annehmende und auch neugierige Beziehung zu uns selbst zu kommen?“ Die Antwort liegt wohl in unserer gesamten Erfahrung, die wir gerade machen und die in uns aus alten Zeiten wirkt.

Im „Ich mit mir“, beteiligt sich unsere gesamte Lebensgeschichte: alle, auch frühen Erfahrungen geliebt zu sein, alle Anerkennung die in uns wirkt, alle Momente in denen wir uns tief verstanden fühlten und bedingungslose Annahme und Liebe erfahren haben, alle tiefen auch spirituellen Dimensionen, die uns liebevolle Zugänge zu uns selbst eröffnet haben und unsere Möglichkeiten uns selbst auszudrücken und selbst-wirksam zu sein und … .

Ich hatte in meiner Jugend tiefe, nährende spirituelle Begegnungen, die mich für mich öffneten. Einige Zeit später entdeckte ich Focusing als Weg der körperlichen Achtsamkeit, hier lernte ich auch die Beziehung zu mir zu „kultivieren“ und mit Hilfe von Anleitungen zu üben.

Im Focusing wurde für mich deutlich, dass die liebevoll-annehmende-neugierige Beziehung im Mittelpunkt jeder stimmigen Veränderung und Heilung liegt. Die wissenschaftliche psychotherapeutische- und neurologische Forschung bestätigt und untermauert diese Erfahrungen.

Hier noch ein kleines Angebot vom Secret Friend zum Experimentieren: Übung Wohlwollend

Wann sind Sie mit Focusing in Berührung gekommen und was fasziniert Sie daran?

Focusing habe ich vor ca. 30 Jahren während meiner Ausbildung zum Gesprächspsychotherapeuten kennen gelernt. Bei meiner ersten Begegnung mit Focusing machte ich die Erfahrung: Hier geschieht Psychotherapie mit spirituellen Obertönen, Körper-, Imaginations- und Emotionsarbeit …, und der psychotherapeutische Prozess bleibt ein integrales Ganzes.

Mit Focusing war mir klar: Der Erlebensfluss des Klienten beinhaltet eine Fülle von Erfahrungen, und es braucht keine Techniken, die gewissermaßen an den Klienten „angeschraubt“ werden. Der wesentliche Prozess der Veränderung geschieht, wenn der Klient angeregt wird – während er spricht, während er sieht, während er hört, während er denkt –, immer wieder in das spezielle Bewusstsein der inneren Achtsamkeit einzutauchen, sich dabei selbst wahrzunehmen und körperlich zu spüren. Dazu gehört ein Therapeut, der sich ebenfalls spürt, der präsent ist und seine gegenwärtige Resonanz in der Beziehung dem Klienten zur Verfügung stellt.

Mit Focusing als Selbsthilfe-Weg wie als therapeutisches Verfahren, habe ich immer das Gefühl ganz ich selber zu sein. Nichts wird mir angeschraubt – nichts brauche dem anderen anzudrehen. Eine der wichtigsten Grundhaltungen ist: „Was sein darf – kann sich verändern“. Die Erlaubnis und die Unterstützung, ganz Da-Sein zu können ist einfach grandios, auf beiden Seiten, als Klient wie auch als Therapeut. Und es verändern sich wesentliche und erstaunliche Prozesse. Weiter unten habe ich einen Link von Seminar-Rückmeldungen gelegt. Das was diese TeilnehmerInnen schreiben, das stimmt wirklich!

Focusing wurde von Prof. Eugene Gene Gendlin, in erster Linie Philosoph dazu auch Psychologe und Psychotherapeut, (1927 in Wien geboren) an der Universität Chicago entwickelt. Sein philosophisches, wie therapeutisches Arbeiten entstammt seiner Faszination von dem Sich-Einlassen auf das, was schon gespürt, aber noch nicht gewusst wird, dem, was über die Sprache, über Konzepte und Methoden hinaus geht. Veränderungsschritte sind bei ihm Denk und Heilungsschritte zugleich.

Heute ist Focusing ein Vehikel des Denkens und des Philosophierens, eine Methode der Selbsthilfe, und eine Methode der Psychotherapie und Beratung, ein Werkzeug für Kreativität und Entscheidungsfindung und ein Weg um spirituelle Dimensionen zu erkunden.

Im Focusing verlieren Ihre bisherig bekannten Identitäten ihre illusionäre Mächtigkeit zugunsten der Erfahrung, lebendig mit sich selbst und der Umwelt verbunden zu sein. Focusing verdeutlicht, wie ich mich selbst wahrnehme. Die innere Achtsamkeit, das abenteuerliche Selbst-Begegnen erschließt den inneren Erlebensraum mit seinen impliziten (noch eingefalteten) vielfältigen Facetten von Bedeutungsangeboten. Focusing ist ein achtsamer Weg des körperlichen Zugangfindens zu sich selbst. Gleichzeitig öffnet sich im „Mich-selbst-„Annehmen“ die Erfahrung einer existentiellen Lebenstiefe.

Der Körper erdet uns, ist unser Zuhause. Inwieweit unterscheidet sich die körperliche Intelligenz vom rationalen Denken?

Die Focusingerfahrung symbolisiert sich in Konzepten wonach unser Körper immer auch mit der Situation verbunden ist. Unser Körper ist immer in Situationen und die gegenwärtige Situation ist untrennbar mit uns körperlich verbunden. So kann ein interessierender Blick sofort zu Herzklopfen und innerer Unruhe führen.

In der „Körpersituation“ atmen wir, hier riechen wir, hier sind wir im Kontakt mit … in der körperlichen Situation leben wir – hier sind wir Zuhause. Gendlin sagte einmal: „… es ist „etwas“, was wir innen im Körper und außen als Situation erleben, es ist innen und außen“. In diesem Sinne machen viele die Erfahrung, dass Focusing eine Art von Coming-home-Therapie ist: wir fühlen uns hier und jetzt körperlich „Da“ und dazugehörig.

Körperliche Intelligenz und rationales Denken erscheint in diesem Zusammenhang aus der gleichen Quelle zu kommen. Der Umgang im Focusing ist ein Vergleichen, ein hin und herpendeln zwischen körperlichem Wissen und der rationalen Einsicht. Aus diesem Prozess entstehen Gedanken und Konzepte, die weder mit dem Körper noch mit dem „Kopf“ alleine möglich wären. Der Ort des körperlichen Denken wird im Focusing „Felt Sense“ genannt.

Gendlin hat eine kreative Methode des Denkens erschaffen: TAE, (Thinking at the edge). Hier lässt sich „besinnliches Denken“, wie es der Philosoph Heidegger nennt, entdecken und üben.

Mit sich zu sein, einen inneren Raum zu finden, ist gar nicht so einfach. Denn da drinnen ist es auch unaufgeräumt, widersprüchlich. Was kann mir helfen, die ersten Schritte zu wagen?

Der erste Schritt im Focusing heißt FreiRaum schaffen. Dieser Schritt wird leichter und machbar, wenn Sie jemand auf dem Weg nach Innen begleitet. Also, jemand die/der Focusing kennt, den Weg vom Alltagbewusstsein hin zur Inneren Achtsamkeit mitgeht und hilfreiche Tipps gibt.

Eine kleine Audioanleitung zum FreiRaumschaffen: Inneres Abstand spüren, Freiraum im Körper erleben

Im Kommenden will ich Gene Gendlin, den Gründer von Focusing, persönlich zu Wort kommen lassen: „Wenn man in den Körper hineinkommt, ist es dort oft unbehaglich. Wenn man da eine Zeitlang verweilt, bemerkt man: „Ah ja, ich trage das mit mir herum, und ich sorge mich darum, und mir ist unbehaglich, weil ich heute morgen mit dieser Person das und das …..“ Man findet also in seinem Körper immer alles mögliche Unbehagliche. Nun, alle diese verschiedenen Sachen sind gut zu begrüßen.

Es ist nämlich so: Wir tragen im Körper zu jeder Zeit drei, vier, fünf Unannehmlichkeiten. Und das ist bei uns allen hier jetzt wahrscheinlich auch so. Vielleicht sind es zwei große und zwei kleine Sachen. Und dann gibt es vielleicht noch zwei große Probleme, die uns häufig sehr zu schaffen machen, aber jetzt gerade nicht da sind. Da sind wir sehr dankbar dafür.

Denn jeder von uns weiß, wie er sich sofort deprimieren kann. Wenn ich euch sagen würde „Seid deprimiert!“, braucht es wahrscheinlich nur zwei Minuten, und jeder ist deprimiert. Aber das möchte ich nicht! Was euch heute keine Schwermut bringt, brauchen wir heute nicht. Denn das wird schon nicht verloren gehen. Das kommt schon von selber oft genug zurück.

Ich möchte jetzt nur, dass ihr schaut, was heute da ist, was euer Körper heute trägt. Was das ist, sieht man nur, wenn man den Körper auf eine bestimmte Weise beobachtet.

Was wir jetzt tun wollen ist, den Körper von diesen Sachen zu befreien. Und nichts anderes. Zehn Minuten nehmen wir jetzt Ferien. O.k.? Jetzt wollen wir nur den Körper befreien von dem, was immer dein Körper jetzt trägt. Wenn du dann gleich nachher finden wirst, was das ist, dann sage nur: „ah ja“ oder „hallo“. Du schickst ihm also einen freundlichen Gruß.

Abstand

Es kann sein, dass das, was du da in deinem Körper findest, etwas ganz Schreckliches ist, das dich leicht überschwemmt und überwältigt. Nur an dieses Problem zu denken, ist schon zuviel. Aber in dem Moment, in dem du sagst „Ja, ja, das kann mich überschwemmen“, wirst du nicht mehr überschwemmt. Darin liegt eine gewisse Ironie, die ich euch zeigen möchte. Das ist etwas sehr Wichtiges, das man gleich in der ersten Stunde lernen muss.

In dem Moment, in dem man sagt: „Das (dort) kann mich (hier) überschwemmen“, ist es dort und ich bin hier. Es ist dort, und ich bin da. Und auf diese Weise finde ich mich.

Es gibt meistens gewisse Dinge, die sind Gott sei Dank ohnehin schon dort. Die stören mich jetzt nicht und die lasse ich in Ruhe. Aber die, die ich jetzt gerade in meinem Körper trage, die sind jetzt da, die sind nicht dort. Und die stelle ich jetzt dort hin, nicht weit weg, sondern so weit, wie es jetzt gerade notwendig ist. Vielleicht gibt es eines, das ich sehr weit weg haben möchte. Gut, also sehr weit. Aber noch immer vor mir, nicht hinter mir, denn hinter mir ist mir nicht angenehm.

Ich will den Kontakt mit dem Problem nicht verlieren, denn sonst greift es mich von hinten an. Und das will ich nicht. Auch wenn ich es noch so weit von mir entfernt haben möchte, ich will es nicht ganz weg haben.

Wenn ich das so sage, ist das nicht ehrlich, denn eigentlich möchte ich es schon gerne ganz weg haben und loswerden. Aber nachdem ich inzwischen weiß, dass es nicht ganz weggeht, und da ich mit der Zeit gelernt habe, dass es mich – wenn ich es los werden möchte – nur noch mehr packt, bin ich jetzt gescheiter geworden: Ich will überhaupt nichts mehr ganz weghaben und loswerden.

So gebe ich also jedem Problem den richtigen Platz – so weit oder so nah, wie ich es eben brauche. Manche Sachen gehen leicht verloren, also behalte ich sie nahe bei mir; andere Sachen können weiter weg sein. Aber ich stelle sie immer irgendwo vor mich hin.

 


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Inwieweit ähnelt Focusing der Meditation?

Focusing steht in Philosophie und Praxis östlichen und westlichen spirituellen Konzepten gleichermaßen nahe – auch wenn es aus psychologischer Forschung und westlicher Philosophie erwachsen ist. Über Focusing gelingt z. B. der Transfer der Achtsamkeits-Arbeit von Jon Kabat-Zinn (MBSR) in die psychotherapeutische Arbeit.

Focusing ist dem Weg der Meditation verwandt und verbunden. Jack Kornfield, der wohl bekannteste gegenwärtige Meditationslehrer in den USA, sagte mir, er könne sich seine spirituelle Begleitarbeit mit Menschen nicht mehr ohne Focusing vorstellen. Zenmeister Robert Aitken empfiehlt Focusing als Methode seiner Wahl, um psychologische Probleme zu bearbeiten, Zenmeister Richard Baker Roshi hat sich ausführlich und wertschätzend mit Focusing befasst, und das Buch „Meditation für Dummies“ bezeichnet Focusing als „westliche Methode zur Auflösung von Blockaden“. Wie ich von Medtiationsmeisterin Silvia Wetzel gehört habe, nutzt sie ebenfalls Focusing in ihrer Arbeit.

Pater Anselm Grün schreibt: „Focusing führt uns liebevoll in die Kunst ein, in den Körper hineinzuspüren und der eigenen Sehnsucht zu trauen.“

Vielleicht haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich mit spirituellen Wegen befasst und heilende oder entspannende Erfahrungen mit Meditation, Yoga oder anderen Übungswegen gemacht? Vielleicht möchten Sie nun die Essenz dieser spirituellen Wege der Befreiung in Ihre psychotherapeutische Arbeit integrieren? Ich selbst habe in den 1970er-Jahren erste Erfahrungen in Meditation und Transpersonaler Psychologie gemacht.

Danach begann ich nach Möglichkeiten zu suchen, diese Erfahrungen mit meiner psychotherapeutischen Arbeit zu verbinden. Ich fing an, Verschiedenes auszuprobieren. So bot ich einer bestimmten Auswahl von Klienten zu Beginn der Stunde Entspannungsübungen, kürzere Meditationsübungen und ähnliches an, mit anderen machte ich während oder zum Abschluss der Stunde Körper- und Entspannungsübungen.

Der damalige Zeitgeist begünstigte es, zu experimentieren und Ungewöhnliches auszuprobieren. Immer wieder machte ich die Erfahrung, dass die Klienten bei solchen achtsamen und erlebensaktivierenden Übungen gern mitmachten und tatsächlich auch etwas erlebten. Aber wenn die kleine Übungseinheit vorbei war, sprachen meine Klienten genau an dem Punkt weiter, an dem sie vorher aufgehört hatten. Offensichtlich hatte die Übung keine Verbindung zu ihrem tatsächlichen Erleben hergestellt.

Bei meinen Experimenten „schraubte“ ich quasi die Achtsamkeitsarbeit an eine Therapiesitzung an oder setzte die achtsame Körpererfahrung mitten, aber unverbunden in die Stunde hinein. Nur gut, dass die Klienten so geduldig mit mir waren.

Für die prozess- und beziehungsorientierte Focusing-Therapie ist es nicht einfach damit getan, dass der Therapeut meditiert, was natürlich seiner Präsenz und damit dem Klienten guttut. Auch passt es nicht in eine psychotherapeutische Stunde, wenn der Therapeut mit dem Klienten meditiert oder mit ihm betet. Das mag für sich genommen hilfreich und gut sein – für eine Psychotherapie jedoch braucht es eine tiefere wechselseitige Durchdringung der unterschiedlichen Veränderungswege.

Die östlichen Traditionen haben andere Grundkonzepte von dem, was wir Person, Persönlichkeit, Persönlichkeitsentwicklung oder auch Beziehung nennen, und auch die Bedeutung und der Umgang mit Emotionen ist in aller Regel unterschiedlich zu unserer westlichen Psychotherapie.

Nachdem ich selbst seit langem meditiere und viele meditierende Menschen psychotherapeutisch begleitet habe, glaube ich sagen zu können: Meditation kann auch das Risiko bergen, dass man die Beziehung zu sich selbst und zu anderen vermeidet, indem man abtaucht in Zustände der Ruhe, der Entspannung und Gelassenheit.

Die jahrtausendealten östlichen Meditationsverfahren wollen jedoch mehr und anderes, und sie sind ihrem Wesen nach lebenslang angelegte Übungswege. Sie in den Prozess einer Psychotherapie zu integrieren, erfordert einen Quantensprung, den Sie in den Konzepten und Haltungen von Focusing finden können.

Vortrag im Benediktushof (Pater Willigis) von Klaus Renn zum Thema Meditation und Psychotherapie

Welche Veränderungen beobachten Sie, wenn Menschen mehr Zugang zu ihrem Inneren bekommen, die Sprache des Körpers bewusster wahrnehmen?

Ja, das ist eine Frage, die ich gerne beantworten möchte und doch fällt es mir schwer. Ich will nicht wiederholen, was in den Büchern über erfolgreiche Psychotherapie steht und auch nicht die emotionalen Statements von Leuten aus irgendeiner spirituellen oder sonstigen Richtung wiederholen, obwohl ich es mit Recht könnt.

Vielleicht kann ich etwas Spezielles zu Focusing sagen: der Veränderungsweg führt hin zu tieferer Verbindung zu sich und mit anderen. Und dass Focusing ein „Vehikel“ ist, mit dem man mit sich selbst arbeiten kann (Selbstmanagement). Daneben haben wir im Focusing die Kultur des „Partnerschaftlichen Focusings“, was meint, dass zwei Menschen sich gegenseitig begleiten und wesentliche Themen bearbeiten können.

Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit bei besonderen Themen, die professionelle Hilfe benötigen, zu einer/em FocusingTherapeutIn zu gehen. Das Selbsthilfepotential ist uns Focusing-Leuten sehr sehr wichtig. Also nicht in Abhängigkeiten zu kommen, sondern die eigene Autonomie zu entwickeln. Viele Themen lassen sich mit sich selbst klären und noch viel mehr in einer Focusing-Begleitung. Es braucht nicht immer den Schritt in die professionelle Therapie.

Bestimmte Themen sind sogar viel besser in der partnerschaftlichen Beziehung, auf gleicher Augenhöhe, aufgehoben. Der Krealog für Paare (Küsst die Liebe wach), ein focusingorientierter Paaransatz hilft Paaren sich zu entwickeln und immer wieder eine tiefe Beziehung zu einander zu finden. Focusing bewirkt eine gewisse frei Art mit sich und den Dingen dieser Welt um zugehen.

Ein Buch zu lesen, kann sehr inspirierend sein. Ich habe dadurch einen ersten Zugang zum Focusing gefunden. Wie wichtig sind aus Ihrer Erfahrung Seminare zu diesem Thema?

Mich freut zu hören, dass Sie über ein Buch Ihren ersten Zugang gefunden haben. Wir dachten vor einigen Jahren, wir könnten Focusing über Videoanleitungen weiter geben. Jedoch hat es nicht wirklich funktioniert und auch nur zu einem ersten Zugang geführt. Es scheint Dinge zwischen Himmel und Erde zu geben, die brauchen einen anwesenden und präsenten Mitmenschen – und das ist gut so. Und so ist es auch mit Focusing. Erst über die direkte körperliche und menschliche Weitergabe geschieht das, um was es im Focusing auch geht – und das sage ich nicht weil ich Focusing lehre und auch meine Brötchen verdienen will!

Für die Atmosphäre möchte ich die TeilnehmerInnen selbst sprechen lassen. Wir haben eine kleine Umfrage gemacht – Rückmeldungen aus Focusing-Seminaren

Focusing ermöglicht Antworten und nächste konkrete Schritte, in welchem Beruf Sie auch immer arbeiten oder an welcher Stelle des Lebens Sie sich gerade persönlich befinden. Die ersten vier Basisseminare sind für jede/n zugänglich, egal welcher Beruf oder welches persönliche Wachstumsinteresse sie/er mitbringt. Darüber hinaus bieten wir einer Weiterbildung in Beratung und darauf aufbauend eine Weiterbildung in Focusing-Therapie.

Die ersten Schritte mit Focusing machen mit dem Inneren FreiRaum bekannt. Eine Erfahrung, jetzt ganz da zu sein, auch wenn es Probleme und Lebensthemen gibt. Die Erfahrung, dass ich mehr bin als alles was an mir problematisch ist, ist wohltuend. Die Bezugnahme zur Inneren Achtsamkeit ist Basis und auch das Begleiten von Prozessen. Um das zu erlernen haben wir im Focusing einfache und sehr wirksame Methoden. Wobei eine wohltuende-körperliche Atmosphäre das Lernen und die Prozessbegleitung trägt.

Was machen Sie, wenn Sie etwas lange belastet?

Ja, was werde ich tun? Natürlich Focusing. Erst mal für mich selbst, als Selbsthilfe, sind es mächtigere Themen, so nehme ich die mit in mein Partnerschaftliches Focusing. Bisher haben sich die Themen noch immer gewandet. Es gibt auch eine Haltung, die Unveränderliches verändert!

Welche Gedanken kommen Ihnen bei den Worten von Peter Schellenbaum? „Heilung geschieht durch Berührung mit der eigenen Wahrheit, durch körperliches und seelisches In-Fühlung-Treten mit dem, was schmerzt und stört.“

Spontan kommt ein Ja – genau und dann sogleich ein Nein. Ich glaube das Ja ist eh klar: nur so geht Veränderung: was ist darf sein – und kann sich verändern. Im Focusing haben wir Haltungen, die über die Innere Achtsamkeit einen sanften Umgang auch mit sehr schmerzlichen Wunden (Traumata) ermöglichen. Dazu kennen wir die Erfahrung, dass Heilung auch geschieht, wenn wir uns dem Inneren zuwenden, welches sich wohl fühlt und wenn wir den „inneren, körperlichen guten Ort“ finden.

Mein „Nein“ kommt mit den großen Worten: „eigene Wahrheit“, „In-Fühlung-Treten“, „schmerzt und stört“. Das ist schon alles richtig, jedoch die Atmosphäre ist im Focusing leichter, wohltuender, bezogener, und bei aller Dramatik auch freundlich und neugierig.

Wofür sind Sie dankbar?

Am Dankbarsten bin ich, dass ich so leben kann wie ich lebe. Und daran ist Focusing beteiligt. Dankbar bin ich für meine Frau, die Systemische Therapeutin ist – und wir lange Reisen lieben und uns gegenseitig anregen – auf allen Ebenen. Dankbar bin ich für meine wunderbare Tochter und meinen großartigen Sohn.

Ich bin froh, dass ich unterschiedliche Lebensbereiche leben kann: Mit Einzelnen arbeiten, in Seminaren Focusing lehren, mich mit Philosophie und Wissenschaft beschäftigen kann, den Stapel ungelesener Bücher, mein Motorrad vor der Tür, unterschiedliche spirituelle Wege kenne, die Disziplin habe mich seit 40 Jahren (fast) täglich zum Meditieren hinzusetzen; meinen Sport, kämpfen zu können und mich gerade in hartem Training auf den Schwarzgurt in Kickboxen vorbereiten kann.

Wofür ich mit am Dankbarsten bin, sind Begegnungen mit Menschen auch auf unseren weiten Reisen, und Menschen die ich wertschätze und die mich mögen. Das finde ich überhaupt immer wieder das größte Wunder.

Danke für das Interview – herzlichen Gruß
Klaus Renn

Klaus Renn

www.daf-focusing.de
Ausbildung und Weiterbildung
Hörbücher von Klaus Renn

About the Author

Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. Richard05-28-2016

    Aus meiner Sicht können wir Focusing durchaus auch als Vorläufer von EFT sehen, das vieles durch Elemente der Akupressur noch vereinfacht, beschleunigt und sanfter gestalten lässt.

Wie lautet Ihre Meinung?