GelassenheitInDerLiebe

Gelassenheit in der Liebe oder Wie man zu zweit ein Kunststück vollbringt

Ein Gastartikel von Thomas Hohensee und Renate George. Thomas Hohensee ist einer der erfolgreichsten Ratgeber-Autoren Deutschlands. Vom ihm stammen die Bestseller „Gelassenheit beginnt im Kopf“ und „Glücklich wie ein Buddha“. Renate Georgy ist ebenfalls Autorin, Coach und Seminarleiterin. Sie war über 25 Jahre als Scheidungsanwältin tätig.

Eine unserer Lieblingsgeschichten geht so: Eine Akrobatin und ein Akrobat wollen auf dem Marktplatz ein Kunststück aufführen. Sie wollen zusammen über den Marktplatz laufen. Dabei soll die Akrobatin auf den Schultern ihres Kollegen stehen. Die beiden beratschlagen, wie das am besten zu bewerkstelligen sei.

Der Artist sagt: „Ich achte auf dich und du achtest auf mich. So können wir es schaffen“. Die Akrobatin hat Bedenken: „Lass es uns anders versuchen. Während ich auf deinen Schultern stehe, achte ich darauf, dass ich die Balance behalte, während du auf dich acht gibst, damit du nicht stolperst“. Der Akrobat lässt sich überzeugen und die beiden gelangen sicher über den Platz.

Machen es nicht viele Paare so, wie der Artist vorschlägt? „Ich mache dich glücklich und du machst mich glücklich“ versprechen sie sich und geraten unterwegs häufig ins Straucheln. Warum klappt dieses gegenseitige Versprechen nicht?

Weil unser Glück weniger davon abhängt, was andere tun, sondern mehr davon, wie wir das, was passiert, bewerten. Wir fühlen, wie wir denken. Und da wir nicht für andere denken können, gelingt es uns auch nicht, andere Menschen glücklich zu machen.

Das glauben Sie nicht? Dann lassen Sie uns folgendes Paar näher anschauen: Judith und Max. Sie leben seit vier Jahren glücklich zusammen. Judith hält den Moment für gekommen, gemeinsame Kinder zu bekommen. Max will noch warten. Die Beziehung kriselt. Sagen Sie selbst, macht Max Judith unglücklich? Macht Judith Max unglücklich? Müsste Max Judith glücklich machen oder Judith Max? Aber wie?

Die Vorstellungen der beiden stimmen nicht überein. Jetzt könnte Max sich über seine Bedenken hinwegsetzen oder Judith könnte ihren Wunsch verschieben oder ganz aufgeben. Aber wäre das eine gute Idee? Vielleicht finden die beiden einen Kompromiss, vielleicht auch nicht. Es kommt im Leben einfach vor, dass ein Paar auseinandergeht, weil sich beide nicht über eine wichtige Frage einigen können. Das ist ein bisschen traurig, aber kein Drama.

 


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Wir sind erwachsen und brauchen nicht mehr zwingend – wie als Babys und Kleinkinder – die Fürsorge und Übereinstimmung mit anderen für unser Überleben. Auch für unser Glück brauchen wir unsere Mitmenschen nicht so unbedingt, wie manche glauben. Wir können uns selbst zufrieden stellen, indem wir für unser Wohlbefinden sorgen und unsere Herzenswünsche erfüllen. Es ist wunderschön, wenn wir dabei in Gesellschaft von geliebten Menschen sind, aber es ist keine absolute Voraussetzung.

Sobald wir voll und ganz (und nicht nur ein bisschen) begreifen, dass es an uns selbst liegt, wie wir uns fühlen, erlangen wir eine ungeahnte Freiheit und Gelassenheit. Wir brauchen nicht mehr von anderen zu fordern: „Ich habe schlechte Laune. Mach‘ mich endlich glücklich!“ Sondern wir handeln aus einer Position der emotionalen Stärke heraus, wenn wir wissen, dass wir für unser Glück selbst zuständig sind. Wir können auf andere zugehen, uns gegenseitig unterstützen und Spaß miteinander haben, ohne uns von anderen emotional abhängig zu machen.

Wer sich wohl fühlt und sich selbst liebt, ist eine ideale PartnerIn, weil derjenige andere um ihrer selbst willen liebt und nicht aus einer Haltung der Bedürftigkeit heraus. Es ist wie bei dem Artistenpaar in unserer Lieblingsgeschichte: Beide können ihr Kunststück nur zu zweit vollbringen, aber für die Balance ist jeder in erster Linie selbst verantwortlich.

Diese emotionale Freiheit erreicht man nicht allein durch Erkenntnis, quasi mit einem Fingerschnippen, sondern nur durch Bewusstheit, Übung und Erfahrung. Aber der Aufwand lohnt sich. Denn auf diese Weise erlangen wir sogar in dem Bereich Gelassenheit, der für viele das Synonym für die Achterbahnfahrt der Gefühle ist: in der Liebe. Gelassen liebt sich‘s leichter – und glücklicher.

About the Author

Thomas HohenseeThomas Hohensee Thomas Hohensee ist Autor vieler erfolgreicher Selbsthilfebücher, Seminarleiter und Coach für Persönlichkeitsentwicklung. www.thomashohensee.de Interview mit Thomas HohenseeView all posts by Thomas Hohensee

  1. Richard04-30-2016

    Ich finde, der Artikel spricht recht gut an, was wir wahrnehmen, wenn die Beziehung klappt und wenn sie nicht klappt. Wenn die Beziehung klappt, dann gehe ich auch relativ grosszügig mit mir selber um, nehme die verschiedenen Stimmen in mir an und arbeite an der Integration, damit ich selber zunehmend eins werde, ins Reine komme mit mir selber und zufriedener werde. Allein beim Weg dorthin können sich die Geister scheiden. Der Rat, anders zu denken, bedeutet ja gerade für Menschen mit viel Zweifel hauptsächlich Verdrängung. Und wie im Text schön erkennbar ist, zunehmende Fokussierung auf mich selbst.

    Natürlich gibt es eine emotionale Abhängigkeit, wenn wir von einer etwas tieferen Beziehung sprechen. Das ist das Risiko der Liebe. Was ich an Stärken nicht habe, das kann ich tatsächlich in einer Beziehung finden mit jemanden, der diese Schwäche zu seiner Sache macht. Genauso wie er auch eigene Schwächen zu seiner Sache macht und nicht weiter versucht, sie wegzudenken. Sehr deutlich werden diese Zusammenhänge, wenn einer überwiegend maskuline und der andere überwiegend feminine Energie beisteuern kann. Oft beklagen wir das Verhalten hieraus. Der andere denkt anders und soll sich ändern.

    Dabei braucht ein maskuliner Mann die feminine Frau nur fest in den Arm zu nehmen und mit aller Intesität seine Liebe zu geben, wenn sie zickt wegen dem Augenblick. Und der nächste Augenblick ist vielleicht ganz anders. Sie will gar nicht bewerten was war und was der Mann plant. Sie will sich nur verlassen und fallen lassen können. Hier einfach zu raten, auf sich selber glücklich zu machen, kann tatsächlich zu etwas führen, das kein Drama ist. Die Scheidung.

    • Lina05-11-2016

      Da kann ich nur zustimmen.
      Mit dem negieren der Unpässlichkeiten (ob den eigenen oder die des Partners) stirbt das Mitgefühl. Für mich ist die Erhaltung des Mitgefühls ein Baustein der erfüllten Beziehung zweier sich in freier Ganzheit Liebenden.

  2. Konan Graber05-11-2016

    Beziehung kann nur funktionieren, wenn der Partner nicht für das eigene Unglücklichsein verantwortlich gemacht wird. Aber genau das passiert so oft. Jeder ist für seine Gefühle selbst verantwortlich. Der Partner ist nur derjenige der dies ans Tageslicht bringt. So wie es bei jeder menschlichen Begegnung ist. Wenn man im Umkehrschluss dem auslösenden Menschen dankbar ist und seine Gefühle annehmen kann, wird sehr vieles leichter und die Gelassenheit nimmt ihren Platz ein.
    Aber wie geht es bei dem Paar mit und ohne Kinderwunsch weiter? Jeder von den beiden ist gezwungen sich dem Thema zu stellen. Daraus kann viel positives entstehen und den einzelnen weiterentwickeln. Muss es hier unweigerlich zur Trennung kommen wenn beide nicht von ihrem Standpunkt abweichen?

  3. Sonja R.05-12-2016

    Wie geht es mit dem Paar mit und ohne Kinderwunsch weiter? Hier gibt es keine Möglichkeit des Kompromisses. Einer muss seinen Traum aufgeben. In meiner Beziehung war das ich. Die Trennung war die logische Konsequenz dessen. Obwohl sonst alles zu 100% gestimmt hat und zu Beginn der Beziehung beide Kinder wollten. Was bleibt, ist Wut.

    • Dorina D.05-17-2016

      Es ist wirklich so, jeder ist selbst für seine Gefühle verantwortlich, und ich finde in einer Partnerschaft sollte man den anderen bedingungslos lieben, so wie er ist. Es sind aber auch manchmal Kompromisse notwendig, die sich oft von ganz allein ergeben wenn man dem Leben vertraut, weil man weiß, das alles sich zu seiner Zeit entwickeln wird, auch bei dem Thema Kinder und Elternschaft. Wenn es sonst 100 % passt, warum sich trennen?
      Ich finde es überhaupt nicht gut, bei schwierigen Themen, einfach auseinander zu gehen. Anstatt darauf zu vertrauen, in Gelassenheit, das sich alles zu seiner Zeit zum Besten aller, regeln wird. Ich wünschte mir mehr Vertrauen in die Liebe und das Leben.

  4. Selena08-14-2016

    Wie Sonja denke ich, dass es bei diesem großen Lebensthema keine Kompromisse gibt. Wie soll man z.B. Geduld haben und der Entwicklung vertrauen, wenn Frau schon 43 ist? Was, wenn man sich zwischen der großen Liebe und dem großen Lebenstraum, der uns Menschen doch die tiefste Natur ist, entscheiden muss, weil der andere ihn nicht teilt? Also ich verstehe die Wut und den Schmerz. Es geht hier schließlich nicht um einen Urlaub in der Südsee oder ein Jahr im Ausland, sondern eben um etwas, das beide wollen müssen und beider Leben zutiefst und für immer verändert. Wenn beide nicht von ihrem Standpunkt abweichen können, was zu erwarten ist, wie soll es da weitergehen, ohne dass einer seinen Lebenstraum von einem Leben ohne Kinder oder eben mit Kind aufgeben muss. Diese bedingungslose Liebe würde in totaler Selbstverleugnung enden müssen oder nicht?

Wie lautet Ihre Meinung?