Hören und lesen Sie in letzter Zeit auch oft über Dankbarkeit? Und wie kommt es bei Ihnen an, wenn Sie „Sei dankbar!“ vernehmen? Dankbar sein für die kleinen Dinge des Lebens, dankbar sein für die Entwicklungschance durch Verlust und Krankheit – rebelliert da etwas in Ihnen?

 

Sag schön danke!

Wenn es Ihnen so geht wie mir, dann rührt dieser Imperativ an etwas, das Sie aus Ihrer Kindheit kennen. Mir wurde oft gesagt: „Sag schön danke“. Meist sollte ich das bei Erwachsenen tun.

Nun bin ich durchaus davon überzeugt, dass Umgangsformen eine hilfreiche Kulturtechnik sind, um unser Zusammenleben zu gestalten. Ich fühle mich sehr wohl dabei, wenn ein höfliches Miteinander besteht. Nur kann die reflexhafte Aufforderung, ohne die Befindlichkeit des Kindes im jeweiligen Moment zu beachten, zu einem antrainierten Wohlverhalten führen. Das Wort „Danke“ wird dann zur leeren Hülse.

Warum soll ich nicht auch ausdrücken lernen, dass mir ein Geschenk eben nicht gefällt? Meine Gefühle beschreibend, ohne Angst haben zu müssen, den anderen zu beleidigen. Warum zählt nicht auch der non-verbale Ausdruck? Das Leuchten in den Augen ist oft vielsagend genug.

Viele haben das „Du sollst Danke sagen“ so verinnerlicht, dass sie sich sogar dann bedanken, wenn sie etwas für andere getan haben oder jemand sie rüde behandelt. Für sie wäre es demnach wohl ein wichtiger Schritt, sich zunächst zu fragen: In welchen Situationen sage ich eigentlich Danke? Wofür eigentlich? Meine ich es dann auch so? Finde ich es wirklich angebracht? Eine Woche nicht danke zu sagen oder in E-Mails zu erwähnen, kann eine spannende Übung sein.

Ganz abgesehen davon, dass sich bei jedem „Du musst“ oder „Du sollst“, das wir von außen hören oder uns selbst sagen, etwas in uns wehrt. Das ist ganz normal. Wer will sich schon etwas vorschreiben oder aufzwingen lassen?

 

Danke als Ausdruck der Wertschätzung füreinander

Was ist es, das mir bei einem höflichen Umgang gefällt? Es ist die Wertschätzung, die darin liegt. Wenn ich einer Person die Tür aufhalte, und sie bedankt sich mit einem Ausdruck in den Augen, einem Lächeln oder einem „Danke“, dann fühle ich mich wahrgenommen. Mein Verhalten erzeugt eine Resonanz im anderen, die auf mich zurückwirkt. Wir begegnen uns auf einer menschlichen Ebene. Wir sind einander nicht gleichgültig.

„Nur freie Menschen sind einander wahrhaft dankbar.“ – Baruch de Spinoza

Aber halte ich die Tür nur auf, um diese für mich positive Antwort zu erhalten? Was, wenn der andere keinen Blick und kein Wort für meine Tat hat und einfach weiterhastet? Wenn ich dann enttäuscht bin, so liegt das an meiner Erwartungshaltung. Ich verfange mich dann in Bewertungen: Der andere ist unhöflich, schlecht erzogen, hat keine Manieren oder sonst etwas. Oder auch auf mich selbst bezogen: Was habe ich getan, dass diese Person so reagiert hat? Ich bin nicht gut genug. Wenn ich darüber reflektiere, was es damit auf sich hat, komme ich drauf: Ich bin auf ein Danke angewiesen, um mich etwas wert zu fühlen. Mein Selbstwert hängt dann davon ab.

 

Dankbarkeit ist eine Haltung

Im Laufe der letzten Jahre habe ich mich viel mit Dankbarkeit auseinandergesetzt. Vor allem habe ich mich selbst beobachtet, Übungen ausprobiert und auch viel in der Arbeit mit meinen Coachees gelernt. Bei all dem kam ich zum Schluss: Dankbarkeit ist wirklich wichtig für mich! Das aber nun nicht mehr als anerzogener Höflichkeits-Reflex. Dankbarkeit ist vielmehr eine ganz entscheidende Haltung für mich. Es ist eine Art und Weise, in der Welt zu sein und in Beziehung zu treten.

Dankbarkeit hat für mich damit zu tun, nicht alles für selbstverständlich zu halten. Für mich ist nun tatsächlich vieles nicht mehr selbstverständlich.

Dass ich in Österreich aufgewachsen bin und nun in der Schweiz lebe, nie hungern musste, nie frieren, wählen darf, keine Gewalt erfahren musste. Dass ich selbst bestimmen konnte, in welches Land ich ziehe. Dass klares, sauberes Wasser aus der Leitung kommt, hier in Zürich unzählige Brunnen mit Trinkwasser im öffentlichen Raum stehen – für wie viele Menschen in anderen Regionen wäre das nicht wie ein Wunder?

Dass ich eine Schule besuchen konnte und auch ein Studium abschließen, noch dazu immer meinen Neigungen folgend, dem, was mich wirklich interessiert. Dass ich geliebt werde und liebe. Dass ich so arbeite, wie es mir entspricht und womit ich etwas beitragen kann. Dass ich mit meinen Füßen den Waldboden spüre. Dass vor meinem Fenster ein Baum blüht und nun die Maisonne die Luft kräftig erwärmt.

Und auch vergangene Erfahrungen, die damals nicht schön, sondern mit viel Schmerz verbunden waren. Durch sie habe ich viel gelernt. Ich wurde durch sie zu dem, was ich jetzt bin. Damit will ich nicht sagen: Sei dankbar, wenn dir Schmerzliches widerfährt. Das wäre wohl zu viel verlangt und zynisch. Die Dankbarkeit stellt sich in den meisten Fällen wohl erst in der Rückschau ein, wenn wir die Ereignisse aus der Ferne betrachten und einen Sinnzusammenhang herstellen.

 

Übung: Das Geschenk der Dankbarkeit

Ich verrate Ihnen eine Übung, die mir dabei geholfen hat, Dankbarkeit nicht als Pflicht zu sehen, sondern als Geschenk zu erleben:

Das Tolle dabei ist, dass Sie zunächst gar nicht von „Dankbarkeit“ ausgehen. Das hilft sehr, wenn dieser Begriff für Sie mit negativen oder zwiespältigen Gedanken und Gefühlen verbunden ist. Die Übung ist gleichzeitig eine Aufmerksamkeitsschulung und Achtsamkeitspraxis.

Achten Sie in den nächsten ein bis zwei Wochen darauf, in welchen Momenten Sie im Laufe des Tages ganz da sind, aufmerksam, präsent. Vielleicht ist es eine Kastanienblüte, die Ihnen auffällt: Bleiben Sie für ca. 30 Sekunden dabei, schauen Sie hin und nehmen Sie sie wahr. Vielleicht ist es ein Blick im Gesicht eines geliebten oder auch eines Ihnen fremden Menschen auf der Straße. Das Lachen eines Kindes. Das Müsli, das Sie morgens essen (oder was auch immer Sie essen).

Gehen Sie jeden Tag am Abend vor dem Schlafengehen rückwärts durch den Tag. Holen Sie sich die Momente wieder in Erinnerung. Versetzen Sie sich nochmals hinein, als würden Sie gerade passieren. Erstaunlicherweise erinnern wir uns dann oft noch an zusätzliche Momente, die uns, als sie passierten, gar nicht besonders auffielen. Genießen Sie, in diesem Reichtum des Tages zu baden.

Reflektieren Sie nach zwei Wochen, was die Übung mit Ihnen gemacht hat. Hat sich etwas verändert für Sie? Was haben Sie an sich beobachtet? Wie hat es sich ausgewirkt? Haben Sie in diesem Momenten so etwas wie Dankbarkeit gespürt? Wie fühlt sich Dankbarkeit für Sie an? Was spürten Sie in Ihrem Körper? Wie könnten Sie das für sich beschreiben? Seien Sie ruhig kreativ, die Worte, die Sie finden, müssen nur Sinn für Sie machen, für niemand anderen.

Vielleicht wollen Sie ja nach den zwei Wochen kontinuierlich weitermachen damit. Oder Sie kommen immer wieder mal auf diese Übung zurück.

Wie geht es Ihnen mit der Dankbarkeit?

 

Regina Schlager

Homepage Regina Schlager

Regina Schlager öffnet als Coach, Autorin und Podcast-Gastgeberin Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln. Sie studierte Germanistik und Philosophie in Wien und arbeitete 20 Jahre lang in Beratungsunternehmen im Informations- und Wissensmanagement sowie der Aus- und Weiterbildung. Sie lebt in Zürich.